Nachdem in der Kirche die Festlichkeit vorüber war, geleitete man uns nach dem nahen Hause der einen Familie, wo ein Ball sie fortsetzen sollte. Schon an der Hausthüre erwarteten uns die beiden neuen Ehemänner; der eine nahm meinen Arm und führte mich die Treppe in das zweite Stockwerk hinauf; die Musikanten, die im Stiegenhause versteckt aufgestellt waren, empfingen uns mit einem Marsche und die Hausleute, obwohl ich ihnen fremd und uneingeladen kam, mit den zuvorkommensten Bemühungen, mir die Gesellschaft bald bekannt zu machen. Sie war zahlreich, so daß die Räume zu klein wurden. Diese sind, sowie ich das aus den italienischen Häusern her kenne, durch die Sala, die mitten durch das Haus geht, in zwei Hälften getheilt; die zur Linken schien hier den Männern, die zur Rechten den Frauen zu gehören. Ich fand wenigstens in den Zimmern der letzteren meistens nur Frauen, die nach der Landessitte mit hinaufgezogenen Füßen auf den breiten Divanen lagen. Es waren schön geschnittene Gesichter darunter, mehr aber noch fielen sie mir durch den Ausdruck ihrer Augen auf, die sind schwarz wie die Kohle und die Blicke leuchten wie der Funke, der vor dem Verglimmen noch einmal in seiner allerhellsten Kraft auflodert, nur daß keiner dieser Blicke der letzte und daß jeder wie der erste ist. Selbst Weiber, die beinahe häßlich sind, werden durch das Feuer dieser Sprache fesselnd.

Die Gäste benahmen sich frei und ungezwungen, die Männer gegen die Frauen sogar vertraulicher als das bei uns erlaubt ist; aber alle in den Formen des schicklichsten Anstandes, weil das dem Gefühle eines jeden angeboren ist. Der größere Theil der Männer trug das Fezz auf dem Kopfe, das waren Eingeborene des Landes, die vielen Anderen, welche den Hut in der Hand hielten, Herren des diplomatischen Corps. Dem französischen Botschafter, Marquis du Moustier, wurde ich gleich beim Eintritte vorgestellt. Er ist ein großer, schöner und durch Haltung und Formen noch jugendlicher Mann und danach sind auch seine Ansprüche an das Leben bemessen. Der englische Botschafter, Sir Henry Bulwer, kam erst nach Mitternacht. Ich lernte ihn in einem kleinen Nebenzimmer kennen, wo die Stille den Raum zu einem längeren Gespräche gab.

Sir Henry Bulwer folgte dem Lord Stratford Redcliffe, der auf diesem Posten alt und berühmt geworden war. Das Amt, das für England immer eines der wichtigsten ist, war nach der Bedeutung, die es durch die Persönlichkeit des Lord Redcliffe erlangt hatte, ein noch schwerer zu besetzendes geworden; daß unter solchen Umständen Sir Henry Bulwer dafür gewählt wurde, beweist, welche Meinung die vorsichtigen Staatsmänner seiner Heimath von seinen Fähigkeiten haben. Seine äußere Erscheinung zeigt alle Sonderbarkeiten, aber auch die ganze Vornehmheit des englischen Aristokraten. Wo man ihm auch begegnen mag, nirgends wird man ihn übersehen können. Seine Gestalt ist nicht groß, hager und in der Brust so eingefallen, daß die leise, oft beinahe nur gehauchte Stimme nicht überrascht. Er trägt einen Vollbart, der sonderbar in zwei Zwickel getheilt ist. Hände und Füße sind beinahe unnatürlich klein; den einen Fuß sah ich ihn, wie das hier Sitte ist, auf den Divan heraufziehen. Das Französische, die übliche Sprache der hiesigen Salons, spricht er fließend, wenn schon mit dem englischen Accente, der die Worte dehnt. Er liebt es, seine Reden mit kleinen Witzworten und Sentenzen zu spicken, und erinnert dadurch an die Schreibweise seines Bruders, des Romandichters, die um solcher Aperçüs willen philosophisch genannt worden ist. Ein Gespräch weiß er, da sein Geist thätig und gewandt ist, leicht ohne das verlegene Angeln nach einem Gegenstande flüssig zu machen. Mit einer zuvorkommenden Frage setzt er den Fremden auf dessen Steckenpferd und weil doch jeder lieber sich als den Andern reiten sieht, in Entzücken über die Klugheit und Artigkeit dieses großen Herrn. Von mir verlangte er meine ersten Ideen über den Orient zu hören. Sichtlich erfreut durch die Antwort, weil auch ihm dieses Land gefällt, meinte er, ich werde es nächstens nicht blos mehr mit Vergnügen, sondern auch mit nutzbarer Anwendung auf die Zustände meiner Heimath sehen. Das brachte uns auf Oesterreich. Er ließ mich länger darüber sprechen, nur ab und zu einfallend, um Einzelnes noch mehr ausgeführt zu erhalten, und als ich zur ungarischen Frage sagte, daß mir jeder gemeine Hußar eine genügende Widerlegung der Germanisirungshoffnungen sei, zu bemerken: gerade rücksichtlich dieser Streitfrage werde mir hier klar werden, daß es auch andere Wege, als die der europäischen Gewohnheit gebe, die Völker zu ihrem Wohlsein zu führen.

