Gül Djami (Rosen-Moschee), die wir endlich, aber erst mit Hilfe der Magnetnadel fanden, liegt so tief in einem Thale, daß wir an Gassen kamen, die so steil abwärts führen, daß wir, um nicht zu fallen, von den Pferden steigen mußten. Die Rosen-Moschee zeigt sich als byzantinisches Bauwerk trotz späterer türkischer Veränderungen. Sie scheint besonders fest zu sein und der Zeit zu trotzen. Von einem unterirdischen Gewölbe, welches Hammer erwähnt, wollte keiner der Moscheediener und der Umwohnenden, die in Menge herbeigekommen waren, etwas wissen.
Nach Galata hinüber ritten wir über die zweite Hafenbrücke. Eine eigenthümliche Beleuchtung wurde uns von dort aus durch das Abendlicht geboten. Der ganze Hafen war so von Nebeln und von dem Rauche der Dampfer bedeckt, daß er und die Stadt unsichtbar waren. Die untergehende Sonne färbte diese Wolkenmassen roth und blau, nur das Thürmchen der Seraispitze sah daraus hervor, aber scheinbar in die Ferne gerückt, als lägen viele Meilen zwischen ihm und uns. Schon Morgens hatte ich die Nebel beobachtet; sie zogen so dicht über die See, daß außer der Seraispitze Alles in ihnen verschwand, selbst die Körper der Schiffe. Zuweilen nur ragten die Masten und die geschwellten Segel, welche die Schiffer dem Südwinde ausgespannt hatten, daraus hervor, daß es aussah, als hätten die Wolken Segel vorgelegt, ihren Flug noch mehr zu beschleunigen und mir die eilenden Wolken, die Segler der Lüfte verwirklicht erschienen, welche die gefangene Maria Stuart grüßend an ihr Heimathland sandte.
Constantinopel, den 11. Juni.
Ich schreibe den ganzen Vormittag. Gewitter drohen und hindern eine gemeinsame Fahrt im großen Boote nach Bujuk-Dere. Ich aber wage mich Nachmittags allein im Kaïk um die Seraispitze in’s freie Meer hinaus, die Mauern der Stadt auf dieser Seite genauer zu untersuchen. Es ist herkömmlich, auch diesen Theil der Bollwerke als einen übrig gebliebenen Vertheidiger des Christenthums gegen den Mohammedanismus zu ehren. Ich brachte den Mauern dieselbe Glaubensstimmung entgegen und die Inschriften auf der Seeseite unterstützten diesen Wahn. Hört man nur sie, so baute schon Kaiser Theophilus, derselbe, welcher auch den kaiserlichen Palast so reichlich verschönerte, also 830 oder doch nahe daran diese Mauern. Erst als ich ihre Fügung, die Steine und ihre Bearbeitung prüfte, begann dieser Glaube zu zweifeln. Das Werk kann nicht das Product eines Jahrhunderts sein, das für Byzanz die Blüthezeit aller Künste und Wissenschaften war. Und wäre es das gewesen, so konnte es in dieser Gestaltung nicht dem Wogendrange und dem Wettersturme eines ganzen Jahrtausends widerstehen. Die schlecht gefügten Ziegellagen und der Mörtel zeugen gegen eine solche Alterslast. Nur tief in dem unteren Theile, der noch unter Wasser steht, sind es sorgfältiger gefügte Quadern; darüber liegen Säulenschäfte geschichtet, dicht und hoch wie Klafter Holzes, Gesimsstücke und andere Bautenreste dazwischen, Alles Zeugen der Prachtliebe einer früheren und der Barbarei einer späteren Zeit. So baut eine jede mit den Werkstücken wie mit den Ideen ihrer Vorfahren. In Aegypten schon trieben sie es nicht anders und wir treiben es wie es hier geschehen. Welch’ eine Stadt muß das gewesen sein, die der Säulen so viele hatte, daß man einmal ihre Mauern daraus aufrichten konnte! Dieses Später kann aber nicht schon die Zeit des Theophilus gewesen sein. Es ist nicht anzunehmen, daß er, dem die Verschönerung des Palastes und der Stadt so sehr im Sinne lag, so viel zerstört, und selbst wenn er damit seinen Neubauten Platz schaffen wollte, daß er das kostbare Material der früheren nicht entsprechender verwendet haben sollte. Daß aber auch die anderen Byzantiner nach ihm diese Grausamkeit nicht geübt haben, beweist mir eine andere Einwendung, die ich mir gegen den griechischen Ursprung dieser Mauern in diesen Tagen gefunden habe.
