Felder ein. Diese liegen hier alle unbebaut, wüste, ein trostloser Anblick; aber nur wenige beharrliche Schritte durch den gelben Sand weiter, und ich sah Europa und Asien, den Bosporus und Propontos wieder in all’ der Farbenpracht, die mein Auge seit den letzten Tagen so sehr verwöhnt hat. Unten auf dem Hügel, auf dessen Kuppe ich stand, und seine Hänge hinauf und ihnen entlängst sind von Top-Hane in den Bosporus hinein Stadt an Stadt gereiht: Fündykly, Dolma-Bagdsche mit dem neuen Palaste des Sultans, dessen Höfe und Gärten gerade unter mir waren, Beschicktasch, Tschirraghan etc., eine an der anderen, Haus an Haus, Name an Namen. Gegenüber auf dem asiatischen Ufer Skutari, ausgedehnter und volkreicher als es sich nach irgend einer anderen Seite hin zeigt. Bis tief in den Bosporus, um dessen Buchten und Vorgebirge sind seine Häuser gebaut und hoch die Höhen hinauf seine Villen und Gärten gepflanzt, daß die Stadt Meer und Berge zugleich zu umfassen scheint. Die Seraispitze, einige der ihr zunächst liegenden Moscheen Stambuls und die schiffebeladene Mündung des Goldenen Hornes, die der Strom des Bosporus von Asien scheidet, schließen auf der rechten Seite das Bild. Darüber und grenzenlos weit liegt der Horizont des Marmora-Meeres. Das sind die Umrisse, die mir die Farben fest in dem Gedächtnisse halten müssen. Wie sollte auch die schwarze Tinte das Blau des Meeres, das Grün der Gärten, das Roth der Hügel, den Glanz des Himmels und den Duft der Ferne malen können!? Das kann nur der Dichter, der in der Brust jedes Menschen wohnt und dem Künstler wie dem Leser, dem einen beim Schaffen, dem andern beim Genießen, helfen muß, damit die Bilder wieder werden, wie sie wirklich und greifbar nur die allmächtige Kunst der Natur erschaffen kann.

Ich war ermüdet auf einen Stein am Wege gesunken. Soldaten, türkische Weiber mit ihren Kindern, Griechen im übertriebensten Sonntagsputze der letzten Pariser Mode, Armenier in den langen Pelzröcken ihrer alten Nationaltracht, Menschen aller Nationen und Religionen, die an mir vorüber die Straße von Dolma-Bagdsche hinauf oder hinab stiegen, belebten das Land, das um mich war, und Schiffe, die vom Dampfe, dem Segel oder den Rudern in den Bosporus hinein oder heraus getrieben wurden, belebten das Meer, das wellend im warmen Mittagswinde zu meinen Füßen lag. Drei Fregatten und zwei prächtige Dampfjachten des Sultans ruhten an ihren Anker vor den Fenstern seines Palastes. Gegen Pera zu, nicht allzuweit von meiner Rechten, war der Wald des großen Campo’s; seine Cypressen mahnten wie düstere Ahnungen in den heiteren Frohsinn des sonst so hellen Bildes. Da klang ein anderer, auch ein bekannter Ton in meine Stimmung: der Baccio, ein Walzer, den die Artôt und der sie berühmt gemacht. Eine Musikbande spielte ihn lärmend und tactlos in einem nahen Kaffeehausgarten. Auch in dieser verstümmelten Gestalt hörte ich ihn gerne, weil er angenehme Stunden zurückbrachte. Da kam eine Nacht wieder, die mir in Dresden auf der Brühl’schen Terrasse liebe Freunde vergnügt hatten; ein Abend im Conversationshause zu Baden-Baden, den schöne Frauen, ein Nachmittag im Mathissongraben des Heidelberger Schlosses, welchen die Einsamkeit beglückt hatte. Denn glücklich, wie die heutige Gegenwart, war jene Vergangenheit gewesen, und dieselbe Melodie knüpfte verwandte Eindrücke an die früheren. So hängt zuletzt eine ganze Kette an dem einzigen Tone, und angeschlagen zittert er Glied um Glied erweckend zurück bis in die entlegenste Jugend. Oft schon, wenn ich diese Macht der Musik so erinnerungskräftig erfahren habe, frag ich, ob sie so nicht auch über das Grab hinaus wirken werde?

Wie sie hier unten aber auch quälen kann, das erfuhr ich gleich darauf, als eine türkische Musikbande in der großen Caserne links von mir über dem Palaste von Dolma-Bagdsche ihre Uebungen begann, denn das sollten diese Dissonanzen vorstellen, die dort geblasen wurden. Und so wenig Musiksinn scheint der Orientale zu haben, daß sich gleich eine Menge Volkes unter den offenen Fenstern sammelte. Damit die Katzenmusik vollstimmig werde, fing nun auch zu meiner Rechten im Kaffeegarten das Orchester wieder an diesmal die schwindsüchtige Sterbearie der Traviata zu spielen. Eines allein hätte ich vielleicht um des längeren Anblickes der schönen Gegend willen erduldet, beides zusammen war für Ohren und Nerven zu viel. So interessant es mir gewesen wäre, einen Trupp Soldaten zu beobachten, die eben nach ihrer Caserne zurück marschirten, ich flüchtete mich. Durch Seitengassen Pera’s suchte ich den Rückweg, langsam und mit vielen Verirrungen, aber doch so, daß ich ihn allein fand. Der Plan Dufour’s erwies sich mir dabei als ganz fabelhaft und nutzlos.

Den 22. Mai, Nachts.

