Im Achtecke, das in der Mitte des Saales frei blieb, drehten sich auf dem, eine Stufe tiefer liegenden, glatt gewichsten Boden sechzehn Derwische; vierzehn gewöhnlich einen äußeren weiten Kreis bildend, zwei, manchmal auch drei in seinem Centrum einschließend. Von den Hüften hängt ihnen ein weites, langes, weißes Kleid, ähnlich einem Weiberrocke; der Stoff ist Wolle. Unten ist etwas wie eine Schnur eingenäht, das den Rock beim Stillestehen niederzieht, beim Tanze ihn aber aufschwellen macht. Die Füße unter dem Rocke sind nackt, die Beine in weiße Hosen gekleidet. Den Oberkörper tragen sie in einer Jacke aus demselben Stoffe wie der Rock; den rechten Zipfel der Jacke in den Gürtel gesteckt; unter der Jacke ein buntgestreiftes Hemd; auf dem Kopfe die bekannte cylinderförmige Mütze aus Kameelhaaren, Kulah genannt, die nach dem Muster der Vase geformt sein soll, welche die Seele des Propheten vor ihrer irdischen Geburt in der Geisterwelt enthielt. Denn der mit indischen Schwärmereien vermischte Glaube der Mewlewijjeh-Derwische stellt sich die Seele als ein immer existirendes Licht dar, das aber, weil es körperlos ist und das Auge nur die Eigenschaften eines Spiegels hat, dem Menschen unsichtbar bleibt. Als der Tanz begann, hoben die Derwische die Arme langsam von dem Gürtel und breiteten sie wie Flügel aus. Die rechte Hand strecken sie mit der Fläche nach aufwärts, die linke mit der Fläche abwärts. Den Kopf lehnten einige hinüber zum rechten Arme, was ihrem Tanze etwas besonders Zierliches gab, an Tänzer auf antiken Vasengemälden erinnernd. Den Tanz selbst möchte ich die Ruhe in der Bewegung nennen. Man sieht eigentlich nur das Umkreisen der eigenen Person und merkt kaum das Bewegen nach vorwärts, und doch legen sie in kurzer Zeit den Weg um den ganzen Saal zurück. Mit gleitenden Schritten geben sie den rechten Fuß über den linken und schieben sich so weiter. Eine eigenthümliche Musik, die unsichtbar über mir herabtönte, Flöten, Tamburin und ein Triangel, gab den Tact dazu; nicht schnell und nicht lärmend. Störend in dem beinahe märchenhaften Eindrucke, den das Ganze auf mich machte, war nur der Gesang, der von Zeit zu Zeit einfiel. So ganz individuell ist das Ohr der Völker gebaut. Sie fanden gewiß dieses Gekneife nicht weniger bewundernswerth, als der selbstgefällige Held in Hofmann’s Kater Murr seine Arien.

In gemessenen Pausen unterbrachen die Derwische ihren Tanz durch einen gravitätischen Umgang, der mir den Chor in Schiller’s Kranichen des Ibikus in die Erinnerung zurückbrachte. Vor dem Scheich verneigten sie sich jedesmal. Es waren alle Altersstufen unter ihnen vertreten, auch ein bildschöner Knabe von höchstens zwölf Jahren. Der älteste war der Scheich. Er stand in dunkle Gewänder gehüllt, einen grünen Turban um die Derwisch-Mütze geschlungen, innerhalb der Umzäunung des Mihrab; ein würdiger kleiner Alter mit langem Silberbarte, der die Verehrung, welche ihm die Jüngeren zollten, schon durch sein Aussehen zu verdienen schien. Assistirt ward ihm von einem anderen, der zum Schlusse die weitärmeligen Arme erhob und ein Gebet sprach. Die Tänzer fielen dabei nieder und lauschten dem Gebete mit zur Erde geneigtem Haupte. Ein Diener warf ihnen dunkle Kaftans um, offenbar um die sehr Erhitzten vor einer Erkältung zu bewahren.

