Den 26. Nachts.
Wir unterbrachen Abends, als wir durch die Gassen der Stadt heimkehrten, einen grimmigen Kampf. Schon heute Morgens hatte ich auf meinen einsamen Spaziergängen erfahren, daß der hiesige wilde Hund unfreundlicher und feindseliger, als der von Constantinopel ist. Mit so energischen Anfällen hatten sie mir den Einlaß in Nebengassen verwehrt, daß ich, nachdem sich mein weißer Sonnenschirm als zu schwache Waffe erwiesen hatte, den Rückzug antreten mußte. Ich bezog damals diese übelwollende Gesinnung auf meine fremdartige Kleidung, nun aber sah ich Abends, daß sich diese Stimmung auch gegen Türkisches äußert. Ein junger Türke war mit zwei Kameraden gegen die Mauer eines Thorweges gelehnt gewesen. Ohne Veranlassung, so wenigstens erklärte er nachher, sprang ihm einer dieser Hunde an die Brust. Nur weil er sich gleich über den Hund auf den Boden warf, und die Zähne des Thieres sich in den Stickereien der Jacke verbissen, entging er schweren Verwundungen. So fanden wir die Scene, den Rest des Hundeschwarmes mit wüthendem Bellen gegen die beiden anderen Burschen gestellt, daß sie ihrem Genossen keine Hilfe bringen konnten. Das thaten erst mit schnellem Erfolge die großen Peitschen meiner Freunde, die sie zu solchem Zwecke mit sich führen; von den Pferden aus trafen sie rechts und links die Meute, auch den böswilligsten, der sich mit dem jungen Menschen auf der Erde wälzte, so kräftig, daß sie heulend die Flucht ergriffen und nur aus gesicherter Ferne einen Stillstand und entrüstete Drohung wagten. Der Bursche war bleich und zitternd; so kurz der Kampf, war er doch so erbittert gewesen, daß er alle Kräfte des nicht schwächlich aussehenden Mannes erschöpft hatte. Wir suchten ihn mit einigen Piastern zu trösten und trugen seinen Freunden auf, das Uebrige zu thun.
Dieser wilde Hund ist eine ebenso eigenthümliche als häßliche und widrige Beigabe der türkischen Länder. In den Städten kömmt er besonders zahlreich vor, weil ihm die vielen Abfälle der Haushaltungen bequemen Lebensunterhalt gewähren. Einer gleicht dem Andern an Gestalt, wie an Charakter; alle sind mager, daß ihnen die Knochen hervorstehen, haben struppiges blondgelbes Haar, die Augen scheu und kriechend, ohne einen Blick jener Treuherzigkeit, der sonst die Anhänglichkeit des Hundes sprichwörtlich gemacht, und jene faule langsame Gangart mit geducktem Rücken und eingekniffenem Schwanze, welche Jean Paul’s Feldprediger Schmelzle für ein gesetzlich festzustellendes Zeichen der Wuth erklärt. Aus dem Wege gehen sie nur, wenn er ihnen auf energische Weise gewiesen wird; sonst lassen sie Fußgänger und Reiter über sich steigen, vergelten aber jeden unvorsichtigen Tritt mit unwirrschem Knurren, auch wohl mit einem bösgemeinten Bisse. Um mit ihren vielen Geschlechtsgenossen verträglich und in Frieden zu leben, haben sie in den Städten, ganz ähnlich den civilisirten Menschen, ihre angeborene Freiheit gewissen Beschränkungen unterworfen. Genau begrenzte Viertel haben ihre eigenen Bürger, ihre Hunderechte und Hundepflichten; dort kennt und duldet sich jeder Einheimische, aber jeder Fremde wird dafür auch viribus unitis hinausgebissen. Mag ihn nun Hunger oder Liebessehnsucht in das fremde Gebiet geführt haben, rücksichtslos ruft das Bellen des Ersten, der den Uebertreter bemerkt hat, die ganze Gemeindegenossenschaft zusammen und hat die ihn einmal umstellt, dann gibt es nur eilige Flucht mit zerrissenem Felle oder jämmerlichen Untergang auf einem blutigen und lärmenden Schlachtfelde. Ich habe manche solcher Scenen gesehen, die wahrhaft furchtbar waren. Daß solch ein Uebel ertragen werde, hat seine Ursache in der Achtung des Türken für den Buchstaben seines Religionsbuches. So hat jedes, auch das edelste Bestreben neben seinen guten seine schlimmen Folgen. Der Koran lehrt die Gleichberechtigung des Thieres, und befiehlt die Achtung seiner Rechte; das ist schön und gewiß auch richtig im Principe, und in einigen Fällen, wie bei den Singvögeln, die hier unbelästigt und genußbringend leben, wohlthätig selbst in seiner buchstäblichen Erfüllung; in anderen aber, wie eben bei den Hunden, zeigt sich, daß die Theorie, wenn sie sich in das Extrem verliert, zum Uebel werden kann. Um ihm in Constantinopel abzuhelfen, wo es die Klagen der anders gewöhnten Europäer am grellsten erscheinen lassen, schlug man wiederholt vor, alle dortigen wilden Hunde auf eine Insel zu deportiren, die man ihnen zu ausschließlichem Besitze überlassen würde. Das würde freilich den Ausgewiesenen ein baldiges Ende bereiten — sie könnten sich nur selbst auffressen — nicht aber der Hundefrage von Constantinopel. Der Duft seines Gassenunrathes würde bald wieder neue Bewohner in die entvölkerte Stadt aus der Umgebung hereinlocken. Auch ist der Vorschlag nie ernstlich in Ausführung genommen worden; vielleicht versucht dasselbe einmal ein anderer, mehr civilisatorischer, auf das Wohlergehen der Hunde selbst gerichteter. Die Cultur, die alle Welt beleckt, muß sich doch endlich auch auf die türkischen Straßenhunde erstrecken.
