II. Erste Eindrücke.
Constantinopel, den 20. Mai, Nachts.
Geleitet von theuren Freunden betrat ich den türkischen Boden zum ersten Male bei Top-Hane, der Kanonengießerei. Ein großer Quai voll von alten und neuen Kanonen, dahinter die reizende, wie aus Zucker und Gold gebaute Moschee Mahmud’s, ein zierlicher Köschk des Sultans daneben, der hohe Uhrthurm in Rococoformen hart am Meere davor, auf der andern Seite des großen Platzes das niedrige gelb angestrichene Gebäude der Gießerei und neben ihr die schöne altersgraue Moschee des Pascha Kilidsch Ali sind das erste was mich umgibt. Durch das goldene Gitter an den präsentirenden Wachen vorüber treten wir dann in die sehr belebte Gasse von Top-Hane. Gleich zur Linken fällt mir ein Brunnen auf; viereckig, aus weißem Marmor, reich mit Vergoldungen, bunter Schrift und Porzellanziegeln geschmückt, gleicht er einem chinesischen Lusthause, wie wir sie von den bemalten Lackkästchen her kennen. Selbst das breit vorstehende Dach fehlt ihm nicht. Obsthändler, Pferdeknechte mit ihren Thieren sind darum versammelt und versuchen mit Geschrei und Scherzen uns ihre Waaren aufzunöthigen. Das Nächste, was meine Aufmerksamkeit fesselt, ist ein Hamal. So heißt hier zu Land der Packträger. Durch Amt und Stand unserem neugeschaffenen Dienstmanne ähnlich, gleicht er ihm aber nicht durch das Maß seiner Leistung; das ist mehr als bei uns ihrer drei vermögen. Zwei große Eisenbahnkoffer, darauf noch Nachtsäcke und Hutschachteln trug der, welchen ich zuerst bemerkte, über einen Lederpolster gebunden auf seinem Rücken die steilen Gassen vom Landungsplatze der Kaiks vor uns nach Pera hinauf. Das ist nicht so träge, als man in Europa dieses Volk schildert.
Es scheint herkömmlich, daß die Fremden bei dem Uebergange von dem Aeußern in das Innere der Stadt Enttäuschungen und Vorwürfe äußern über den Schmutz und Verfall, der die Gassen füllt. Meine Freunde wenigstens suchten mich auf diesen Wechsel vorzubereiten und waren dann nicht wenig erstaunt, als sie mich dadurch nicht nur nicht verletzt, sondern eher erfreut sahen. Das Pflaster ist allerdings, wo es nicht durch den Erdboden ersetzt wird, eingesunken, die Lücken sind durch allerlei Unrath ausgefüllt; die Häuser zu beiden Seiten sind nur aus Holz gebaut, schmal und niedrig, aber die Balken sind bunt mit grauen, braunen, rothen und gelben Farben angestrichen; das untere Stockwerk steht ganz offen, daß man frei in die Kaffeestuben, Garküchen und Bäckereien den Leuten bei ihrem Handwerke zuschaut; das obere ragt breit in die Gasse vor, und dazwischen sind von einem Hause zum andern alte Teppiche, zerrissene Tücher gespannt, oder Rosen- und Traubengewinde gezogen, den Schatten und die Kühle darunter festzuhalten. Ab und zu bricht ein Sonnenstrahl durch diese Decke, der leuchtet dann im sonstigen Dunkel doppelt helle und spielt auf den buntfarbigen Kleidern der Weiber, Tscherkessen und Soldaten grelle Lichter. Schwer beladene Esel, Reiter auf schönen und auf geschundenen Pferden drängen sich zwischen den Fußgängern, manchmal in solchen Mengen, daß wir, trotz den Platz machenden Kawassen, gezwungen stehen bleiben mußten. Die wilden Hunde allein liegen regungslos und beinahe unberührt von dem Gedränge mitten darinnen; Jeder weicht ihnen aus, sucht sie zu schonen. Nur wenn der zufällige Huf eines Pferdes oder der böswillige Schlag einer Peitsche sie trifft, laufen sie heulend mit eingekniffenem Schwanze auf die Seite.
