Nicht nur die Machtbefugniß, auch der Verwaltungsbezirk dieses außerordentlichen Commissärs ist ein viel weiterer, als der des Pascha’s, der auf das eine Vilayet von Khodawendkjar beschränkt ist. Uebrigens ist auch dieses, das in acht Livas zerfällt, immer noch größer, als manches Königreich der antiken Weltordnung, denn es umfaßt zugleich das bithinische, misische und einen Theil des phrygischen Landes.
Brussa, das einmal die Hauptstadt des ganzen türkischen Reiches war, ist es von dieser Statthalterschaft geblieben. Betrachtet man die Stadt von oben und schätzt sie nach dem Maßstabe, den sich das Auge an dem Umfange unserer Städte gebildet, so wird man ihr eine Bevölkerung von weit über 100,000 Menschen zusprechen; verläßliche Mittheilungen geben mir nur 80,000 Einwohner an. Dieses eigenthümliche Verhältniß stellt sich bei allen orientalischen Städten so, weil nicht wie bei uns ein paar Dutzend Miethsleute zusammen in einem Hause wohnen, sondern jeder der Bewohner seiner eigenen Mauern ist und dabei gewöhnlich noch einen Fleck Gartenland besitzt. In den meisten Häusern leben daher nicht mehr als zwei bis fünf Personen; denn der Glaube, daß jeder Türke ein ganzes Balletcorps luftzufächelnder Sclavinnen um sich versammelt halte, ist eine von den vielen Fabeln, die man dem leichtgläubigen Europa aufgebunden hat. Um nur eine Sclavin im Hause halten zu können, muß der Mann wohlhabend sein; den Meisten ist eben wie bei uns ihr einziges Weib zugleich Gattin, Köchin, Dienerin und, was nicht das seltenste ist, Herrin. Denn auch das ist eine Fabel, was wir von der untergeordneten, leidenden Stellung der türkischen Frau glauben. In der ist sie so wenig gebunden, als es die Frau der antiken Welt war, und als dieses überhaupt bei irgend einer Frau möglich ist. Wo ist das Glied des weiblichen Geschlechtes, das sich auf die Dauer und in den Hauptsachen das Regiment im Hause aus der Hand nehmen ließe? und nun gar erst ein ganzes Volk von Weibern, das sich solcher Herrschaft unterwürfe! Der Gedanke ist so naturwidrig, und jeder sieht ihn so oft in seiner nächsten Nähe widerlegt, daß man wahrhaftig nicht erst hierher zu reisen braucht, um Zweifel gegen jene trübgefärbten Schilderungen der türkischen Frauenschicksale zu finden. Es sind da einige Capitel der gegenwärtigen wie der vergangenen Geschichte gefälscht worden, weil man wie so oft Aeußerlichkeiten für das Wesentliche, Symptome für die Sache selbst nahm. Weil die Frauen nicht anders als verschleiert außer dem Hause erscheinen dürfen, weil sie nicht Männer zum Besuche empfangen, nicht Diners, Soiréen, Bälle mit jungen und alten Herren mitmachen, überhaupt nicht mehr mit dem anderen als mit dem eigenen Geschlechte verkehren dürfen, hat man sie geknechtet, ihrer Menschenrechte beraubt und das Land, wo solche Sclaverei üblich, zumeist darum einen Schandflecken der Menschheit genannt. Harems und Nonnenklöster werden als die verschwisterten Feinde des Fortschrittes ausgerufen, und selbst der alten griechischen Republik das Prädicat der Freiheit bestritten, weil sie ihre Frauen in gleicher Knechtschaft abgesperrt hatte. So sehr ist die europäische Mildherzigkeit bemüht, ihre alleinseligmachenden Begriffe in die Weibergemächer aller Nationen zu übertragen! Daß das unerreichbar und, wenn es je erreicht würde, nur zum Uebel wäre, wird nicht geglaubt, weil sich der Eifer, der sich einmal tugendhaft proclamirt hat, auch für unfehlbar hält.
