Um 5 Uhr war ich zum Kaik nach Top-Hane hinabgestiegen. Osman und seine zwei Gefährten erwarteten uns. In weite Pumphosen und feine Hemden schneeweiß gekleidet saßen sie vor uns, die nackten Füße aufgestemmt und mit den Armen zu den Ruderschlägen weit ausholend. In den intelligenten Gesichtern bemerkte ich freudige Theilnahme an meinem Entzücken; der Südländer, und besonders der Mann der unteren Stände, ist immer dankbar für die Bewunderung, die man seinem Lande zollt.

An großen Dreimastern vorbei, die vor der Seraispitze ankerten, den Südwind erwartend, der sie in den Hafen treiben sollte, ruderten sie uns. Alles war dort stille als walte noch die Nacht. Nur einige kleine Remorquere dampften herum, geschäftig den fremden Schiffen ihre Dienste anzubieten und wirklich auch einige in das goldene Horn zu schleppen. Andere Segler strebten schon auf dem freien Meere den Dardanellen zu, denn der Ausfahrt war der Wind günstig. Das Meer, die Prinzeninseln, die Bithinischen Berge, den weißglitzernden Olymp zu oberst, hatten wir zu unserer Linken; zur Rechten die altersgrauen Mauern der Stadt, ausgewaschene Klippen davor, und hinter und über den Mauern die bunten Häuser der Stadt, Thürme und Kuppeln und Bäume, die zwischen ihnen stehen; vor uns das Schloß der sieben Thürme, dem wir näher gekommen waren. Dunkle Schatten markirten die Unregelmäßigkeiten der Mauer. Oft hielten wir an und ließen das Boot willenlos treiben, um die Stunde und die Fahrt zu verlängern. Wie auf der Sehne eines Bogens, den hier die Stadtmauern bilden, war unser Weg. Zuerst sieht man die Aja Sophia, unmittelbar vor ihr die lange Linie des Universitätsgebäudes, das im Jahre 1845 die Türkei auf Befehl des englischen Botschafters Sir Stratford Canning bauen mußte. Alle Bildungsanstalten sollten darin unter der Hofmeisterschaft des Staates vereinigt werden; einer der unmöglichsten unter den vielen Rathschlägen, welche Europa der Türkei gegeben hat. Zwang läßt sich der Türke bei der Erziehung seiner Kinder weniger noch als bei irgend etwas anderem gefallen. Während des Krimkrieges diente der kostbare Bau den Franzosen als Spital, so daß das viele Geld doch nicht ganz vergebens ausgegeben worden war. Das Nächste dann den vier Minareten der Sophien-Moschee sind die Kuppeln und sechs Minarete der Achmedje, die Ruinen des ehemals goldenen Obelisken und der verbrannten Säule, die Nuri-Osmanjie, die Bajasid-Moschee und dahinter auf der Höhe des Hügels der Thurm des Seraskeriates. In weiterer Fortsetzung die Schah-Sadeh Djami (die Moschee der Prinzen), Daleli Djami (die Tulpen-Moschee) Murad Pascha Djami und in hohen grünen Bäumen versteckt die Moscheen Daud Pascha’s und Mustapha Pascha’s. Die sieben Thürme erst endigen die Reihe dieser stattlichen öffentlichen Gebäude; die Holzhäuser aber ziehen sich am Strande noch eine Strecke weiter als die Mauern. Es sind das die Vorstädte der Fleischer, welche Mohamed II. angelegt hat.

Mitten unter den Fleischbänken stiegen wir aus dem Kaik und auf die Pferde, welche wir uns dorthin bestellt hatten. Durch das Dorf und an dem Friedhofe vorüber, der von hier an in beinahe ununterbrochener Fortsetzung die Stadtmauern bis zum goldenen Horne begleitet, ritten wir zu dem Schlosse der sieben Thürme. Durch das erste Thor mußten wir in die Stadt hinein. Auf einem einsamen von Platanen beschatteten Platze ließen wir die Pferde. Zu Fuß unter einem niederen Thorbogen hindurch traten wir in den Hof des berühmten Schlosses; der zeigt nichts von dem Schauerlichen, das die Sage von diesen Räumen erzählt. Sein Boden ist grün bewachsen, Bäume stehen darauf, an einzelnen Stellen ist er ungleich, beinahe hügelig, wohl von dem zusammengestürzten Schutte früherer Gebäude. Ein einziges steht heute noch wohlerhalten, ein Medschid (Bethaus) mit einem kleinen Minarete. Eine ewige Lampe brennt davor. Warum sie angezündet worden gleicht ganz dem Grunde, der das Lichtlein an der Markuskirche auf der Seite, welche der Piazetta zugekehrt ist, unterhält; frommer Wahn, der einen Justizmord sühnen will.

