Unter dem, was man uns zeigte, gefielen mir Gebetsteppiche aus Kameelhaaren gewoben, mit Arabesken und Schriftzügen in Seide, Gold und Silber bestickt. Als Vorhänge vor Thüren und Fenster und als Divanüberwürfe müßten sie sich, wenn nur erst einmal eingeführt, in der das Fremdartige so sehr liebenden eleganten Welt unserer Salons schnell einen Markt gewinnen. Ich sah sie heute zum ersten Male; der Orientale braucht sie für seine Reisen. Er breitet sie über den nackten Boden um darauf zu den gebotenen Stunden, wo es auch sei, seine Gebetsübungen zu verrichten, und Nachts, wenn ihm nichts besseres wird, zu schlafen. Die Preise stiegen mit dem Werthe der Stickerei von 100 bis zu 500 Piastern. Halbseidenstoffe, schwere für Möbel-Ueberzüge und Tapeten, leichte für Frauenkleider, darunter jene wunderbar feinen, welche wohl die koischen Stoffe der Alten vorstellten und die heute unter dem Namen Brussa-Gaze zu Frauenhemden verwendet werden, waren nur in geringen Mengen vorhanden. Die Dessins sind beinahe bei allen Gattungen Streife; bei den Möbelstoffen meistens rothe und weiße oder rothe und perlgraue, auch braune, nicht schöner als man sie in Europa fabricirt, wenn schon abgestumpfter in den Farben. Der Preis für den Pick, der etwas über 2 Wiener Fuße hält, ist 12 bis 22 und 24 Piaster. Die Kleiderstoffe gefielen mir besonders in blaßgelber Grundfarbe mit leicht lilafarbigen schmalen Streifen, kleine Blumen darinnen, der Pick 15 bis 17 Piaster. Diese Stoffe sind weit geschmackvoller als irgend etwas, das Lyoner Fabriken unseren Weibern auf den Leib hängen und auch ihre Dauerhaftigkeit möchte ich höher schätzen. Ebenso sind die gazeartigen Hemdstoffe von einer Feinheit, Weichheit, Durchsichtigkeit bei aller Dichtigkeit, wie unsere Maschinen das nie produciren werden. Ohne sie zu vergleichen weiß ich diesen letzteren an Originalität des Aussehens nur die bekannten Crêpes de Chine an die Seite zu setzen. Beide sind gewiß Gewebe von einer uralten vieltausendjährigen Erfindung, die unverändert immer fortgetragen werden. Und dasselbe ist bei den Baumwollstoffen der Fall, den eigenthümlichen wie behaarten Handtüchern, Badetüchern und Bademänteln, mit denen sich die Haut so schnell und so weich abtrocknen läßt. Selbst hierher an die Quelle liefert England Nachahmungen davon. Auf den europäischen Markt hat es damit diesen türkischen Geschmack eigentlich erst eingeführt; aber die englischen Tücher werden steif und spröde schon nach der ersten Wäsche, während die türkischen dadurch nur weicher und schmiegsamer werden.

Zu den Fabriken machte Nachmittags ein Franzose, Monsieur Dufour, meinen Führer. Ich möchte den Mann, der sich mir äußerst gefällig erweist, den Mäcenas der Seidenwürmer nennen. Ohne jeden Zwang als den seiner Liebhaberei, hat er diesen Thieren sein ganzes Leben gewidmet. Jahre und jetzt noch immer jährlich einige Monate bringt er hier zu, um in dem Versuchshofe, den er ihnen gebaut und eingerichtet hat, ihre Charakter- und Geschmacks-Eigenthümlichkeiten zu studiren und zu pflegen. Zweck und Vortheil sind ihm dabei nur die Vermehrung seiner Kenntnisse, und in zweiter Instanz die Belehrung seiner südfranzösischen Landsleute. Das letztere hat er durch mehrere Brochüren, die gedruckt erschienen sind, versucht, und wirklich schon so viel erreicht, daß in den Gegenden des südlichen Frankreichs, wo die Seidenproduction zumeist betrieben wird, die Brussaer Züchtungsweise des Maulbeerbaumes und der Seidenraupe Berücksichtigung und Nachahmung auch in den untern Volksklassen gefunden hat. Die gelehrten Gesellschaften und Akademien haben beinahe alle nach langen Zweifeln und Discussionen seine Rathschläge acceptirt und ihn zu ihrem Mitgliede ernannt. Die letzte seiner Schriften hat der Kaiser Napoleon mit der goldenen Medaille ausgezeichnet; sie heißt: Appendice aux observations pratiques faites en Orient sur la maladie actuelle des vers à soie pendant les années 1857, 1858 et 1859 par Mr. B. Dufour, Paris, und verdiente sehr auch von unseren österreichischen Seidenzüchtern gelesen zu werden.

