Pera, den 24. Mai, 6 Uhr Morgens.

Ich stehe früh auf, das Erwachen des Tages zu sehen und die letzten Vorbereitungen zur Abreise zu vollenden. Nebel deckten grau und trübe die Aussicht, als sie sich aber verzogen, erschien der Morgen hell und glänzend, wie ihn der gestrige Abend versprochen. Es thut wohl so sichere Erwartung hegen, dem Himmel vertrauen zu dürfen, daß der nächste Tag sonnig und heiter wie der vorige sein werde. Bei uns verzehrt sich das halbe Leben in Zweifeln und Fragen nach dem Wetter und, da die andere Hälfte von der Sorge für unsere Bedürfnisse gefressen wird, bleiben zum Lebensgenusse nur die sparsamen Augenblicke zufälligen Sonnenscheines übrig. Hier, wo das anders, wo unsere Ausnahme die Regel ist, wo die Sonne nur dann nicht scheint, wenn sie untergegangen, hat das Leben schon darum mehr Raum zu seiner Ausbreitung.

Mudania, Nachmittags 2 Uhr.

Vor 7 Uhr ritten wir durch die große Galata-Gasse zu der ersten Hafenbrücke hinab. Dort lag der Dampfer für Brussa. Ueber die Verdecke einiger anderer Schiffe, die zwischen ihm und der Brückentreppe ankerten, stiegen wir auf das des unserigen. Der Kawaß und die Diener, die mit uns reisen, schnallten inzwischen den Pferden unsere Sättel und Gepäckstaschen ab und schleppten sie uns nach durch die zudrängende und schreiende Menge. Ein zweiter Dampfer, der ebenfalls nach Bithinien will, fuhr eben ab. Trotzdem fanden wir auf dem unserigen das Verdeck und die Kajüten so mit Passagieren überfüllt, daß wir verlegen waren, Platz für uns selbst und für unser Gepäck zu finden. Das Schiff ist nicht groß und durch zwei Rauchfänge noch mehr beengt. Zwischen diesen liegt die Maschine und darüber von einem Radkasten zum andern eine Brücke, um den Raum für die Reisenden zu vermehren. Auf dieses zweite Stockwerk wies uns ein Cameriere des Schiffes, dem der freigebige Ausdruck unserer Mienen wohl die Hoffnung auf ein Paar leicht zu verdienende Piaster gab. Um diesen Preis verschaffte uns sein Mitleiden sogar einige Strohschemel, denn nicht höher sind die Stühle, welche hier jeder, dem Kissen oder bloße Teppiche zu nieder sind, benützt; da ihnen auch jede Lehne fehlt, verliert das Sitzen darauf gar bald den Charakter einer Erholung. So lange wir noch im Hafen lagen, war unser erhabener Posten ganz angenehm, denn die Sonne brannte trotz der noch frühen Stunde so warm, daß der Luftzug wohl that; draußen aber auf dem freien Meere wurde seiner Kühle dort oben zu viel. Ich mußte die Uebersiedlung auf das untere Verdeck beantragen. Die See war silberblau und der Himmel, der sie doch erst an der Grenze des Horizonts umarmte, ihr so ähnlich, daß die unzähligen Schiffe mit ihren geschwellten Segeln in der Luft zu schweben schienen. Die Prinzen-Inseln stiegen links vor den nikomedischen Bergen in rothen Farben mehr und mehr aus der Fluth in Formen, die die Hand eines erfahrenen Künstlers eigens für dieses Bild gezogen zu haben scheint. Alles strahlte von morgendlicher Frische und sonniger Heiterkeit, wie das Leben selbst so lange es jung ist und nur Hoffnungen verspricht. Wir steuerten von den Küsten weg mehr ins freie Meer hinaus; der Golf von Ismid, wo das alte Nikomedien stand, blieb weit neben und dann hinter uns. Gegen Mittag erst that sich vor uns der Golf von Mudania auf, zur Rechten die malerischen scharfgeschnittenen Felsen der Insel Kalolimni, zur Linken die arganthonischen Berge aus dem Busen des Golfes in sanften Biegungen zum Vorgebirge von Bos-burun abfallend und doch hinter sich schroff und mächtig den Olymp und andere Riesen aufthürmend. Die Insel rechts lag in rosigen Düften wie in ein Wunderreich entrückt, während links die Küste des Festlandes immer näher kam und unterscheidbarer wurde. Dunkles Grün deckt die Hänge, nur unten hat das Wasser den rothen Stein und das rothe Erdreich nackt gewaschen. Das ist eine grelle aber glückliche Nebeneinanderstellung der Farben.

