Um 11 Uhr haben wir uns eingeschifft. Jetzt höre ich das Brodeln der Kessel, das Zeichen, daß sich die Abfahrt vorbereite. Um mich herum auf den Divans und in den Schlafstellen, und über mir auf dem Verdecke ruht Alles. Eine Stunde war ich oben, aber auf einem Flecke stehend, nicht auf und ab gehend, weil der Raum für meine Sohle der einzige war, den ich frei fand. Was ich bisher von türkischer Ungenirtheit gesehen, so in Constantinopel, wenn die Officiere und Beamten in voller Uniform, wie sie aus den Bureaux zu den kleinen Localdampfern kommen, selbst das Gemüse, den Salat und das Fleisch nach Hause tragen, wird weit durch das überboten, wie man sich auf dem Verdecke gebettet hat. Der Türke kennt nur eine Ordnung seiner Lebensweise, die erlaubt ihm, sich jede mögliche Bequemlichkeit auch zu gewähren. Die hundert Rücksichten einer oft geradezu unschicklichen Schicklichkeit, womit wir unser Leben binden, bestehen für ihn nicht, und das qu’en dira-t-on? hindert keine seiner Launen. Was ihm genehm und von dem Gesetze erlaubt ist, das sind die einzigen Grenzen seiner Lebensart. Nach diesem Grundsatze haben die Passagiere das Verdeck des Dampfers umgestaltet. Da liegt einer neben dem anderen in seinem besonderen Bette, entkleidet und in buntfarbige Nachtkleider angethan. Das Bett ist verschieden, je nach dem Stande des Reisenden, aus Decken und Polstern oder nur aus Teppichen, aber auch ganz ordentlich aus Matratzen und allem Zugehör gebildet. Der Eine hält die Decke fest bis an die Nase heraufgezogen, daß man, da sein Kopf unter dem Turban verschwindet, zweifeln kann, ob etwas Lebendiges unter diesem Kattunbündel sei; ein Anderer hat sich so dicht eingewickelt, daß er wie ein Schlangenleib erscheint, und ein Dritter, offenbar in der Erregtheit eines Traumes, denn er schnarcht, daß man ihn über die Länge des ganzen Schiffes hört, die Hüllen vollständig abgeworfen, unter denen zu oberst eine rosenfarbene Nachtjacke zum Vorscheine kömmt. Diese freundliche Farbe scheint überhaupt für diese Gewänder die beliebteste zu sein, denn die meisten Schläfer sind darein gekleidet. Ein Theil des Hinterdeckes ist, wie das hier auf den meisten Dampfern üblich, durch eine Bretterwand für die Frauen abgesondert; die schlafen dort gerade so wie die Männer gebettet. Ueber das ganze Lager ist zeltartig ein Segel gespannt, so nieder, daß ich nur gebückt darunter durchkomme; beleuchtet ist es von dem matten Lichte einer Laterne, die in halber Manneshöhe an dem hinteren Mastbaume festgebunden ist. Neben der Lampe hängt ein Käfig; der Vogel, der darinnen, hat den Kopf unter die Flügel gesteckt, und schläft fest, wie die übrigen Passagiere. Ich habe selten eine originellere Scene gesehen. Ein Genremaler, der wie der Niederländer Peter van Schedel auch die Lichteffecte sucht, fände hier endlich einen anderen Gegenstand als die ewigen „nächtlichen Marktscenen im Lichte einer Laterne“ und den effectvollen Namen: „die Nacht auf einem türkischen Dampfer“ — dazu.

Constantinopel, den 5. Juni.