Früher als ich es erwartet hatte, war die Ceremonie zu Ende. Man hat sie viel commentirt und durch die mannigfaltigsten Hypothesen zu erklären gesucht. Ich wage keine Deutung und erinnere nur an die vielen Gebräuche in beinahe allen Religionen, die ihren Ursprung verloren haben, aber gewiß einmal wesentlich durch denselben waren und es heute durch ihr Alter geworden sind. Wer sie abschaffen will, der versteht eben nur sich und nicht den Geist des Volkes, der meistens historischer denkt als die bloßen Rationalisten es begreifen können. Und der Einzelne selbst, der Hochgebildete, der sich erhaben glaubt über all’ solchen Albernheiten der Menge, wie viele solcher Gebräuche schleppt er nicht widerstandslos durch sein Gesellschaftsleben? Man übt sie eben, weil es nun einmal Sitte, und weil sich in der Sitte, wenn auch undefinirt, doch ein wirkliches Gefühl ausspricht; der erste Anfang mag sich verloren haben, aber der Gedanke, der ihn geweckt, wirkt noch fort. Es ist wie mit jenen wunderbaren Seepflanzen, die aus endloser Tiefe kommend auf dem Meere mit ihren Blättern und Blüthen herumschwimmen und deren Wurzeln nicht zu finden sind. Mir hat der Tanz der Derwische nur andächtige Eindrücke geweckt und ich sah nicht ein Gesicht unter den Tanzenden, das von anderen als gottesdienstlichen Gedanken bewegt sein mochte.

Man übersetzt das Tekke der Türken, wie hier diese Uebungshäuser der Derwische heißen, in den europäischen Sprachen durch das Wort „Kloster“ und gibt damit zugleich auch einen irrigen Begriff von der ganzen Art und von der Lebensweise der Derwische. Die Derwische gleichen weit mehr unseren Bruderschaften, denn wie diese leben sie auch außer dem Hause, jeder in anderen Lebenskreisen und seinen Berufspflichten nachgehend. Der Scheich allein residirt in dem Tekke und überläßt die Sorge für seinen Unterhalt der Vorsehung. Von den 200 Klöstern in Constantinopel sind nur 50 genügend mit Unterhaltscapitalien versehen. Die Derwische treten nur periodisch zur Uebung ihrer religiösen Gebräuche zusammen, und was ihre Versammlungsorte betrifft, so finde ich diese unseren Theatern ähnlicher als unseren Klöstern. Man sitzt dort ohne unmittelbare Theilnahme nur als stummer Zuschauer und läßt den Eindruck auf sich wirken. So war auch der Ursprung unseres Theaters und der jedes Theaters überhaupt: eine religiöse Wirkung, die durch das bloße Zuschauen und Zuhören erzielt werden sollte. Es war der sinnliche Theil des Menschen, den man für die Religion auf diese Weise fassen wollte.

Im entfernteren Oriente lebt auch wirklich noch das Theater mit diesen Absichten und Formen fort. In Persien ist es mit der Darstellung der traurigen Schicksale der Aliiten in den Unglückstagen von Kerbella ein wesentlicher Behelf des Cultus. Es ist eine Gattung Charwoche, die sich dort auf der Bühne vor den erschütterten Zuschauern abspielt und das ganze Volk lebt diese Charwoche wieder mit. Auch die äußeren Räume des persischen Theaters geben die Anknüpfungspunkte, um die Aehnlichkeit mit dem altgriechischen zu behaupten. Und diese Tänze der Derwische, ich halte sie für nichts anderes als die Ueberbleibsel solcher religiös-theatralischen Darstellungen.

Unbegreiflich ist es mir, wie ich jetzt Abends die ganze Ceremonie wieder überdenke, daß sich unser Theater, das doch so lüstern nach den Eigenthümlichkeiten fremder Völker ist, diese Effectscene noch nicht angeeignet hat. In einem Ballette müßte solch’ ein Tanz der Derwische, begleitet von der gehörigen Musik, einen ganz unwiderstehlichen Eindruck machen.

Pera, den 16. Juni.

Ich speiste gestern mit dem Fürsten Cousa; ein großes Diner von einigen dreißig Personen in der österreichischen Internuntiatur. Nach dem Essen war allgemeiner Empfang, zu dem viele Diplomaten erschienen: Moustier, Bulwer, Brassier u. a. Fürst Cousa ist ein mittelgroßer, starker, breitschulteriger Mann. Der Kopf, welcher ihm in den Schultern steckt, ist nicht schön; die Nase unedel spitz geformt. Ein spitzer Knebelbart entstellt ihn beinahe. Aber die Augen sind scharf; sie scheinen zu lauern und zu lauschen, so lange er schweigt, bis sie plötzlich zugleich mit einem kecken Worte in das Gespräch blitzen. Wie der Fürst gerne den Charakter des Soldaten herauskehrt, so trägt er auch meist die militärische Uniform; dann steckt er die Hände in die Seitentaschen der weiten Beinkleider und stellt die Füße breitspurig auseinander. Schon der Eindruck seiner äußeren Erscheinung läßt an dem Manne nichts Geschliffenes, aber viel Derbheit, ein muthiges Nichtbeachten der gewöhnlichen Formen erkennen. Und so ist auch seine Rede, sein ganzes Wesen. Der Fürst wagt es, kräftige Gedanken, die sonst die Heuchelei der guten Erziehung zu verschlucken zwingt, offen auszusprechen. Er erstürmt mit einer Frage seinen Zielpunkt, zu welchen Andere mit überflüssigen Winkelzügen herankriechen. Dadurch überrascht er und wirft Menschen, die solch’ kurzes offenes Verfahren nicht gewohnt sind, noch ehe er sie eigentlich angegriffen, aus dem Sattel. Es ist dies ein Vortheil, den die meisten Eingebornen der hiesigen Länder uns gegenüber voraus haben, vielleicht gerade, weil sie weniger „erzogen“ sind.