Vergleiche ich nun seine gescheidten Bemerkungen mit den albernen Schilderungen, die unsere Zeitungen von diesem Manne brachten, so bestätigt mir das von Neuem die Erfahrung, die ich zumeist nach dem Jahre 1859 in Italien gesammelt, daß, um richtig zu urtheilen, man vor allem den Zeitungen mißtrauen und die Dinge mit eigenen Augen gesehen haben müsse, an dem so gebildeten Urtheile aber mit der Arroganz des unverschämtesten Selbstvertrauens festhalten dürfe.

Die Fürstin von Samos hatte dieses Gespräch, das wohl eine Stunde gedauert, unterbrochen. Sie wollte mir an dem offenen Fenster die Mondnacht zeigen. Die Fürstin hat mich übrigens neben Sir Henry Bulwer auf diesem Balle am meisten beschäftigt. Sie ist noch jung und muß einmal sehr schön gewesen sein. Sorgen haben den Jahren vorgegriffen. Sie ist bleich, aber das Auge noch jugendlich feurig. Mit dem ersten Eindrucke erschien sie mir nicht bedeutend. Ihr Wesen ist und gibt sich so einfach, daß ich begreife, daß man sie lange übersehen kann; wer dann aber einmal ihren ganzen Reiz empfunden, den hält sie unlösbar gefangen. Es ist mit ihr, wie mit manchen Blumen, die ihren feinen Duft nur an auserwählte Günstlinge geben. Und wie ihre äußere Art, so ist auch ihr Verstand. Manche unserer Frauen könnten ihn ungebildet schelten, denn ihr Wissen ist lückenhaft; aber eben darum ist er unbefangener und natürlicher, urtheilsfähiger und ergiebiger, und von einer Kraft, daß er die Eitelkeit, von der doch sonst alles Menschliche bemeistert wird, so sehr bezwingen konnte, daß sie, der sich hier Jeder zu empfehlen sucht, immer bestrebt ist, jede Bedeutung, auch die einer femme politique — sonst das höchste Ziel weiblichen Ehrgeizes — abzuleugnen. Sie mußte wissen, daß mir ihre einflußreiche Stellung auf dem hiesigen Platze bekannt sei, und übte doch auch gegen mich dieselbe Bescheidenheit. Was sie ist, gilt ihr nur insoferne es als Vortheil, nicht als es Glanz bringt; eine Klugheit, die bei uns zu Hause keine weitverbreitete ist.

