Ebenso günstig hat auch Suleiman seine Moschee gestellt. Länger als eine Stunde saß ich vor ihr auf dem niederen Mauersockel, der den Platz an dem Abfalle des Hügels umzäunt, rücksichtslos für die Pracht des Baues hinter mir, das Auge und die Gedanken nur auf das Leben in der Stadt und im Hafen drunten und auf das wechselnde Spiel der Lichter gerichtet. Es war schon Abend und der Verkehr darum im goldenen Horne und im Bosporus am regsten. Ganze Gewölke von Dampf legten sich aus den Rauchfängen der ab- und zugehenden Dampfer momentan über die Landschaft; ein scheidender Sonnenstrahl färbte sie glühend purpurn und dann im Verblassen dunkelblau, bis sie der Abendwind auseinander jagte, noch ehe ihr angebornes Grau sichtbar werden konnte. Der Spiegel des Wassers, der am längsten das Licht festhielt, erschien jedesmal nach solcher Entschleierung nur um so strahlender. Kein Laut drang herauf. Wer die Augen schloß oder im Denken das Sehen vergaß, konnte mitten im Herzen der ungeheuren Stadt sich in die stille Einsamkeit einer Wüste versetzt glauben, und wie auf den hohen Bergen kam auch hier jene Vorahnung von der sorgenlosen Betrachtung aus einer anderen Welt auf die hier unten über mich. Zuletzt fühlte ich mich wie die Geister-Erscheinungen in den Raimund’schen Zauberspielen, die bequem in ihren Wolkensitzen über die untergeordnete Erde wegschweben. Man braucht eben nur einen Augenblick außerhalb der Welt zu stehen, sich ganz in sich selbst zurückzuziehen, um mit der Gleichgiltigkeit auch das Bewußtsein der Herrschaft über sie in sich erwachen zu fühlen; ein deutliches Zeichen von der höheren Art des Geistes und von dem Vorübergehen seiner irdischen Verbindungen. Der Erde gehört nur, was der Tod ihr läßt: der Körper, diese wandelbare Hülle.
Zwischen dem Vorhofe und dem Friedhofe steht die Sulimanjie, frei auf dem freien Platze, kein Haus und keine Bude, die ihr wie bei unseren Kirchen den Zugang und das Licht verstellen. Diese Freiheit weiß der Mohammedaner, seinen Gotteshäusern auch in den beengtesten Stadttheilen zu bewahren. Das Thor zu dem Vorhofe steigt hoch und gewaltig zwischen den festen Umfassungsmauern auf, als solle es eine Festung vertheidigen. Eine Nische, stalaktitartig gebildet, wölbt sich über dem Thorwege und feine Schriftzüge und Arabesken sind in die Stirnkrone darüber damascirt. Drei Stockwerke hoch ist die Thormauer und neben der Thüre setzt sie sich in dieser Höhe noch zwei Fenster breit fort. Dann fällt sie ab und hat zur weiteren Umfassung des Vorhofes nur mehr die Höhe von zwei Stockwerken. Die oberen Fenster sind blind, die unteren allein offen, aber stark vergittert.
Die beiden Seitenfronten der Moschee gehören als Ganzes und durch ihre Details zu dem Schönsten der mohammedanischen Baukunst. In zwei Stockwerken stehen Spitzbogen übereinander, im oberen sechzehn kleinere, alle gleichförmig, im unteren neun, von diesen jedoch zwei viel niedriger und schmäler als die sieben übrigen, so daß die drei mittleren von zwei Endgruppen gesondert sind. Auch die Farben der Marmorsäulen helfen bei dieser Abtheilung. Hinter den Bogen laufen breite offene Gänge her. Der Eindruck mahnte mich an das, was ich in Venedig gesehen, geradezu der Dogenpalast fiel mir ein. Am hinteren Ende des Gebäudes, wo sich der Friedhof anschließt, wechselt diese zweistöckige Bogenstellung mit einer einfachen ab. Es sind drei große Spitzbogen von zwei Säulen getragen, durchbrochene Marmorbalustraden dazwischen, unter denen sieben Stufen zu Nebeneingängen in die Moschee hinauf führen. Wie Bruchstücke aus den Seitenansichten der Schah-Sadeh Djami entlehnt, so erscheinen diese reizenden Loggien. Und wirklich hat derselbe Meister beide Moscheen gebaut. Sinan begann die Suleimanjie zwei Jahre nach jener im Jahre 1550 und vollendete sie schon im Jahre 1555.
Von dem Inneren behauptet man, daß es, nach dem Muster der Aja Sophia gebaut, die Absicht diese zu übertreffen erreicht habe. Ich sehe wohl die Nachbildung, aber nicht, daß das Muster übertroffen worden. Vier starke Pfeiler tragen wie in der Aja Sophia die Decke und zwischen ihnen auf beiden Seiten je zwei Säulen die obere Galerie. Auch das Gewölbe ist wie dort ein System von Halb- und Vollkuppeln um eine größere Centralkuppel gelegt. Aber das Licht, das in der Aja Sophia so wenig vorhanden ist und dessen Mangel den Bau so stimmungsvoll dunkel macht, ist in der Sulimanjie verschwendet, und die byzantinischen Rundbogen sind hier in spitzige emporgezogen. Eben das ist das wesentlichste Merkmal der Unterscheidung. Das eine nach dem anderen sieht sich an, wie sich die Uebersetzung eines dichterischen Werkes liest; es sind wohl dieselben Gedanken, aber es ist doch nicht dasselbe Gedicht.
