Was Olymp heißt, ist nicht eine Bergspitze, sondern ein starker Gebirgsstock, ein Nebeneinander von Bergen. Keiner hat steile spitze Formen. Von diesem Plateau aus gesehen schwingen sie sich von rechts nach links, d. i. von Nordwest gegen Südost in sechs Rundbogen; dann steigt eine langsame aber beinahe gerade Linie zur obersten Höhe. Auf der anderen Seite fällt sie in einen tief und scharf eingeschnittenen Sattel, und wächst zu einer zweiten aber weniger hohen Kuppe empor. Die Fortsetzung des Zuges verschwindet im Osten hinter niedrigeren aber vorliegenden Höhen. Das der Umriß des Berges. Sein Körper fällt von den beiden obersten Gipfeln in einen großen Kessel hinab, den nur ein niederer Rücken von dem Thale trennt, in dem wir ritten. Schnee lag schon auf jenem Rücken, füllte den Kessel ganz und bedeckte weiter hinauf bis zu den Spitzen den Berg so dicht, daß der Wind, der doch dort ungehemmt genug ist, das Erdreich nirgends hatte zu Tage kehren können. Es ist dieselbe ungeheure weiße Wüste wie auf unseren deutschen Alpen, und wie dort empfand ich auch hier dasselbe Gefühl der Befremdung, des Losgelöstseins von allem irdischen Verbande. Ist man so hoch, dem Himmel wirklich näher, oder ist es nur die freiere Luft, die uns die Sorgen vergessen und in der Vergessenheit einen Vorgeschmack des Jenseits kosten macht? Fremd scheinen sich hier oben übrigens auch die Eingebornen des Landes zu fühlen. Keiner von denen, die mit uns waren, wollte sich zu dem Wagniß hergeben, mich höher hinauf zu führen. Der noch allzutiefe Schnee war der Grund ihrer Weigerung; diesem ungewohnten Elemente gegenüber sind sie ängstlich wie Kinder vor ungekannten Gespenstern. Mir, der an unsere Alpen gewöhnt ist, imponirte dieses Hinderniß nicht und schien die weitere Besteigung leicht möglich. Strebsamer als die Anderen, die auf einem großen Felsblocke gelagert blieben, versuchte ich sie. Nur durch Felsen und Zwergkiefern manchmal aufgehalten und zu Umgehungen genöthigt, im Ganzen aber leichter als bei der Ersteigung unserer Berge ging ich eine Stunde, die mich eine weite Strecke aufwärts förderte. Der letzte Stock des Olymp’s mit den zwei Gipfeln stieg aus der letzten Thalsohle vor mir auf. Ueber Schneefelder, die von buntfarbigen Blumen umkränzt waren, drang ich zu ihm vorwärts, dann wieder hinauf, als mir der Wind schwache Flintenschüsse zutrug, die die Besorgniß meiner Freunde mir nachgesandt hatte. Auch Gewitterwolken, die aus dem Innern Asiens kamen, mahnten zur Umkehr. So mußte ich denn auch das, wie so manches Andere, vor dem letzten Schritte zum Erfolge aufgeben, resignirt zwar, aber doch nicht ohne eine Wolke von Verstimmung. Der Schweiß lastet schwer in der Erinnerung, wenn er an unfertige Arbeiten vergeudet worden ist.
Wie hoch ich gewesen und wie hoch der Olymp sei? Ich wage keine Zahl zu behaupten, weil ich auf den Karten und in den Handbüchern zu verschiedene angegeben finde. Vergleiche ich ihn mit anderen Bergen und lasse ich bei dieser Messung nicht außer Rechnung, daß das Thal von Brussa dem Meere nahe und nicht viel über dessen Fläche liegt, so werde ich 8000 Fuß rathen. Viel darüber oder darunter erhebt er sich gewiß nicht. Daß ihm bei einer verhältnißmäßig so niederen Höhe unter so warmer Sonne der Schnee fortwährend wie auf unseren kälteren Alpen liegen bleibt, ist eine Naturerscheinung, die mich schon bei dem Taygetus überrascht hat. Es müssen da Factoren unabhängig von jeder Sonne bestimmend sein.