Wir stiegen auf die Höhe der Mauern und gingen dort von einem Thurme zum andern. Alles ist dicht mit Sträuchern und blühenden Blumen bewachsen; der See zu liegen unmittelbar vor dem Schlosse Gartenanlagen und Weinpflanzungen, dann die alten Stadtmauern, vielfach vom Erdbeben zerbrochen und in Trümmern. Es ist ein Irrthum, die Zerstörungen, die heute an den Stadtmauern sichtbar sind, so ausschließlich den feindlichen Angriffen Schuld zu geben; weitaus das Meiste hat die Gewalt der Natur gethan. Gleich hinter diesen Resten ist das Meer. Regungslos lag es in goldener Sonne, der Ausblick frei bis zu den fernen Bergen. Es brauchte lange bis ich mich so weit gesammelt hatte, um in dem Genusse der Gegenwart nicht die Erinnerung an die Vergangenheit zu vergessen, einer Vergangenheit, welche so tragisch in diesen Ruinen gewesen.

Das Schloß, wie es heute steht, ist ein Werk Mohamed II. Nur Einzelnes in den Mauern weist noch auf die Zeit als es Cyklobion hieß, und mit den beiden andern kaiserlichen Palästen auf der Seraispitze und im Viertel der Blachernen die Winkel des Dreiecks sperrte, welches Constantinopel bildet. Damals schon diente es nicht als Wohnstätte der Herrscher, sondern eben nur als befestigte Pforte der Stadt; als solche war sie aber unter allen übrigen die vornehmste, der Triumph zog von hier aus nach der Sophien-Kirche und dem kaiserlichen Palaste. Wer die Karte ansieht, der findet, daß heute noch sein Weg erhalten ist. Die Gassen werden damals ziemlich dieselbe Richtung wie heute gehabt haben, und auch ihr äußeres Aussehen kein wesentlich anderes gewesen sein. Sie werden schmal und ungleich sich zwischen niederen verschlossenen Häusern durchgewunden haben und, wenn auch auf langen Strecken von Säulenhallen eingefaßt, im Ganzen doch nicht viel prächtiger erschienen sein als das die heutigen türkischen. Es heißt den Begriffen eine ungebührlich zurückwirkende Kraft geben, wenn man, weil wir das so zur Verschönerung unserer Residenzen verlangen, sich die Städte der Alten mit breiten endlos geraden Straßen vorstellt. Damals verstand man seine Bedürfnisse besser, und so auch noch im Mittelalter. Das sehen wir in Rom und in unseren alten deutschen Kaufmannsstädten, wo die Häuser enge einander gegenüberstehen, daß im Sommer und bei festlichen Gelegenheiten Teppiche dazwischen und über den freien Raum ausgespannt werden konnten. Was in Deutschland gebaut wurde, hatte italienische Muster, und das Alterthum, das den Italienern als Vorbild gedient, hat sich am unverändertsten in der conservativen Luft des Orientes erhalten.

Wenn der Triumphzug der griechischen Kaiser von dem Marsfelde durch die goldene Pforte in die Stadt eingetreten war, dann machte er den ersten Halt bei dem Kloster des Studius, der heutigen Mir-Achor Djami. Bis dorthin ging der Kaiser zu Fuße, weil das wunderthätige Bild der wegweisenden Mutter Gottes unmittelbar vor ihm getragen wurde. War er zu Pferde gestiegen, so ordnete sich der Zug neuerdings. Die Soldaten mit den eroberten Trophäen und Gefangenen voran; dahinter der ganze Hofstaat, die Eunuchen darunter, alle in goldenen Kleidern, große Hellebarden in den Händen, der Kaiser in goldenem Waffenrocke, eine dreifache Krone auf dem Haupte und das Scepter in der Hand auf einem prächtigen Pferde, dessen Zaumzeug und Decke mit Juwelen geschmückt waren. Die Glieder der kaiserlichen Familie und die Senatoren schlossen die Procession. Durch die Bäder des Zeuxippus, die zwischen dem Hippodrome und der Sophien-Kirche lagen, zog sie auf das Forum Augusteum; dort in der Mitte desselben unter dem Thorbogen des goldenen Meilenzeigers, wo heute ein Conglomerat schmutziger Häuser steht, stieg das Gefolge des Kaisers von den Pferden, der Kaiser selbst erst an der Seitenthüre der Aja Sophia, durch die er gewöhnlich den Dom betrat. Auch in den ärmsten Zeiten fehlte dieses Ceremoniell und diese Pracht dem Kaiser nicht. Der letzte, der seinen Einzug damit feierte, war der Paleologe Michael, nachdem sein General in der Nacht vorher, vom 24. auf den 25. Juli 1261, die Stadt durch einen kühnen Handstreich den Lateinern abgenommen hatte.

