Das heutige Constantinopel ist eigentlich ein geographischer Begriff für eine Menge von Städten. Auf drei Landzungen liegen sie, in Gruppen zusammengebaut, zum Theile Europa, zum andern Theile Asien angehörig. Ehemals galt der Gesammtname nur für das, was heute Stambul heißt. So richtete es Kaiser Constantin ein, als er im Jahre 330 n. Chr. das frühere Byzanz zur Hauptstadt des römischen Weltreiches erhob; so war es, als die Kreuzfahrer am 6. Mai 1204 hier den Grafen Balduin von Flandern zum ersten lateinischen Kaiser wählten; und so fand es Mohammed II., als er am 29. Mai 1453 die Stadt eroberte. Erst später unter den Türken dehnte sich der Name auch auf die umliegenden Städte aus.
Man erzählt mir, der eigentliche Kern der Stadt, dieses Stambul sei auf sieben Hügeln gebaut, ähnlich ihrer italienischen Vorgängerin im Imperium. Möglich, aber ich sehe nur einen, so sehr sind die Berge und Thäler durch die vielen Bauten ausgeglichen. Nur wenn ich zwischen diesen wandle, werde ich der Unebenheiten des Bodens gewahr.
Pera, welches Stambul gegenüber auf dem anderen europäischen Ufer liegt, besteht aus den Vorstädten Sudlische, Piri Pascha, Haß-Köi, Kaßim Pascha, Galata, Pera selbst, St. Dimitri, Top-Hane, Fündykly und Dolma-Bagdsche (Kürbisgarten). In den allerältesten Zeiten, als aber Byzanz doch schon eine gealterte Stadt war, lag dieses Ufer des goldenen Hornes unbewohnt. Man nannte die Gegend Sykae, bei dem Feigenbaume. Erst als die gegenüberliegende Stadt des Constantin die zuströmenden Menschen nicht mehr fassen konnte, scheinen einige hier hinüber gezogen zu sein und dann im sechsten Jahrhundert dem großen Kaiser Justinian zu Ehren die neue Ansiedlung Justiniana getauft zu haben. So wenigstens nennt sie im fünften Capitel die 59. seiner Novellen. Dort findet man auch, daß das goldene Horn den damaligen Anschauungen weit breiter als den heutigen erschienen sein muß, denn jene Novelle bezeichnet diese Gegenden als transmarini, überseeische; περαμασι ist das griechische Wort, welches an jener Stelle gebraucht wird. Aus ihm hat sich durch Abkürzung und Mißbrauch das jetzige Pera gebildet, welches sonach nichts als überseeisch, jenseitig bedeutet.
Es ist irrthümlich, wie das gewöhnlich geschieht, Pera und Galata als zwei, dann in der Folge scharf geschiedene Städte zu schildern; Pera als die Stadt der Venetianer und Galata als die der Genuesen. Wenn auch beide Namen besonders für die zwei wirklich getrennten Stadttheile bestanden, so hat doch auch der von Pera immer zugleich für beide zusammen gegolten. So liest man es heute noch in den Inschriften der Mauern und Thürme von Galata. Alle reden nur von Prätoren der Stadt Pera. Die Genueser und Venetianer, die man gesondert in diesen Städten wohnen läßt, haben wohl abwechselnd nach- aber nie nebeneinander darüber geherrscht. Zuerst die Venetianer schon im sechsten Jahrhundert unter dem Kaiser Justinian. Sie zählten damals zu den Einheimischen und genossen bedeutende Vorrechte zu Gunsten ihres Handels. Dieses Verhältniß währte bis zur Einnahme Constantinopels durch die Lateiner im Jahre 1204; diese machte sie zu den eigentlichen Herren auf den beiden Ufern. 1261 mit der Rückkehr der Griechen verloren sie aber mehr noch als sie damals gewonnen hatten, denn der Paleologe setzte die Genuesen, welche ihm beigestanden waren, als Erben in den ganzen Nachlaß der flüchtigen Venetianer ein. Von nun an herrschte Genua hier und von hier aus weiter gegen Osten zu über die Meere und Küsten des ehemals römischen Reiches. 1446 muß diese Herrschaft noch aufrecht bestanden haben, denn eine Inschrift des Galata-Thurmes von jenem Jahre nennt ausdrücklich „Galata von Byzanz und Pera an dem Bosporus“ berühmte Colonien der Genuesen. Und als solche übergaben sie sich auch, abgesondert von der übrigen griechischen Stadt, an Mohammed den Eroberer. Dieser verlieh ihnen zwar, als er am fünften Tage nach der Einnahme der Stadt auch in Pera feierlich einzog, einen Schutzbrief, aber ihre Rechte als unabhängige Colonie gingen nun doch verloren. Erst von jener Zeit an wurde es den Venetianern möglich neben den Genuesen hier zu leben; aber Herren des Ortes waren beide nicht mehr. Sie wohnten eben nur wie heute die Unterthanen aller europäischen Staaten auf türkischem Boden. Von ihren Nachkommen ist noch manches übrig, wie ich denn überhaupt — was ich schon einmal angemerkt zu haben glaube — hier gar manche Aehnlichkeit mit den italienischen Stammländern finde.
