Ein alter Türke machte bei all’ dem meinen Führer. Nicht größer als ein Bube gewachsen, war ihm auch noch die Haut bis auf die Magerkeit der Knochen zusammengeschrumpft. Seine Pantomimik, mir alles deutlicher zu erklären, war ebenso komisch als bereitwillig. Was in unserer Zeichensprache ungefähr Rasiren bedeuten würde, das sollte bei ihm eine Frau vorstellen, d. h. die Schleier, mit denen sie sich das Gesicht unter den Augen verhüllt. So sind die Völker nicht nur durch die Sprachen der Zungen, auch durch die der Hände und Mienen verschieden. Die paar Piaster, womit ich ihn schließlich belohnte, nahm er mit so großem Danke auf, wie mir in Europa nie ein Trinkgeld vergolten worden ist. Die Genügsamkeit dieses Volkes hat ihr Rührendes und Angenehmes zugleich.
Fasse ich mit zurück- und überschauendem Blicke das Resultat meiner heutigen Wanderung durch die kaiserlichen Moscheen Brussa’s als ein Ganzes zusammen, so finde ich, daß ich zugleich auch einen Cursus durch die erste Periode der mohammedanischen Kunstgeschichte gemacht habe. Die Reihenfolge der Entwicklung, die sie repräsentiren, ist lückenlos und jede Moschee schon durch ihre eigene Eigenthümlichkeit, auch ohne den zeitbestimmenden Namen ihrer Erbauer, auf eine besondere Stufe gestellt. Ulu-Djami, die Große, knüpft beinahe unmittelbar an die ersten Anfänge an, wie sie zu Mekka in dem mit kleinen Kuppeln gedeckten Säulengange um die Kaaba gereiht stehen. Was dort freier Hof geblieben, ist hier mit einem Nebeneinander von Kuppeln gedeckt; ein Rest der ursprünglichen Anlage blieb in dem mittleren offenen Quadrate erhalten. Die Erfindung dieses Planes kann — da das erste, der hallenumfaßte Hof, einmal erfunden war, — keine große Mühe mehr gekostet haben. Was dadurch geschaffen ward, ist übrigens auch — wenigstens für meinen Geschmack — arm genug geworden. Ich kann an diesem einförmigen, sinnlosen Nebeneinander gleich großer und gleich gestalteter Kuppeln keinen Gefallen finden. Daß es nicht unberechtigt ist diese Verwandtschaft zu behaupten, beweist auch das Aeußere der Moschee; es gleicht ganz dem jener Höfe. Hohe nackte Wände nach allen Seiten und auf jeder, nur auf der gegen Osten gekehrten nicht, eine Eingangsthüre; kein Porticus vor der Hauptfronte, nirgends etwas Außerordentliches. Die zweite Stufe vertritt die Djami Bajasid I. mit ausgebildet saracenischen Formen. So ist wenigstens der Porticus gestaltet mit hohen schmalen Bogen, welche luftig und aufstrebend wirken trotz der lastenden Schwere des festen Baumaterials, das heller Marmor ist. Das Innere hat schon die byzantinische Kuppel aufgenommen; das, was heute so recht eigentlich die Form des mohammedanischen Kirchenthums ist, die breite und nieder gespannte Kuppel, hat es vom Christenthume entlehnt. Freier und selbstständiger ist dann dieses fremde Eigenthum in Jeschil-Djami verwendet worden. Ein eigener Styl hat sich aus dem fremden herausgebildet. Kuppel ist neben Kuppel gelegt, aber so, daß jede über einem auch in dem untern Bau besonders gestalteten Raume liegt, und daher im Eindrucke des Ganzen gleich ihre eigenthümliche Bedeutung erhält. Uebrigens wurde hier wieder der prachtvollen Ornamentirung, wie sie der reiche Orient seit je geliebt, freie Entfaltung gelassen. Auf der letzten Stufe, schon nach Europa die Hand hinüberreichend, steht die Muradje. In Venedig oder Florenz würde sie durch nichts Fremdartiges überraschen. Daß diese Wirkung von dort hierher nach Asien gereicht haben sollte, wie unsere Kunstgeschichte gewöhnlich annimmt, hat mir nichts wahrscheinliches. Es müßte entgegen aller sonstigen Bildungsströmung geschehen sein, die von Asien nach Europa ging.
