„Diese Welt ist, damit wir den Willen Gottes kennen lernen, die andere wird ihn uns erst zu verstehen geben,“ schloß er, sich selbst über die Härte des irdischen Geschicks tröstend, die Geschichte seines Lebens. Das Volk, das sie nicht kennt, und dem er als ein Fremder zurückgekehrt ist, verehrt ihn als einen jener Gottgesegneten, denen vorzeitig der Geist genommen und in den Himmel versetzt worden ist, so daß hier nur mehr ihr Körper herumwandelt. Es nennt sie Abdahls und hält so alle Irren, Blöd- und Schwachsinnigen und die sich zurückziehen von dem Verkehre mit der Welt, besonderer Rücksicht und Achtung werth. Keine Gegend des türkischen Reiches ist mit solchen muselmännischen Anachoreten bevölkerter als die waldige Umgebung Brussa’s und von hier aus wandern sie, Apostel ihres Glaubens, bis in das ferne Indien, an die Ufer des brahmanischen Ganges. Das mohammedanische Klosterleben des asiatischen Olympes hält dem griechischen des beinahe gegenüberliegenden europäischen Berges Athos das Gleichgewicht.
Gemleck, den 31. Mai, Mitternacht.
Wer, dem das Reisen Gewohnheit ist, hat es nicht schon erfahren, daß ihm eine Trennung von geliebten Menschen, die er lange wie etwas Unerträgliches gefürchtet, im letzten Augenblicke beinahe ungefühlt vorübergegangen ist, so daß er sich nachher herzlose Undankbarkeit vorwerfen mußte? So ist es mir mit dem Abschiede von Brussa geworden; im Augenblicke des Aufbruches war er leichter, als mir dieses jetzt möglich erscheint. Die Geschichte des Bettlers, die all’ mein Denken und Fühlen beschäftigte, endlich auch die Geschäfte der Abreise, die ich zuerst hinausgeschoben, dann vergessen hatte, und die zuletzt doch gethan werden mußten, hatten alle Wolken des Schmerzes zerstreut. Das aber weiß ich heute schon: wo ich auch den bloßen Namen Brussa hören werde, die Mahnung wird immer ein freundliches Lächeln in die Erinnerung zurückrufen und die Möglichkeit einer Rückkehr mich überall willig finden. Mir ist jetzt, wenn ich zurück denke an das Grün und die Blüthenpracht, an die schneeigen Berge auf der einen und an die rothen Felsen auf der anderen Seite, als biete das Thal von Brussa auch in der schlechtesten seiner Hütten die Erfüllung aller irdischen Wünsche, als sei dort das letzte und verdiente Ziel mühsamer Lebenspilgerschaft zu finden, bis mir mein Bettler einfällt und mich mahnt, daß Schuld und Sorge überall und daß Ruhe und Zufriedenheit nicht an den Wänden eines Thales und eines Hauses, sondern tief im Gemüthe des Menschen haften. Dem Glücklichen kann die Lüneburger Haide dasselbe Paradies sein, wie mir das Thal von Brussa.
