Die See war glatt, unbewegt, von mattem Silberglanze übergossen und in der Entfernung wie in die Tiefe abfallend, als sei in meinem engen Gesichtskreise schon der Einfluß der Kugelgestalt merkbar. Nur am Horizonte lag stärkeres Licht. Zuweilen hob sich links neben dem Boote, wo das freiere Meer war, ein Delphin, und dann glänzte in der silbernen Fassung des Wassers sein Rücken goldig. Die Bäume rechts auf dem Ufer standen regungslos wie die Steine und Mauern, die sie auch in der Nacht noch gegen das Licht beschatteten. Auf den Hügeln wuchsen die Aja Sophia und die Achmedjie empor, auf dem Ufersaume hart neben mir der Leuchtthurm. Vor mir lagen hohe Segelschiffe, zwischen ihnen schweigsame Fischerboote. Sie erwarteten den Morgen und die Sonne, die einen um ihr Geschäft zu beginnen und in den Hafen einzufahren, die anderen um es zu enden und mit der eroberten Beute heimzukehren. So gibt jede Stunde Jedem anderes; dem Einen die Mühe und die Arbeit, dem Anderen den Lohn und den Schlaf. Weit draußen, undeutlich und doch erkennbar, lagen die Prinzen-Inseln. Dünste des warmen Tages lagerten um sie; aber es war, als tauchten sie abwechselnd hervor und verschwänden wieder in der Fluth.
Ich lag lange draußen auf der ruhigen See; die Ruder ruhten und das Boot trieb wie es wollte. Es war nicht, als sei die Natur erstorben, aber es war, als schlafe sie, und schlafe so fest, daß sie nicht einmal träumen könne.
Die Rückfahrt ging noch näher der Seraispitze gegen die starke Strömung. Mit ihr auf und nieder schaukelte sich der überhängende Schatten einer Pinie, die dort hart am Meere steht. Unter ihrem Dome, dem Cypressen wie Minarete der Moschee gesellt sind, bemerkte ich eine weiße Gestalt, den Kopf turbangekrönt, die sich hob, die Arme ausbreitete und dann wieder niederfiel um die Erde zu küssen. Es war ein Muselmann, der den Ruf des Muesin gehört und ihm hier, zwischen den Mauern und der See eingeklemmt, gehorchte, und mit dem Auge Mekka suchte. Der Mond stand im Osten, so konnte es scheinen, als richte der Beter seine Worte an ihn. Und was wäre es gewesen, wenn er es gethan? Gottlosigkeit, weil er in seiner Einfalt der Gabe schon gegeben, was erst dem Geber gebührt? Gott ist milder und verständiger; Er findet den Glauben, wo er ist.
Soldaten schauten vom Ufer mich und die See an; sie hatten die Wache dort bei den Batterien.
Im goldenen Horne zogen sie Handelsschiffe durch die geöffnete Brücke in den Bosporus. Es war das erste Leben, das ich wieder hörte. Gespensterhaft ragten die Schiffe auf und gespenstisch war ihre Bewegung, leise und ohne die nothwendigen Segel. Und wie ich jetzt ans Fenster trete, sehe ich das Alles wieder; nur der Mond steht etwas tiefer und ein leichter Wind zieht über das Ganze hin. Es ist der Morgen, der sich kündet. Und da gibt es Menschen, die im 19. Jahrhundert die Poesie aus der Welt geschwunden glauben! Ueberall und immer ist sie; über und um uns, nur nicht in uns, wenn wir sie nicht sehen und nicht fühlen:
„Das ganze Leben ein Gedicht!“
Prinkipo, Montag, den 20. Juni.