Sie rief mich an das Fenster, weil ich ihr früher mein Gefallen an Constantinopel ausgesprochen hatte. Wir setzten uns in zwei Sessel, deren hohe Lehnen uns von dem übrigen Zimmer isolirten. „Voyez et respirez!“ sagte sie mir. Der Mond stand voll in einem wolkenlosen Himmel, und sein Spiegelbild ruhte vergrößert auf der regungslosen Fluth des goldenen Horns; das lag tief unter unseren Fenstern, kleine Terrassen und flache Dächer hinab; Stambul, wie eine hohe schwarze Mauer uns gegenüber, und links hinaus in weiter Ferne sogar noch ein silbernes Glimmern des Bosporus. Die liebenswürdige Frau neben mir, dieses Bild vor mir, die verhallende Musik des Tanzsaales hinter mir und die Luft, die ich athmete, das waren Genüsse, wie ich sie schon lange nicht mehr genossen habe. Lichter und Menschen sind mir, wie oft ich mir selbst das auch abzuleugnen versuche, im Grunde unentbehrlich; mischt sich aber wie hier und in Venedig dem Salon noch die Poesie bei, dann bin ich sein doppelt williger Gast.

Während ich stumm schaute und nur mit einzelnen Ausrufen mein Entzücken ausdrückte, schilderte mir die Fürstin beredt und lebendig die Reize ihres Heimathlandes, das sie glühend liebt. Sie nannte mir Orte dieser Stadt, die ob ihrer landschaftlichen Schönheit besonders sehenswerth seien; sie sprach von den Sommerabenden auf dem Bosporus, von den Mondscheinnächten auf dem Quai von Bujuk-dere, von den Sonnenuntergängen auf den Prinzen-Inseln und von ihrem Landhause auf Prinkipo, wo ich sie besuchen müsse. „Ja, Sie haben,“ so schloß sie ihre Rede, „Sie haben den rechten Zeitpunkt getroffen; Constantinopel und den Bosporus muß man im Sommer sehen, wenn seine Gärten blühen und seine Hügel grünen, wenn seine Fluthen eben und mit den leichten Booten seiner Bewohner gefüllt sind, die im Abendsonnenscheine von Europa nach den noch schöneren Ufern Asiens hinüber rudern. Ich halte es überhaupt für einen Irrthum, in den die Bequemlichkeit den Nordländer verführt, die Länder des Südens, Italien und den Orient, in den kalten Jahreszeiten zu besuchen; da erstirbt hier so gut als im Norden das Leben, wenn auch nicht in gleichem Grade, so doch verhältnißmäßig. Was der Fremde sieht, ist todt, soweit die Sonne des Südens das Sterben überhaupt zuläßt. Es ist ein Unrecht, das dann mit dem Frühling des Nordens zu vergleichen und zu richten, als sei es das letzte Wort, welches diese Landschaften aussprechen können. Neapel gefiel mir erst, als ich es im Sommer sah, wenn es Alle fliehen; wer den Preis haben will, darf den Schweiß nicht scheuen und muß etwas Hitze aushalten können.“

Es war 2 Uhr nach Mitternacht, als ich nach Hause kam und jetzt, da ich die Feder weglegen will, regt sich der Morgen. Sehen kann ich ihn nicht, denn die Sonne geht hinter dem Hause auf, aber Vögel und die anderen ersten Laute einer großen Stadt künden ihn. Das Fenster neben meinem Schreibtische stand die ganze Zeit über offen; glückliches Land, wo das beste Gut, die frische Luft, immer frei zu uns ein darf.

Pera, den 23. Mai.