Der Weg nach dem Stadttheile, wo die meisten Seidenfabriken stehen, ist von unserem Gasthofe ziemlich derselbe, wie der auf das Schloß. Hinter diesem, im Westen der Stadt, sind sie in einer Schlucht des Olympes zusammengedrängt. Das Thal wie die Gebäude erinnerten mich an einige Industrieorte des Schwarzwaldes, nur daß hier die Farben lebhaft und bunt sind, während dort Alles einförmiges Dunkel ist. Aber die Werkstätten hängen wie in Tryberg an den Thalwänden übereinander, und sind drei, vier Stockwerke hoch aus bloßen Holz- und Riegelmauern aufgeführt.

Wir besuchten zuerst die Seidenmühle des Herrn Marschall, eines der größeren Etablissements. Der Eigenthümer, ein Franzose, erschien alsbald, um auf die artigste Weise selbst den ganzen Proceß seines Gewerbes zu erklären. Er haspelt die Seide von den Cocons ab und richtet sie zu, um nach Marseille für die französische Weberei ausgeführt zu werden. Dampf und Maschinen helfen ihm dabei wie nur in irgend einer unserer Fabriken. Als Arbeiter beschäftigt er nur Frauen und, was mich nicht wenig überraschte, meistens türkische. Sie arbeiteten ohne Schleier, verhüllten sich aber hastig, als sie uns Männer gewahr wurden. Ich ließ ihnen dazu einige Minuten, die ich zögernd am Eingange verweilte; die armen Leute, denen es gewiß schon Opfer genug ist, entgegen ihrer bisherigen Gewohnheit in fremden Häusern zu dienen, sollten nicht zu einer weiteren Verletzung ihres Gefühles gedrängt werden. Einige andere Herren mutheten dem Eigenthümer zu, seine Befehlshabermacht und die Abhängigkeit der armen Arbeiterinnen zu gebrauchen, um ihren lüsternen Augen den Anblick der enthüllten Schönheiten zu verschaffen. Das war wohl, damit ich die Art der europäischen Civilisation nicht vergesse. Herr Marschall that, als habe er in dem Gespräche mit mir seine Ohren ganz an meine Reden verloren. Er lobte mir den Fleiß und die Brauchbarkeit dieser türkischen Arbeiterinnen sehr. Die meisten sind jung, doch auch solche von 40 bis 50 Jahren sind dabei. Der erste Einfall, Türkinnen in den Fabriken zu verwenden, kam ihm, als die Armenierinnen und Griechinnen mit dem Entstehen neuer Filaturen ihre Lohnforderungen übertrieben. Anfangs habe er damit viele Mühe gehabt. Es war, was er vorschlug, ein solcher Einbruch in die alte Gewohnheit, welche die Frau in der Gemeinschaft mit ihren Glaubensgenossen und in den Geschäften des eigenen Hauswesens begrenzt, daß auch die emsigste Ueberredung nicht, erst das Beispiel dem Vorschlage Proselyten gewinnen konnte; das lockte denn auch mehr und mehrere, die ihre Nachbarinnen täglich Gelder heimbringen sahen, wie sie ihnen nur für die ganze Woche zur Verfügung standen. Waren die ersten langsam und spärlich gekommen, so bieten sich heute mehr an als zu brauchen sind. Auch ihre Arbeit war anfangs keine gute; sie stellten sich ungeschickt und selbst unwillig an. Aber die Geduld der französischen Lehrmeisterinnen und Aufseherinnen überwand dieses Widerstreben und jetzt, wo jede Anfängerin so viele geübte Genossinnen findet, bringt sie wie anderwärts den Ehrgeiz mit, es ihren Vorgängerinnen gleich zu thun. Die