Brussa, Hôtel d’Olympe, 24. Mai Mitternacht.
Um 2 Uhr stiegen wir in Mudania auf die Pferde; es waren ihrer achte. Die beiden Kawassen voraus und die Packpferde hinten nach zogen wir aus, Einer hinter dem Andern, im sonderbarsten Aufputze, wie ihn sich Jeder als Schutzmittel gegen den Sonnenstich zusammengestellt hatte. Der Jaschmack, ein weißer Schleier, der in dichten Falten um den Kopf des Hutes gewunden wird und dessen Zipfel über den Nacken bis auf den Rücken hängen, fehlte keiner Toilette. Ich verstärkte diese Abwehr noch durch einen weißen Sonnenschirm.
Eine Weile geht der Weg über den Strand des Meeres. Eine leichte Brise hatte sich erhoben und trieb die Wellen bis unter die Füße unserer Pferde. Wo sie aufschlugen und zerrannen, da brachen die zurückbleibenden Tropfen in alle Farben des Regenbogens auseinander. Wie ich das und unseren Zug sah, fiel mir ein Gemälde und der Wunsch ein, der mir davor gekommen war; Peter Heß hat es gemalt und König Ludwig es in der neuen Pinakothek zu München ausgestellt: „Griechische Landleute ziehen auf dem Strande des Meeres dahin.“ Das ist so, wie heute unser Ritt war; das Meer so blau, der Strand so bunt und die Luft so klar, wie das Wasser neben, der Boden unter und der Himmel über uns. Und wie ich mir damals gewünscht hatte, heiß, und jedesmal wenn ich das Bild wieder sah begehrlicher, daß ich das auch einmal erlebe, so war es mir nun geworden. Es ist das nicht das erste Mal, daß mir scheinbar Unmögliches, das ich übermüthig begehrt hatte, gewährt worden ist; dem Wunsche, wenn er nur fest und unablässig bleibt, wird selten die Erfüllung fehlen. Eine eigenthümliche Kraft, etwas wie ein elektrisches Fluidum ist in ihm wirksam, das instinktiv unsere ganze Thätigkeit nach dem einen Ziele richtet. Wird dieses dann so wie heute erreicht, dann scheint es mir die Pflicht eines schuldigen Dankes, der glücklichen Stunde und der Veranlassung zu gedenken, die zuerst die Sehnsucht und das Verlangen geboren hat.
Vom Ufer weg biegt der Weg rechts in Felder und in Thäler hinein und steigt dann die Berge hinauf. Oliven- und Feigenbäume, Reb- und andere Schlingpflanzen des Südens wachsen im üppigsten Reichthum, die Blätter goldig grün und noch frisch von der ersten Kraft ihrer Jugend. Eine Aloestaude stand hart neben der Straße, saftiger Epheu hat sich um sie geschlungen, aber vorsichtiger als die Liebe, die sich hingebend um das fremde Herz legt und für ihre Umarmung nur Stiche erntet, so gewandt, daß keines der großen Blätter durch die Stacheln verletzt war. Das waren mir lauter neue Bilder, nie hatte ich die Landschaft so gesehen; jedes überraschte mich, und doch war mir auch, als erkenne ich da etwas wieder. Aber wo hatte unsere Bekanntschaft begonnen? Umsonst tastete ich in der Erinnerung herum, in ihrem Zwielichte wollte sich keine Spur finden lassen. Da kam uns eine Gestalt entgegen, die von oben bis unten in ein großes weißes Tuch gegen die Sonnenstrahlen vermummt war. Die war wie eine Erscheinung aus der Bibel. Nun hatte ich es; so wie dieses Land hatte meine Kinderphantasie schon die Erzählungen des neuen Testamentes illustrirt gesehen. So willkürlich verzweigt und in den Weg gebogen hatte ich mir den Feigenbaum vorgestellt, so dichtbuschig und melancholisch den Oelbaum, so wild und weitrankig die wilde Rebe, so hoch und knorrig den Cactus, so stachlig und emporgeschossen die Aloe, so gewellt die Hügel, so schollig den Boden, so wie diese Straße den Weg von Nazareth über Sichem gegen Jerusalem. Der Drang meiner Gefährten wurde mir zu ungeduldig, jeder Schritt meines Pferdes zu schnell, überall wollte ich halten, weil mir jeder Busch, jeder Baum, hier der Einblick in ein Thal, dort der Ausblick von einem Berge hundert neue Erinnerungen der schönsten Zeit, der unbewußt glücklichen Kindheit weckte. So greift die ferne Vergangenheit über breite Zwischenräume weg in die Gegenwart herein, und wirkt belebend und wird zugleich belebt. Da erfährt man, wie werthvoll solch’ ein thatenreicher Boden ist, und wie von den Ländern dasselbe was von den Menschen gilt: interessant und ergiebig sind nur jene, die schwer an Erinnerungen tragen. Ich weiß nicht, ob alle Kinderphantasien sich Asien so vorstellen wie es die meinige gethan; wenn es wäre, dann würde es meine Behauptung bestätigen, daß die freie Einfalt des Kindes das Wahre meistens errathe.