Immer reizender erschienen sie mir, diese Inseln. Meine Neugierde wurde zuletzt ganz unzähmbar. Was ich so oft gesehen hatte, das Land verklärt im Sonnenglanze, oder wie heute Nacht entrückt in zweifelhaftes Mondlicht, wollte ich auch einmal selbst betreten. Nachmittags stieg ich an der Hafenbrücke mit einem Freunde auf ein türkisches Dampfboot, das den Dienst hieher besorgt. Das Schiff war, wie die Localboote hier gewöhnlich, menschenüberfüllt; die Meisten, Griechen, in europäischer Kleidung, weil die Inseln beinahe ausschließlich von diesen bewohnt sind. Einen einzigen Türken sah ich in seinem Nationalkleide. Schon ehe das Schiff abstieß, hatte er seinen Platz eingenommen, den er unbeweglich durch das Stoßen und Drängen der Kommenden festhielt. Er schrieb; Tinte und Feder nahm er aus dem Gürtel, das Papier hielt er auf der linken Hand ausgebreitet. Es war ein Brief, den er schließlich in unserer gewöhnlichen Form zusammenlegte und in ein Couvert steckte. Sorgsam und selbstgefällig, wie wenn es ihm Vergnügen mache seine Hand schaffend zu beobachten, zog er die Buchstaben. Und so wie ihn, sah ich alle Türken dieses Geschäft betreiben; malen wäre dafür vielleicht rechtmäßiger gesagt als für Manches, was sich dafür ausgibt. Schnell schreiben sah ich nie einen Türken; das Geruhigbleiben ist auch hierbei sein oberstes Gesetz. Dieses Wohlgefallen an der Schrift und an dem Schreiben selbst ist ein Theilstück seiner Natur, angeboren nicht erworben; es entspringt dem Formgefühle des Orientalen. Und daß sie doppelt wirke, die Schrift, zugleich durch den Gedanken den sie ausspricht, und den Linienzug den sie zeigt, lag von Anfang an in ihrer Absicht. Ich weiß, daß man das bestreitet, daß insbesondere Kugler behauptet: die Schrift wolle ihrem wesentlichen Zwecke nach nicht formal wirken. Der Mann hat schlecht gesehen. Schon die Stelle, wohin man sie gewöhnlich malt, und die sorgsame Weise, womit man das thut, sie in den Marmor meißelt, in Talismane gräbt, wie man sie zur Auszierung der Waffen, der Kleider und Teppiche verwendet, zeigt diese Absicht der formalen Wirkung. Und ist nicht auch bildlich, wie es die Schriftzeichen sind, die Sprache gestaltet? „Gott hat ihr Herz und ihr Ohr versiegelt!“ drückt sich der Koran aus, um die Ungläubigen zu bezeichnen, die das Wort des Propheten hören, aber ihm nicht folgen. Und so wie Schrift und Sprache, so ist der ganze Mensch des Orients; der Gemeinste hat ein feines Gefühl für die Formen. In Haltung und Kleidung tritt das immer hervor, dem Vornehmsten begegnet er mit der Sicherheit des angeborenen Anstandes und ist darum nie verlegen. Daher denn auch in dem Lande, das nach unseren Begriffen durch die Sclaverei das der entwürdigten Menschheit ist, die äußerlich wenigstens würdigsten Vertreter unseres Geschlechts. Der Beduine, den ich neulich auf der Brücke so sehr bewunderte, und der den Kopf so aufrecht und den Burnuß in so schönen Falten trug, war ein Mann der unteren Stände.
Ich will das übrigens nicht blos auf den Mohammedaner oder gar nur auf den Türken beschränken, es gilt im weitesten Sinne von allen Völkern, welche im Oriente entstanden und ihm noch mit einem Theilchen ihres Wesens angehören. Sie Alle schreiben mit Zeichen, die wie bei den Aegyptiern eine ursprüngliche Bilderschrift wahrscheinlich machen. Um wie viel schöner erscheint z. B. die hebräische Schrift neben der lateinischen? In China ist das Schönschreiben eine Kunst der höchsten Gelehrsamkeit. Eigene Professoren bestehen dafür, und die chinesische Sprache selbst nennt es malen, wie denn der Pinsel ihr Instrument dazu ist. Ich erinnere mich eines Romanes — aus dem Chinesischen übersetzt, les deux jeunes filles lettrées — der schildert den Wettstreit zweier junger Mädchen mit den berühmtesten Gelehrten des himmlischen Reiches im Schönschreiben. Sie siegen, und der Kaiser selbst zeichnet zuletzt ihren Sieg durch seinen Beifall aus.
Wie sehr übrigens dieses Formengefühl eine angeborene Eigenschaft der Menschheit ist, das beweist jedes Kind; Schreiben und Malen sind ihm Begriffe, die es lange nicht auseinander halten kann. Einen Brief malen und einen Buben schreiben, so drückt es sich so lange aus, bis ihm erst die Erziehung eine andere Sprache eingebläut hat.