Arbeit ist fleißig und ordentlich geworden, und ihr Product nennt Herr Marschall reinlich und gleichmäßig, und so war wirklich die Seide, die er uns in seinen Vorrathskammern zeigte. Auch die Arbeitslocale fand ich sauber und die Luft darin bis auf den unvermeidlichen Leimgeruch gut. Der Tagelohn steht heute, wie sie finden, nieder, 4 bis 5 Piaster, steigt aber bis zu 10 Piaster. Des Vergleiches halber stelle ich daneben einige Lohnsätze der Baseler Seidenfabriken, die in Europa als außerordentlich niedrige gelten: Einer Weberin wird dort 2 Frcs. bis 2 Frcs. 30 Cents. für den Tag, einer Zettlerin 7 bis 8 Frcs. für die Woche, untergeordnetern Arbeitern auch nur 4½ bis 5 Frcs. wöchentlich gegeben.

Die allgemeinen Folgen dieser Verwendung türkischer Weiber im Fabriksbetriebe schildern mir Herr Dufour und Herr Marschall als sehr wohlthätige und weitreichende. Sie haben zugleich die wirthschaftliche Lage und die sociale Stellung der Frau gehoben; das Weib, das sonst nur durch seine Besorgung des Hauswesens galt, gilt jetzt der Familie auch durch den selbständigen und eigenthümlichen Erwerb, den es von außen in die gemeinschaftliche Casse beisteuert. Das erste Verdienst konnte der Mann übersehen, weil der Egoismus der Gewohnheit überhaupt geneigt ist, die Werthschätzung für die täglich wiederkehrenden Dienste zu verlieren; das zweite aber kam ihm so unerwartet, so ganz außer der pflichtigen Ordnung, und kommt ihm jeden Tag in so klingender Gestalt wieder, daß er dafür dem Weibe eine erkenntlichere Dankbarkeit zollen muß. Bis jetzt sind diese Vortheile ohne die Nachtheile geblieben, welche wir sonst beinahe überall der Etablirung von Fabriken folgen sehen, so daß man sich bei uns schon den Trost der Unvermeidlichkeit dafür zurecht gelegt hat. Noch ist die türkische Arbeiterfamilie nicht auseinander gerissen, nicht haus- und besitzlos und verloren in den Interessen eines hungernden Proletarier-Haufens, und die Frau kehrt noch nach den Arbeitsstunden in die Abgeschlossenheit und Sittenstrenge des Harems statt in die Ausgelassenheit und Lüderlichkeit des Branntweinhauses zurück. In einigen Gegenden der Schweizer und Schwarzwälder Berge habe ich das Fabriksleben ähnlich gestaltet gesehen. Erhält sich das, so haben Herr Marschall und seine Gewerbsgenossen mehr für die Befestigung und Weiterbildung der Türkei gethan, als alle europäischen Congresse und Journale, die endlich doch nur einem noch ungewohnten Magen die überfeinerten Speisen ihres Tisches zumutheten. Auf diesen Wegen, auf denen der Arbeit und des Erwerbes, liegt die Umgestaltung des türkischen Volkes, wo sie überhaupt nothwendig ist; und es ist falsch zu behaupten, wie so Vieles, das sich Europa einbildet, daß der Koran diesen Zielen entgegenstehe. Der Koran verbietet so wenig die Arbeit und auch die industrielle nicht, daß er vielmehr vorschreibt, Jeder solle ein Gewerbe treiben und Glied einer Zunft sein. Und haben endlich nicht schon einmal die Araber durch den glänzendsten Betrieb der Gewerbe, Künste und Wissenschaften bewiesen, daß der Mohammedanismus kein Hinderniß zur Verwerthung der menschlichen