Kalolimni war die Insel Besbikus und Bos-burun das Cap Posidium der Alten. Jason hat dort gelandet und sein schöner Gefährte Hylas sich in jenen Bergen und in den Armen reizender Nymphen verloren. Heute noch hat man ihn nicht wiedergefunden, obwohl ihn jährlich viele Jahrhunderte lang ein alter Cultus mit bedeutungsvollen Spielen suchte. Dem Gebirge lasse ich den früheren Namen: Arganthonius, weil der türkische, den meine Karte Samanly Dag angibt, weniger gekannt und mir gar nicht im Gedächtnisse haften will. Der ganze Golf war der Sinus Cianus; Gemleck, wohin der Dampfer weiter steuert, das Cius, welches ein Anderer der Argonauten auf der Rückkehr gegründet und nach sich benannt hat, und welches dann später derselbe König von Bithinien, der den Hannibal bei sich aufnahm, auf seinen Namen Prusias umtaufte. Mudania, oder doch Ruinen nahe bei, waren das Myrlea, welches dieser Prusias nach seiner Gattin, Apamea, nannte. Heute bilden nur wenige elende Hütten den Ort, und doch soll er, seit der Handel hier aus- und einzuladen beginnt, schon volkreicher und wohlhabender geworden sein. Er liegt auf der rechtseitigen Küste ziemlich halb Wegs der ganzen Tiefe des Golfes. Bis zu dem Endpunkte der Bucht, nach Gemleck, braucht der Dampfer noch zwei weitere Stunden.

Es scheint gewöhnlich, schon hier für Brussa und andere Gegenden des Innern Asiens den Landweg zu nehmen, denn die meisten Passagiere rüsteten sich mit uns das Boot zu verlassen. Die Teppiche, die Decken und Kissen, auf denen sie geruht hatten, wurden zusammengerollt und gebunden, und die gewaltigen Bündel an dem Borde des Verdecks zu Hügeln übereinandergehäuft. Ein Türke, der mich schon während der Fahrt vor den Anderen beschäftigt hatte, fesselte auch bei diesem Aufbruche meine besondere Aufmerksamkeit. Regungslos hatte er auf einer rosenfarbenen Kattundecke mit untergeschlagenen Beinen gesessen, sein Diener ihm in derselben Position gegenüber und beide hatten Auge und Theilnahme nur für das Meer gehabt. Jetzt erst sprachen sie die ersten Worte, der Herr zum Diener offenbar Befehle, denn dieser reichte ihm darauf verschiedene Kleidungsstücke, sieben Kaftane, die der Herr alle anzog, einen über den anderen; es waren kostbare seidene und schön gestickte, aber auch abscheulich großgeblümte aus englischem Kattun darunter. Ueber alle nahm er zuletzt noch einen Pelz, und das bei einer Temperatur, die wir bei uns auch im Juli eine ungewöhnlich heiße nennen würden. Der Rest seines Gepäcks war nur klein; die Sorge dafür überließ er seinem Diener bis auf einen ganz europäisch gestickten und construirten Nachtsack, den er fest in seiner eigenen Hand behielt. Auf dem Kopfe hatte er einen blendend weißen Turban. Es war eine prächtige Gestalt, hoch und würdevoll, aber ohne jede Beimischung jenes übermüthigen Stolzes, dessen roher Ausdruck schon durch den bloßen Anblick beleidigt, weil Milde und Wohlwollen aus seinen blauen Augen und von seinen rothen Lippen lächelten. Ein kurz geschnittener blonder Bart umfaßte das Gesicht, das frisch und jugendlich war, wie es der ganze Mann zu sein schien; mehr als dreißig Jahre konnte er nicht zählen. Gutmüthig duldete er meine unbescheidene Beobachtung, die ihm nicht entging. Man sagte mir, das sei ein vornehmer, ein größerer Gutsherr aus dem Innern von Asien. Das war die Gestalt, die Kleidung, wie sich unsere Phantasie den Türken vorstellt; nichts Europäisches, keine Entstellung an ihm. Nur so hellblond und blauäugig, wie ich schon so viele gesehen, hatte ich die Türken nicht geglaubt, und gerade diese sind die schönsten.

Was uns beim Landen empfing, und was uns nun hier umgibt, ist — da doch Stambul die Ueberraschung vorbereitet hat — so plötzlich eine andere, als die gewohnte Welt geworden, daß man an zauberhafte Versetzung glauben könnte. Asien ist es mit allen seinen Eigenthümlichkeiten so vollständig, daß, wenn wir auch noch uns selbst vergessen könnten, jede Mahnung an den Erdtheil, den wir dort drüben jenseits dieses Meeres gelassen haben, vergessen und verloren wäre. Auf der Landungsbrücke kämpfte ein Gedränge zerlumpter Gestalten um den vordersten Platz zunächst dem Dampfer. Noch ehe die Maschine stand und er fest angelegt hatte, sprangen sie wie Tigerkatzen auf den Radkasten, auf das Verdeck herab; diejenigen, die es nicht erreichten, klammerten sich an die Brüstung und krochen daran hinauf. Junge aber auch ebenso alte Leute waren darunter, Jeder wagte sein Leben und das für wenige Paras, die er für das Tragen der Teppichbündel begehren darf. Zweimal in der Woche nur, wenn das Boot von Constantinopel kömmt, bietet sich ihm die Hoffnung auf diesen kargen Verdienst, der doch die acht Tage zumeist erhalten muß, darum der Hunger und der Wettstreit ihn zu erwerben. Ich war auf die Teppichbündel gestiegen und beobachtete von dort die Scene bis der Uebergang auf der Brücke freier und weniger lebensgefährlich geworden war. Wir mußten zunächst in ein Zollhaus. Die Zöllner saßen im alttürkischen Kleide mit unterschlagenen Beinen auf einer Gattung Tribüne, das türkische Schreibzeug auf niederen Pulten vor sich. Schnell und ebenso artig wurden wir von ihnen abgefertigt.

