Pera, den 22. Mai.
Was bei uns eine Reise vorstellt, ist hier erst ein Spazierritt hinüber nach Stambul. Vom gestrigen, der den ganzen Tag gedauert hatte, waren wir so ermüdet, daß uns heute Ruhe nothwendig schien. Ich wollte sie mir am Schreibtische gewähren, um Briefe für die morgige Post vorzubereiten. Aber wie sollen sich die Gedanken sammeln, wie die Feder arbeiten, wenn rechts und links vom Schreibtische durch zwei offene Fenster der blaue Himmel und die helle Sonne hinaus nach dem Meere und nach den Hügeln dieses schönen Landes locken. Da half kein Widerstreben der entschlossensten Vorsätze. Ich schlich mich fort voll Vertrauen in meinen oft erprobten Ortssinn, mich allein in dem Häusergewirre zu versuchen. Das gibt den Reiz eines Wagnisses.
Durch enge steile Gassen und über Treppen stieg ich noch höher den Hügel hinauf. Nicht breiter als in den Calles Venedigs stehen die Häuser auseinander und so wie dort bleiben auch hier die Gassen keine zehn Schritte in derselben Richtung; rechts oder links, nach einer Seite biegen sie aus, daß sie ein fortwährendes Zickzack bilden. Ueberhaupt, wo ich hinsehe, finde ich den Anknüpfungspunkt wieder zu dem Faden, welchen der Handel im Mittelalter zwischen Constantinopel und der Lagunenstadt gesponnen hatte. Daß noch so viel davon fortbesteht, trotz des Wechsels der Zeit und der Menschen, beweist, wie angemessen dem angebornen Charakter beider Städte diese Verbindung war. Pera und Galata sind zwar nicht mehr eigenberechtigte Städte der Venetianer und Genuesen, aber immer noch beinahe ausschließlich von Italienern, Maltesern, Dalmatinern, Croaten, Franzosen, überhaupt von dem, was man mit dem Gesammtnamen „Franken“ zu bezeichnen pflegt, bewohnt. Die buntfarbigen Häusergruppen der Türken liegen nur wie einsame Inseln dazwischen. Auf den Stufen der Gassen saßen Bettlerinnen; sie hoben die Augen und die Hände auf und declamirten ihre Noth und ihre Gebete mit denselben dunklen Blicken und demselben Pathos, wie die struppigen Weiber auf den Brücken der Calle lunga und der Riva degli Schiavoni: „Grazia Signore, una povera vecchia!“
Alle die Treppen und Gäßchen münden in die große Perastraße, die vom kleinen bis zum großen Campo, den zwei Friedhöfen dieser Stadttheile, in einer ziemlich geraden Linie über den Kämmen der Hügel liegt. La grande rue de Pera, wie man hier alle Augenblicke in der Conversation hört, denn sie ist den Peroten, was den Wienern ihr „Graben“ und den Berlinern ihre „Linden“ sind, — hatte ich mir, ich gestehe es, etwas großartiger vorgestellt. Groß kann sie überhaupt wohl nur wegen ihrer Länge genannt werden, denn ihre Breite ist schmal wie die der andern Gassen, daß sich eben zwei Wagen darin ausweichen können, und Reiter und Fußgänger in ein fortwährend sich mißhandelndes Gedränge zusammengequetscht sind. Die Höhe der Häuser vermehrt noch diesen Eindruck der Enge. Die ersten Gasthöfe: Hôtel d’Angleterre, Hôtel de Byzance etc. stehen darinnen. Die Kaufläden waren offen und geschlossen, je nachdem der Glaube dem Eigenthümer die Heiligung unseres Sonntages freigibt oder gebietet; Polizeiverordnung verfügt hierüber nichts. Die Auslagen sind sehr primitiv, Spiegelscheiben nur an einigen Modehandlungen, sonst kleine Aushängekästchen, wie wir sie nur in unserer Kinderzeit oder heute noch in unseren Landstädten sahen. Ein Friseur verkauft auch Halsbinden und Handschuhe, ein Schuster Strohhüte, und beinahe alle Zuckerbäcker Kinderspielwaaren. Das repräsentirt eine Nationalökonomie, wie sie bei uns nur noch die Dörfer und böhmischen Badeorte betreiben. Indessen sie befriedigt ein Bedürfniß und die Verhältnisse sind andere, und so mag ich sie, blos darum weil sie anders als das Gewohnte ist, nicht tadeln.