Um 2 Uhr traten wir den Rückweg an. Bevölkert wie das Thal von Brussa mit Störchen und Nachtigallen ist, sind es seine Berge mit Adlern. In Schaaren kreisten sie über unseren Häuptern und ließen sich nahebei auf die Büsche und Bäume nieder. Den Zeus hat der Unglaube und die Weisheit einer anderen Zeit von seinem olympischen Göttersitze herabgestürzt, aber seinen Lieblingsvogel, den königlichen Adler, konnten sie nicht von dieser heiligen Stätte vertreiben. Einen Versuch das zu thun, strafte uns der Olympier mit drohender Donnerstimme. Es kam nicht mehr zu einem zweiten Schusse. Aber so ist der Mensch, immer undankbar; dem Gotte, der uns Sonne und Licht in solchem Ueberflusse gegeben hatte, daß seine besondere Gunst nicht zu verkennen war, wollten wir eines seiner Thiere rauben.
Die Lichter und Schatten des Abends schmückten die Gegend noch schöner als sie es des Morgens gewesen war. In ihrem Anblicke wurde das Gefährliche des Hinabsteigens vergessen. An den abschüssigsten Stellen gingen wir aber doch zu Fuße und führten die Pferde. Vom letzten Plateau geleitete man uns einen anderen Weg durch eine andere Schlucht zur Stadt hinab. Wir kamen über eine große Wiese, wo sich Kinder und Frauen, darunter viele Negerinnen, alle in den buntfarbigen, faltenreichen Kleidern des Orients, in der Kühle frischer Quellen und im Schatten mächtiger Platanen mit allerlei Scherzen ergötzten. Es war ein Bild, in seinen Farben, Tönen und Gestalten wieder ganz jenen Eindrücken der Bibel verwandt, und wir selbst, die wir in Schleier und Mantel gehüllt, mit Blumen aufgeputzt den steilen Zickzack des Berges hinabzogen, paßten ganz wohl hinein.
Die Stadt betraten wir an ihrem östlichsten Ende. Sie ist dort noch ein weites Trümmerfeld, in das sie das Erdbeben vom Jahre 1855 verwandelt hat. Achmed Veffick Effendi arbeitet seit einigen Monaten eifrig am Wiederaufbaue. Die Straßen sollen breit und gerade und canalisirt werden, wie nur irgendwo im civilisirten Europa. Um 8 Uhr kehrten wir in unseren Gasthof zurück. Die Wanderung auf den Olymp ist nicht immer so sicher und gefahrlos gewesen, wie sie es uns heute war. In den Zeiten des Kaisers Augustus hausten organisirte Räuberbanden in seinen Wäldern; es kam damals so weit, daß sie sich feste Plätze darin bauten und als beherrschende Zwingherren über das niedere Land auftraten. Kleon, einer dieser Räuberhauptleute, war, durch Geschenke gewonnen, der Verbündete des Antonius, bis er das Glück sich von dem ehemaligen Lieblinge der wankelmüthigen Göttin abwenden sah und im aktischen Kriege den Augustus gegen den Antonius unterstützte. Das machte ihn dann vom Räuber zum Fürsten avanciren, ein Sprung, den die Geschichte so oft glücken gesehen, daß der trennende Graben nicht allzu breit sein kann. Glaubt man unseren Journalen, so herrscht auch jetzt noch im Olymp dieselbe Gewaltherrschaft, die die türkische Regierung dulde, weil sie keine Mittel finde, ihr zu wehren. Das ist unwahr oder doch übertrieben. Das Unrecht und die Gesetzlosigkeit wird sich ab und zu in diesen weitläufigen Bergen festsetzen, wie es darin zu Römerzeiten saß, als diese Länder doch übermäßig bevölkert und die Träger einer ausgebildeten Cultur waren, und wie es mitten in unseren civilisirten Städten am Herde der polizeilichen Oriflamme sitzt; aber unangefochten, geduldet, den Verkehr der Geschäfts- oder Vergnügungsreisenden hemmend, lassen es die Türken nicht.
Brussa, den 26. Mai.