Fähigkeiten sei? Was Europa von der Grundlage seiner heutigen Bildung nicht den Griechen und Römern zu danken hat, das schuldet es den Mohammedanern des Mittelalters. Da also der Glaube keine Schranke und das Vermögen im Volke vorhanden ist, warum soll ich zweifeln, daß die Türkei im Stande sein werde, auch gesteigertere Bedürfnisse als ihre heutigen zu befriedigen. Ob sie dann glücklicher, wenn sie ihr Leben an hundert neue Nothwendigkeiten festgebunden haben wird, ist eine andere Frage. Leider aber sehe ich ihr die Wahl nicht mehr frei, weil sie mit eingetreten ist in das Regiment der Civilisationsstaaten. Ganz dieselben Uniformen braucht sie nicht anzuziehen, aber die Ruhelosigkeit, das rücksichtslose Weiterdrängen muß jetzt auch ihre Gangart werden. Es geht den Staaten wie dem Einzelnen. Wer in eine jener modernen Gesellschaftsverbindungen eintritt, sei’s durch freien Entschluß des Willens oder durch die unvermeidliche Fügung der Geburt, kann diesen Zuwachs an Hilfe nur durch Aufopferung eines Theiles seiner Selbständigkeit erkaufen. Darum auch in unserer Zeit der Vereine so selten nur mehr originale und sonderbar angelegte Menschen. Das sind die Triumphe der freiheitlichen Gleichheit, die mit despotischem Riesenbügeleisen alle Falten nieder und glatt legt. Duldung, die sonst so viele Eigenthümlichkeiten aufwachsen ließ, gilt nur noch wie eines jener verlorenen Worte aus der Sprache des Nibelungenliedes. Es weiß wohl Jeder, daß es zur Geschichte gehört, aber verstanden wird es nur von den Wenigen, deren Blick rückwärts gerichtet ist auf die Vergangenheit. In den Epochen des Entstehens, des Werdens und Aufblühens ist das anders, da gilt der Einzelne und die Verschiedenheiten vertragen sich. Die Zeit der Civilisation, der Verbürgerlichung, ist die des Verfalles und ihr würdiges Staatskleid die constitutionelle Regierungsform, dieser Nothbehelf der Schwäche, wo die Quantität den Mangel der Qualität ersetzen soll. Nicht der jetzige Sultan und nicht Abdul Medschid, auch Mahmud nicht, der nur ein etwas voreiliges Werkzeug in der Hand des hereingebrochenen Verhängnisses war, hat diese Wahl für das Reich so entschieden; das geschah, als der Türkei die Kraft verloren ging, dem gesammten Europa die Stirne zu bieten. „Gegen mich oder mit mir!“ das ist die Losung der heutigen Civilisation, wie es die jeder übermächtigen, der persischen und der römischen gewesen war. Ein „ohne mich und außer mir!“ wird nicht geduldet. Und wirklich scheint es eines der Gesetze zu sein, welche von Anfang an die Ordnung der Welt bestimmt haben, daß Keiner, so lange er in der Gesellschaft steht, aus der Art seiner Mitlebenden heraustreten dürfe; die Sonderlinge, welche ihrer Zeit vorausgehen oder hinter ihr zurückbleiben wollten, wurden immer gekreuzigt und verbannt. Daher dann auch in den Tagen des äußersten Verfalles das Sehnen der Vielen, die sich edler, aber zu schwach zum Kampfe fühlen, nach Ruhe und Einsamkeit. Der enge Gipfel einer Säule wie die endlose Fläche einer Wüste können zum Paradiese werden, wenn die übrige Welt in eine Hölle der Laster und Verkehrtheit verwandelt ist.