Den späten Abend verbrachten wir in Burnabaschi — Quellenhaupt — einem der beliebtesten Vergnügungsorte des Brussaer Volkes. Er ist zwischen die Stadt und die Abhänge des Olymp eingeklemmt. Die Quelle ist so wasserreich, daß sie gleich beim Ursprunge das Bett eines ansehnlichen Baches füllt. In die Felswände, die darum emporsteigen, sind Bänke gehauen, die als auszeichnende Ehrenplätze zu gelten scheinen, denn kaum bemerkt wurden sie uns mit artigen Verbeugungen eingeräumt. Kaffee und Nargileh fehlten nicht lange und bald fühlten wir uns auf den steinernen Sitzen, das Wasser unter den Füßen, ganz heimlich. Nur die Kühle wurde in dem eingeengten Winkel, der auch den Tag über im Schatten bleibt, allzu fühlbar; draußen, wo sonst die Sonne waltet, sind grüne Wiesen und große Bäume darauf. Ein Kameel lagerte dort und bunte Menschengruppen waren darum zerstreut. Ein paar ernste Perser mit ihren hohen Pelzmützen und in der ganzen Besonderheit ihrer Nationaltracht gehörten unter die auffälligsten und schönsten Gestalten, die mir bisher im Oriente begegneten. Die Menschen sind es, die Burnabaschi seinen Reiz verleihen, denn um der Landschaft willen würde ich andere Puncte wählen. Gleich der Friedhof, über den wir dahin ritten, bietet in seiner Umgebung und in seiner Aussicht weit schöneres. Er liegt hinter der Stadt auf den Abhängen des Olymp’s. Zwischen ihm und dem Walde ist keine Mauer, die das Leben von dem Tode abzusperren versuchte; Gräber und Bäume umschlingen sich mit ihren Wurzeln und oben auf der Decke hat die Wildniß, die unter den mächtigen Cypressen den Boden überwuchert, an einzelnen Stellen den besondern Zweck dieses Erdenfleckes schon wieder ausgelöscht. Dieses Zurückgeben des Grabes in den freien Besitz der Natur ist wie das Zeugniß eines instinctiven Verstehens des Bundes, der zwischen allem Menschlichen und Natürlichen besteht. Schon das Begräbniß drückt ihn sichtbar aus, wie er unsichtbar und gefühlt, wenn auch nur selten begriffen, die ganze Lebenszeit über besteht. Was der Natur gehört, die Schlacken unseres Geistes, den irdischen Körper überläßt ihr der Orientale zu ungebundenem Walten. Danach ist die Ordnung seiner Friedhöfe bestellt, die wir oft beinahe feindselig gegen jeden Einfluß der Natur richten.
Als wir durch diesen schönen Hain ritten, war er leer. Nur auf einem Grabe saß ein Türke, ein Mann stark und in den besten Jahren, aber das Auge müde und alt; er sah und hörte uns nicht. Sein Ohr war wohl von Erinnerungen betäubt und sein Blick in die weite Ferne verloren. Ueber die Stadt weg, die unter den Bäumen geborgen zu seinen Füßen lag, und über das Thal, das schon die Schatten der Nacht deckten, nach den rothglühenden Felsengipfeln des Katerlü-Gebirges schien er hinzudringen. Ob er dort noch das letzte Leuchten der Sonne bemerkte, ob seinem umdüsterten Leben noch so viel Hoffenskraft geblieben war?
Brussa, den 28. Mai.
Ich beginne den Tag mit einem türkischen Bade, das ich in Kökürdli nehme. Die Quellen dort sind außerordentlich heiß, so daß man Eier darinnen siedet, und so schwefelhaltig, daß ich die Wände ihrer künstlichen und natürlichen Flußbetten mit gelben Krystallen überzogen und schon nach diesem einen Bade meine Haut und Wäsche schwefelig riechend fand. Es ist etwas ganz anderes das türkische Bad, als ich es nach den vielen überschwänglichen Beschreibungen erwartet hatte; System und Wesen dem russischen Dampfbade sehr ähnlich, von Pracht keine Spur, aber viel Bequemlichkeit und Reinlichkeit darinnen. Rein ist der große Saal, wo man sich entkleidet und nach dem Bade auf Betten ruht; rein sind die marmornen Badehallen und rein ist die Wäsche, die im Ueberflusse und in köstlicher Feinheit gereicht wird.