Kein Regen mehr, der die Nacht über gefallen war; aber immer noch Wolken, die den Himmel trüben und die Sonne bergen. Ich blieb und ging den ganzen Tag allein. Im Westen der Stadt, eine halbe Stunde vor ihr, liegt der Ort Tschekirdsche inmitten uralter Platanen, Cypressen und Feigenbäume, hoch von einer Stufe des Berges das ganze Land überschauend. Heilkräftige Schwefelquellen entspringen dort in Menge; Bad ist an Bad mit massiven steinernen Kuppeln darüber gebaut. Bemerkenswerther aber ist die Moschee Murad I. Auch jetzt noch, wo sie beinahe eine Ruine und — schlimmer als das — vom Ungeschmacke der Menschen mit Tünche und Farbe entstellt ist, wirken ihre zierlichen Spitzbogen und das Massive des Ganzen im dichten Grün der Platanen auf das gefälligste. Von dem Minarete rief eben der Muezzin zum Gebete. Auf der Terrasse, die davor ist, waren einige wilde Hunde in festen Schlaf und einige Türken in stummes Schauen versunken. Von Ost nach West hatten sie das ganze Thal vor sich ausgebreitet, die Kuppeln kleiner Gräber im unmittelbaren Vordergrunde, einige davon geborsten, alle aber zugleich vom Wetter altersgebräunt und vom Epheu jugendgrün gefärbt. Mich zog’s noch weiter, auch in ungebahnte Wege, in Felder hinein, die von Maulbeer- und Feigenbäumen umgrenzt und durchschnitten, am prächtigsten aber durch Granatbäume geziert sind. Glühenderes Roth in zarterem Grün läßt die Natur an keinem anderen Stamme blühen. Von einem, der besonders reich damit gesegnet war, brach ich so viele Zweige, bis der Kopf meines Strohhutes mit rothen Blumen umflochten war. Scheu und mich umschauend, ob Niemand den Raub bemerkte, hatte ich es gethan und dann mich unter dem Baume niedergeworfen um zu ruhen, zu zeichnen, zu lesen und selbst zu schreiben. Halb in die Arbeit, halb in unthätiges Schauen nach den Wolkenschatten, die hell und dunkel wechselnd über die Fläche des Thales und die Felsenhänge des gegenüberliegenden Katerlü-Gebirges zogen, versunken, fühlte ich mich plötzlich berührt, geweckt. Erschrocken, wie man es durch jedes Unerwartete ist, fuhr ich auf. Ein kleiner Türkenjunge stand vor mir. Mit treuherzigen Augen bot er mir einen Strohschemel zu bequemerem Ausruhen an. Nahebei, hinter den Bäumen und durch sie mir verborgen, war ein Tschiflick, ein Bauernhof. Der Eigenthümer, ein rüstiger Greis, groß und ziemlich wohlbeleibt, in einen gelbseidenen Kaftan gekleidet, war herausgekommen und hatte mich bemerkt. Ich sah ihn in den Büschen stehen, eine Gestalt, so würdig und einladend, wie der alte Abraham, da er im Haine Mamre vor seiner Hütte die drei Männer zu Gaste empfängt. Der Knabe hatte gefunden, daß mir noch ein zweiter Sessel für meine Bücher und Schreibmaterialien nothwendig sei. Ich belohnte seine Gefälligkeit mit einigem Zuckerwerke, das ich gegen plötzlichen Hungerüberfall eingesteckt hatte. Erstaunt sah er mich und dann den Großvater an — denn das konnte der alte Mann von dem Kinde nur sein — und lief dann zu diesem, um ihm das Geschenk zu zeigen. Jetzt erst rührte sich der Alte und trat mir näher um zu danken. Indeß ich weiter schrieb, nahm er das Buch, worin ich gelesen hatte, zur Hand und blätterte darin. Es war der dritte Band der Denkwürdigkeiten und Erinnerungen aus dem Orient des Freiherrn von Prokesch. Nach einer Weile, da ich eben wieder sinnend auf das Land blickte, frug er mich, ob darinnen etwas von dem Kriege stehe, der in Europa geführt werde. So hatte mich denn die unglückselige Schleswig-Holsteinische Frage auf dem Olympe wieder eingeholt.
Ich habe seitdem gehört, daß Erkundigungen nach den politischen Dingen die gewöhnlichen Gespräche der Eingeborenen mit den Franken sind. Sie halten jeden Europäer für vorzüglich zur Politik berufen, vielleicht daß sie von der Sündfluth unserer Zeitungen gehört haben. Mein Alter wollte noch verschiedenes über den Krieg mit den Dänen wissen, zuletzt auch, ob dieser Krieg nicht der Türkei Schaden bringen könne. „Wie wäre das möglich, da ihr Türken doch gar nichts damit zu thun habt?“ „Nun, weil es doch schon vorgekommen ist, daß ein Dritter ganz Unbetheiligter die Zeche für zwei Streitende zahlen mußte.“ Wie klug von dem unwissenden Manne und wie nahe vielleicht sogar in diesem Falle der Wahrheit!