Der Morgen verging in Vorbereitungen zur Abreise nach Brussa. Ich soll nach Asien ehe die Sommerhitze einfällt. Nachmittags setzten wir uns bei Top-Hane in’s Kaik, um durch das Goldene Horn nach Ejub, einer Vorstadt und Begräbnißstätte Stambuls, zu fahren. — Das Goldene Horn! Wie schön der Name klingt, und wenn man diese Bucht mit werthvollen Schiffen gefüllt und von volkreichen Städten umschlossen sieht, erkennt man ihn auch als berechtigt und durch die Natur der Dinge gegeben. Ueber seinen Ursprung und sein Alter finde ich nirgends eine Nachricht aufgezeichnet; über seine Bedeutung schon bei den alten Schriftstellern die mannigfaltigsten Auslegungen. Dem Einen hieß die Bucht Chrysokeras, weil sie wie ein Füllhorn des Ueberflusses sei; dem Anderen, wie dem Strabo zum Beispiel, weil sie einem Hirschgeweihe gleiche. Dem Füllhorn ist sie, mit einiger Phantasie gesehen, auch heute noch ähnlich; dem Hirschgeweihe nicht mehr, weil die kleinen Buchten, die Aeste, in die sie sich sonst getheilt haben soll und die unter den Kaisern zu den vielen kleinen Hafenanlagen gedient haben mögen, von denen in den byzantinischen Geschichtschreibern die Rede ist, ihr heute fehlen. Die verschiedenen Eroberungen und Zerstörungen der Stadt werden diese Zweige verschüttet und dem Ufer gleich gemacht haben. Ich habe übrigens zu den Vermuthungen und Auslegungen über die Entstehung und die Bedeutung des Chrysokeras meine eigenen selbst erfundenen hinzuzufügen. Seit den ältesten Fabelzeiten war an diesen Küsten der Dienst der Hekate der besonders gefeierte. Das Zeichen dieser Göttin, der Halbmond mit den Sternen, wurde das Wappenbild der Stadt, die Byzaz hier gegründet, und mit ihr das der Römer und der Türken. Liegt es nicht nahe, daß dieser Halbmond, der den Alten so gut als uns Neuen Κέρας, Horn, hieß, nicht auch der ihm so ähnlich geformten Bucht den Namen gegeben und sich wie das Wappen von diesem uralten allen gemeinsamen Ursprunge her durch die ganze Folge der Landeigenthümer bis auf den heutigen vererbt habe? Dieser Vermuthung über die Entstehung des Κέρας steht nun freilich meine sprachliche Auslegung des Wortes entgegen. Indeß da mich nichts zu einer Wahl zwingt, so mögen immerhin beide Deutungen neben einander stehen. Ich finde nämlich, daß das Wort Κέρας den Griechen nicht blos Horn oder Geweih, sondern jede Krümmung überhaupt und so auch ganz einfach den Arm eines Flusses bedeutet habe; dann hätten sie mit Κρυσοκέρας nichts sagen wollen, als der goldene Arm des flußähnlichen Bosporus. Und so ist dieses Stück See und seine Bucht wirklich gestaltet. Wer zu seinen Füßen sich das schwarze Meer denkt und den rechten Arm ausstreckt, der stellt mit seinem Körper ungefähr den Bosporus und das goldene Horn vor. Denn keine der andern Buchten des Bosporus tritt im Vergleiche zu der des goldenen Horns merklich tief aus der Hauptrichtung des Bettes in die Ufer hinein, und das goldene Horn ist im Verhältniß zum Bosporus ziemlich gleich schmal und lang, wie der Arm zum Körper. Auf eine Länge von 4000 Klafter oder 2 Stunden kömmt eine Breite von nur 500 Klafter oder ¼ Stunde, die an einzelnen Stellen noch mehr zusammenschrumpft. Das bildet eine sonderbare Gestaltung, die auch auf der Landkarte gleich als solche auffällt. Ich weiß ihr in allen fünf Welttheilen kein Gegenstück zu finden. Aber nicht blos um seiner Sonderbarkeit, auch um seiner Schönheit und Bequemlichkeit willen ist dieser Golf ohne seines Gleichen in der Welt. Größer und zugleich sicherer ist kein anderer Hafen. Die tiefstgehenden Kriegsschiffe können an den Häusermauern ihre Anker werfen, und der Strom, der aus dem schwarzen Meere kömmt, fegt ihn, indem er seine Ufer im Bogen umkreist, rein von all’ dem unvermeidlichen Unrathe einer großen Stadt. Nie war eine Säuberung, eine Ausbaggerung nothwendig; die Natur und die Menschen helfen zusammen, das Horn zu einem wahrhaft goldenen zu machen.