Nur mit mühsamer Ueberwindung riß ich mich von dieser Beschau zu weiterer Wanderung los. Sie ging durch die enge Gasse hinter der Moschee hinauf zu den Hallen des Besestan. Dieser Hohlweg dient als Gemüsemarkt. Es war heute dort vielleicht das undurchdringlichste Gedränge von Constantinopel. Wie in einem Theaterparterre stand ich Momente lang, ohne einen Schritt vor- oder rückwärts thun zu können. Der Boden ist weich wie eine Matratze durch die aufgehäuften Gemüseabfälle, auf welchen man geht. Der Besestan von Stambul ist größer als der von Brussa; im Vergleich mit diesem auch schöner, aber auch nur im Vergleiche, denn ich möchte damit keine Vorstellungen von Tausend und Einer Nacht geweckt haben. Alle Gänge, die alten wie die neuen, sind rauchig, winkelig, meistens niedrig, dunkel, ohne Schönheit der Architektur und offenbar ohne die Absicht gefälliger Wirkung nur für den praktischen Gebrauch gebaut. Amerika könnte sich nicht realistischer erweisen, als das hier der oft als so überschwänglich verschriene Orient gethan. Ueberhaupt, je mehr ich mich umsehe, die Länder des Südens sind die des eigentlich praktischen Wirkens. Auch die Staatsverfassungen sind hier gesünder, so lange man sie nicht mit dem Gifte der europäischen Cultur zersetzt. Die Unnatur läßt sich eben nur in nordischen Studirstuben aushecken. Wie einer dieser Träume um den anderen schwindet und der Orient mir immer realistischer erscheint, so würden mir wohl auch, wenn ich mich auf einmal in so weite Vergangenheit zurückversetzen könnte, die Gassen des alten Rom und Athen ähnlicher den heutigen orientalischen erscheinen, als sie uns unsere Schulmeister vorzeichnen. Der Besestan ist gewiß nur ein ausgearteter Abkömmling der berühmten Kaufhallen des byzantinischen Constantinopel. Die Chroniken schildern sie als säulengetragen und prächtig über allen Vergleich; aber ich finde allen Grund, wenn ich das Uebriggebliebene mit ihren Schilderungen vergleiche, diesen Chronisten zu mißtrauen und von ihrem Worte einiges abzustreichen. Schildern nicht so auch die türkischen Geschichtschreiber ihre Bazare? Europa, das sich so viel auf seine Fortschritte zu gute thut, wiederholt doch nur in den glänzendsten Sammelpunkten seines Lebens, was der Orient schon lange vor ihm besessen. Die Passagen und Markthallen in Paris sind nur etwas kleiner als die Bazare und Besestane von Constantinopel.

Der hiesige Besestan füllt eigentlich ein ganzes Quartier der Stadt. Von der Jeni Djami zieht er sich mit einem Arme nach rechts neben dem goldenen Horne hin, mit einem anderen steigt er gleich vom Marktplatze der Moschee die Hügel hinauf. Oben in dem Dreiecke zwischen der Nuri-Osmanjieh, der Bajasid Moschee und dem Seraskeriate liegt sein Hauptkörper. Vom Thurme des Seraskeriates gesehen ist er ein ganz unerklärliches Durcheinander von kleinen Bleikuppeln und langgestreckten Wölbungen; unten, wenn man in ihn eintritt, ein Labyrinth von Gängen, in dem ich mich ohne Führer lange nicht zurechtfand. Allmälig unterschied ich drei Theile; das Alter ihres Bestandes scheint sie abgesondert zu haben. Der finsterste und wohl auch der älteste ist der, wo die Waffenhändler ihre Magazine haben, das gesuchte Ziel aller persische Dolche, Streitäxte, Morgensterne und andere Raritäten liebender Fremden, der Engländer insbesondere. Es ist das ein ziemlich regelmäßiges Viereck, die hohe Halle von Pfeilern getragen, die Wände geschwärzt vom Zeitschmutze, der Boden festgetretene Erde, die aber feucht ist von der eingesperrten Moderluft. An den Wänden hoch hinauf stehen alte Schränke übereinander; in ihnen hängen die Waaren. Auch durch die goldigste darunter kann diese finstere Höhle nicht freundlicher werden. Mir erschien dieses Schatzhaus persischer und türkischer Kostbarkeiten wie eines der unterirdischen Verließe unserer Ritterburgen. Der Waffen-Besestan hat, was die anderen Theile des Besestan nicht absondert, seine besonderen Thore. Einer alten Sitte zufolge werden sie um die Mittagsstunde schon gesperrt.

Der zweite, der jüngere Theil des Besestan, ist auch der größere; die Gassen laufen neben einander her und kreuzen sich. Gedeckt sind sie mit niedrigen Gewölben, die wenig Licht einlassen, und auf beiden Seiten mit Arcaden eingefaßt. Dort sitzen die Verkäufer mit untergeschlagenen Füßen auf ihren Auslagstischen, die Waaren hinter sich in den Gestellen an der Wand, das Bessere aber in der kleinen Stube verschlossen, die keinem Stande fehlt. Der vornehme Fremde wird dort hinein gezerrt, mit Kaffee und Zuckerwerk tractirt und dann von redlichen Griechen und Armeniern geprellt. Wer hier nicht bis auf die Hälfte herabhandeln kann, mag das Bewußtsein nach Hause tragen, betrogen worden zu sein. Die meisten Gewerbe sind in gesonderten Quartieren vereinigt. So gibt es Quartiere der Schuster, der Buchhändler, der Juweliere u. s. w., jedes mit vielen Gassen. Das Princip der Arbeitstheilung ist also in dieser Beziehung hier weiter ausgebildet als selbst England es zu Stande brachte.