Nachmittags begegnete ich dem Aquarellmaler Pretiozi, der aus Pera hier ist, um Studien zu einem Album von Kleinasien zu sammeln, wie er die von Constantinopel und Kairo in Farbendruck publicirt hat. Die Straße, in der wir uns trafen, ist durch das Grün, das zu beiden Seiten dicht und hoch wie Mauern steht, ein wahrer Hohlweg; darüber schließen sich mächtige Baumkronen zusammen. Uns entgegen auf einem Esel kam eine Türkin, den Kopf in den weißen Jaschmack vermummt, daß nur die schwarzen Augen sichtbar waren, den Körper in einen hellblauen Mantel, den Feredje, gewickelt, vor sich auf dem Halse des Esels ein gesundes aber zart gefärbtes Kind und zu beiden Seiten in zwei Körben zwei kräftige Buben. Ihre Köpfe guckten neugierig aus den Nestern wie junge Störche hervor, und das Mädchen, das die Frau an ihrer Brust hielt, streckte uns ein Mohnblumenbouquet entgegen, so groß, daß es nur beide Händchen halten konnten. Entzückt blieb der Künstler stehen, und rief der Frau zu das Gleiche zu thun. Ohne Erstaunen, gleichmüthig und gutwillig, wie Alles, Wort und Geberde, bei diesem Volke ist, that sie es. In wenigen Minuten war das Bild fertig, eines der glücklichsten, wie es der Meister selbst lobt, das ihm seit Wochen gelungen. „Die Flucht nach Aegypten“ würde ich es nennen, wenn ich ihm für eine Gemälde-Ausstellung den Namen finden sollte. Solche Begebnisse nenne ich die guten Einfälle des Schicksals; sie geben uns mehr, als alles mühsame Suchen.
Auf dem Rückwege hielt mich das Grab eines Türken lange auf. Es ist an die Außenwand einer verfallenen Moschee gelehnt und ein Lorbeerbaum wächst aus seinem Hügel empor, so hoch und mächtig, daß er die geborstene Kuppel der Djami überragt und ihre stürzende Mauer auf die Seite drängt. Ein Schwarm lustiger Singvögel nistet in seinen Zweigen, und flog über meinem Kopfe zwitschernd ab und zu. Wie mich das packte, gleich bei dem ersten Blicke, die ganze Bedeutung dieses Bildes, das menschliche und natürliche Kräfte in vereintem Bemühen gestaltet haben; die Ruhe, die da herum war und die leisen Stimmen der Vögel, die sie noch merkbarer machten. Was erst nur blitzartig geweckte, nebelhafte Empfindung war, festigte sich in der Betrachtung zu klaren Gedanken. Ja, ich verstand es dieses Gedicht ohne Worte, das der größte aller Meister, die unbefangen zeugende, die absichtslos waltende Natur hier erschaffen. Verkörpert, wie auch die Sprache ihre besten Gedanken in Bildern gibt, spricht es eines der ernstesten, der entschiedensten Gesetze unseres Weltendaseins aus: daß aus der Verwesung sich das Leben mäste, um selbst wieder die Speise neuer Existenzen zu werden; daß Alles hinfällig und sterblich sei, und daß doch nichts zu sein aufhöre. Es ist nur ein ewiges Auf und Nieder des Werdens, ein endloser Proceß der Wiedererzeugung, in den die Dinge dieser Welt geordnet sind; es ist nicht das Vernichtungs-, es ist nur das Zerstörungsprincip, das sie regiert. Im Grunde lebt alles einmal Geborene ewig fort, und der Gedanke wie die Blume, die vor tausend Jahren blühten, sind heute in der einen oder anderen Form immer noch vorhanden. Der Vielen so schwer faßbare und als übernatürlich verworfene Begriff der Auferstehung spricht also nur ein einfaches und allgemein giltiges Naturgesetz aus. Darum durfte denn auch dieser Lorbeer, das Zeichen der Unsterblichkeit, in das, was wir den Tod nennen, seine Wurzeln heften. Beschattend und beschützend, wie er seine Zweige über dieses Grab breitet, schwebt der Glaube an ihn und seine Bedeutung über allem Ringen und Leiden der Sterblichen. Da ihr Staub und sein Stamm fortdauert, kann das, was belebend und beseelend, kann der Geist nicht endlich sein. Auch der Türke scheint dieses reizende Spiel der Natur als ein bedeutungsvolles Denkmal zu erkennen; ein vergoldetes Gitter ist um den Baum und das Grab gezogen.