Erst nach 4 Uhr verließen wir das Hôtel d’Olympe. Gewitter drohten, wichen und gaben uns endlich doch einigen Regen; dann aber blieben nur Wolken mit kühlendem Schatten. Auch daß der Staub festgelegt war, priesen wir als eine Wohlthat. Wir durchritten das Thal in seiner ganzen Breite über zwei Stunden; die neue Straße durchschneidet es, eine häßliche gerade Linie, die ich bedauerte, weil sie zuerst mir wieder Europa und seine Civilisation in’s Gedächtniß brachte. Wir lenkten bald von ihr ab auf kürzere Pfade zwischen die Berge hinein und dann hinauf und über diese. Die Landschaft wird dort ausgestorben, einsam, auch völlig unbebaut, beinahe wild in ihrer Leerheit. Sie mahnt mich durch die Kahlheit ihrer Hügel und den gerundeten Fall ihrer Linien an das, was ich von den griechischen Inseln gesehen. Eine gewisse Poesie bleibt dem Wege immer eigenthümlich, und zurück hat man lange den Blick frei auf Brussa und die mit der Entfernung immer mehr aufsteigende Höhe des Olymps. Seine Abhänge erscheinen nach dieser Seite viel wilder und seine Schneefelder, die sich gegen Osten zu ziehen, viel größer als nach der Straße von Mudania zu. Den letzten Blick gab er uns auf das kostbarste geschmückt. Ich hatte lange nicht mehr zurückgeschaut, als ein plötzlicher Stillstand meines Pferdes das zufällig veranlaßte. Ein Schrei der Ueberraschung hielt alle meine Gefährten auf. Da lag unter uns in tiefem Schatten, so dunkel, daß dort schon die Nacht sein mußte, das Thal von Brussa und über ihm goldig und roth glühend das weiße Haupt des Olymps. So intensiv und farbenprächtig habe ich das Alpenglühen früher nur einmal gesehen; das war in Tirol auf der Höhe des Passes Thurn, und damals unter mir der sumpfige Pinzgau und mir gegenüber der Hohe Tenn und das Wiesbachhorn in so wunderbarem Violett, als sollte dort für andere Geister eine verklärte Welt erstehen. Heute aber stand ich auf asiatischem Boden, und Lorbeer, Arbutus, Clematis, Nachtschatten und Myrthen blühten und dufteten bis zur Betäubung um mich, und weiche, warme Luft quoll wie stärkender Balsam in die erschöpfte Lunge. Ich war wie verwandelt, zugleich zurückgeführt in die Erinnerung und doch auch weit voraus durch Alles, was die Eindrücke Neues brachten.
Den ersten Halt machten wir in dem Lager einer Caravane. Lange hatten wir gestritten, was die vielen schwarzen Punkte vor uns auf dem Bergrücken, über den wir mußten, sein könnten. Mitten unter ihnen stehend erkannten wir sie als Kameele, die, wohl ein Hundert, einzeln weit von einander zerstreut lagen, daß wir eine Viertelstunde lang durch ihre Lagerstätte ritten. Alle hatten ihre Lasten auf den Rücken behalten; nur einige reckten die langhalsigen Köpfe in die Höhe, die Luft nach den Fremdlingen prüfend, die meisten blieben in Schlaf und Ruhe versenkt. Nirgends war eine Vorkehrung, den Thieren das Entweichen zu wehren; es scheint in ihrem eigenen Willen zu liegen, das Zusammenhalten bei den Wandergenossen und Führern. Diese waren Kurden, wilde, schwarzbärtige Kerle, Hosen und Jacken roh aus abgenützten persischen Teppichen zusammengeflickt, den Schädel in einem ungeheuern Shawl verborgen. Ihre Umgangsweise hatte aber nichts von dem Bedrohlichen ihrer äußeren Erscheinung. Mit Sprüngen und Späßen umringten sie uns und suchten sich mit kleinen Diensten Almosen zu erwerben. Bis auf die Höhe des Berges klang ihr Jubelgeschrei und leuchteten uns ihre Zeltfeuer nach.
Bei einem Chan dort oben, wo wir rasteten und aßen, fiel die Nacht völlig ein und so dunkel, daß wir uns Einer hinter dem Anderen halten mußten, um den Weg nicht zu verlieren; der fällt nun meistens bergab der Seeküste zu. Einmal noch bei einer Wachthütte hielten wir; zwei Leute, darunter ein Neger, bildeten ihre Besatzung. Ohne auch nur ein Wort des Auftrages zu erwarten, übernahmen sie gleich die Besorgung unserer Bedürfnisse. Es liegt in der Sitte dieser Länder, daß die Gendarmen auch zugleich die Wirthe sind. Jeder weitere Augenblick auf diesen Reisen bringt neue Eindrücke, und wem die Phantasie nicht ganz erstorben ist, der stellt sich Bilder und ganze Gemäldesammlungen daraus zusammen. Belebt werden sie durch die ausdrucksvollen Köpfe der Menschen, und Farben gibt selbst die Nacht hier reichere, weil die Augen glühender und die Kleider bunter als in unseren Ländern sind. Unser Lager sah ich als ein solches Bild. Wir, müde auf dem Boden ausgestreckt; der eine Soldat beschäftigt, uns den Caffee zu serviren und die Pfeifen mit Kohlenstücken zu entzünden, der andere das Feuer anzublasen, das schwarze Gesicht grell von der Flamme beschienen; die Pferde an die Pfähle der Hütte und eines an das andere gebunden, und Diener, Kawassen und Führer bemüht, das eine, das sich losgerissen hatte, einzufangen. Die zwei Leute der reitenden Courierpost kamen noch dazu gesprengt und lagerten sich zu uns. Der Eine, den wir den Conducteur nennen würden, mit langem grauen Barte, in buntgestickter blauer Jacke, einige Dutzend Ellen rothen Zeuges als Gürtel um den Bauch gewunden und silberbeschlagene Pistolen darinnen, weite blaue Pumphosen und gestickte Gamaschen an den Beinen, auf dem Kopfe einen grünen Turban, also ein Abkömmling des Propheten, ganz eine jener würdevollen anständigen Gestalten, die mir jetzt schon als die schicklichen Vertreter des ganzen Volkes erscheinen.
