Es waren dieses die ersten Kameele gewesen, die ich anders sah, als man sie bei uns gewöhnlich der Merkwürdigkeit halber zeigt. Wer sich erinnert, wie oft ihm irgend eine Kleinigkeit, die er aber sonst nur aus der Ferne und so gewissermaßen respectvoll gegen Entrée hatte anstaunen können, in dem Augenblicke, wenn sie als alltägliche Gewöhnlichkeit an ihn herangetreten ist, auch alle die Phantasien lebendig gemacht hat, die er früher daran geknüpft hatte, der wird es begreifen, daß ich mich nun vollends in die Wirklichkeit jener Dichtungen versetzt fühlte, die ich über den Orient gelesen und gedacht habe. Lange noch blickte ich vom Pferde nach dem gleichförmig schleichenden Zuge zurück, der sich wie eine Schlange über die Hügel wand. Erst ein neues Bild vor mir lenkte meine Aufmerksamkeit davon ab. Unter ungeheuren Platanen waren um einen schönen Brunnen bunte Gestalten bei heiteren Spielen versammelt. Griechische Jünglinge übten einen Tanz; Armenierinnen wiegten sich in Schaukeln, die sie von einem Baume zum anderen gespannt hatten; türkische Frauen saßen auf ihren Teppichen zuschauend dabei, ihre Kinder balgten sich; ein Caffeegi bot seine kleinen Schalen und großen Pfeifen aus; Zuckerbäcker hatten ihre tragbaren dreifüßigen Tische aufgestellt; reichgeschirrte Pferde wurden herumgeführt und vergoldete Arabats harrten, um ihre Herrschaften wieder nach der Stadt zurück zu fahren.
Wir waren Brussa nahe gekommen. Die Vegetation wurde noch reicher, und die Bäume noch höher und dichter; oben schließen sich ihre Kronen zu festen Gewölben, und unten verengen ihre Zweige den Durchlaß; darum und dazwischen sind wilde Reben, Nachtschatten und andere mir unbekannte Schlingpflanzen in wuchernder Fülle geschlungen, und Brennessel drohen daraus mit mehr als mannshohen Stauden hervor, daß jede Abweichung vom Pfade in die Felder hinein unmöglich oder doch gefährlich ist. Ueber diese natürlichen Hecken strecken wieder Feigenbäume ihre großblätterigen Aeste in die Straße, an denen die Früchte schon Farben der Reife angesetzt haben, und Granatblüthen leuchten mit glühendem Roth in all’ das Wirrniß und Dunkel herein. So dicht und schattig ist das, daß man den Abend schon gekommen glauben könnte, erschiene nicht auf den Hängen der Berge noch das Licht der Sonne; die erheben sich vor uns langgezogen und himmelanstrebend, wie nur irgend eine Kette der Alpen. Das ist der asiatische Olymp, nicht ein Berg, ein Gebirge, das vom Marmora-Meere bis zum schwarzen Meere reicht. Mit einer geraden Linie schließt es vor uns gegen Süden die Ebene unmittelbar aus der Thalsohle aufwachsend, an seinem Fuße grün und frisch wie das Thal selbst, auf seinem Haupte weiß wie das älteste Alter. In großen Feldern liegt dort noch der Schnee des Winters. Die Stadt Brussa steht unten auf dem Fuße dieses Riesen wie bewacht, aber auch wie bedroht, so im Laube verborgen, daß man ihr sehr nahe kommen muß, um mehr als einige Kuppeln und Minarete von ihr zu erspähen. Der Ueberfluß, der unbändigbar aus diesem wunderkräftigen Boden sprießt, scheint ihr über den Kopf gewachsen zu sein. Grüner als den Olymp und das Thal von Brussa habe ich keine Gegend, auch das höchste Alpenthal nicht gesehen; dabei ist es nicht jene einförmige Farbe, die in unseren Ländern den Maler so oft in Verzweiflung bringt. Vom hellsten Gold bis zum dunkelsten Schwarz steigt es in zarten Mischungen alle Abstufungen hinauf; der Schnee der Alpen und die Sonne des Südens sind zugleich Gevatter an seiner Wiege gestanden, und reicher und schöner ist kein anderes Kind beschenkt worden. Nur wer Brussa gesehen, weiß was die Erde leisten kann. Ein Regenbogen stand über dieses Paradies ausgespannt, als wir darein einzogen, das würdige Thor zu solcher Herrlichkeit. Immer glaubte ich das Beiwort „unbeschreiblich“ ein Bequemlichkeitspolster der Faulheit; jetzt, da ich Brussa gesehen, gestehe ich ihm seine Berechtigung zu. Die lebhaftesten Farben in die schönsten Contouren gelegt, und das Bild, das sich die Phantasie gemalt, wird doch arm neben der Wirklichkeit erscheinen, wie sie hier ist.