Bis die Pferde zur Weiterreise bereitet sind, sollen wir in diesem Gasthofe ruhen, der neu gebaut und für europäische Reisende eingerichtet, in seinen drei Fremdenzimmern zwar nur geweißelte Wände, aber doch Bettstellen bietet. In der Wirthsstube spielt ein türkisches Orchester auf der Tarabuca, einem tamburinartigen Instrumente, auf einigen kleinen Pfeifen und schwach besaiteten Violinen Melodien, die mich durch ihre Ruhelosigkeit, durch das Hinüberziehen des einen Tones in den andern gar sehr an den ungarischen Csardas erinnern. Die Musik ist betäubend. Mir, dem das Plötzliche aller dieser neuen Eindrücke schon den Schwindel gegeben, droht sie die Sinne völlig zu verwirren. Ich flüchte auf die Terrasse, die vor dem Hause in das Meer hinaus gebaut ist; hier finde ich Einsamkeit und athme mit der salzig gewürzten Luft auch die Ruhe, die auf dem Meere den warmen Mittagsschlummer schläft. So fest ist der, daß selbst die Brandung, die doch sonst immer unbekümmert um Windesstille ihre eigenmächtige Sprache fortlispelt, in regungsloses Schweigen versunken, und die Fluth zu meinen Füßen geglättet wie draußen auf der hohen See ist. Dort liegen einige Fischerboote; mit ihren Steuerleuten rasten auch ihre Segel, die schlaff und halb gesenkt an den Masten hängen, von der gethanen Arbeit. So ist Ruhe und Erholung überall, in den Menschen und in den Dingen, lebendig und bewegt nur noch das Licht. Grüne und blaue Farben gleiten wechselnd über das Wasser, und silberne Streifen wellen leuchtend dazwischen. Mir gegenüber, auf der andern Seite des Golfes, glühen die runden Berge in rothen Lichtern, indessen tiefer drinnen, wo die Ufer sich treffen, und man das Land nur noch sieht, weil es bis in die Höhen des ewigen Schnees emporsteigt, versöhnliche Schatten um die schrofferen Formen gehüllt sind, damit sie passender in den heiteren Ton des ganzen Bildes stimmen. Dort ragt höher als alle anderen, wie er auch alle durch Schönheit übertrifft, der Katerlü Dag empor.

Der Schlaf einer ganzen Nacht hätte mir nicht mehr Erquickung und Sammlung geben können als das ungestörte Schauen dieser einen Stunde. Wie eine Wechselwirkung spannt sich der Verkehr zwischen uns und der Natur aus. Ich fühle den Frieden, der in ihr ruht, und sie scheint — so wenigstens meinem Auge, das alles glaubt, was in seinen Vorstellungen gegenwärtig ist — von Gedanken erregt, wie sie aufwühlend mein Inneres durchziehen. Wer das so erfahren, wird den Orientalen nicht mehr tadeln, wenn er ihn tagelang in stummem Sehen vor solchen Bildern sitzend findet. Müßig mag man dabei seine Hände und Füße schelten, aber nicht seinen Geist; der kann solcher Schönheit gegenüber nicht anders als nach ihrem Schöpfer fragen und ihm danken, daß er sie geschaffen und daß er ihn sie schauen läßt. Derselbe Gedanke wird zugleich Erkenntniß, Anbetung und Opfer, und dieselbe Betrachtung: Offenbarung und Glauben werden. So ist der Orient eben dadurch, daß er die Heimath aller Schönheit, der in der Natur wie in der Kunst gebornen, ist, auch die Geburtsstätte aller edelsten Religionen geworden. An den Ufern des Ganges, wie an denen des Nils und an dem großen griechischen Weltmeere, wie an dem kleinen galiläischen See Tiberias hat die hellere Sonne selbst dem Menschen geholfen, sich den Gott und den Glauben zu finden, der den Völkern und den Jahrtausenden erst ihre Richtung und ihre Würde gab. Solche Entdeckung wieder zu verlieren und zu läugnen, das war nur dem Norden möglich, wo sich Nebel zwischen die Augen und die Gotteswerke legen und Kälte die Gedanken einer warmen Empfindung in jammervolle Hungergestalten erstarrt. Der Atheismus ist keine Pflanze des Südens, sein Boden treibt schönere und nahrhaftere Früchte.