Das ist anders lebendig, als es die Bilder unserer Gassen sind. Nichts von polizeilicher Ordnung, aber auch nichts von polizeilicher Langweiligkeit. Zum ersten Male wieder, seitdem mir Eisenbahnen das Reisen verleidet haben, gestehe ich zu, daß es außer unsern Bergen und Alpenthälern noch andere Dinge gebe, die seine Mühen verdienen. Die Welt ist weiter und schöner, als wir sie in unserer heimischen Enge glauben, und vielerlei Menschen wohnen unter ihrem Himmel.
Oben in Pera und im Hause angelangt, stellte man mich vor das offene Fenster der Stube, in der ich nun für einige Wochen leben soll. Die Sonne war inzwischen aus den Wolken getreten, der Himmel rein geworden und so mußte mich, was ich sah, gerade ob der Enttäuschung des frühen Morgens, mit gesteigertem Entzücken erfüllen. Ein weites, glänzendes Bild liegt vor mir, und ist mein in jedem Augenblicke, da ich danach begehre. Unmittelbar vor mir und rechts und links hinab bedecken die bunten Häuser Pera’s und Galata’s die Hügel; Baumkronen rauschen ab und zu wie aufschäumender Wogenschwall daraus empor. Unten, wo sich im Wasser die Häuser baden, mündet das goldene Horn in den Bosporus. Dampfer und Segelschiffe liegen dort in großen Flotten. Auf dem andern Ufer des Busens, mir gerade gegenüber, steht die eigentliche Türkenstadt, Stambul, mit Kuppeln und Thürmen, auch wieder Hügel hinauf, die äußerste Spitze mit den Köschken und Gärten des Serai’s geschmückt. Groß wie eine Stadt ist dieses Sultansschloß und wirklich auch von seinen eigenen Mauern und Thürmen umzäunt. Bäume und Blumen sind ihm über den Kopf gewachsen, als sei ihnen von einem Zauber geboten worden, den geheimnißvollen Ort zu verstecken und zu bewahren. An seinen Ufern vorbei braust der Bosporus ins Marmora-Meer. Der Seraispitze gegenüber, zu meiner Linken also, auf anderer Küste liegt Asien und eine dritte Stadt, das alttürkische Scutari. Dort stehen bei den bethürmten Mauern einer großen Caserne ein paar Pinien so wirkungsvoll im Bilde, als habe sie eine künstlerische Hand absichtlich dahin gestellt. Ihre überhängenden Kronen winken mir Grüße zu; ich verstehe, sie locken nach dem heiligen Welttheile. Zwischen Scutari und der Seraispitze durch erscheinen in der weiten Ferne des ruhigen Meeres die malerischen Felsen der Prinzen-Inseln, hinter ihnen die ebenen Linien der nikomedischen und bithinischen Berge und sie alle überragend die schneeige Kuppe des asiatischen Olympes. Das fortwährende Pfeifen der Dampfschiffe, das Schreien der Verkäufer und Bellen der Hunde dringt bis herauf zu meinem einsam hohen Fenster, mich überzeugend, daß das Geschaute wirklich und nicht traumhaft sei, wie ich mir wohl einen Augenblick lang die Herrlichkeit erklären wollte.