Fürst Cousa kam zumeist, um ein neues Wahl- und Verfassungsgesetz für die Donaufürstenthümer zu erlangen. Das wird ihm, wie ich schon weiß. Er brachte im Uebrigen nicht die übertriebenen Hoffnungen, mit denen ihn die Wiener Blätter hierher reisen ließen. Er verlangte allerdings zuerst mehr als er erlangt hat; aber was er erlangte, ist gewiß mehr als er gehofft. Die Türken, viel zu klug, um nicht zu erkennen, daß der Mann sie mehr brauche als sie ihn, und daß er eben dadurch ihr Werkzeug werden könne, empfingen ihn auf das freundlichste. Die Versuche Frankreichs und Italiens, den unterthänigen Fürsten feindlich gegen seinen kaiserlichen Herrn zu stellen, scheiterten an der Klugheit der beiden Orientalen. Alle bis zur Kriecherei gehenden Huldigungen des französischen Botschafters, der im preußischen Gesandten einen immer helfenden Genossen findet, vermochten nicht den Fürsten Cousa zu verblenden, daß er die richtigen Mittel zu seinen Zwecken übersehe. Noch kann der Fürst die Pforte nicht entbehren; ein Zwiespalt mit ihr würde ihn schneller als der Zusammenbruch irgend einer seiner anderen Stützen stürzen. Gewählt und erhoben aus unbekannter Unbedeutendheit — er war einfacher Oberst — hat ihn nicht die Neigung und Macht einer Partei, sondern die Uneinigkeit und Eifersucht aller. Keine wollte der andern zur Wahl ihres Führers helfen und keine war stark genug, selbständig den ihrigen durchzusetzen. Cousa war also ohne Partei und muß sich erst eine bilden. Unter den geborenen Großen des Landes, zu denen er nicht gehört, wird er sie kaum finden. Jeder dieser Herren glaubt, weil einmal seine Familie das Fürstenamt ausgeübt, immer noch Rechte darauf zu besitzen. Auch sucht Cousa seinen Halt mehr in den Mittelständen. Weil diese aber schwach sind dem eingewurzelten ererbten Einflusse der Bojaren gegenüber, muß ihm jede von außen kommende Unterstützung willkommen sein. Von Rußland kann er diese nicht erwarten, weil der Czar als oberster Glaubensherr gegen ihn für die confiscirten griechischen Klostergüter auftreten muß. Diese Lage, ist sie nicht der Türkei günstig? und ist sie es nicht auch Oesterreich? Ein neuer Fürst von willenskräftigem und muthigem Charakter, fähig, die Pflichten seines Amtes zu üben, streckt hilfsbedürftig die Hände zu seinen Nachbarn aus. Ist’s da klug, ihn ohne Weiteres abzuweisen, und zur Abweisung auch noch, wie es die Wiener Presse thut, den Stachel des Spottes zu fügen? Und das nur, weil er ein homo novus, ein Abenteurer ist, und weil er wünscht, die neu erworbene Würde für seine Nachkommen erblich festzuhalten. Sind die Stirbey, die Ghika weniger Abenteurer als der Oberst Cousa? und haben nicht auch sie schon nach der souverainen Krone getrachtet? Mit hochmüthigen Witzeleien über Nachäffung des 2. December u. s. w., wie sie z. B. die „Ostdeutsche Post“ brachte, thut man den Mann nicht ab. Mir scheint es klüger, da er einmal Fürst ist und ihn zu Gunsten einiger seiner Landsleute zu stürzen kein österreichisches Interesse gebietet, zu prüfen, ob nicht Umstände denkbar sind, wo uns seine Hilfe nützlich sein könnte und ihn bis dahin durch zuvorkommende Gefälligkeit zu gewinnen und zu künftigem Dienste zu verbinden. So auch hat wohl Baron Prokesch die Lage gefaßt und ausgebeutet.