Mich ziehen die Buchhändler immer am meisten an. Gewöhnlich drängt sich eine begierige Menge davor; sitzend oder stehend ist Jeder aufmerksam in ein Buch oder Manuscript vertieft. Komme ich nach Stunden wieder, so stehen immer noch dieselben Gestalten dort. Es zeigt das einen eifrigen Willen zum Studium und auch eine andere Art des Buchhandels, als sie bei uns üblich ist; sie erinnert an die, wie sie in Italien ehemals gepflegt wurde und wie sie auch Goethe schildert. Statt sich die Bücher zur Einsichtnahme zuschicken zu lassen, geht man hin und sucht sie sich. Die Frucht wird nicht gleich in den offenen Mund gesteckt, man muß sie sich erst pflücken; vielleicht genießt man sie dann auch etwas bedächtiger. Der Orientale wenigstens liest sein Buch öfter, er hat deren nur einige, aber die wandern durch sein ganzes Leben. Es bleibt erst noch die Frage, welche Gattung von Studium nutzbringender ist: europäische Vielleserei oder orientalische Sparsamkeit.

Was ich den dritten Theil des Bazars nenne, nach dem Alter seiner Herstellung, sind größere, breitere Gassen, von gerader, in weite Ferne sich verlierender Länge, auch höher und lichter. Hier passiren auch Wagen und Pferde. Der Verkehr ist am lebendigsten in der so gestalteten Verbindungshalle zwischen der Nuri-Osmanjieh und der Bajasid Moschee. Das Gedränge schiebt und hält zugleich auf. Die Lastträger gehen hier durch und die Hausirer schreien auch hier ihre Waaren aus. Vor einer Bude stand ein Brougham, die Pferde ganz gemächlich ausgespannt, weil die darin sitzenden türkischen Frauen seit ein paar Stunden sich unterhielten, Stoffe und die Vorübergehenden anzusehen. So polizeiwidrig unseren Begriffen ist hier der Verkehr geordnet. Ein anderer Wagen, ein altmodisch vergoldeter, der wackelig in den Federn hing, kam hinter mir her, langsam von den Pferden geschleppt; der Kutscher ging daneben her und Weiber und Kinder sahen aus den Fenstern heraus. Auf mich zu aus dem Dunkel der Entfernung, das nur stellenweise durch die Lichtstrahlen der Kuppelöffnungen unterbrochen ist, kam auf einem Esel ein silberbärtiger Greis.

Zurück nahm ich den Weg durch die lange gedeckte Gasse den steilen Hügel hinab zu dem Besestan der Specereien, der Gewürze, der Farbehölzer, der Rosenöle, der Ambra, der Tamarinde, des Sandel- und Aloeholzes, der Henna und all’ des Duftenden, was sonst noch die gesegneten Stammländer der heil. Drei Könige uns senden. Liegt auf dem oberen Markte gar manches europäische Product zu Kauf, wie es bei der Herrschaft, welche das Fremdländische sich über alles Einheimische anzumaßen weiß, nicht anders möglich ist, so ist hier unten Alles dem Heimathslande der ausgebotenen Waaren getreu. Die Verkäufer sind ausländisch in Kleidung und Wesen. Ich bewunderte das Geschick, womit sie den unförmlichsten Gegenstand zierlich aufstellen. Vor und in den Buden steht Alles in großen Körben so appetitlich hergerichtet, daß jeder Korb dem Gaumen eine Versuchung wird.

Eine solche Wanderung, die sieben Stunden dauerte, gibt deutlicher als alle statistischen Zahlen einen Begriff von dem Handelsumfange dieser Stadt. Lebhafter habe ich nirgends ein Bild des menschlichen Treibens gesehen.

Constantinopel, Dienstag, den 14. Juni.

Um die Eindrücke aneinander zu reihen, weil mir die der heulenden Derwische noch frisch im Gedächtniß stehen, besuchte ich heute ein Tekke der tanzenden. Der Stifter dieses Ordens war der große mystische Dichter Mewlânâ Galâl addyn Rumy, der zu Balkh in Persien geboren, 1273 starb. Nach ihm wird der Orden auch heute von den Eingebornen benannt. Die Mewlewijjeh-Derwische bewahrten sich der Richtung ihres Gründers getreu, die sich scharf gegen die Glaubensenge des arabischen Islamismus kehrte, einen rein türkischen Charakter. Auch haben die Araber ihnen nirgends ein Tekke errichtet. Der Saal des Ordenshauses neben dem kleinen Campo, in das ich trat, ist achteckig. Säulen tragen eine breite Gallerie mit den Logen des Sultans und der Frauen; unter ihnen ist der offene Gang für die männlichen Zuschauer. Das Material ist Holz; der Anstrich grell in den Farben, neu, aber nicht ohne Uebereinstimmung der Töne. Das Ganze mahnt mich wieder an den Eindruck chinesischer Bilder.

Dem Eingange gegenüber, gerade gegen Südost, ist die Gallerie unterbrochen für den Mihrab. Rechts und links sah durch die offenen Fenster die blaue Fluth und das rothe Hügelland des Bosporus herein, ein wundervoller Anblick und eine stimmungsvolle Decoration zu dem, was sich im Saale begab.