Man berieth indeß mich noch reichlicher für die Enttäuschung der Einfahrt zu entschädigen. Ein schneller Entschluß entschied, sie mich noch einmal sehen zu machen. Bei Top-Hane setzten wir uns zu je zweien in die leichtgebauten und schnellrudrigen Kaicks. Zwischen den Dampfern durch trugen sie uns aus dem ruhigen Wasser des Hafens in die bei der Seraispitze immer bewegte Strömung des Bosporus. Auf und nieder über die breiten Rücken der runden Wellen glitt ich und sah die andern Boote gleiten, so hurtig und so leicht, als schwebe der Kiel eben nur über dem Wasser. Keine angenehmere Fahrt als die im Kaick auf bewegter See. Weil das Boot so leicht und seine Wände so dünn sind, glaubt man sich unmittelbar im Wasser selbst, seine Kühle zu fühlen, ohne doch die Mühe des Schwimmens zu haben. Und weil die Schnelligkeit des Schiffes über den Widerstand des Elementes täuscht, gefällt man sich in der Einbildung, seine Unzuverlässigkeit zu beherrschen. Uebrigens prägt die Lage der Fahrenden dieses Gefühl aus. Man sitzt nicht im Kaick, man ruht ausgestreckt auf Teppichen und niederen Kissen darin; die Fährleute sitzen, den Rücken nach der Richtung der Fahrt gekehrt, ein, zwei, drei und auch mehr hinter einander, je nach dem Range und Vermögen des Eigenthümers. In jeder Hand halten sie eines der fein und glatt geschnitzten Ruder. Schon ist es so warm, daß sie nichts als ein leichtes auf der Brust offenes Hemd aus Brussastoff und weite Pumphosen aus weißer Leinwand tragen; die Beine bis zum Knie und die Arme nackt. Wir mußten uns gegen die Sonnenstrahlen mit weißen Schirmen decken. Zu beiden Seiten des Bootes trieben Delphine ihr munteres Spiel; kleine und große schlugen so gewaltige Purzelbäume, daß sie für Augenblicke ganz außer Wasser sich am hellen Sonnenscheine wärmten. Wenn wir sie dann überholten, fielen sie in die Kühle ihres angestammten Elementes zurück, um nach einer Weile wieder weit vor uns aufzutauchen, als wollten sie das Standesgefühl unserer Kaickgis zum Wettkampfe herausfordern. Niemand stellt im Bosporus diesen Thieren nach, und so leben sie hier wie vor tausend Jahren in unzählbaren Schaaren.
Eine halbe Stunde mochte die Fahrt gewährt haben, als wir an seichtem Ufer anlegten. Es war asiatischer Boden; aber ich vergaß es in der Bewunderung über den Burschen, der dienstfertig mit einem Widerhaken das Boot an der Landungsstelle festhielt. Das Bild eines Benjamin, wie ihn sich keine Phantasie theilnahmswerther vorstellen kann. Helle blaue Augen voll Treue und Gutherzigkeit; ein edles Oval um Farben von zartem Weiß und Wangen von gesunder Röthe gezogen; auf der Lippe und dem Kinn der blonde weiche Flaum des Jünglings, der eben aufgehört Knabe zu sein; den Kopf in einen weißen Turban, den Oberleib in eine bunte Jacke und die Schenkel in weite faltige Hosen aus blauem Zwillich gehüllt; Waden und Füße nackt, so war dieser Jüngling. Alles an ihm, bis auf den persischen Shawl, den er breit und dick um die Hüften gewunden trug, ärmlich und abgenutzt, aber in seiner Haltung und in seinem Ausdrucke ein Anstand und ein Edelmuth, wie in einem zum Könige geborenen Fürstenkinde. Gemein mag beschränkter Geld- oder Wissenshochmuth einen solchen Menschen schelten, weil ihn das Herkommen an niedrigen Beschäftigungen festhält; der unbefangene Forscher wird dort, wo die Natur so sichtbare Auszeichnungen ausgestreut hat, auch eine ausgezeichnete Seele finden. Und wenn das Sclavenkleid den Fürsten, den das Unglück vom Throne gestoßen hat, nicht entadeln kann, warum soll es das über einen andern Unglücklichen vermögen, dessen Leib zwar im Elende und in Lumpen schon geboren, dessen Seele aber von Gott noch vor der Geburtsstunde gekrönt worden ist? Daß man den also verborgenen Keim nicht hervorheben, nicht erheben und retten kann, das ist mit eine der betrübenden Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, an deren Unabänderlichkeit so oft unsere wohlwollendsten Wünsche scheitern. Und doch, vielleicht hat auch das der Schöpfer zum Besten gemeint und eingerichtet. In der Beschränkung seiner gemeinen Arbeit und seines kargen Erwerbes sind dem Armen die Grenzen der Zufriedenheit gesichert, und der Geist bleibt ihm edel auch ohne den Aufputz des Reichthums und der Gelehrsamkeit.