Brussa, den 27. Mai.
Ueber die Geschichte der Stadt finde ich nur Weniges aufgezeichnet. Ihr Alter ist nicht so hoch als das der meisten anderen Städte auf diesem ehrwürdigen Boden, den die Sage schon die Geburt der Menschheit sehen läßt. Erst Hannibal hat sie gegründet, also 200 Jahre vor Chr.; so erzählt Plinius, der sie später als römischer Statthalter verwaltete. Wo heute die Ruinen der Burg die Stadt überschauend und beherrschend stehen, baute sich der Punier vielleicht jenes Schloß, von dem uns Cornelius Nepos schon in der ersten Lateinschule erzählt, daß es auf allen Seiten Ausgänge gehabt, damit dem Verfolgten die weitere Flucht offen bliebe, wenn das geschehe, was dann wirklich geschah. Den Römern war sie nach dem Falle des Mithridatischen Reiches eine gehorsame Provincialstadt. 259 Jahre nach Chr. wurde sie von den Gothen, die vom schwarzen Meere und von der Donau gekommen waren, geplündert und verwüstet, ein Loos, das ihr 941 die Perser wieder bereiteten. Größere Bedeutung aber erhält sie erst durch ihre heutigen Besitzer, als sie die erste Residenz des Osmanischen Reiches ward. Aus ihren Thoren führten die sieben ersten Sultane jene Raubzüge nach dem erstaunten Europa, welche die Christenheit wie Wetterstrahle trafen, und hieher kehrten die Sieger lebendig oder todt zurück, bis der achte des Geschlechtes, Mohammed II., sich und seinen Nachfolgern die stolzeren Gräber auf den byzantinischen Kaiserhügeln bereitete.
Was diese Männer ihrem Glauben an Moscheen und die Nachkommen ihrem Andenken an Grabmälern gebaut, das besuchten wir heute. Da die Stadt, die zwar nicht breit, stundenlang um den Fuß des Berges gezogen ist, und diese Bauten weit auseinander liegen, beschlossen wir, ihnen ausschließlich den ganzen Tag zu widmen und den Umgang zu Pferde zu machen.
Auf schroffen Felswänden erhebt, oder wahrer erhob sich — denn seit dem letzten Erdbeben stehen nur noch Ruinen dort, — das feste Schloß, die Akropolis von Brussa. Mauern und Felsen sind in der jahrhundertalten Verbindung ein Körper geworden; der Epheu hat sie von oben bis unten überzogen, und die Wunden der Zeit und der Gewalt mit seinem heilenden Grün geschlossen. Wo ein Stein aus der senkrechten Neigung vorspringt, da sind Gärten darauf angelegt, da blüht die Rose und der Lorbeer und reifen Nüsse und Feigen. Vor dem Berge und fest um ihn geschlungen sind die Häuser der Stadt, und hinter ihm setzt sich der Olymp fort, aus dem er wie eine Altane zum bequemen Ueberblicke des Thales vorgeschoben ist. Zu allen Zeiten, auch da die Gebäude dort oben noch nicht so malerisch verfallen waren, muß dieser Schloßberg das charakteristische Merkmal der Gegend gewesen sein. Bei der Ankunft und bei jedem Ausgange hatte ich ihn besonders neugierig in’s Auge gefaßt, und so ritten wir denn auch heute zuerst zu ihm hinauf. Oben ruhen die beiden ersten Sultane, Osman und Orchan. Durch alte Thore und Mauern, die aus den Resten einer älteren Zeit gebaut sind, kamen wir auf die Stätte, die ihre Gebeine begraben hält. Bis zum Jahre 1855 stand eine byzantinische Kirche darüber; das Erdbeben hat sie so vollständig niedergeworfen, daß auch nicht eine Mauer, keine Säule mehr aufrecht steht. Der Boden aber ist mit Bruchstücken von Porphyr, Verde antico, Marmor in allen Farben, auch mit Mosaiken so übermäßig und unordentlich bedeckt, daß man sich in der Wildniß eines Steinbruches glauben könnte. Bei näherer Besichtigung fand ich an manchem Blocke den Schmuck zierlicher Sculpturen und beinahe an allen Säulenknäufen das Kreuz in die Zierathen geflochten. So hatten sie sogar hier, wo sie doch die ersten und am höchsten verehrten Fürsten ihres Stammes begruben, das Zeichen eines anderen Glaubens unberührt gelassen! Ich frage die Leute, die in Europa über die Unduldsamkeit der Türken schreien, ob sie, wenn es ihnen glückte, in Moscheen die Messe zu lesen und Predigten zu declamiren, den Halbmond und die Tuhgra so unverletzt lassen würden? Ich sage nicht, daß es der Respect sei, der das Kreuzeszeichen so lange erhalten hat; aber daß der Türke nicht eine Verpflichtung seiner Religion darin erkennt, es zu vernichten, scheint mir des Lobenswerthen genug.
