Pera, Freitag, den 17. Juni.
Den Morgen sah ich Aquarelle bei dem Maler Pretiozi an, und Nachmittags suchte ich ihre Originale in den Gassen. Unten in Galata führt eine dem Hafen parallel nach Dolma-Bagdsche. Kaufläden säumen sie rechts und links ein; dazwischen fällt ein und das andere Mal von einem freien Platze der Blick auf das Meer. Unmittelbar vor dem großen, der vor den hohen Thoren des sultanlichen Schlosses liegt, ist die Gasse noch mehr eingeengt. Rechts ragen die zierlichen, wie aus Zucker gebauten Minarete der Moschee Abdul Medschid’s empor, links hinter einer hohen Mauer und über sie herabhängend Cypressen, Platanen und buschiges Goldgrün mit rothen Granatblüthen darin. Die Minarete stehen im lichten Sonnenglanze, die Bäume und Gebüsche im tiefen Schatten. In der Gasse, die dunkel ist, kommt mir ein Engländer mit blauem Schleier auf dem Hute zu Pferde entgegen, und hinter ihm auf langsamem Eselein ein alter Türke; Matrosen dazwischen in ihrer sauberen Uniform, weiße Hosen und weißes Hemd mit Roth eingesäumt und besetzt; Soldaten, Albanesen und vermummte türkische Weiber: das Bild war fertig, wie ich es bei Pretiozi gesehen hatte.
Auf dem großen Platze vor Dolma-Bagdsche saßen hunderte von türkischen Weibern, erhöht auf einer Stufe, die sich dort über den ganzen freien Raum hinzieht. Sie schauten auf’s Meer hinaus und feierten so ihren Sonntag.
An dem Strande schiffte man eine Menagerie aus, die ein Dampfer aus Aegypten dem Sultan als Geschenk des Vicekönigs gebracht hatte. Die Giraffe war eben in’s Meer gefallen und stolzirte gar seltsamlich auf ihren hohen Füßen durch die Felsen des Ufers hindurch. Der Löwe brüllte noch auf dem Schiffe.
Ich stieg den Hügel hinauf durch den großen Friedhof. Von oben, zwischen den Cypressen hindurch, ist der Blick beinahe schöner als irgend ein anderer auf das Meer, den Bosporus und die Seraispitze. Die See lag tiefblau. Auf den Hängen der asiatischen Küste hoben sich beherrschend einige Pinien hervor.
Zwei Kinder saßen nahebei auf einem Grabe, die Füße in die Oeffnung hinabhängen lassend, die das religiöse Sittengesetz jedem Mohammedaner in der deckenden Steinplatte anzubringen befiehlt. Es war als seien sie die Engel Nakyr und Monkar, die der altüberkommene Aberglaube der Mohammedaner dort zu dem Verhöre der Todten ein- und aussteigen läßt, damit sie, wenn der Todte ihrer inquisitorischen Frage mit dem muselmännischen Glaubensbekenntnisse antwortet, ihm das Grab um 70 Ellen erweitern und ihn so bequemer gebettet ruhig bis zur Auferstehung fortschlafen lassen, wenn er aber diesem Gerichte ausweicht, sie ihm die Erde fester um den Leib schlagen, daß ihm die Rippen brechen und er gepeinigt bis zum jüngsten Tage liege.
So ist überall hier neben dem blühendsten und prachtvollsten Leben Mahnung an den Tod.
Pera, Sonntag, den 19. Juni, 3 Uhr Nachts.
Ein schwüler Tag. Der Telegraph brachte erfreuliche Nachrichten aus Europa; das und die Hitze hielten mich im Hause fest. Abends nahmen wir den Thee im Garten und betrachteten durch das Teleskop die Sterne. Dadurch ward schon meine Sehnsucht von der Erde weggewendet. Nach 11 Uhr stieg ich in Top-Hane in’s Kaïk und ließ mich um die Seraispitze herum in’s mondbeglänzte Meer rudern. Eine Nacht, ruhig, friedsam, selig wie das bewußtlose Gemüth eines Kindes. Mir wurde wohl und heiter, wie ich die Ruhe und den Frieden auf dieser Erde nicht mehr wieder zu finden erwartet hatte. Gegenwart und Vergangenheit mischten sich im betrachtenden Geiste, in der fühlenden Seele und verloren ihre Unterschiede; das ganze Leben ward ein Augenblick ohne Reue und ohne voraussichtiges Hoffen. So vielleicht wird auch einmal das Dasein in jener andern Welt, die das große Fragezeichen aller unserer irdischen Bestrebungen ist. Der Maßstab der Zeit muß erst verloren sein, damit das Leben ein ganz sorgenloses werde; die Erinnerung so gut als das Hoffen ist zeitlich und in dieser Welt geboren. Wer also sie mit in die andere nehmen will, der stellt sich diese als auch mit dem Staube unserer Erde behaftet vor.