Das Pflaster wäre eine Wohlthat, wenn es gar nicht wäre; so wie es ist, scheint es nur zu sein, um das Fahren zu hindern; in Berücksichtigung der Enge der Gassen und des Menschengedränges allerdings eine wohlthätige Vorsorge. Trotzdem begegneten mir einige Wagen. Es waren modische Broughams, Ein- und Zweispänner, die Pferde lose eingespannt, die Kutscher im albanesischen Kleide oder doch wie die meisten Einheimischen, wenn sie auch sonst ganz fränkisch gekleidet sind, durch das Fezz unterschieden. Mehr aber überraschte mich ein anderes Fuhrwerk, dem seinem Aussehen gemäß in allen Sprachen der türkische Name Arabat, was eigentlich nur Wagen sagen will, gelassen wird. Der Kasten ist mit Blumen bemalt und übermäßig vergoldet, ringsum möglichst offen mit Glasfenstern, oben mit einem gewölbten Dache geschlossen. In hohe Federn gehängt wackelt er nach allen Seiten, herüber und hinüber, vor- und rückwärts zugleich; das Ganze wie ein Ueberbleibsel des vorigen Jahrhunderts, aber von einem Dorf-Wagnermeister statt von einem Hoflieferanten Ludwig XV. gefertigt. Meistens ist nur ein Pferd davor gespannt; der Kutscher, Türke auch durch sein Kleid, geht oder läuft daneben, wenn ein kleiner Trab draußen im Freien möglich wird, denn in der Stadt kann jedes Fuhrwerk nur im Schritte fahren. In dem ersten Arabat, den ich sah, saßen Türkinnen; ich hielt das daher für ein speciell türkisches Beförderungsmittel, bis mich in einem späteren vier barmherzige Schwestern überraschten. Ich fand dann auf einem Platze solche Arabats in Menge dem Publicum wie unsere Fiaker aufgestellt. Uebrigens werden in der Stadt Wagen nur selten benutzt, in Stambul beinahe gar nicht. Die weiten Entfernungen und die schlechten Straßen zu überwinden lassen sich die Frauen tragen und reiten die Männer; darum die vielen Pferde mitten im Gedränge der Fußgänger. An den Straßenecken, bei den zierlichen Brunnenhäusern werden sie dem Bedürfnisse bereit gehalten; man setzt sich darauf, läßt den Pferdeknecht, Surugi, hintennach laufen, und zahlt ihn und sein Thier nach dem Ritte für die Stunde, wie in Berlin den Droschkenkutscher. 10 Piaster, ungefähr 1 Gulden, werden, wenn der pfiffige Surugi nicht den unwissenden Fremden herausgewittert hat, als die standesgemäße Bezahlung von einer Anstandsperson dankbar angenommen.
So guckte ich eines um das andere dem Straßenleben ab. Bild schob sich an Bild, und meine Gedanken, die thätig wie die Augen waren, suchten zu erklären, was die Blicke nicht gleich verstanden. Da drang ein neuer Laut, ein neues Bild in meine Betrachtungen. Jangin war! Jangin war! (Feuer ist!) riefen kreischende Stimmen aus weiter Entfernung. Aber kaum gehört, sah ich auch schon die Rufer. Alle nackt bis auf die Lenden, um die sie weiße Tücher geschlungen hatten, liefen sie vorüber, lauter schöne kräftige Bursche, die zur Feuerwehr gehören. Mitten im Laufe, ohne daß der auch nur einen Augenblick hielt oder in der gleichmäßigen Bewegung schwankte, wechselten sie mit ihren Kameraden im Tragen der wassergefüllten Spritzen. Was ihnen im Wege blieb, wurde rücksichtslos niedergeworfen und übersprungen. Schon gestern Abend, als eine große Feuerröthe über Stambul flammte, hatte man mich auf diese wilde Jagd vorbereitet. Ich war daher gleich bei dem ersten Rufe in eine Ladenthüre getreten und beobachtete aus diesem Schilderhause, wie sich die Menge gelassen, ohne auch nur die Miene dem sonderbaren Zuge zuzukehren, vor ihm theilte und hinter ihm wieder im alten Strome zusammenschloß. Diese stürmende Erscheinung ist ihr so alltäglich, daß die Gewohnheit dafür keine Aufmerksamkeit mehr hat. Ich aber brauchte eine Weile, um wieder im früheren Gleichgewichte weiter schreiten zu können.
