Die Geschichte der kleinasiatischen Baumwollcultur gleicht in sehr vielem der des Landes selbst. Wie diese ist auch sie ein fortwährendes Auf und Nieder von weltbeherrschender Blüthe zum Verfalle in beinahe völlige Vergessenheit. Zwei-, dreimal im Laufe der Jahrtausende standen die kleinasiatischen Staaten allen anderen voran, und ihre Schicksale schienen die der Welt zu sein. Dazwischen liegen lange Perioden der Verwüstung und Unbedeutendheit, wo kaum ihre Ruinen übrig blieben. Und ähnlich so ist das, was heute der Baumwollpflanze hier wird, die Wiederholung einer glänzenden Rolle, die sie schon einige Male nach Zwischenfällen völliger Vernachlässigung auf diesen Feldern gespielt hat.

Die Heimath der Baumwolle ist vielleicht für die Production der ganzen Welt, jedenfalls aber für die kleinasiatische, Indien. Dort, so erzählt zuerst Herodot, trugen schon zur Zeit, als Indier dem ersten Darius Tribut brachten, also ungefähr um das Jahr 523 v. Chr., die wilden Bäume als Frucht eine Wolle, die an Feinheit und Güte weit über die Schafwolle kam; wie denn auch die Indier von diesen Bäumen ihre Kleider hatten. Daß Herodot hiebei unterläßt, diese Neuigkeit durch eine Hindeutung als auf etwas seinen Landsleuten auch schon Bekanntes zu erläutern, beweist, daß auch später noch, da er schrieb, 450 Jahre v. Chr., die Baumwollenstaude und das Gewebe daraus in Griechenland und Kleinasien unbekannt gewesen sein müsse. Der Handel hat also den Griechen die feinen indischen Stoffe, welche dann ebenso wie heute als etwas Außerordentliches geschätzt wurden, erst in verhältnißmäßig neuer Zeit zugeführt. Indische Schiffe brachten sie nach dem Hafen Moscha, dem heutigen Maskat auf der arabischen Küste, und phönicische Kaufleute weiter nach den kleinasiatischen, ägyptischen und europäischen Märkten. Den Geweben wird, da sie erst einmal diese große Nachfrage gefunden hatten, die Pflanze und die Productionsmethode bald nachgefolgt und so die Baumwollencultur in Kleinasien heimisch geworden sein. Babylon, das im Alterthume die größten und geschicktesten Webereien hatte, lieferte der ganzen damaligen Welt Baumwollenstoffe und realisirte dabei Gewinne, welche die Phönicier, die ursprünglich nur den Handel besorgt hatten, auf den Gedanken brachten, in ihren syrischen Küstenstädten die Production selbst nachzuahmen. Später, besonders in der Glanzzeit des römischen Luxus, war die Insel Kos um ihrer feinen Baumwollengewebe berühmt.

Im byzantinischen Constantinopel bestanden förmliche Baumwollenfabriken und andere in den griechischen Küstenstädten des mittelländischen und des schwarzen Meeres. Wo im Innern des Landes diese Production den Kriegen erlegen war, da frischten sie die Araber wieder auf; die bauten, spannen, woben und färbten die Baumwolle noch fleißiger als die Griechen, und suchten ihren Anbau nach Spanien, Sicilien und Italien zu verpflanzen. Aber auch diese Blüthe zerstörten wieder Kriege, die blutigen, langen, welche Europa und Asien um den Glauben und die Weltherrschaft kämpften. Doch muß im vorigen Jahrhundert noch so viel davon übrig gewesen sein, daß der Orient außer seinem eigenen Bedarf, den bedeutendsten Theil der damals freilich sehr kleinen Nachfrage der europäischen Industrie mit seiner Baumwollenproduction decken konnte. 1784 wurde sogar aus Smyrna der Same zu der heute weltüberschwemmenden Produktion nach Amerika gebracht.