Zweimal blickt das Auge zurück auf den Golf. Jedesmal, je höher wir gestiegen waren, ist das Bild größer und schöner. Dann fällt der Weg über zwei Berge in’s Thal von Brussa. Um halb 5 Uhr passirten wir den Nilufer, einen schmalen aber tiefen Fluß, der gegen Westen strömt. Sein sonderbarer Name, der so viel als Lotosblume bedeutet, ist ihm gewiß von jener griechischen Prinzessin geblieben, die Osman, der Gründer des heutigen Sultansgeschlechtes, von ihrem griechischen Hochzeitfeste weg seinem erst vierzehnjährigen Sohne Orchan raubte. Von der Blume selbst, die in ihm wachsen soll, fand ich keine, aber große gelbe Lilien, die aus dem Schilfe aufragen. Das Wasser war schmutzig von lehmiger Erde, welche die Strömung mitgerissen hatte.
Auf dem anderen Ufer rasteten wir; es war unseren Pferden nothwendig wie uns selbst. Die Hütte eines Wachtcorps war der Stationsplatz. Vier Pflöcke, ein Dach darauf und eine Wand gegen die Wetterseite genügen der Anspruchslosigkeit dieser Leute und der Milde des Klima’s, um sie gegen seine Unbilden zu schützen. Mehr als mit Bequemlichkeiten waren sie mit Waffen versehen. Die vier Soldaten hatten ein ganzes Bataillon von Pistolen und Säbeln in ihren Gürteln stecken. Uns zeigten sie nur die freundlichen Seiten ihres Amtes und ihres Charakters; Strohschemel, Kaffeeschalen, Nargilehs und Kirschen brachten sie uns so viel sie hatten. Nur Zucker und Brod fehlten ihrem Haushalte und unserem Mahle. Dafür war das Wasser um so köstlicher und der Hunger, welchen wir den ganzen Tag über gesammelt hatten, um so begieriger. Genährt und gestärkt stiegen wir wieder auf die Pferde zu dem Ritte, der immer noch zwei Stunden dauerte.
Die Landschaft wechselt das Aussehen. Oben auf den Bergen hatte ich beinahe nur Arbutus, den Erdbeerstrauch, gefunden und den nur an einzelnen Stellen zur Höhe von Bäumen aufgeschossen, aber überall so dicht, daß seitab vom Wege nicht durchzudringen war. Unten im Thale stehen Pappeln, Platanen, zahme Kastanien, Terebinthen und Ahorn in feste Gruppen gesammelt und einzeln über die Wiesen zerstreut. Wo das Gras fehlt, da decken beinahe noch grüner und saftiger die Maulbeerbaumfelder den Boden. Diese Felder sind auf’s sorgsamste gepflegt, die Stöcke gleichmäßig weit von einander gepflanzt, dazwischen alle Unkräuter ausgejätet, damit den Bäumchen nichts von der Kraft des Bodens absorbirt werde. Da man sie sehr nieder und alle gleich hoch hält, fließen ihre Säfte in die Blätter, und sehen die Felder von oben und aus der Entfernung betrachtet wie gesunde, von der Sonne beglänzte Wiesenmatten aus. Wo ein Bauernhaus stand, da saß auch der Friede mit einigen Storchennestern auf dem Dache; ich zählte auf einem einzigen nicht weniger als eilf Nester mit siebzehn Störchen. Keiner kümmerte sich um uns, und so auch jene nicht, die auf den Wiesen und Feldern herumstolzirten. Sie müssen sich bei dem hiesigen Volke heilig wie die Katzen bei den alten Egyptiern wissen. Es kann dort solcher Vierbeiner kaum mehr als hier dieser Einbeiner gegeben haben.
Zwei Karavanen überholten wir, jede wohl von 50–70 Kameelen. Mit leichten Ketten und starken Stricken ist eines an das andere gebunden, ab und zu ein Esel dazwischen, weil sie ihm williger folgen. Ein paar Führer leiten und bewachen den langen schwer beladenen Zug. Gravitätisch und mit großen Schritten, die an den Gang der Störche erinnern, und im gleichgemessenen Heben und Senken des Rückens ziehen diese sonderbaren Thiere ihre Straße dahin, gleichgiltig für jedes Rechts und Links, nur immer geradeaus blickend. Dabei ist ihr Auge nicht todt, nicht glanzlos, es ist mehr, als sei ihnen Alles, was sie umgibt, verächtlich, als wüßten sie das einzig Berücksichtigungswürdige in sich selbst.
Es verräth eine Episode aus der Geschichte der türkischen Volkswirthschaft, daß das erste Geldmaß seinen Namen von der Kameellast entlehnte. Juk, die Last, hieß die Summe, mit welcher anfänglich gerechnet ward. So gibt das, was einem Volke in seiner Beschäftigung das Wichtigste ist, auch dem Tauschgeschäfte den ersten Namen. Pecus, das Rindvieh, der pecunia der römischen Hirten.
Immer fand ich, daß sich zwischen dem Menschen und seinen zumeist gebrauchten Hausthieren eine gewisse Aehnlichkeit bilde, nie aber sah ich die auffallender, als hier zwischen den Kameelen und seinem Landsmanne ausgeprägt. Beide haben dieselbe Ruhe der äußeren Erscheinung und dieselbe Erregbarkeit der inneren Empfindung; beide sind unterwürfig ihrem Schicksale und folgsam den Sclavendiensten, wenn sie ihnen ihre Bestimmung auferlegt hat; daher denn auch das Verständniß und die treue Anhänglichkeit, die sie einander zeigen. Der Mensch und das Thier sind nicht so scharf geschieden, als dies die wissenschaftliche Definition beweisen will. Ja den ersten Zeiten unserer Culturentwicklung, da unser Hochmuth noch weniger eingebildet und unser Instinkt noch freier ist, tritt das klar zu Tage, und hält es Niemand für nothwendig, Zweifel daran zu legen, um die menschliche Würde zu erhöhen.