Hier hinaus gegen das Marmora-Meer zu öffnete die Stadt ehemals drei, vielleicht sogar vier Häfen. Der erste zunächst der Seraispitze, wahrscheinlich ziemlich unterhalb der Achmedjie, welcher der des Palastes, auch der des Bukoleons hieß; von ihm westlich und westlich neben der kleinen (Kütschük) Aja Sophia, dort wo der Platz heute noch Kadriga-Liman d. h. der Galeeren-Hafen heißt, der zweite, der julianische, und wenn man diesen nicht denselben mit dem nächsten glaubt, was nach den byzantinischen Schriftstellern streitig erscheinen kann, noch tiefer in den Halbmond der Küste hinein, dort wo heute noch Steintrümmer eines Molo’s im Meere den Mauern vorliegen, vielleicht bei Kum-Kapu, dem Sandthore, der dritte, der der Kaiserin Sophia, so daß dann der theodosianische zunächst dem Schlosse der sieben Thürme der vierte gewesen wäre.
1422, also nur 31 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch die Türken, besuchte sie ein Florentiner, Christof Bondelmonti, der von der Stadt unter Anderem auch einen Plan geliefert hat. Auf dem ist z. B. der erste Hafen noch deutlich eingezeichnet und vor ihm sind zwei weit in die See vorspringende Molo’s markirt; er nennt ihn portus palatii. So ist noch Manches anders dargestellt als es heute auf diesen Küsten aussieht. Nahe der Seraispitze stand eine Kirche der wegweisenden Mutter Gottes (Hodegetria), dann eine des heiligen Georg, von denen heute keine Spur mehr übrig ist. Kann das Alles in den 31 Jahren vor der Eroberung weggeräumt und umgewandelt worden sein, in einer Zeit vollkommener Entkräftung und leichtsinniger Sorglosigkeit? Das ist nicht nur unwahrscheinlich, das ist unmöglich. Uebrigens beschreibt uns auch ein noch späterer Reisender, der sogar erst nach der Eroberung durch die Türken Constantinopel besuchte, 1550, noch immer manche dieser Uferstellen anders als sie heute sind. Es können also, wenigstens auf der Seeseite der Stadt, nur die Türken die heutigen Mauern errichtet haben.
Murad IV. 1635, vielleicht sogar erst Achmed III. 1721, werden als Wiederhersteller der Stadtmauern gerühmt. Die alten Grundlagen mögen sie benutzt haben, daher unten im Wasser die stärkere Quaderfügung, auch einzelne Thürme in den Neubau mit aufgenommen haben. Daß frühere Inschrifttafeln in den Mauern haften, ist kein Beweis für das Zeitgenössische ihres Werdens. Die Türken mauerten sie, so gut als man das früher schon that, und als man es heute wieder thut, an den Stellen ein, wo sie sie fanden. Die Reste alter Bauten legten sie dazwischen und erst darüber ihre schlechten Ziegel. Man stelle sich nur vor, wie viel fallen mußte, bis der Raum zu dem heutigen Serai frei ward.