Wo die Perastraße breiter wird und sich theilt, um einen Zweig nach dem großen Campo und einen anderen in’s Freie über die kahlen Hügel zu senden, steht ein verfallener aber immer noch mit Marmor bekleideter Brunnen. Platanen, Terebinthen, eine geborstene Cypresse, die hinter ihm wachsen, beschatteten einige Sakas, Wasserverkäufer, die vor ihm ihre Tische und ihre Krüge aufgestellt hatten. Bretter hatten sie von einem Fuße zum andern ihrer wackeligen Waarengerüste nageln und binden müssen, um ihnen Halt zu geben. So abgenützt und zerbrochen diese Trümmer waren, der Schönheitssinn des Südländers hatte sie immer noch einer Ausschmückung werth gefunden. Lilien und Nelken hatte er in hohen Büscheln an die Tischecken gebunden und in breiten Kränzen um die blechernen Schöpfeimer gewunden. Einer der Verkäufer war ein Neger. Seine kurze Hose, sein zerrissenes Hemd, der Mangel anderer Kleidungsstücke und sein confiscirtes Spitzbubengesicht bewiesen, daß die Gewerbe, welche er sonst betrieben haben mag, vielleicht weniger unschuldig, aber gewiß nicht einbringlicher als sein heutiges gewesen waren. Er war noch thätiger als seine Genossen im Rühmen seiner Waare. Endlos wuschen sie die Gläser, hielten sie den Vorübergehenden zur Prüfung der Reinlichkeit entgegen, priesen die Sauberkeit des Glases und die Frische des Wassers, und gossen wie zur Lockung mit hochgeschwungenem Arme aus den Schöpfkrügen einen langen Strahl in die Gläser, die sie dann mit der linken Hand präsentirten, ihr „Sacka!“ so lange und so aufdringlich schreiend, bis einer der Spaziergänger nach dem Glase langte und seinen Para dafür auf den Tisch warf.
Gegenüber ist ein Standplatz für Miethpferde. Es sind kleine aber zierliche und, wenn nur etwas geschont, schöne Pferde. Ohne wenigstens einen Tropfen edlen Blutes scheint kein türkisches Pferd zu sein. Die plumpe Rohheit der unserigen, die nicht einmal immer stark ist, fehlt hier den Thieren wie den Menschen. Diese Reitknechte, die mich gleich umringten, mir — jeder durch einen andern Kniff — ihre Pferde aufzuschwätzen, wie ausdrucksvoll sprechen ihre Gesichter, und wie anstandsvoll sind ihre Bewegungen! Und welche Mannigfaltigkeit der Physiognomien! Da war ein Blasser mit dunklem Haar und kleinem Schnurrbarte, die Lüderlichkeit hatte ihn offenbar so romantisch zugerichtet, der klopfte gelassen den neuen Sattel seines jungen Schimmels und lockte nur mit den Augen. Ein Anderer, dem aller Verstand im pfiffigen Schlusse der Lippen saß, führte seinen Braunen langsam vorüber und rühmte mir dessen Vorzüge mit italienischen, sogar mit einigen französischen Brocken an. Und ein Dritter, dem die Schönheit auf der Stirne thronte, warf sich auf seinen Fuchsen und jagte davon, mir dessen Schnelligkeit zu beweisen, aber gleich wieder zurückkehrend, damit den Kameraden nicht die Zeit bliebe mich ihm abzugewinnen. Und so ein Dutzend mehr, und jedem hätte man seine besondere Geschichte erfinden können. Dazu die maßvoll gebildete Gestalt; nicht zu klein und engbrüstig, um verächtlich und kränklich, und nicht zu groß und breitschulterig, um bedrohlich und roh zu erscheinen. Wenn sie gingen oder sich in den Sattel