Die goldene Pforte scheint ein außerordentlich hohes Thor, oben durch eine Kuppel gedeckt, gewesen zu sein, wohl Babi-Humajun, dem ersten Thore des Serai’s, ähnlich. Die Kuppel wird, wie so viele in Constantinopel, mit goldener Glasmosaik ausgefüttert gewesen sein, daher der glänzende Name. Daß die Pforte schon 989 zugemauert worden sei, um den Lateinern den Einzug zu wehren, glaube ich nicht; es marschirten noch nach diesem Jahre zu viele Triumphzüge hindurch. Jetzt ist sie mit Trümmerresten von byzantinischen Kirchen geschlossen, und mag in der Gestalt, wie sie dasteht, ziemlich das einzige Ueberbleibsel des vormohammedanischen Baues sein.

Als wir wieder in den Hof hinabgestiegen waren, fanden wir unseren Kavassen im Streite mit dem Wache habenden türkischen Officier, weil er Fremde ohne Erlaubniß in dieses feste Schloß geführt habe. Daß wir keine bösen Menschen seien, glaubte der Beamte erst, als er einiges von österreichischer Gesandtschaft u. s. w. gehört hatte; dann aber zeigte sich seine Gefälligkeit auch eben so eifrig als es seine Wachsamkeit gewesen. In Winkel und zu Felswänden führte er uns, worin verschiedene Gefangene ihre Namen hatten einmeiseln lassen. Ungarische und venetianische fand ich darunter; die Geschichten, die uns der Türke dazu zum Besten gab, hatten eben so viel Schauriges und Glaubwürdiges als die anderer berühmter Schlösser. Warum die türkische Regierung übrigens dieses durch eine feste Besatzung schützt, ist nicht wohl zu begreifen; zu vertheidigen ist es nicht und zu bewachen ist nicht viel.

Wir kehrten auf die Straße außerhalb der Stadtmauern zurück. Der Cypressenhain mit den Gräbern läuft unausgesetzt zur Linken neben der Straße her; dem Thore von Silivri gegenüber bogen wir in denselben ein. Es war Balikli, das griechische Kloster mit den wunderbaren Weißfischen, das wir suchten. Wie sie heute in dem Bassin herumschwimmen, so sollen sie bei der letzten Eroberung der Stadt schon geröstet einem Mönche aus der Pfanne gesprungen sein. Und warum nicht? Der Glaube ist das auf Erden allein entscheidende. Die Griechen halten die Fische und den Ort in hoher Verehrung. An einzelnen Festtagen pilgert alles Volk hierher, und selbst heute fand ich viele Fromme, die ihre Wachskerzleins über dem Becken aufsteckten und dafür von dem heiligen Wasser mit nach Hause nahmen. Die Stiege, die zu einer unterirdischen Kapelle hinabführt, war so damit begossen, daß man Gefahr lief, auf den Marmorstufen auszugleiten. Die große Kirche nebenan hat der Sultan den griechischen Christen gebaut; ich höre, daß er den katholischen einen Friedhof schenken will drüben in Asien bei Skutari. Sind das vielleicht Zeugnisse der Christenverfolgung, von der unsere Zeitungen seit den griechischen Freiheitskriegen so viel zu erzählen wissen? — Das Innere der Kirche ist in dem überladenen Style einer verkommenen Renaissance ausgeschmückt, der gleich der steifen Haltung ihrer Bilder den Griechen religiöser Typus geworden zu sein scheint; nur daß die Pracht der früheren Mosaiken und Marmortäfelungen nunmehr durch Oelanstrich und ärmliche Vergoldung vorgestellt werden muß.

Mit vieler artiger Lebendigkeit machten zwei Geistliche unsere Führer. Auch sie waren Ueberbleibsel einer längst vergangenen Zeit mit ihren langen Bärten, wie man sie im alten Byzanz als elegante Mode getragen hatte. So sehr scheint das ein Kennzeichen des Griechen gewesen zu sein, daß sich die Venetianer einmal bei einer ihrer vielen Fehden mit den Byzantinern das Kinn scheeren ließen, um ja den verhaßten Gegnern in nichts zu gleichen. Es ist übrigens nicht blos dieses äußere Merkmal, was sich an griechischen Geistlichen aus der Vergangenheit erhalten hat. Ihr ganzes Wesen ist starr und unverändert wie der Typus ihrer Heiligenbilder, und so ist es eigentlich das ganze Volk und auch der Glaube, zu dem es sich bekennt. Mehr als von irgend einer Religion gilt von der griechischen, daß sie die eine und dieselbe geblieben sei, vor allem Volksreligion, erst in zweiter Instanz eine christliche.