So wie die Türkin ist, hat sie in der gesellschaftlichen Ordnung den Platz inne, der für sie der richtige ist: mehr gebührt ihr nicht, und mehr wird das Weib im Oriente nie werden, wie seine dortige jahrtausendalte Geschichte beweist. Geknechtet, unglücklich ist sie darum nicht, ja ihre Rechte gehen in manchem weiter als die der europäischen Frau; jedenfalls thun das die Rücksichten, welche der Mann ihr erweist. Zu fragen, wenn er sie nicht zu Hause findet, wo sie hingegangen, oder in das Harem einzutreten, wenn er Schuhe vor der Thüre sieht und also Gäste darinnen weiß, wäre eine Beleidigung so außer aller Art, daß sie auch den Thäter entehren würde. Daß der Schleier zwischen die Frau und die fremde Männerwelt gehängt, ihr überhaupt der Verkehr mit dieser untersagt ist, das muß Jeder, der in dem Lande selbst gelebt hat, als eine nothwendige Vorsicht gegen die sinnlichere Entzündbarkeit des hiesigen Klima’s erkennen. Ohne nöthigenden Grund würde auch ein für beide Geschlechter so lästiger Zwang gewiß nicht durch Jahrtausende ertragen worden sein. Daß dieser Grund nicht die tyrannische Willkür der Männer und nicht der unwissende Sclavensinn der Frauen, auch nicht irgend eine Caprice der Religion, sondern eben eine Bedingung des anderen Himmelsstriches sei, das hätten selbst in ihren Studirstuben unsere Gelehrten entdecken können, wenn sie in den alten Büchern verzeichnet fanden, wie schon die Königin Vasthi die Trennung von ihrem Gatten, dem Könige Ahasveros, einer Verletzung der strengen Haremssitte, welche er begehrt hatte, vorzog, und wie dann Jahrtausende später im byzantinischen Constantinopel, wo das Christenthum seine eitelsten Pfauenräder schlug, das Eunuchenwesen dieselben Wächterdienste thun mußte, die es 500 Jahre vor Chr. am Hofe des persischen Königs Cambyses gethan hatte. Besondere Klöster bestanden in Aegypten, um gewerbsmäßig für die christliche Kaiserstadt die Knaben zu diesem Dienste zu entstellen und zu erziehen. Von ihr erst hat, als die Sultane griechische Prinzessinen heimführten, das mohammedanische Türkenvolk diese christliche Hofmode unter seine Gebräuche aufgenommen.
Was so zu verschiedenen Zeiten aber immer auf demselben Flecke gleich gestaltet erscheint, das kann nicht blos in einem Irrthume, das muß in einem berechtigteren Grunde seine Wurzeln haben. Und angemessen dieser natürlichen Begründung ist heute wieder das türkische Haus constituirt, wie es ehemals das babylonische und das persische und das griechische war. Das ist nicht so, wie man es sich in Europa vorstellt; das ist entsprechend den Verhältnissen und Bedürfnissen des so ganz anders gearteten Landes und Volkes, von denen die richtige Vorstellung uns erst an Ort und Stelle wird.
In Brussa übrigens fiel mir auf, daß die Frauen das Verhüllen vor dem fremden Manne noch weit strenger als in der Hauptstadt nehmen. Ich begegnete so häßlichen und alten Weibern, daß sich auch die selbstgefälligste Einbildung nicht mehr verführerisch glauben konnte, und doch setzten sie die Wasserkübel, die sie auf dem Kopfe trugen, nieder, um sich vor dem Fremden, den sie in der Abgelegenheit ihrer Gasse nicht erwartet hatten, mit einem Zipfel ihres Mantels, da ihnen der Schleier fehlte, zu verhüllen oder den Kopf in eine Ecke zu verstecken, weil sie zu schwach waren um davon zu laufen. Eine jämmerliche Alte, deren Lumpen nicht so weit reichten, um ihr auch das Antlitz zu verbergen, rührte mich in ihrer Verzweiflung, womit sie die beiden Arme davor faltete, so daß ich Kehrtum meinen Weg zurück ihr aus dem ihrigen ging. Ein Gebrauch, der sich so heftig ausspricht, ist mehr als die Affectation einer Modethorheit. Was die Erziehung angewöhnt hat, muß endlich ein Glaubenssatz des Gefühles geworden sein. Unnatürlich kann ich dabei nur den Versuch finden, es zu verletzen oder zu beleidigen.
Brussa, den 29. Mai.