Ueberhaupt enthält der Vorwurf der Unreinlichkeit, den man dem Süden schon an der italienischen Grenze zu machen beginnt, ebenso viel Uebertriebenes als Unbilliges. Ohne Berücksichtigung der angebornen Eigenschaften dieser Himmelsstriche haben ihn nordländische Theoretiker, welche die ganze Welt über den Leisten ihrer Studierstube zu construiren versuchen, erfunden und so lange drucken lassen, bis ihn das ganze allem Gedruckten gläubige Europa unter seine Dogmen aufgenommen hat und nunmehr um so eifriger nachbetet, als der Schmutz, den man vor der Thüre des fremden Hauses zusammenkehrt, das eigene nur um so reiner erscheinen läßt. Daß eine Sonne, die in Feld und Wald die Blüthen und die Früchte schneller reifen und des Menschen Geist und Körper früher zeugungskräftig macht als die unserige, auf die Thierwelt nicht weniger wirksam, und daß diese Wirkung nicht blos auf Kameele, Pferde, Hunde, Krokodile, Schlangen beschränkt bleiben könne, daß sie das ganze große Geschlecht der kleinen Insecten, Mücken, Flöhe und leider auch Wanzen in ihrer Entwicklung und Vermehrung ebenso begünstigen müsse, sind so leichtgreifliche Folgen einer offenkundigen Ursache, daß sie gerade die europäische Gelehrsamkeit, die alles zu wissen behauptet, nicht hätte übersehen und damit einigermaßen erklären sollen, warum der Reisende in Italien und im Oriente mehr vom Ungeziefer heimgesucht werde als im Norden. Bei uns freilich lassen ihn Flöhe und Wanzen ungeschoren, weil das viel zu gescheidte Thiere sind, um sich gleich den Menschen die kostbaren und zu ihrer Existenz so nothwendigen Extremitäten erfrieren zu lassen; ehe es so schlimm wird, verbeißen sie sich in einen Commis voyageur und lassen sich bequem placirt über den Karst oder die Via mala nach dem Süden befördern. Wenn nun bei dem Baue und bei der Einrichtung des Hauses auch noch wie hier im Oriente viel Holz, Tapeten und Teppiche verwendet sind, so macht das diesen Thieren die südliche Existenz noch heimlicher, wärmer und furchtbarer. Bei solchen Umständen sie ganz ferne zu halten ist eine völlige Unmöglichkeit, an der ich die Versuche der propersten deutschen Hausfrauen scheitern sah. Darum aber zu behaupten, daß die Gewohnheiten der hiesigen Völker unreinlicher seien als die der Nordländer, ist ein Tadel, der ebenso unverdient trifft, als das Lob, welches die Tugend einer Frau rühmen will, die nie in Versuchung geführt worden ist. Auf dem Leibe glaube ich den Orientalen sogar reiner, und gerade der Mann der unteren Stände wird bei diesem Vergleiche mit seinem nordischen Genossen am meisten gewinnen. Von den Türken insbesondere kann ich wie Herodot von den alten Aegyptiern berichten, „daß sie es für höher achten rein zu sein als wohlanständig“, wenigstens als das, was unseren Begriffen gewöhnlich als anständig gilt. Denn in Stambul sah ich, wie an den öffentlichen Brunnen der Moscheen Hamale, Surugi’s und andere arme Leute dieser Volksclasse ihre Kleider ablegen und sich vom Kopfe bis zu den Füßen waschen. An dem Brunnen der prächtigen Suleimanije, der zu beiden Seiten der Djami einige Stufen tief aus den Marmormauern hervorquillt, fand ich so die sämmtlichen Pipen besetzt.
