Neben der Kirche stand einmal das Haus, in welchem Justinian 45 Jahre als Privatmann gelebt hatte. Nach seiner Thronbesteigung widmete er den Palast des Hormisdas, so hieß es, den frommen Zwecken eines Klosters. Die Kirche wurde als nothwendiges Zugehör dazu gebaut. Die späteren Kaiser pilgerten dann immer am dritten Osterfeiertage hierher in feierlicher Prozession, den ganzen Hofstaat hinter sich vom Triklinium des Justinians aus über den Hippodrom. Die Kirche war dem heiligen Sergius geweiht und wahrscheinlich auch dem heiligen Bacchus; das lassen wenigstens die Trauben und die Rebenblätter in den Verzierungen vermuthen. Die Inschrift, welche um den inneren Rundkreis läuft, nennt zwar nur den heiligen Sergius, aber die byzantinischen Geschichtschreiber sprechen mit Beharrlichkeit das Patronat auch dem anderen Heiligen zu. Diese Inschrift ist voll von Lob für die Tugenden der Kaiserin Theodora; wollte Justinian, der zugleich als Erbauer genannt wird, seiner Frau, oder wollte man dem Kaiser durch solche Lügen schmeicheln?
Jetzt steht in der Apsis der Mihrab. Wesentliches ist nichts an dem Baue verändert. Sein Grundplan ist ein Viereck; seine Höhe ist in zwei Stockwerke getheilt; acht Pfeiler tragen darüber die Mittelkuppel, aus ihr kommen vier Halbkuppeln als Decke der vier Ecken. Zwischen diesen liegen verbindend vier Tonnengewölbe. Unten und oben auf den Galerien sind zwischen die Pfeiler je zwei mittragende Säulen aus rothem und grünem Steine gestellt. Außer diesen Säulen ist alles Uebrige übertüncht, doch scheint das Darunterliegende noch genug hervor, daß man die Bildhauerarbeiten als rohe verurtheilen darf. Mosaik entdeckte ich nirgends, vielfältig aber Marmor. Die Verhältnisse des Baues sind von schöner Harmonie, daß es wohl that eine halbe Stunde betrachtungsvoll in so edlen Räumen zu weilen. Dem Aeußeren drängen sich die Bäume so zu, daß die Luft darum und darunter kühl und feucht war. Ueberhaupt ist der ganze Ort versteckt abgelegen und still einsam.
Auch die Moschee des Ebul Wefa, eines Heerführers in der Armee des Eroberers, wird als eine ehemalige Kirche gezeigt. Ein reicher Adeliger soll sie im vierten Jahrhundert erbaut haben. Jener frühen Zeit können höchstens die Seitenmauern des heutigen Baues entstammen; Vorhalle und Kuppeln sind sicherlich Werke türkischer Hände. Auch jetzt wieder bessern sie daran; Gerüste füllen den Bau bis in die Wölbungen hinauf. Die Mauern zeigen fußbreite Sprünge. Der Bau hat nur Besonderheiten aber nichts Schönes; mehr noch als die anderen ist er nämlich in die Breite gezogen. Nebeneinander liegen drei große Kuppeln über ihm; sie sind beachtenswerth durch ihre hoch aufstrebende Kühnheit. Unter jeder ist der Grundplan in ein besonderes Viereck gegliedert, und in jedem derselben tragen vier Rundbogen das Gewölbe. Die Ecken sind wie durch eingeschobene und die Kuppel tragende Postamente abgeschnitten, nur in den vier äußersten des ganzen Planes sind sie durch kleine Halbkugeln ausgefüllt. Dem Eingange gegenüber liegt der mittleren Kuppel eine kleine Halbkuppel für die Apsis vor. Schön ist die äußere Umgebung; Bäume schließen die Moschee ein, und ein kleiner alter Friedhof ist hoch darum gelegt, daß sie zwischen den Grabsteinen selbst wie in ein Grab eingesunken erscheint.