Zwischen den Trümmern fand ich eine Menge offener Gräber. Sie müssen ehemals in dem Fußboden der Kirche gelegen haben. Alle sind türkische. Die Construction, die ich genau untersuchte, ist einfach eine Gruft ganz in der Gestalt und Größe unseres Sarges aus Ziegeln in die Erde gemauert, in den Fugen sorgfältig verschmiert und mit einer Lage Tünche ausgefüttert. Aus dem Boden ragt nur der Deckel hervor. Erst über diesen unansehnlichen Bau ist das Holzgerüste gestellt, das ähnlich unseren Katafalken auch mit der Macht und der Bedeutung des Verstorbenen wächst. Solche Gerüste sind denn auch über den Gräbern Osmans und Orchans aufgeschlagen, die einzigen der vielen, die man aus dem Schutte wiederhergestellt hat. Ob man dabei wirklich die Rechten gewählt, wird dem Zweifler freilich zweifelhaft erscheinen können; den Gläubigen aber — und für diesen sind solche Orte doch zumeist bestimmt — überzeugt das Gebotene und befriedigt diese Ueberzeugung. Die Tempel, die man darüber an Stelle der kirchlichen Wölbungen errichtet hat, sind ärmlich und geschmacklos. Aus Brettern und in antiken Formen aufgeführt, beleidigen sie durch den Widerspruch des Materials und der Gestalt. Reicher ist der Eindruck ihres Innern. Es ist rein gehalten und mit den kostbarsten Teppichen belegt. An dem Turban Osmans, der so wie er ihn zu Lebzeiten trug an dem Kopfende seines Katafalkes geschlungen ist, hat der jetzige Sultan, als er kurze Zeit nach seinem Regierungsantritte, im Frühjahre 1862, Brussa besuchte, den Osmanije-Orden, welchen er eben erst gestiftet hatte, aufgehängt. Es muß der plötzliche Einfall eines begeisterten Augenblicks gewesen sein, denn er mußte den Orden, weil kein anderer zur Hand war, von der Brust seines Großveziers, Fuad Pascha, entlehnen. Ich erinnere mich, daß die europäische Journalistik, die für alles Türkische nur Verachtung hat, diese That damals mit ihren Witzen begleitete. Und doch, was war sie anderes, als was wir täglich thun, ein Zeichen der Treue und Dankbarkeit und ein Beweis zugleich, daß die Vergangenheit unserem Leben nicht weniger als die Gegenwart ist. Wo aber ist das Volk, — denn in solchen Fragen zählt nur die Menge, nicht der Einzelne, — das entartet genug wäre, in solchem Cultus ein Zeichen geistiger Schwäche zu sehen?
Auf dem engen Platze vor den Mauern, die diese Grabstätten umschließen, arbeiteten Sträflinge an der Grabung von Canälen; lauter junge Bursche, eifersüchtige Liebe soll die meisten zum Verbrechen verleitet haben. Trotz der Ketten und Kugeln, die an ihren Füßen hängen, schienen sie lebensmuthig und rührig. Sie drängten sich zu, uns die Pferde zu halten, von denen wir abgestiegen waren, und diesen Dienst und schlechte byzantinische Münzen, die sie ausgegraben hatten, mit einigen Piastern vergelten zu lassen; die Aufseher, menschenfreundlicher als ihre Pflicht, ließen das lächelnd zu. In den Kastellmauern, zwischen denen wir weiter ritten, erkannte ich wohl eine Menge römischer Reste, Säulenschäfte und Knäufe, auch Friese auf das unbarmherzigste verwendet, aber nirgends römische Arbeit; Vieles ist sogar erst aus türkischer Zeit, denn der saracenische Spitzbogen steht oft über dem byzantinischen Rundbogen.