Völlig ausgerottet, oder doch beinahe so gut als das, hat erst das laufende Jahrhundert die Baumwollstaude aus dem hiesigen Boden. Nur an wenigen Orten erhielt sich kümmerlich eine dürftige Production, um der inländischen Manufactur den Rohstoff zu liefern, und auch an diesen nur so lange, bis die englischen Garne erschienen, und mit ihren wohlfeileren Preisen die türkischen Spinnereien zu Grunde richteten. So z. B. in Syrien, wo vor zwanzig Jahren die Baumwollcultur mehr als 2 Millionen Pfunde Rohstoff producirte und sie die jüngsten Wiederbelebungsversuche von der englischen Einfuhr erdrückt, auf eine Production von nicht 700.000 Pfunden herabgesunken fanden. In anderen Theilen Kleinasiens überlebte nicht einmal so viel den Verfall, ja kaum die Erinnerung an die Möglichkeit in diesem Boden die Pflanze zu erziehen; daß einmal hier die Baumwolle geblüht und reiche Frucht getragen, war aus dem Gedächtnisse der meisten Menschen entschwunden. Unglauben und Zweifel antworteten daher den Vorschlägen, welche beim Ausbruche der Baumwollkrisis auch auf Kleinasien als auf einen möglichen Helfer wiesen.

Unter den rührigsten, welche so riethen, war Missude Bey, von Geburt ein Belgier, durch dienstlichen und religiösen Verband aber ein Türke. Schon zur Zeit der ersten Londoner Industrie-Ausstellung, der er als türkischer Regierungscommissär beigewohnt, hatte er in einer ausführlichen Rede den Liverpoolern die Wahrscheinlichkeit eines Ausbleibens der amerikanischen Baumwolllieferungen und die Möglichkeit, für diesen Fall einen Ersatz in den türkischen Ländern vorzubereiten, vorgehalten; damals ohne jede Theilnahme. Ein ganzes Decennium später, da er eben in Bagdad mit der Einführung der Dampfschifffahrt auf dem Euphrat beschäftigt war, schickten ihm einige Engländer, die sich an seine prophetischen Rathschläge erinnerten, das Anerbieten nach, dem englischen Publicum dieselben noch einmal vorzutragen. Die türkische Regierung bewilligte ihm den Urlaub, ernannte ihn sogar förmlich zu ihrem Bevollmächtigten in dieser Sache. In Liverpool hatte Missude Bey nichts zu thun, als seine frühere Rede vorzulesen, an seine Prophezeiung zu erinnern und den Antrag zu wiederholen: es solle sich eine eigene Gesellschaft bilden, um den Anbau der Baumwollstaude in den türkischen Ländern anzuregen, und den Einkauf und die Ausfuhr des türkischen Productes als kaufmännisches Geschäft im Großen zu betreiben. Im Namen der türkischen Regierung konnte er deren eifrige Unterstützung versprechen. Eine Stunde nach dem Schlusse seiner Rede war eine solche Gesellschaft gebildet und das Unternehmen durch die Subscriptionen verwirklicht. Jede Actie zahlt nur so viel von ihrem Nominalwerthe ein, als der Betrieb des Geschäftes erfordert. Das war bis jetzt so wenig und der Ertrag des Unternehmens ein so reichlicher, daß die bisherigen Einzahlungen den Actionären bald durch die Superdividenden zurück erstattet sein werden. Missude Bey wurde zu einem der Bevollmächtigten der Gesellschaft ernannt; Andere wurden aus England gesandt, meistens junge Leute, die sich früher in Amerika bei demselben Geschäfte umgethan hatten.

Die türkische Regierung blieb dabei nicht gleichgiltig. Rasch und ohne die erste Kraft des Entschlusses in dem Scheindienste büreaukratischer Begutachtungen zu erschöpfen, mehr durch individuelle Initiative ordnete sie ein ganzes System zusammengreifender Maßregeln an, die alle Organe der Verwaltung in derselben Richtung thätig und alle Stadien der Production begünstigt sein lassen.

Sie gewährte jenen Grundstücken, die früher brach gelegen und künftig zum Baumwollbau verwendet werden, für die fünf ersten Jahre ihrer neuen Cultur Freiheit von der Grundsteuer.

Sie überläßt den ihr eigenthümlichen Boden der unentgeltlichen Benutzung zur Baumwollproduction.

Sie verwandelt bei dem zum Baumwollbau verwendeten Boden den Zehenten, welchen er bisher vom Ertrage hatte abgeben müssen, in eine feste Grundsteuer, welche dem räumlichen Umfange des Feldes nach seinem Durchschnittserträgniß der letzten sechs Jahre zugemessen wird, und verspricht diesem Zugeständnis eine zehnjährige Dauer.

Sie vertheilte 90.000 Okas, das sind 205.625 Pfunde Baumwollsamen gratis unter das Landvolk.