Bei nichts mehr als beim Schlafe ist die Qualität im Stande, die Quantität zu ersetzen. Vier Stunden der heutigen Nacht gaben mir nach ermüdenden Ritten die ganze Körper- und Geisteskraft wieder. Schon um 5 Uhr verließ ich meine Cabine, die — denn auch das muß ich zur Rettung türkischer Reinlichkeit anmerken — frei von Flöhen und Wanzen war. Auf dem Verdecke war das Nachtlager im Aufbruche begriffen, großer Lärm und gewaltthätiges Zusammenschnüren des Bettzeuges und der Teppiche; an seiner Stelle ließen sich Kaffeetrinker und brodelnde Nargilehsraucher nieder. Ich entwich dem allen nach vorne auf die Prora des Schiffes, um den Morgen zu genießen, der voll Frische und rosigen Lichtes war. Von dort aus sah ich auch unsere Einfahrt in den Bosporus und in das goldene Horn. So beleuchtet ist es das herrlichste, das farbenprächtigste Bild und der Augenblick, der es gibt, der glückseligste. Wir schwammen in einem glatten silbernen Meere einem Halbkreise in die Arme, der mit Gebäuden bedeckt so groß ist, daß er zuletzt an seinen Endpunkten in der Undeutlichkeit der Entfernung verschwindet. Daß links Europa und rechts Asien, kann das Auge nicht unterscheiden, und sagt man es ihm, so wird es doch wieder ungläubig, weil es nirgends die Spur einer Trennung findet. Zwei Welttheile scheinen zusammengewachsen zu sein und zu dem Feste ihrer Vereinigung den kostbarsten Schmuck angelegt zu haben. Erst wenn man schon zwischen ihren Ufern, zu seiner Linken Stambul mit dem Cypressenwalde seiner Minarete und dem Olympe seiner Kuppeln, der allgewaltig überragenden Aja Sophia, die kleine Irenenkirche davor und ganz zu vorderst die smaragdgrün geschmückte Seraispitze hat, zur Rechten Skutari mit seinem dunkeln Gräberhaine und den einsiedlerischen Pinien vor der großen Caserne Selims: erkennt man die Täuschung und auch vor sich noch die dritte Küste, die Spitze von Top-Hane, die dort aus dem goldenen Horne und aus dem Bosporus kommend ausläuft. Noch einige Ruderschläge der Schaufelräder weiter, thut sich rechts zur Seite der Bosporus auf, von Häusern und Gärten eingefaßt, als wolle die ungeheuere Stadt sich auch dorthin endlos fortsetzen. Dann werfen wir inmitten all der Pracht, der grünen Hügel, der vergoldeten Kuppeldächer, der buntangestrichenen Häusermauern und des Lebens, das sich lärmend und drängend auf den Schiffen und Ufern regt, den Anker in die Fluth, die auch hier rein und blau wie der Himmel über ihr ist.

Es lagen so viele Dampfer an der ersten Hafenbrücke, daß es unmöglich war, uns dort auszuschiffen. Da unser Dampfer ohne Seitentreppen ist, wurde das auf freier See keine erquickliche Aufgabe. An Stricken ließ man uns und unser Gepäck neben den Schiffswänden in die Boote hinab, die sich unter unseren in der Luft schwebenden Füßen den Platz und die Passagiere streitig machten. Das Geschrei und Gedränge unterhielt mich; es ist hier alles trotz überschäumender Lebendigkeit ohne jene grobe Rohheit des Nordens, die vom Menschen nur das Thierische fühlbar macht.

Mittags ging ich in die Peragasse, Einkäufe zu machen. Ich fand sie von bunten Schleiern überspannt, mit Teppichen behängt und von türkischem Militär, das Spalier bildete, besetzt. Dann kam die Procession, und die Soldaten im türkischen Kleide, den grünen Turban auf dem Kopfe, präsentirten die Waffen vor dem Allerheiligsten. Man wage mir jemals wieder ein Wort über Unduldsamkeit des türkischen Volkes und Unbildung seiner Regierung! Dieses eine Beispiel will ich dem gesammten Europa entgegen halten, und sehen wo ein ehrlicher Christ ist, der nicht beschämt an die Brust schlüge und mea culpa, mea maxima culpa! eingestünde.

IV. Constantinopel.

Constantinopel, den 7. Juni.

Ehe ich in das Innere der Stadt eindringe, das ich nun systematisch durchforschen will, begehrte ich einen Um- und Ueberblick darauf zu thun. Gestern führte man mich auf den Thurm des Seraskeriates und heute um die alten Stadtmauern. Ganz ist aber weder das eine noch das andere zu erreichen. Die Weite der Entfernungen und auch Berge und Thäler, die trennend dazwischen liegen, hindern den Ueberblick, und das Meer, welches sich überall einbuchtet, den ununterbrochenen Umgang.

Die Stadt ist ungeheuer, weit größer als das schon durch die Menge ihrer Einwohner bedungen ist. Die letzte Zählung ergab deren 1,075.000, darunter 480.000 Mohammedaner, 250.000 Armenier (orthodoxe und 30.000 unirte), 220.000 Griechen, 55.000 Juden und 40.000 Angehörige aller Nationen; über diese feste Bevölkerung hinaus noch eine wechselnde von 15.000 Soldaten. Die Tausende von Fremden, die aus allen Welttheilen fortwährend zu- und abströmen, konnten in die Berechnung nicht mit aufgenommen werden, weil sie zu keiner Meldung durch Paß oder sonstige Legitimationspapiere verpflichtet sind.