Bäder laden beinahe in jeder Gasse mit offenen Thüren ein und wo ich eintrat, traf ich Gäste darinnen. Das Herkommen hat diesen Brauch, wie auch bei uns so manchen, längst dem freien Willen entzogen; er unterliegt einem Zwange so gut als ein in gesetzlicher Form gebotener. Die öffentliche Badehalle aber dient Männern und Frauen als Zusammenkunftsort, wo man sich sieht, politischen und andern Tratsch betreibt, wie der Franzose im Salon, der Deutsche in seiner Ressource und der Italiener im Opernhause. Der Eintrittspreis ist, da die meisten wohlthätige Stiftungen sind, so wohlfeil, nicht mehr als einige Para’s, daß sich Jeder dieses Vergnügen gewähren kann, und das geschieht denn auch wenigstens ein bis zwei Mal in der Woche. In Oesterreich kannte ich Dienstboten von solcher Wasserscheu, daß sie ein ganzes Jahr und auch darüber ungebadet blieben.
Und so wie die Menschen habe ich im Durchschnitte auch die orientalischen Häuser gefunden; Treppen, Vorsäle und Stuben, wenn sie nur einigermaßen vermöglichen Leuten gehörten, rein und die weißen Strohmatten, die doch so leicht Spuren festhalten, fleckenlos. Daß sie darum auch frei von Wanzen, Flöhen und anderem Ungeziefer gewesen, soll damit nicht behauptet werden; im Gegentheil, ich fand sie überall, weil sie Unvermeidlichkeiten des Klima’s sind. Aber der äußere Anblick der Räume, das, was die Bemühungen der Menschen herstellen können, erschien mir tadellos. Es ist auch im Südländer zu viel Schönheitssinn lebendig, als daß dieses anders sein könnte. Zum Sclaven der Reinlichkeit, wie das der Holländer thut, wird er sich freilich nie degradiren; dazu ist sein Sinn zu maßvoll und auch zu bedacht, daß das, was von Natur aus Mittel ist, nicht durch das Uebermaß der Fürsorge Zweck des Lebens werde. Im großen Ganzen fand ich den Süden sauberer und netter als den Norden. Wollen dem andere Reisende ihre unangenehmen Erfahrungen, die sie in Italien oder im Oriente erduldet haben, entgegen halten, so kann auch meine Erinnerung mit einigen nördlichen Beispielen dienen, die nicht weniger Schmutziges zu erzählen haben. So ist Prag, gewiß eine nordische Stadt, in seinen Gassen und selbst in den Treppenhäusern seiner Paläste das unsauberste, was ich auf meinen Reisen gesehen.
Der Gouverneur von Brussa sandte gestern einen seiner Beamten zu unserer Begrüßung in den Gasthof. Wir erwiderten ihm heute die Artigkeit durch unseren Besuch. Seit Achmed Veffick Effendi als kaiserlicher Commissär hier eingezogen, will die Stellung des Pascha’s nicht viel mehr als die eines ausführenden Bureauchefs bedeuten. Alle organisatorischen und schaffenden Maßregeln werden von dem kaiserlichen Commissär angeordnet, dessen Befugnisse noch über ihre nominellen Grenzen geachtet werden, weil er als einer der beliebtesten Günstlinge des Sultans bekannt ist. Er sollte wie die anderen Commissäre, welche nach den Provinzen geschickt wurden, zusehen, in wiefern die kaiserlichen Befehle vollzogen worden seien, und die Vollziehung der dermaligen überwachen. Diesen Auftrag übt er im weitesten Maße. Was seit dem Erdbeben vom Jahre 1855 darnieder lag, und allen kaiserlichen Erlässen zum Trotze liegen blieb, hat er in wenigen Monaten wieder aufgerichtet, oder doch so in Angriff genommen, daß dessen Herstellung gesichert erscheint. Dabei ist sein Eifer dem Nützlichen wie dem Schönen in gleicher Weise zugewendet. Was er für die Moscheen und Gräber thut, habe ich gestern gesehen; heute sah ich, wie er die engen Gassen Brussa’s erweitert, wie er ganze Stadttheile, die in Trümmer gesunken waren, aufbaut, mit geraden Straßen, mit Canälen durchzieht und wie er größere Plätze dazwischen legt, damit dem Verkehre und der frischen Luft mehr Raum zu ihrer Ausbreitung sei. Nach Gemleck baut er eine Straße, die so gerade, so praktisch und leider auch so häßlich wird, als nur irgend eine unserer Chausseen. Bis auf eine kleine in der