Auf einem Platze nahebei, dem des Scheichs Ebul Wefa, saßen unter weitschattigen Platanen vor einem kleinen Kaffeehause ein paar Türken bei ihren Schalen und Wasserpfeifen. Sie mochten unser Handwerk an dem neugierigen Sehen unserer Augen erkannt haben; unaufgefordert boten sie sich an uns das Grab des letzten römischen Kaisers zu zeigen. Durch elende Weberhütten führten sie uns in einen engen Hof zu der Stelle, wo neben altem Kehricht, zerbrochenen Holzlatten und weggeworfenen Lappen der tapfere Constantin ruhen soll. Kein Baum breitet sich darüber, der doch sonst keinem orientalischen Grabe fehlt; auch die Lampe brannte nicht, deren ewiges Licht Mohamed II. hieher gestiftet, und durch welches eben, wie man deducirt, die Wahrheit der Stätte bezeugt werden soll; nur ein alter zerbrochener türkischer Grabstein war als Merkmal an die Wand gelehnt. So ärmlich das Ende, was so allmächtig an der Tiber begonnen hatte.
Wir pilgerten weiter zu Gräbern, die ganze Geschlechter von Kaisern beherbergt hatten. Kilisse Djami, die Kirchen-Moschee, steht klein und versteckt aber kuppelbedeckt auf steilem Hügel, der am herrschendsten über alle anderen constantinopolitanischen emporragt. Darum setzten sich auch die Kreuzfahrer dort oben in dem Kloster des Allherrschers, Pantokrator, wie die Kirche ehemals hieß, fest. In den Grüften wurden die Kaiser begraben, seitdem die Apostelkirche nebenan auf dem nächsten Hügel mit Leichnamen überfüllt war: So ruhten hier die meisten der Komnenen und Paleologen. Von all’ dem ist nichts mehr übrig als ein einziger Sarkophag aus Verde antico, der unverletzt auf dem kleinen Platze vor der Moschee steht. Neben ihm schaut ein Säulenstumpf aus dem Schutte auf, wie um anzuzeigen, daß einmal diese Gräber durch Säulenhallen gedeckt waren. Aber selbst dieser Sarg dient nicht mehr seinem ursprünglichen Zwecke; was den Tod bergen sollte, ist eine Quelle lebendigen Wassers geworden; die Türken haben die Asche und die Gebeine hinausgeworfen und die Hülle in einen Brunnen verwandelt, eine Verwendungsart solcher Monumente, die im Oriente häufig vorkömmt. Ich möchte behaupten, daß es verrathe, um wie viel weniger schrecklich der Tod den Menschen hier erscheine. Andere ganz gleiche Sarkophage, auch wie dieser mit einem giebelförmigen Deckel geschlossen, der dem Dache des altgriechischen Tempels ähnlich ist, nur aus Granit und Porphyr gebildet, werden in dem ersten Seraishofe neben der Irenenkirche bewahrt. Man will die Beweise dafür haben, daß nach dem neunten Jahrhundert kein Sarkophag mehr aus Verde antico, dem thessalischen Marmor, und schon nach dem sechsten Jahrhundert keiner mehr aus ägyptischem Porphyr gebildet worden ist. Es ließe sich also allenfalls für den aus Porphyr gemeißelten im Vorhofe des Serais befindlichen behaupten, daß er wirklich einmal die Gebeine des großen Constantin oder doch die der Eudoxia umschlossen habe. Es ist diese schwerlastende, giebelgekrönte, sonst alles Schmuckes kahle Form der byzantinischen Sarkophage weitaus die würdigste für ein Grabmal, die ich kenne. Für uns, die wir nicht weiter zurückschauen, steht das erste Beispiel ihres Ursprunges in den ägyptischen Grabkammern, und von dort aus scheint sie zugleich mit dem Serapiscultus nach Rom eingewandert zu sein. Mir kam heute die Vermuthung, daß die Türken auch dieses griechische Muster für ihre Bedürfnisse benutzt haben. Die Holzgerüste, die sie über ihren Gräbern aufzimmern, gleichen wenigstens auffällig diesen monumentalen Särgen.