schwangen voll gelenkiger Beweglichkeit, und wenn sie sich an das Roß anlehnten oder rauchend auf dem Boden lagen voll ausgeglichener Ruhe. Ihre Kleidung war ärmlich aber wohlanständig, weil sich jeder darin zu Hause fühlte. Eine weite Hose bis zum Knie, eine Jacke, über dem Bauche durch den Shawl zusammengehalten, ein kleiner Turban um die Mütze geschlungen, Arme und Füße nackt, das ist der ganze Reichthum, den diese Nomaden der Gassen Constantinopels auf dem Leibe tragen. Ihre Herren, was bei uns also Stallmeister wären, oder die Reitknechte, welche in den festen Diensten reicher Privatleute stehen, sind kostbarer angezogen. Sie tragen das montenegrinische oder albanesische Kleid, kirschroth oder dunkelblau, über und über mit verschlungener Goldstickerei geziert. Auch solche trieben sich da herum. Nahebei erwarteten Arabats ihre Kunden. Ein Kaffeehaus, das auf einer Terrasse errichtet ist, hatte die seinigen schon in Menge gefunden. Der Menschenstrom aber wälzte sich weiter, jetzt in’s Freie hinaus, sichtlich immer vergnügter, je mehr die Enge der Stadt und des Handwerks hinter ihm zurückblieb, daß mir hier in der Türkei, „wo die Völker auf einander schlagen,“ der Ostersonntag in Göthe’s „Faust“ einfiel.
Rechts von der Straße ist eine große Artilleriecaserne und links ihr Exercirplatz; Recruten übten sich dort. Nur wenige der Leute trugen noch die häßlichen Uniformen nach europäischen Mustern, die meisten waren in der Nationaltracht, welche der neue Sultan seinem Heere zurückgegeben hat. Die weiten Hosen und offenen Jacken kleiden sie weit besser, weil ihre Glieder, die in solcher Zwanglosigkeit aufgewachsen sind, darin das Selbstgefühl einer alten Gewohnheit wiederfinden. Wie sehr diese Tracht übrigens den Werth einer schönen Gestalt erhöht, sah ich an einem Manne der Hundert-Garden des Sultans, der mir entgegen kam. Er war ein Araber in hohen glänzenden Stiefeln, feuerrothen Pumphosen, rother Jacke und rothem Burnus, der in breiten Falten über seinem Rücken bis zu den Fersen hinabfiel. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als diesen Burschen. Kaum daß ihm ein Flaum auf der Lippe keimte und sein ganzes Wesen drückte doch schon die Ruhe und die Hoheit des Alters aus. Dabei war sein Auge jugendfrisch und lebenslustig und voll Theilnahme für das Treiben der Menge. Wenn ich Verachtung in seinem Blicke, der mich traf, zu erkennen glaubte, so war das wohl nur, weil ich mich solcher Hoheit gegenüber verächtlich fühlte; dem Jünglinge waren Körper und Geist viel zu gesund, um ein so krankhaftes Gefühl hegen zu können. Wie ein Gott der alten Griechen, der Mensch geworden um mit seinen Mitmenschen zu leben und zu genießen, zu sündigen und zu büßen, so schritt er einher mit mächtig ausgreifenden Schritten. Und so staunte ich ihn an. Nicht anders mögen die Indianer die ersten Weißen bewundert haben. Wie ärmlich erscheint mir danach das, was unsere Salons einen schönen Mann nennen, und wie erbarmungswerth solche Genügsamkeit!
Tiefer in’s Land, wohin die Straße führt, wollte ich nicht. Ich suchte das Meer. Ein blauer Streifen rechts über den Hügeln verrieth es mir. Ich bog von dem Wege ab in die staubigen