Auf der Brücke ist der Raum etwas freier; die Menge strömt nach den beiden Seiten auf die Localdampfer ab. Links liegen die, welche hinaus in den Bosporus, nach Scutari und den Prinzeninseln gehen, rechts die, welche den Verkehr nach dem inneren Hafen besorgen. Durch diese Raumerweiterung wirkt die Brücke wie eine Erholung, ähnlich einer Mozart’schen Beruhigungssonate nach einem Wagner’schen Dissonanzen-Gedränge. Es ist auch die Freiheit des Bildes, die sich nach beiden Seiten auf die spiegelglatte Fläche des goldenen Hornes und vor sich auf die kuppelgekrönten Hügel Stambuls aufthut, welche zu dieser Stimmung beiträgt. Außer diesem Wohlgefühle lohnt die Brücke auch noch durch andere Reize allein die Reise nach Constantinopel. Wer nur sie und sonst nichts von dieser Großstadt gesehen, hat immer noch mehr gesehen, als ihm das ganze übrige Europa zeigen kann. Ich bin oft halbe Tage hier, auf und ab wandelnd, oder mich wie die anderen Müßigen und die Bettler auf die erhöhten Balken der Trottoire setzend. Da ziehen denn Türken und Griechen, Perser und modische Franken, Kurden und Armenier, Tscherkessen und Neger, beinahe alle Völker der Welt, Männer und Weiber, zu Fuß und zu Pferd und die elegante Europäerin in der Portantine an mir vorüber, und das Alles so bequem zu sehen, als sei es eigens wie die Wandeldecoration einer Ausstattungsoper zu meinem Vergnügen hergerichtet. Auch ein Wagen kam so an mir vorbei, ein ungedeckter Karren auf vier hohen plumpen Rädern, in dem eine zahlreiche Tscherkessenfamilie saß, Weiber und Kinder und all’ ihr flüchtiges Hausgeräth mit darinnen; die Männer gingen treibend neben den Pferden. Eines der Mädchen, das weniger dicht als die anderen Frauen in alte Schleier und Lumpen verhüllt war, zeigte ein classisch-schönes Gesicht; Augen dunkel, wie ihr rabenschwarzes Haar, aber Hunger und Kummer um die Lippen eingegraben und die Gleichgiltigkeit des abgestumpften Elends in den Blicken. Eine herrliche Gestalt lehnte neben mir, ein Araber in weiße Gewänder und in einen Burnus weißlich gelb mit violetten Streifen gehüllt, um das edle herrische Gesicht ein Bart schwarz wie Ebenholz. Besonders aufmerksam sah er den Dampfschiffen zu und den Passagieren, die hinabstiegen. Die meisten waren Soldaten, Officiere und Gemeine, die kommen aus den Aemtern, um mit den Dampfern nach ihren entlegenen Wohnsitzen zurückzukehren. Fällt mir irgend Jemand auf, das Fezz auf dem Kopfe aber sonst in unsere Kleider gekleidet, weil sein Anzug besonders gewählt, seine Hose besonders weit und seine Cravatte übertrieben bunt ist, so ist das, wenn ich ihm dann von vorne ins Gesicht sehe, immer ein Neger und gewöhnlich ein Eunuche. Die Neger und Eunuchen sind hier die Dandys der Gassen, das was man in Wien die feschen Kerle nennt; sie tragen Moden und Farben am auffallendsten. Alles ist sehr eilig, und der herumlungernde Faulenzer, als welcher gewöhnlich der ganze Orient geschildert wird, erscheint hier wenigstens nur in vereinsamter Ausnahme. Was mich aber am meisten befremdet, ist die absolute Gleichgiltigkeit dieser Leute für einander. Nicht der beturbante Alttürke und nicht die modische Dame, nicht der zerlumpte Kurde und nicht der stutzerhafte Eunuche sehen sich neugierig an. Es ist die Stadt der schärfsten Gegensätze, aber zugleich die der vollkommensten Ausgleichung und darum mehr als jede andere eine Groß- und eine Weltstadt. Das sieht sich hier auf der Brücke aus dem Völkergedränge als Ganzes und aus jedem einzelnen Gesichte im Besonderen heraus.