Von der einen Porphyr-Säule unter den Galerien erzählt Gylles einen offenbaren Irrthum. Sie soll mit der Statue des Kaisers Justinian auf dem Platze zwischen der Aja Sophia und dem kaiserlichen Palaste, dem Augusteon, gestanden haben. Nun saß aber Kaiser Justinian, wie man in einem Werke der Seraibibliothek diese Statue abgebildet sieht, auf einem Pferde. Gylles selbst fand noch Bruchstücke von diesem Thiere vor; die Hufe allein waren ungeheuer. Wie könnte das auf dem schmalen Durchschnitte einer Säule Platz gefunden haben? Ein Reiterstandbild auf einer Säule aufzustellen ist überhaupt ein Gedanke, der wohl kaum irgendwo verwirklicht worden sein dürfte.
Hinter der Moschee liegt wie gewöhnlich der Garten; so nennt der Mohammedaner die Grabstätten seiner Todten. Was der Koran ihnen erst für die andere Welt verspricht, sucht er ihnen schon auf dieser zu bereiten, und wirklich blühen Rosen und Akazien um die Gräber Suleiman’s und Roxelane’s, seiner blutdürstigen Geliebten. Schöner und kostbarer noch als die der Muradje zu Brussa sind sie, mit Marmor- und Porzellanplatten, im Innern sogar mit Edelsteinen verkleidet, und dabei doch in ihrem Erscheinen bescheiden und ohne eitle Anmaßung, ernst und feierlich, so wie es sich für Grabstätten geziemt. Die innere Wartung war sorgsam und rein, als seien noch der erste Schmerz und junge Trauer die Wächter und Pfleger des Ortes.
Den Rückweg nahmen wir durch das Seraiskeriat nach der Moschee Sultans Osman III., Nuri-Osmanjie, die Lichte ob der Menge ihrer Fenster genannt. Sie ist ein Werk der Rococozeit und zeigt ihren Styl. Schon früher, als Achmed III. die Gärten an den süßen Wässern anlegte, machte dieser die Rückwirkung Europa’s auch im Oriente geltend. Auch diese Moschee, hart auf der Kante eines Hügels, über dem gedrängtesten Quartiere der ganzen Stadt, dem Besestan, stehend, hat von einer festen Quaderterrasse den Ausblick frei nach den Bergen und dem Bosporus.
Weiter kamen wir, weil ich es so nach der Karte wählte, an der Moschee Mahmud Pascha’s vorüber, in enger steil absteigender Gasse ein malerischer Bau. Halb verfallen decken ihn mächtige Bäume. Vorne vor der Eingangsthüre liegt eine Loggia aus schön gewölbten Bogen.
Constantinopel, den 10. Juni.
Schon um 6 Uhr Morgens ritten wir aus, hinüber nach Stambul und vom At-Meidan die Hügel hinunter und unten den Seemauern entlang, durch die das blaue Meer herein sieht, nach der kleinen Aja Sophia. An die große mahnte sie mich eigentlich nicht, wohl aber an den Dom zu Aachen. Unsere Schulbücher lehren zwar, daß der sein Muster in Ravenna an San Vitale gehabt habe, ich aber glaube, seitdem ich Kütschük Aja Sophia gesehen, daß er es hier gefunden. Bei den vielfältigen Verbindungen Karls des Großen mit dieser Stadt und bei der Weltstellung des damaligen Constantinopel hat es auch nichts Außerordentliches. Justinian baute diese Kirche; sie stand also schon zweihundert Jahre, als Karl der Große seinen Baumeistern den Auftrag gab, ihm eine Pfalz und eine Domkirche in Aachen zu errichten. Das war lange genug, daß der Ruf der byzantinischen Bauten auch auf den schwierigsten Verkehrswegen bis an das andere Ende der damaligen Culturwelt gedrungen sein konnte. Die Architekten mögen selbst in Constantinopel das Vorbild gesehen, oder ihre Bildung von Lehrern erhalten haben, die dort gewesen. Für die Malerei gibt man, weil anderen Behauptungen die Beweisstücke entgegenstehen, diesen unmittelbaren Einfluß zu; bei der Architektur glaubt man eine Zwischenstation machen zu müssen. Nun war aber Italien damals ohne Geltung, die Städte im Verfalle, Rom beinahe nur ein Dorf, das ganze Land eben nur eine Provinz des oströmischen Kaiserthumes. Dorthin waren suchend alle Augen gerichtet, und von dort kamen alle Künstler, Handwerker und Gelehrte. Byzanz war im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung immer noch die tonangebende Macht und bei dem gänzlichen Fehlen anderer Concurrenten in der damaligen Mode vielleicht sogar herrschender als es heute Paris ist. Das können nur jene Geschichtschreiber außer Acht lassen, welche sich die Berührungen und Communicationen der früheren Zeiten weit seltener und mangelhafter vorstellen als sie wirklich waren.