Von dem äußerlichen Erscheinen des besonderen Charakters dieser Stadt sind die schwarzen Ringmauern und Thürme die letzten Ueberbleibsel. 12 Thore und 24 Thürme schließen sie ein, die Hälfte der letzteren gegen die Seeseite gekehrt. Sie sind nicht so alt als man sie gewöhnlich glaubt. Zwar schon im Jahre 1296, nachdem die Venetianer am 29. Juli Galata überfallen und verwüstet hatten, war den Genuesen vom Kaiser Andronikus Paleologus erlaubt worden die Stadt zu befestigen, aber die Mauern und Thürme, welche wir heute sehen, bauten sie erst im 14. und 15. Jahrhundert; das liest man auf den eingemauerten Gedenksteinen. 1344 scheint der Um- oder Neubau begonnen zu haben; 1387 setzte ihn ein ungenannter Prätor von Pera fort; 1404 that dieses der sehr ehrenwerthe Johannes Sauli, 1435 der oberste Beamte Stephan von Marini, 1441 Antonio Spina, 1443 Borneia de Grimaldi, 1445 und 1446 der besonders thätige und darum auch auf allen Steinen vorzüglich gelobte Balthasar Marufo, bis 1447 der Prätor Johann von Famo den Bau vollendete; so wenigstens möchte ich die Anmaßung deuten, die er auf einem Steine ausspricht: das ganze Werk allein gethan zu haben. Alle diese Herren nennen sich Prätoren der Städte von Galata und Pera, und diese, Colonien der Genuesen. Es scheint unter die freiwilligen Verpflichtungen dieses Amtes gehört zu haben, bei der Errichtung der Stadtmauern behilflich zu sein. Den großen Thurm von Galata, der jetzt als Feuerwächter so nützliche Dienste thut und auf jeder Ansicht des Ortes kennzeichnend hervortritt, hat Balthasar Marufo hergestellt. Er hieß damals der Christusthurm und eine Inschrift versetzt den Marufo ob dieses edlen Werkes unter die Götter. Die Restaurationen, welche seitdem nach großen Feuersbrünsten Selim III. 1794 und Mohammed II. 1824 daran vorgenommen, können nur wenig verändert haben.
Zwischen den beiden Ufern von Pera und Constantinopel fanden oftmals blutige Kämpfe statt. Von Pera aus bekriegten im Jahre 559 die Venetianer den Kaiser Justinian und später die Genuesen durch fünf Jahre den Kaiser Cantakuzenos. Fünfmal erschien die venetianische Flotte in dem goldenen Horne, ihre Waffen gegen das genuesische Pera zu kehren und jedesmal im Bunde mit dem griechischen Constantinopel (in den Jahren 1296, 1302, 1328, 1349 und 1351). So nahe kann man sich benachbart sein und doch so feindselig in seinen Schicksalen.
Auch der dritte Stadttheil, Skutari, das auf dem asiatischen Vorgebirge liegt, war lange in seiner Geschichte von den übrigen getrennt. Als es Chrisopolis hieß, rastete Xenophon sieben Tage dort. Seine Soldaten verkauften indeß die persische Beute; der Ort war wohl damals schon ein günstiger Markt für die Waaren, welche die Karavanen aus dem Innern von Asien brachten. 626 n. Chr. lagerten die Perser dort, Constantinopel bedrohend, das auf der Landseite die Avaren umschlossen hatten; 669 begehrten von dort aus die aufständischen Truppen des Kaisers Constantin IV., des Bärtigen, daß er zur Nachahmung der heiligen Dreieinigkeit seine beiden Brüder neben sich auf den Thron setze und 1402 belagerten die Tataren des Tamerlan, der eben bei Angora das junge türkische Reich niedergeworfen hatte, die asiatischen Ufer des Bosporus. — Skutari soll wie Constantinopel auf sieben Hügeln gebaut sein. Das äußere Aussehen gibt auch dort keine Bestätigung dieser Behauptung.