Die nächste Seidenmühle, wohin man mich führte, war die des Herrn Prote. Der Arbeitssaal ist noch größer und besser eingerichtet als der der Marschall’schen Fabrik. Was irgendwie emancipirbar ist von der menschlichen Hand, besorgt auch hier der Dampf, und von dem übrigen ein gut Theil die Arbeit türkischer Frauen. Den Eigenthümer, der in Geschäftsangelegenheiten in Frankreich abwesend ist, ersetzte seine Gemahlin. Nachdem wir alle Räume der Fabrik besichtigt hatten, nöthigte sie uns in ihr Wohnhaus einzutreten. Die Frau, die dann für einige Minuten verschwand, um ihre Handwerkskleider gegen eine schlichte aber gut gewählte Toilette umzutauschen, war vor ungefähr 16 Jahren, als sie Herr Dufour hierher verpflanzte, noch eine simple Seidenspinnerin gewesen. Der Vortheil der Vorhand, denn sie und ihr Gatte waren unter den ersten französischen Ansiedlern, ausdauernder Fleiß, dankbare Anhänglichkeit an ihren Wohlthäter Herrn Dufour, und der klare Verstand, an dem ich mich lernend ergötzte, haben ihr und ihrem Manne das gegeben, was sie mir heute mit der behäbigen Zufriedenheit des selbstverdienten Besitzes zeigen konnte: ein großes einträgliches Unternehmen, ausgebreitete Handelsverbindungen, Grundbesitz, einen kleinen Garten und ein wohleingerichtetes Haus, wo sie uns in einem eleganten Salon mit frischem Obst, Cliquots und süßen Weinen bewirthete. Stolz, wie mir die Frau ihr gegenwärtiges Glück gezeigt hatte, sprach sie von ihrer ärmlichen Vergangenheit und daß sie immer noch wie damals dem Herrn Dufour allein die Erziehung der Seidenwürmer in seinem Versuchshofe besorge. Dorthin begleitete sie uns denn auch, um gemeinschaftlich mit Herrn Dufour den ganzen Proceß der Seidenraupenzucht, die Eigenthümlichkeiten der verschiedenen Racen und die Unterschiede der Brussaer Züchtungsmethode von der in Europa üblichen zu erklären.

Der erste Unterschied liegt beim Maulbeerbaume. In Europa benutzt man nur den zahmen. Man pfropft den Baum, und erst wenn man sein Blut so weit gebändigt hat, glaubt man seine Blätter diesen empfindlichen Thierchen verdaulich. Hier vertraut man dem wilden Sprößling der Natur, läßt ihn aber, wo er diesem Zwecke dienen soll, nicht zum Baume, nur zum Strauche aufwachsen. Die Zweige werden ihm früher abgebrochen, und das gerade, um sie den Seidenwürmern als Speise zu serviren. Diese Art der Speisung macht den zweiten Unterschied, denn in Europa servirt man den Seidenraupen nur die Blätter, die Stück für Stück von den Aesten gebrochen werden. Diese mühsame Arbeit thut der türkische Bauer für die Seidenraupen nur, so lange sie in ihrer zartesten Kindheit sind. In ihrem ersten Alter tischt er ihnen die Blätter losgelöst und in Bouquetten gebunden auf, in ihrem zweiten, stärkeren, schon an kleinen Zweigen, und in ihrem dritten, entwickelten, an ganzen Aesten; die legt er, je vier Stück in ein Quadrat geordnet, über einander und immer neue darauf, je mehr die Thiere die unteren entlauben und in die oberen hinaufsteigen. Zuletzt kann er die untersten, die nichts mehr als blätterlose Ruthen sind, leicht und ohne die Ruhe der oberen zu stören, unter dem Stoße wegnehmen. Das geschieht auf dem Boden der Zuchtanstalten, die nichts Besseres als die Speicher der Bauernhäuser sind, wie denn der Türke überhaupt eine Menge der Vorsichten, welche wir für diese Thiere unentbehrlich glauben, nicht beobachtet.