Unter hochragenden Cypressen und breiten Platanen führte man mich dem Ufer entlang. Die Fluth hatte weiße Muscheln darauf gespült. Auf der äußersten Spitze der Landzunge ließen wir uns nieder; die Stelle ist darnach, Hütten darauf zu bauen. Blau und glatt lag das Meer vor und um uns, nur wo eine leichte Brise seine Fläche streichelte, zogen silberne Streifen darüber. Links begrenzen es die Küsten des nikomedischen Golfes, rechts die Gärten des Serai’s und die Hügel von Stambul. Aus seinem Schooße vor uns tauchen die Prinzen-Inseln auf, kleine weit auseinandergestreute kahle Felsen und größere näher zusammengeschobene Berge; das Grün von Oliven- und Pinienwäldern und die blinkenden Mauern kleiner Ortschaften bedecken diese. Alle in den schönsten Formen, die Felsen wild und zerbrochen, die Berge zart und ebenmäßig geschnitten und Farben darauf vom sonnigsten Roth bis zum schattigsten Blau. Friede und Heiterkeit waren auf der See, so fühlbar wie sie nur die Luft des Südens ausathmet. Jede Stimmung der Natur theilt sich dem ihr so innig verbundenen Geiste mit. Mir wurde ruhig und zufrieden, wie ich mich lange nicht mehr gefühlt hatte. Ausgeglichen waren alle Wünsche und die Leidenschaften ebbten; dem Gemüthe blieb nichts als das Genießen eines seligen Augenblicks. Wenn die Anmuth, der Frohsinn und die Heiterkeit wirklich einmal als die besonderen Reize der Aphrodite geglaubt wurden, dann mußten dieser Göttin die dankbaren Menschen diesen Ort, den sie so vorzüglich mit ihren Gaben geschmückt hat, zu besonderer Verehrung weihen. Und in der That auf Akritos, wie die Alten dieses Vorgebirge nannten, stand ein Tempel und ein Altar der Aphrodite, vielleicht auf derselben Stelle, wo heute die Ruinen des türkischen Bethauses stehen. Ich sehe ihn noch, wenn ich das Gedächtniß nur etwas anstrenge, den kleinen mäßigen Bau mit der gastlichen Vorhalle, durch Säulen zugleich geöffnet und geschlossen und drinnen in der Cella ein liebliches Marmorbild der holdlächelnden Cypris, das Haar über der niederen Stirn gewellt und am Genicke in einen Knoten geflochten, und Priesterinnen, die in weißen Gewändern den heiligen Dienst verrichten und im heiligen Haine auf und nieder wandeln. Nirgends hat der Mensch durch Namen oder Denkmäler eine Gegend passender gekennzeichnet, als da er hierher der meergebornen Göttin ein Haus stellte. Die spätere Zeit zerstörte es, aber die Schönheit und die Weihe blieben dem Orte. Fener Bagdsche (Garten des Leuchtthurms) heißt er heute, und immer noch brennt eine heilige Flamme dort.
Ein Türke brachte uns Orangen und in kleinen Schalen schwarzen Kaffee. Andere lagerten in der Nähe gleich uns auf dem grünen Boden unter den alten Bäumen, den kühlen Schatten über, das sonnige Meer vor sich. An ihnen und an uns vorbei zog ein Trupp sonderbarer Musikanten. Sie bliesen aus kurzen Flöten einen scharfen Pfiff und strichen kleine Geigen, die sie senkrecht vor die Brust hielten. Melodie und Zusammenhang war keiner in den Tönen, aber sie klangen sonderbar und stimmten in den Frieden des Ortes. Das übten sie zu ihrem eigenen Vergnügen, zur Feier ihres Sonntages, der den Türken auf den Leidenstag unseres Kalenders, den Freitag, fällt. Für die Musik eine Belohnung anzubieten, würde als eine Beleidigung zurückgewiesen worden sein. Die Menschen und ihre Belustigungen erschienen so harmlos gegen das scharfe Gewürz unserer sonntäglichen Vergnügungen, daß mich das mehr als alles Uebrige in eine andere Welt versetzte.