Die Moschee hat von den 46 Kuppeln der früheren Kirche nur wenige behalten. Trümmer liegen noch sichtbar weit herum, andere mögen unter den späteren Neubauten begraben sein. Aufrecht stehen noch ein doppelter Porticus und hinter ihm zwei je dreischiffige Basiliken, die durch ein siebentes besonderes Schiff von einander getrennt sind. Denn so erkläre ich mir die sonderbare Anlage dieses Baues. Vielleicht deckten die heute fehlenden Kuppeln andere ganz gleich geformte Kirchen, die im Anschlusse an diese in einem Vierecke um einen Hof gestellt waren? Es hat dann wohl jede einem anderen Kaiser als Grabcapelle gehört. Die eine Seite, die ich jünger als das andere Mauerwerk finde, und die gewiß einmal offen zu weiterer Fortsetzung war, bringt mich insbesondere auf diese Vermuthung. Neun Thüren führen in den Porticus und ebenso viele von ihm in das Innere der Kirche. Sie sind in denselben Formen und mit demselben rothen Marmor wie die der Aja Sophia gebaut. Die kleinen Kuppeln, die den Porticus decken, sind mit Mosaiken verkleidet; aber keine Menschenbilder, nur Laubgewinde und Blumen sind darin dargestellt. Im Inneren ist nur türkisches Machwerk.
Als Erbauer der Kirche gibt die Geschichte den dritten Komnenen an. Kaiser Johann war dann auch der Erste des Geschlechtes, der hier begraben wurde. Das war jener milde und verzeihende, dabei doch starke und kräftige Herrscher, der im Auslande das Gebiet des Reiches vermehrte, und daheim schon im zwölften Jahrhundert das Ideal unserer heutigen Menschenfreunde verwirklichte, indem er für die 25 Jahre seiner Regierung die Todesstrafe abschaffte. Das Gegentheil all’ seiner Tugenden war der letzte des Geschlechtes, der hier begraben wurde, Andronikus I., der auch der letzte Komnene auf dem Throne von Constantinopel war. Seine Lebensgeschichte ist eine so abenteuerliche, daß wer sie heute in der Regelmäßigkeit unserer Zustände liest, kaum mehr den Glauben für so bunt zusammengewürfelte Schicksale hat. Vor seiner Thronbesteigung abwechselnd der Vertraute und der Verräther seines Vetters, des damals regierenden Kaisers Manuel I., lebte er bald im Glanze und Wohlleben des Hofes zu Constantinopel, bald auf der Flucht durch Wälder und Steppen, bei Türken und Persern, bei Polen und Russen, und auch bei diesen wieder je nach dem Werthe seiner Handlungen als Fürst und Freund erhöht oder als Feind und Flüchtling in den Kerker geworfen, bald Christ und Mohammedaner, alles was der Tag und der Vortheil von ihm begehrte, treu nur in einem, in der Verführung und in der Untreue gegen die Frauen. Ueberall, wo er gewesen, von allen Nationen, bei denen er Gastfreundschaft genossen, hatte er eine entführt und verlassen. Als er dann den Sohn des Manuel, den zwölfjährigen Kaiser Alexius II., erdrosselt und sich dadurch die Krone erworben hatte, kam er hieher an das Grab seines Vorgängers, des Kaisers Manuel. Seine Begleiter wies er zurück, sie glaubten weil er sich seiner Reue und Buße schäme. Er aber murmelte statt der Gebete nur Verwünschungen, nur Flüche, Worte des Triumphes und der Rache über den Sarkophag, denn selbst dem Todten verzieh er es nicht, daß dieser der Einzige im Stande gewesen, seine Zügellosigkeit zu bändigen. Da ihm die Macht allein überlassen war, mißbrauchte er sie zu solchen Grausamkeiten, daß ihm zuletzt das empörte Volk Augen, Haare, Zähne und Arme ausriß, und den immer noch lebenden Körper auf einem räudigen Kameele durch die Stadt trieb, bis ihm zwischen zwei Pflöcken aufgehängt ein paar barmherzige Schwerthiebe die Qual verkürzten.