Man hat längst von dieser Art in Europa gewußt, aber nicht der Prüfung werth gehalten, ob sie nicht doch vielleicht eine andere Ursache als die Faulheit der Türken und eine andere Folge als die Verkümmerung der Thiere habe. Daß man die Blätter mühsam zusammenlese, erschien um so viel fleißiger, daß unsere ohnedies zur Ueberzeugung der Unübertrefflichkeit neigende Einbildung den besten Grund hatte, ihre Art ohne Weiteres für die beste zu halten. Man verurtheilte die Trägheit der türkischen Züchter und bedauerte die schlimme Lage der türkischen Raupen, um mit der Verdammung und dem Mitleiden die Sache auf die bequemste und selbstgefälligste Weise abzuthun. Auch Herr Dufour hat das nachtrompetet und noch Jahre lang, nachdem er an Ort und Stelle die Dinge anders gesehen. Ja er bemühte sich sogar, die Türken zu seiner Fütterungsweise zu bekehren, bis er plötzlich in seinem Versuchshofe die Seidenwürmer-Krankheit hatte, während sie um ihn herum bei den Bauern nicht war. Das machte ihn zuerst zweifelhaft an der Unfehlbarkeit seiner Züchtungsmethode. Er begann in seinem Versuchshofe Thiere auch nach der landesüblichen Fütterungsweise zu erziehen, und siehe da, er hatte die Beschämung, zu erfahren, daß von zwei Proben, die er hart nebeneinander aufstellte, diejenige krank wurde, welcher er die Blätter, und diejenige gesund blieb, welcher er die Zweige zum Fressen gegeben hatte. Das gefunden, suchte er diese Entdeckung durch die Proben einer Reihe von Jahren zu bewähren. Von den Seidenwürmern aller Seidenländer der Welt legte er je zwei Nester an, das eine um sie nach europäischer Weise ausschließlich durch Blätter, das andere um sie nach türkischer Art zumeist durch die belaubten Zweige des Maulbeerbaumes zu nähren. Heute noch sah ich das so eingerichtet, und an den meisten konnte er mir die Bestätigung seiner Entdeckung weisen. In dem einen krabbelten die Thiere beweglich und gesund in den belaubten Zweigen herum, während sie in dem andern träge und beinahe wie schon abgestorben auf den zweiglosen Blättern klebten.

Die Erklärung dafür ist ebenso leicht begriffen als gegeben. Der natürliche Zustand dieses Thieres ist der, sich wie jede andere Raupe an dem Baume selbst die Nahrung zu holen. Dazu muß es kriechen, muß von einem Blatte zum anderen sich bemühen, muß Bewegung machen. Diese Bemühung wird ihm erspart, wenn man ihm klein zugerichtet die Speise in Unmasse auftischt; es fehlt ihm dann aber auch die Veranlassung das Genossene zu verdauen und den Appetit zu neuem Genusse zu sammeln. Gefräßig, wie alles Thierische, füllt es, wenn nicht anders gezwungen, die Zeit nur mit dem Fressen aus und überfrißt sich. Der Schaden, den die Menge anstiftet, wird noch schlimmer durch den Zustand der Speise, der meistens ein verdorbener ist, weil die Blätter, die dicht auf einander liegen, leicht in Gährung übergehen. Das veranlaßt dann, wie es unter solchen Bedingungen auch dem Menschen nicht fehlen würde, eine indigestion de l’estomac, die hinwiederum in der Beharrlichkeit, in der sie erhalten wird, die Seidenwürmer-Krankheit erzeugt. So ist denn diese nicht durch das Klima, nicht durch eine üble Einrichtung der Zuchthäuser, nicht durch eine Erkrankung der Maulbeerbäume verschuldet, weil nirgends nachgewiesen ist, daß die Bäume von einer Krankheit befallen sind, sie ist — wie gezeigt — allmälig durch die Zähmung des Maulbeerbaumes und durch die Fütterung mit den bloßen Blättern, durch die Wahl und Art der Nahrung also verursacht und befestigt worden. Wo sich der Stoff einmal festgesetzt, da ist die Krankheit, wie das so oft bei zeugenden Organismen geschieht, eine erbliche geworden. Ansteckend hat sie Herr Dufour jedoch nicht gefunden. Die Krankheiten, welche auch in der Türkei während der Jahre 1857 und 1858 herrschten, hatten nach seinen genauen Beobachtungen keine Aehnlichkeit mit den europäischen.