Mitte liegende Strecke ist sie fertig. Von Brussa nach dem Hafen von Gemleck wird man dann die Waaren nicht mehr auf Kameelen und Pferden, sondern bequemer und rascher auf Wagen transportiren. Für die Beförderung der Personen bildet sich ein eigener Omnibusdienst, den auch Achmed Veffick Effendi unter seinen besondern Schutz genommen. So ist er überall helfend und widerlegt das Vorurtheil, welches die türkische Verwaltung zu jedem energischen und reformatorischen Handeln unbedingt unfähig schildert. In Europa löst vielleicht nur der Präfect von Paris, Herr Haußmann, seine Aufgaben noch schneller. Von ihm hat sich Achmed Veffick Effendi gewiß manches angeeignet, vielleicht auch zu viel von jener Rücksichtslosigkeit, welche, weil ihr ein Einfall nutzbringend erscheint, ohne jede Schonung des Privateigenthums dessen Ausführung betreibt. Achmed Veffick Effendi ist keiner jener unverständigen Reformatoren, die in der Bewunderung für das Fremde die eigenen Eigenthümlichkeiten vergessen und die fremden Schößlinge ohne jede weitere Vorbereitung auf die heimischen Stämme pfropfen wollen; dazu ist er zu strenger Mohammedaner. Er hält fest am Koran und findet nur das zulässig, was mit den Vorschriften seines Glaubens verträglich ist; worauf das Reich, das Volk, die Religion und der Sultan von Alters her stehen, der Boden ihres Wachsthums, muß nach seiner Ansicht vor allem Andern gesichert bleiben. Aber er hat im Auslande gelernt, daß für die Türkei, seitdem sie in den Bund der europäischen Staaten eingetreten, ein schnelleres Weiterschreiten unvermeidlich geworden ist, weil alle Anderen um sie herum in Bewegung sind. Er hat aber auch von den fremden Fortschritten genug gesehen, um sich zu sputen, seinem Vaterlande, ehe es blinde Nachahmungssucht in die fremden Wege lenket, die eigenen nach den selbstgewählten Zielpunkten zu bereiten. Manches mag ihm dazu unbedingt übertragbar, anders nur in so ferne beachtenswerth erschienen sein, als es lehrt, wie mannigfaltig die Mittel sein können, um die Bedürfnisse der Völker zu befriedigen. Seine Grundsätze und Pläne, welche er sich so gebildet hat, scheinen mir gut gemeint, ihre Ausführung aber oft zu überstürzt, zu eigenwillig, zu rücksichtslos zu sein. Wenn ihm jemand mit herkömmlicher Phrase sein Haus zur Verfügung stellt und sagt: „Es ist Dein und des Padischah’s, schalte und walte darinnen nach Belieben!“ — so dankt er mit dem Befehle, die Fronte des Hauses um einige Schuhe zu verkürzen und zurückzuschieben, damit das nächste Eck nicht so scharf und die Gasse breiter sei. Diese Fälle und ähnliche erzählt man hier viel. Das streift an die Art unserer Bureaukratie, die auch nur die Rücksicht ihres eigenen Willens kennt. In der Türkei, wo die persönliche Freiheit mehr als eine bloße Phrase, wo sie eine Gewohnheit ist, erträgt sich das schwerer als irgendwo anders. Daher mag es kommen, daß Achmed Veffick Effendi mit den besten Intentionen hier so wenige Lobredner seiner Thaten hat. Die Form, die Weise, in der er sie vollzieht, der Ton, der die Musik macht, beeinträchtigen sie; vielleicht schleift das Leben, die Erfahrung diese Schärfe an ihm stumpf. Er ist noch ein junger Mann. Uebrigens hat er sich so auch in seinem Vorleben gezeigt und viel geschadet. Napoleon, dem er als türkischer Botschafter zugesandt worden war, vertrug ihn deshalb nicht und forderte seine Abberufung, und als Minister, wozu ihn Abdul Aziz bald nach seiner Thronbesteigung erhob, dauerte darum sein Amt nicht länger. Man schob ihn aus dem Wege hierher nach Brussa; daß er wieder in das Ministerium treten, sogar das Großvezierat übernehmen werde, ist eine Möglichkeit, welche die europäischen Diplomaten voraussehen und sehr fürchten. Für Europa könnte er Brände entzünden, insbesondere weil er sich zu scharf gegen Rußland kehren, wie er überhaupt den Einfluß der fremden Gesandtschaften zu beschränken trachten würde.