So wild und kräftig, so maßlos in allen Eigenschaften waren die Glieder dieses Geschlechtes. Von Italien leitete es seinen Ursprung ab, von Asien, wohin es übergewandert, war es gekommen. Sechs Kaiser setzte es auf den wankelmüthigen Thron von Byzanz, die meisten schön und groß durch die äußere Bildung ihrer Gestalt und auch riesig durch den Werth ihrer Thaten. Dann setzte das vertriebene Geschlecht seine Herrschaft drüben in Trapezunt fort, bedeutungs- und wechselvoll wie sie in Constantinopel gewesen, daß seine Fürsten mehr als andere zu den abenteuerlichen Zwecken von Romanen und Dichtungen brauchbar sind. Neben Kapiteln, so blutig und bewegt wie die der byzantinischen Geschichte, verblassen selbst die Schicksale der rothen und der weißen Rose. Den Mord der Brüder des thronbesteigenden Prinzen, den die Türken bis zum letzten Sultan als dynastisches Hausgesetz ausgeübt, fanden sie wie anderes, das sie nach der Eroberung unter ihre Sitten aufnahmen, fertig und zur Regel geworden in Constantinopel vor. Die Willkür überhaupt, welche so lange die türkische Thronfolge erschütterte, mögen sie nach dem vorausgegangenen Beispiele gebildet haben.
Kahrjie Djami in der Nähe der Landmauern, zwischen dem Thore von Adrianopel und dem ehemaligen Viertel der Blacherner, soll noch eine der 24 Kirchen sein, welche Justinian in Constantinopel erbaute. Die Mauern mögen so alt sein, die Ausschmückung muß längst erneuert worden sein. In der Vorhalle wenigstens fand ich Mosaiken von so trefflicher und freier Zeichnung, daß ich sie in eine jüngere Zeit als die älteste der Marcus-Kirche versetze. Eine schreitende Figur des Erlösers und in der Kuppel der linken Halle aufrechte Gestalten unterschied ich deutlich. Die Kuppeln sind muschelförmig eingefalzt, ihrer drei über der Vorhalle, die in drei Vierecke abgetheilt ist, nebeneinander. Thür- und Fensterstöcke sind in denselben Formen wie in der Aja Sophia gearbeitet. In dem Kreuzgange, der später angebaut ward, sind Malereien so entwickelter Art, daß man bei dem Erlöser kaum mehr die Spur des alten byzantinischen Typus findet. Die Kuppeln, die ganze Vorhalle und auch das Innere sind nur klein; die byzantinischen Kirchen scheinen sich überhaupt nicht durch Größe ausgezeichnet zu haben, wenigstens macht unter den übrig gebliebenen nur die Aja Sophia hiervon eine Ausnahme. Die Menge derselben muß den Rauminhalt der Einzelnen ersetzt haben. Es kann ihrer nicht weniger, als heute in Venedig sind, gegeben haben. Gleich auf dem Rückwege, den wir direct zur Gül Djami suchten, auf dem wir uns aber verirrten, fanden wir in der Nähe der Mohammedje, abseits gegen den Hafen zu hinab, Ruinen, welche einmal einer altbyzantinischen Kirche angehört haben müssen. Ich finde sie auf keiner Karte und in keinem Handbuche verzeichnet. Die Kuppeln sind herabgestürzt und auch die Seitenmauern geborsten; die abgefallene Tünche stellt es außer Zweifel, daß seitdem eine Moschee hier gewesen. Die Verwüstung kann nicht alt sein, denn noch hat sich nirgends das in diesem Klima so rasche Grün um die Ruinen gelegt, und verursacht scheint sie durch eine Feuersbrunst zu sein, weil das ganze Stadtviertel ringsherum aus noch unangestrichenen Latten neu aufgebaut ist. Wie vor anderen stand auch vor dieser Kirche eine mit drei Kuppeln gedeckte Vorhalle. Eine Hauptkuppel scheint die Kirche selbst, eine zweite kleinere den Altarraum gedeckt zu haben; das unterscheidet man heute noch. Wie lange wird diese Spur dauern? Schon schleppt man Steine fort zu weltlichen Neubauten; so werden allmälig aber fortwährend auch die Ruinen der Vergangenheit ausgejätet. Kann man sich, wenn zuletzt alles Sichtbare fehlt, noch wundern, daß das Frühere der Nachwelt unverständlich wird?