Zwischen den Ufern dieser drei Städte zu treiben auf glatter ruhiger See, den Blick rechts und links hinüber frei und die Erinnerung mit Bildern der Vergangenheit gefüllt, ist eine Fahrt, wie sie sich nirgends schöner und eindrucksvoller bietet, denn Rom selbst ist nicht denkwürdiger vom Schicksale gekennzeichnet. Sage und Geschichte knüpfen seit den allerältesten Zeiten bis zu den neuesten die Menschheit mit ihren entscheidendsten Erlebnissen an diese Stelle fest. Erst die letzten Jahre zeigten wieder, daß in dem Knoten der orientalischen Frage die Fäden aller Politik zusammenlaufen; die ganze heutige Weltordnung ist durch den Krimkrieg gestaltet worden. Und wie damals die Staaten des westlichen Europa mit Rußland, so haben hier immer die jeweiligen Weltmächte um den Vorrang in der Herrschaft gerungen; so die Griechen mit den Persern, die Athener zuerst mit den Lacedämoniern, dann mit den Macedoniern, die Römer mit den Persern, die Byzantiner mit den Franken, die Genuesen mit den Venetianern und endlich die Mohammedaner mit den Christen. Unter den vielen war eine der blutigsten Entscheidungen die der Nacht vom 13. auf den 14. Februar des Jahres 1352. Sie ist nur wenig gekannt und auch mir wohl nur im Gedächtnisse, weil ich die venetianische Geschichte eine Zeitlang als Lieblingsstudium betrieben habe. Venetianer und Genuesen standen sich gegenüber auf einer wildbewegten See. Vom Hafen bei Kadi-Köi durch den ganzen Bosporus bis hinaus zum Schwarzen Meere zog sich der Kampf; die Nacht war so finster und der Sturm so wüthend, daß an eine festgegliederte Schlacht nicht zu denken war. Unterschiedslos vernichteten sich Freunde und Feinde. Von 139 großen Galeeren fehlten am nächsten Morgen 39; sie waren verbrannt oder versunken. Der Venetianer Nicolo Pisani, der doch das Uebergewicht der Zahl — 75 Schiffe — für sich gehabt hatte, räumte am nächsten Tage dem Pagano Doria das Marmora-Meer ein und mit ihm den Genuesen für eine lange Zeit den ausschließlichen Handel nach den Küsten des Schwarzen Meeres. Es war dieses derselbe Pisani, der dann einige Monate später, beinahe im Angesichte von Genua, bei dem italienischen Vorgebirge Cagliari seine Niederlage so furchtbar rächte, daß die genuesische Seemacht vernichtet und die stolze Stadt gezwungen war, ihre Freiheit an den Tyrannen von Mailand, den Erzbischof Giovanni Visconti, zu verkaufen. Aber schon zwei Jahre darauf wurde Pisani gefangen in das neuerdings triumphirende Genua eingebracht, nachdem ihm Doria am 2. November 1354 bei der Insel Sapienza, derselben, an der ich vorübergefahren, den Sieg und die Flotte abgewonnen hatte.
So fest mir diese Erinnerungen eingeprägt sind, es gab Augenblicke, wo sie alle untertauchten in der Herrlichkeit des mich umgebenden Meeres und Himmels. Rosenfingerig, so wie es die Göttin Homer’s ist, war der Morgen, lächelnd als habe ihm Eos ihren ganzen Liebreiz auf die Lippen gelegt und die Farbe ihrer Hände dem Meere und den Wolken beigemischt. Es gibt Augenblicke, und das sind die auserwählten des Glückes, wo nur ein Dichterwort den Eindruck des Geschauten und Empfundenen ganz wiederzugeben vermag. Wer die Morgenluft nie so lau geathmet und das Morgenroth nie so versöhnlich gesehen hat, wie ich heute Morgens, der wird jene homerische Sprache nicht verstehen; wer das aber einmal erlebt, dem wird das einzige gut getroffene Wort auch das ganze Bild malen.