Es war 7 Uhr, als wir vor dem Hôtel d’Olympe von unseren Pferden stiegen. Der Gasthof ist gleich hinter der westlichen Vorstadt in einem der ersten Häuser eingerichtet. Er steht auf dem Abhange des Berges, der nur durch die schmale Straße unterbrochen von ihm wieder tiefer in das Thal hinabfällt. Das liegt bis zur gegenüberstehenden Kette des Katerlü-Gebirges überschaubar vor unseren Fenstern ausgebreitet. Die Zimmer sind rein, sogar europäischer Verwöhnung genügsam; der österreichische Consul, Herr Falkeisen, hat sie uns bestellt.
Beim Diner, das nach 8 Uhr genommen wurde, sahen wir, daß der Gasthof noch andere Fremde beherberge. Eine französische Familie fiel mir auf, weil sich Mann und Frau trotz zweier schon ziemlich erwachsener Kinder noch immer Zeichen einer jugendfrischen Liebe erwiesen. Man nannte mir den Namen des Vaters und erläuterte dazu, er sei ein Ingenieur in dem Dienste und in der besonderen Gunst des Sultans, der hierher zur Berathung des kaiserlichen Commissärs, Achmed Veffick Effendi, gesandt worden. Von diesem allgewaltigen Beherrscher dieser Provinz war zwischen den Tischgästen so viel die Rede, daß meine Neugierde bald noch mehr zu hören begehrte.
Besteigung des Olymp.
Brussa, den 24. Mai.
Es war noch völlige Nacht als wir aufstanden; die Pferde ließen warten. In der Stadt regte sich kaum einiges Leben. Wir ritten durch sie über einen Gießbach, der in einer tiefen Felsschlucht vom Olymp dem Thale zufließt. Gleich hinter den letzten Häusern steigt der Weg steil an und wird immer steiler. Der dichte Reichthum dieses üppigen Bodens, Platanen, Eichen, Maulbeer-, Nuß- und Kastanienbäume beschatten ihn. Männliche und weibliche Cypressen, oft beide einander nahe wie zu ehelichem Bunde, bringen mit ihrer dunkleren Farbe Wechsel in das hellere Grün des Laubes. Darunter sprießen in wundervoller Farbenpracht Anemonen, Hyacinthen und Tulpen, und Quellen geben dem geblümten Boden Frische und Kraft, wie das Blut sie dem menschlichen Körper gibt. Wo sie aus der Erde herauswollen und nicht sollen, weil sie weiter geleitet sind, da beweisen Steine, die schützend über die offene Stelle gelegt sind, die Achtung des Türken für dieses Leben gebende Element.
Nach beinahe zweistündigem Ritte hatten wir das erste Plateau erstiegen. Blumen fanden wir dort noch mehr und schönere als im Thale unten. Die großen Bäume schrumpfen immer mehr in niedere Sträuche zusammen; die Zwergeiche, früher nur vereinzelt, füllt jetzt beinahe ausschließlich das Feld. Die Kastanie kömmt nur noch in seltenen Büschen vor und auch an diesen sind die Blätter kleiner und in der Entwicklung zurück. Allmälig geschieht diese Wandlung an allem Laubholze, bis es ganz ausbleibt und Nadelholz an seine Stelle tritt; selbst auf solcher Höhe zeigt sich an diesem der Einfluß der wärmeren Sonne. Die Tanne und Fichte ist reicher bezweigt und jeder Zweig reicher mit Nadeln besteckt, so daß die Bäume voller und weicher als die des deutschen Waldes erscheinen. Inzwischen ist der Weg an einzelnen Stellen sogar gefährlich geworden, weil sich zu seiner Rechten ein steiler Abgrund in eine Schlucht senkt, die der Ebene zustrebt mit demselben Goldgrün gefüllt, das auch uns umgab, und das den Blick erfreut soweit er das Land überschauen kann. Getrennt durch solche Schluchten stützen herausspringende kleinere Berge, wie die Strebepfeiler an den gothischen Domen, den Hauptstock des Olymp’s, als müßten sie den Koloß vom Ausweichen und Ausgleiten nach der Stadt, die sich vertrauensvoll zu seinen Füßen gebettet, zurückhalten.