Wir brachen erst später hinter den Eiligen auf. Vor einer halben Stunde sind wir hier eingetroffen. Der Ritt hat also sieben Stunden gedauert. Wieder fühle ich mich wach und ohne Müdigkeit; die Neuheit der Lebensart und der Eindrücke hält Alles in mir rege. Der Körper erliegt nur, wenn das geistige Fühlen und Denken erschlafft. Und das thun nicht die Mühen der Arbeit, sondern die hundert kleinen Nadelstiche unserer gewöhnlichen Verhältnisse; darum das Aufleben in der Fremde, in der Freiheit, und nun gar erst, wenn sie getrennt und losgelöst von aller europäischen Sclaverei wie hier in Asien ist.
Gemleck, den 3. Juni.
Ich habe diese letzten Tage ausschließlich zu dem Studium der Baumwollcultur verwendet, die in der Türkei jetzt vorwiegend die Hände und Interessen beschäftigt. Im weiten Umkreise, bis nach Ismid hin, durchzog ich das Land, um auf den Feldern selbst zu prüfen, wie die Erfolge, von denen man mir erzählte, möglich geworden. Da überraschte mich zuerst die Gestalt der Pflanze, weil, wie so oft, ein Mißbrauch unserer Sprache eine irrthümliche Vorstellung in mir festgesetzt hatte. Von Baum sollte nicht die Rede sein, denn das, was die vielbegehrte Wolle spendet, ist eine Staude, nicht mehr und nichts Größeres.
Die nächste Ueberraschung war die Arbeit der Bauern, die ich eifrig und sogar beim Gebrauche der Maschinen geschickt fand. Die Einführung dieser Maschinen soll beinahe überall, wenigstens an den Seeküsten, wo der Transport nicht zu kostspielig, leicht und schnell gegangen sein, erzählen Missude Bey und die Engländer, junge Söhne von Liverpooler Handlungshäusern, welche sich hier um die Baumwollcultur besonders verdient gemacht haben. Nothwendig war nur, daß sie die Maschinen, welche ihnen englische Dampfer gebracht hatten, auf ihren Zimmern zusammensetzten und zuerst selbst bei dem Handwerke erprobten. Schon am ersten Tage meldeten sich dann Bauern mit dem Antrage, ihnen die neuen Werkzeuge gegen Abschlagszahlungen zu überlassen. Und auch der große Haufe habe bald die Vortheile der Neuerung begriffen. Nicht in England und nicht in Amerika würde diese Einsicht und diese Uebung so schnell gekommen sein, behaupten diese Engländer, die in allen drei Welttheilen gelebt und gearbeitet haben. Der türkische Bauer sei unter den Factoren, welche bei der Einführung dieser Cultur behilflich sein müssen, der bereitwilligste und anstelligste; zögernd nur vor dem ersten Versuche, überrede ihn zu diesem am leichtesten das Beispiel; einmal sein Glaube gewonnen, fehle auch sein Wille nicht lange. So wollen es diese Geschäftsmänner eher mit dem hiesigen als mit dem Bauer ihrer Heimath zu thun haben.