Die 80.000 Einwohner Brussa’s sind zum weitaus größten Theile Türken; Griechen nur ungefähr 6000, Armenier 11.000 und Juden 3000. Die übrig bleibende Zahl der 60.000 beweist, daß es doch auch arbeitswillige und fähige Türken geben müsse, denn die große Menge der Güter, welche Brussa jährlich producirt und die seinen Bezirk zu einem der ergiebigsten des türkischen Reiches macht, kann nicht ganz ohne die Mithilfe jener überwiegenden Volkszahl gewonnen werden. Mannigfach sind die Producte, die es durch gewerbliche und landwirthschaftliche Thätigkeit hervorbringt, und aus den Häfen von Gemleck und Mudania ausführt. Auf dem Felde vor allem der Maulbeerbaum, um das Blatt und die Frucht zu verwerthen, 17.374 Wiener Joche sollen so nutzbar gemacht sein; die Rebe, die Olive, Kastanien; Nuß- und andere Obstbäume; Gemüse und in neuester Zeit auch die Baumwolle. Im Hause beschäftigt die Seidenproduction die meisten Hände, um die Raupen zu erziehen, die Cocons abzuhaspeln, die Rohseide zu zwirnen und zu verweben. Doch sind auch die Kräfte, welche in der Baumwollenproduction zur weiteren Verarbeitung des Rohstoffes thätig sind, keine geringen. Im vorigen Jahre führte es von all’ diesen Producten einen Werth von 108 Millionen Piaster aus, dem nur ein Einfuhrswerth europäischer Waaren von 38 Mill. Piaster gegenüber stand; also eine Handelsbilanz, die den herkömmlichen Begriffen unserer Nationalökonomie als eine außerordentliche Bereicherung des Landes erscheinen muß. Mir, dem auch ein Plus der Einfuhr nicht schädlich erscheint, weil ich glaube, daß es dem Lande nur Güter zuführe, die ihm — weil gekauft — nothwendiger sind als jene, welche es dafür bezahlt, mir erhalten diese Zahlen erst Bedeutung in einer Vergleichung mit denen der vorausgegangenen Jahre. Noch 1861 war die Ausfuhr nicht mehr als 49 Mill. Piaster und die Einfuhr 20 Mill. Piaster werth. In beiden Zweigen des Handels hat sich also der Verkehr innerhalb zweier Jahre geradezu verdoppelt. Das beweist eine Entwicklungsfähigkeit, die schneller und kräftiger als das Wachsthum irgend einer andern Volkswirthschaft, beinahe so, als sei auch sie von der wärmeren Sonne gezeitigt, fortschreitet.
Was Brussa’s Gewerbe produciren, besah ich heute Morgens in seinen Bazaren, und wie es arbeitet Nachmittags in seinen Fabriken. Der Besestan, denn so und nicht Bazar heißen eigentlich diese Verkaufshallen, muß ehemals um seiner selbst willen sehenswerth gewesen sein. Die wenigen Thorwege, die stehen geblieben sind, besonders ein ungewöhnlich hoher und breiter Spitzbogen, erzählen von der eingestürzten Herrlichkeit, denn auch hier hat das Erdbeben gewüthet. Wölbungen und Kuppeln sind jetzt aus Holz ersetzt; das sieht ärmlich und dunkel aus, weil durch die sparsamen Fenster nur dürftiges Licht einfällt. Zu beiden Seiten der langen bedeckten Gassen sitzen die Verkäufer mit untergeschlagenen Beinen auf niederen Ladentischen, ihre Waaren auf Gestellen an den Wänden hinter sich. In den Vierecken, welche durch die Kreuzungen der Gassen gebildet werden, sind Hane, d. h. Höfe von festen steinernen Gebäuden umschlossen, in welchen die Karavanen ihre Waaren ablagern, fremde Kaufleute wohnen und unten in den Laubgängen die einheimischen ihre Schreib- und Wechselstuben und ihre Magazine haben. Man führte mich in mehrere; in allen waren Armenier die Herren, die hier den Handel beinahe ganz in Händen haben. Man empfing uns artig, Kaffee und Sorbet wurden gleich gereicht, aber jedes Geschäft machte sich auf das langwierigste. Der Fremde wird zu übervortheilen gesucht; der Preis auf das ungebührlichste überfordert und dann schließlich, wenn man weggegangen ohne auch nur ein Stück zu kaufen, die Waare um die Hälfte und auch noch weniger in die nächste Bude oder in den Gasthof nachgetragen. Es ist das noch eine der primitivsten Handelsformen; für den Käufer ebenso lästig, als für den Verkäufer gewiß in vielen Fällen, wo er sich im Eifer unter den Preis des wahren Werthes hinabdrücken läßt, nachtheilig, und für beide verschwenderisch durch den Zeitverlust.