Gleich nach dem Essen, um 9 Uhr Abends, zu einer armenischen Hochzeit. Durch ein Labyrinth von Gassen, die Hügel hinauf und hinab, führte man mich zu einer Kirche, von der man mir sagte, daß sie in der Nähe des Feuerthurmes von Galata sei. Auf dem kleinen Platze vor der Kirche war ein lärmendes Durcheinander von Dienern, Fackel- und Sesselträgern, die ihren Herrschaften den Vorrang erkämpfen wollten. Das Innere der Kirche ist häßlich, ein Viereck durch eine Kuppel gedeckt und durch drei gerade Mauern, auf der vierten Seite durch einen Halbkreis geschlossen, in dem zwischen vier plumpen Säulen der Altartisch steht. Zahlreiche Armleuchter hingen von der Decke und an den Wänden herab. Auf den Boden waren dichte Teppiche gebreitet und Stühle in Reihen neben und hinter einander gestellt. In dieser Anordnung und Beleuchtung glich das eher einem Concertsaale, und so auch sah das Publicum aus. Links die Frauen, rechts die Männer waren alle festlich, die Weiber über und über mit Edelsteinen geschmückt; dem diplomatischen Corps hatte man vorne auf beiden Seiten besondere Plätze vorbehalten. Ich sah von dort aus Alles auf’s beste.

Es war eine Doppelheirat, die eingesegnet wurde. Auf jeder Seite standen Bruder und Schwester. Die Brautleute, die Eltern und die nächsten Anverwandten füllten den Halbkreis vor uns. Die Geistlichen ordneten sie und reihten sich dann dienend um den Altar. Es waren ihrer achte, Alle in hellgrünen, reich mit Silber gestickten Talaren, die in breiten langen Falten, durch keinen Gürtel unterbrochen, vom Halse auf den Boden fielen; ein goldenes Band, eine Art Stola, hing jedem auf der rechten Schulter, und eine gefältete Krause, die beim Halsausschnitte hervorstand, rahmte die dunkeln Köpfe aufs wirkungsvollste ein. In diesem Kleide glich einer der Priester so sehr einem der schönsten Porträte Paolo Veronese’s, daß mich die Aehnlichkeit während der ganzen Feier mehr als alles übrige beschäftigte. Wie er da sorgend herumging, bald artig die Brautleute belehrte, wie sie sich bei den Ceremonien zu benehmen hätten, bald herrisch den Dienern winkte, die silbernen Teller mit den Kränzen zu bringen, war es, als sei aus dem großen Bilde: „Christus im Hause des Levi,“ welches die Akademie der schönen Künste zu Venedig bewahrt, der stolze Venetianer mit dem schwarzen Barte im grünen Wamse, der aus dem Vordergrunde seine Befehle in die hohe Säulenhalle zurückruft, herausgetreten, um das Amt, worin ihn der Künstler so glücklich abgebildet, wiederum auszuüben.

Die Ceremonien dauerten lange und blieben mir zum Theile unerklärt. Auffallend war der sonderbare Schmuck der Bräute. Zu beiden Seiten des Gesichts fielen statt der Schleier, worin man sie bei uns verhüllt hätte, lange Locken der Einen aus rauschendem Gold-, der Anderen aus Silberpapier herab, und das so lange, daß sie beinahe den Boden berührten, und so dicht, daß sie die Mädchen fortwährend aus dem Gesichte streichen mußten. Der Blassen stand dieser goldene Lockenwuchs sehr gut; sie sah verzaubert wie die Prinzessin in einem Kindermärchen aus. Die beiden Männer schienen jünger als ihre künftigen Frauen zu sein, nicht älter als 20 Jahre. Sie trugen lange schwarze Gehröcke mit aufstehenden Kragen und das Fezz auf dem Kopfe. Das ist für alle Unterthanen des Sultans, für Griechen, Armenier, auch für jene Türken, die sich fränkisch tragen, das Hofkleid statt unseres Frackes und Cylinders. Besondere Eitelkeit scheint für die Füße sorgsam zu sein. Sie sind aber auch meist klein und wohlgebildet und eines gutgemachten Schuhes würdig.

Als wichtig in dem Acte der Vermählung bezeichnete man mir das Wechseln der Kränze, denn auch dem Bräutigam wurden Myrthen und Orangen auf’s Haupt gelegt. Nachdem er sie eine Weile getragen, vertauschte sie der Oberpriester mit denen der Braut. So gekrönt blieben beide bis zum Ende der Ceremonie. Diese Kränze sollen sorgsam als Talisman des ehelichen Glückes aufgehoben werden.

Auf der linken Seite des Presbyteriums hatten sich bald nach Beginn des kirchlichen Aktes in denselben kostbaren Gewändern, wie sie die Priester trugen, Chorknaben aufgestellt, um die ganze Feier mit einem Gesange zu begleiten, der werthvoll wie die Blechmusik des Morgens war. Ein Junge aber, der darunter war, ersetzte mit seinen kunstbegeisterten Gesichtern den Augen, was die Ohren leiden mußten. Je höher der Ton stieg, desto mehr neigte er den Kopf auf die linke Schulter und desto krampfhafter schüttelte er den ganzen Körper; die Augen schloß er dabei immer fester, den Mund öffnete er immer weiter, und doch ließ er keinen Ton auf einem andern Wege als auf dem Umwege durch die Nase hinaus. Es gab ein Geheul und das mit so viel Aufwand von Pathos, daß es einem Liebhaber des Sonderbaren zuletzt als etwas Unübertreffliches bewundernswerth werden mußte.