Unter den Resten, die sie so verwendet haben, sind auch drei Fenster gleich neben dem ehemaligen Leuchtthurme eingemauert; ihre Formen sind die ägyptisirenden wie an den Thüren der Aja Sophia, die allen byzantinischen Bauten gemein waren. Seitab und höher oben erscheint ähnlich befestigt eine kleine Häuserfronte, zwei Löwen zu ihren beiden Seiten. Es kann das nicht der natürliche Platz dieses Baustückes sein; auch dieses muß hierher erst übertragen worden sein; so wie es da steht wäre es ganz sinnlos. Vielleicht daß es das oberste Stockwerk eines kleinen Palastes gewesen und die Löwen frei daneben standen? Gylles nennt es ein Ueberbleibsel vom Palaste des Leo Marcellus, nicht vom Bukoleon, wie Hammer ohne weiteren Beweis behauptet. Dann wären auch diese Trümmer eine Bestätigung für meine Vermuthung von der äußeren Unscheinbarkeit der byzantinischen Bauten. Sie haben nichts Großes und verrathen keinen großen Sinn; sie sind klein und manchmal auch unförmlich, wie Vieles in Kütschük Aja Sophia, Kilisse Djami und Kahrije Djami. Die große Aja Sophia ist die einzige und darum auch so sehr gepriesene Ausnahme. Denn selbst von dem Kaiserpalaste glaube ich nicht, daß er etwas unseren oder den römischen Bauten Aehnliches gehabt habe; er wird wie noch die heutigen Paläste der Orientalen aus einer Summe von Pavillons bestanden haben, über ein weites Gebiet die Hügel hinab und durch Gärten zerstreut. Kein Theil war höher als einstöckig und die Pracht daran nur im Innern.
Wilde Hunde lagen vor den Mauern auf Steinen, die dort den Anprall der Wellen aufhalten. Ab und zu wechselten Kinder mit ihnen ab, die auf jenem gefährlichen Punkte wohl nur im Genusse verbotener Frucht waren. Vom freien Meere her und von den rothen Inseln drohten dunkle Wolken mit neuem Regen und finsterer Verhüllung der Ferne, wie sie schon die Sonne verbargen.
Bei Psamatia Kapu hieß ich das Kaïk landen. Ich ging von dort in das Innere der Stadt nach der nahe dem Strande gelegenen Moschee des Oberststallmeisters (Imrachor Djami). Der Bau ist ein Rest, und bei näherer Prüfung ein überraschend wohlerhaltener, des einst so berühmten Klosters des Studius. Es war das ein Patricier und Consul, der im sechsten Jahre der Regierung Leo des Großen, auch des Fleischers genannt, also im Jahre 463 den Nichtschläfern diese Kirche erbaute. Die christlichen Lateiner verwüsteten sie, und erst Andronicus der Jüngere schützte sie wieder mit einem Dache. Das Kloster spielte in der byzantinischen Geschichte eine große Rolle; Leben und Sterben vieler Kaiser sind daran geknüpft. Einige wurden dort erzogen, denn die Mönche waren gelehrt und gebildet; Andere wurden dorthin in die Einsamkeit und Büßung verwiesen, und wieder Andere unter dem Paviment der Kirche begraben. Hier stationirten zum erstenmale die Züge, welche der Stadt vom goldenen Thore aus zum kaiserlichen Palaste hin den Sieg brachten. Alles was dieser Bau war, ist bei ihm leichter als bei anderen aus den vorhandenen Resten herzustellen. Das Trümmerfeld von Säulenstümpfen, welches Hammer rings herum gebreitet sah, ist entweder seitdem weggeräumt, oder er hat es überhaupt nicht gesehen. Es muß ihm so jedenfalls mit dem Mihrab dieser Moschee geschehen sein. Denn hätte er diesen gerade so wie bei der Aja Sophia und bei allen anderen Moscheen, welche ehemals Kirchen waren, schief in die Apsis gestellt gesehen, so hätte er dadurch allein, wenn auch sonst durch keine andere der markanten Eigenthümlichkeiten des Baues, auf die Vermuthung kommen müssen, daß er es hier mit einer ehemaligen Kirche zu thun habe, und nicht drucken lassen dürfen, daß diese Djami ein Werk des großen Baumeisters Sinan sei. Die Stätte und die Mauern sind heute noch dieselben, welche einmal den gottesdienstlichen Zwecken der griechischen Christen dienten.