Mit der höheren Höhe war auch die Aussicht gewachsen. Schon sahen wir ziemlich das Beste, was der Olymp überhaupt sehen läßt. Im Westen die silberglänzende Fläche des Apollonia-See’s mit einer größern und einer kleinern Insel darauf. Der Spiegel des See’s schließt nach dieser Richtung den Horizont. Im Nordwesten über dem Katerlü-Gebirge den Golf von Mudania, welchen im Osten die Arganthonischen Berge von dem Busen von Ismid trennen, bis sie mit Bos-burun in die offene See fallen, welche darüber hinaus in zarten Düften lag. Die Ferne war überhaupt durch die Schleier, wie sie sich nach den ersten Stunden des Sonnenaufgangs bilden, unkenntlich. So auch ahnte ich mehr den nikomedischen Golf, als daß ich behaupten dürfte, ihn gesehen zu haben. Brussa selbst, das während des Aufsteigens lange und oft mit seinen malerischen Formen und Farben, wie die unterste der Berglilien, womit wir die Höhen des Olymp geschmückt fanden, sichtbar ist, Brussa war und blieb nunmehr dem Auge verborgen. Wir ritten in eine eigenthümliche Welt, in ein wahres Schattenreich der abgestorbenen Natur ein. Lemuren starrten uns von allen Seiten an und streckten uns die kahlen grauen Aeste lebloser Stämme entgegen; Laub und Rinde waren ihnen abgefallen, nur die knochigen Körper aufrecht geblieben. Ganze Wälder umgaben uns in dieser skeletartigen Gestalt. Ein Brand, der vor einigen Jahren durch drei Wochen den Olymp verheert hatte, hat sie so zugerichtet. Abstechend und unvermittelt, so wie das Leben überall neben dem Tode steht, blühten unter diesen saftlosen Gespenstern ganze Felder von Stiefmütterchen, so weit verbreitet und so blau gefärbt, daß es wie Wolkenschatten auf den Abhängen des Berges lag. Die Asche der Bäume hatte die natürliche Zeugungskraft des Bodens noch gemehrt; die Zerstörung des Einen war das Leben des Andern geworden. Es ist derselbe Vertilgungskampf, der auch die Menschenwelt durchzieht. Alles wird und ist nur durch den Tod des Gewesenen. Wie sollte da der Egoismus nicht der vorlauteste Trieb unseres Willens sein?
Nach der dritten Stunde kamen wir auf eine ebene Wiese. Zwergtannen, Zwergkiefern begannen den Boden zu überziehen, aber immer noch wuchsen auch baumhohe Nadelhölzer dazwischen. Durch ihre Zweige schimmerte von nahen Höhen der Schnee herab; Felsen stellen sich in den Weg, der eben weiter geht. Da thut sich plötzlich eine Gruppe von Bäumen, die uns aufgenommen hatte, auf, und eingerahmt von riesigen Föhren, hinter einem kleinen Tümpel und einem großen Steinfelde, zeigt sich überwältigend nahe die langgezogene, in Schnee erstarrte Kette der obersten Gipfel des Olymp’s. Schöner als von diesem Punkte aus sahen wir sie nicht wieder. Der Vordergrund, der vom Wasser, von den Steinblöcken, von den Tannen und Büschen vielfältig belebt ist, gestaltet im Contraste mit der ruhigen Einförmigkeit des gewaltigen Hintergrundes das Bild zu einem der außerordentlichsten und stimmungsvollsten.