Drüben in Stambul, wo die Brücke aufliegt, ist der Platz weiter und freier. Dort halten sich darum auch die meisten der Hausirer auf, solche, die fest hinter ihren Körben stehen, in denen von Laubkränzen umwundene Südfrüchte ausgeboten werden, und andere, die aufdringlicher ihr Wasserglas mit dem gellenden Rufe „Saka! Saka!“ zum Munde des Vorüberwandelnden hinhalten, oder den weißleinenen Sonnenschirm auf den Sattelknopf des Reiters legen. Verstummen der Augen und des Mundes ist das sicherste Mittel sich ihrer zu erwehren. Reite ich ruhig weiter ohne Blick nach rechts und links, den Sonnenschirm unberührt liegen lassend, dann ist der Kerl bald wieder da, um ihn schweigend zurückzunehmen. Das ganze Geschäft macht sich, als ob es nicht geschehen wäre. Ein Wort der Zurückweisung aber verschafft ihm den Sieg; er antwortet, und je gröber man wird, immer humoristischer und artiger, daß man zuletzt, blos um Ruhe zu haben, ihm seine dreißig Piaster hinwirft. Die stumme Sprache ist diesen Leuten die einzig imponirende; es liegt auch nur in ihr die wahrhaftige Würde. Die meisten dieser Sonnenschirmverkäufer sind Armenier. Buben tragen Zündhölzer, Cigarrettenpapier; einzelne alte Türken Pfeifenköpfe und papierne Cigarrenspitzen; Griechen reichlich überzuckertes Backwerk. Alle schreien, aber am lautesten die Wasserverkäufer.

Unmittelbar der Mündung der Brücke gegenüber ist ein großer Obst- und Gemüseladen; nie kam ich ohne Aufenthalt an seiner appetitlichen Auslage vorüber. Aus den absichtlich umgestürzten Körben strömen Erdbeeren, groß wie unsere Pröbstlinge, hellrothe Kirschen, weiße Maulbeeren, gelbe Mispeln, kleine weiße und große dunkle Feigen, duftende Melonen, frühreife Trauben und Artischoken groß wie Kinderköpfe, der weiche Blumenkohl und die Perle aller Gemüse, die köstliche Melensane, heraus. Um die Oeffnung jedes Korbes ist ein buschiger Lorbeerkranz gewunden, und Büsche frischen Laubes, die Fliegen abzuhalten, sind um die ganze Bude gesteckt und werden von dem immer geschäftigen Verkäufer, der dahinter steht, zu ihrer Abwehr geschwungen. Der hat, wie alle Leute dieses Standes, möglichst wenig an, eine Jacke über der Brust zusammengezogen, den Shawl um den Bauch, kurze Pumphosen, Arme und Beine nackt, einen dünnen Turban auf dem Kopfe. Aber der Mann ist artig und zuvorkommend; jedesmal hat er ein anderes freundliches Wort für mich; gebildet möchte ich ihn nennen, wie das bei uns die Menschen durch die Erziehung werden, wie sie es im Süden durch die Natur sind.

Wenige Schritte links von diesem Laden in der Gasse, die parallel mit dem Ufer des goldenen Hornes zu dem Serai führt, ist die Treppe hinauf zu der Jeni Djami, der Moschee der Sultanin Valide, der Sultanin-Mutter Achmed III., welche, zum Unterschied von einer in der Mitte der Stadt auch von einer Valide erbauten Moschee, die neue (Jeni) genannt wird. Die Treppe ist eine doppelarmige. Zwischen den beiden Aufgängen liegt ein Brunnen; die Stiege ist nur schmal, und da über sie der kürzeste Weg zu den Bazaren und dem heutigen Montags-Markte in den Außenhöfen der Jeni Djami hinaufführt, ist sie immer menschengefüllt.

Auf dem Markte sind die Ersten, wenn man von dieser Seite kommt, die Verkäufer der Jacken, welche die Hamale, Surugi’s, Saka’s, die Kaïkgi’s, die Schiffer, Matrosen und andere Arbeitsleute der unteren Stände tragen. Die meisten verschieden in der Farbe, je nach dem Stande, dem sie bestimmt, dunkelbraun, grau, schwarz aus haarigem Kotzentuche, aus einem Gewebe von Kameelhaaren, weiß aus grober Leinwand, bei Allen die Nähte mit wollenen Borden, bei den weißen mit schwarzen Litzen besetzt. Dazu die kurzen Pumphosen aus grobem weißen und blauen Zwillich, die in ihrer freien Entfaltung, wenn sie der Verkäufer mit ausgestreckten Armen dem Käufer zum verlockenden Angebote entgegenhält, ein sonderbares, zu ihrer späteren Verwandlung unbegreifliches Viereck bilden; die rothen Binden um den Leib, die Shawls und die Fezz für den Kopf, die gestickten Westen und die feinen mit Seiden-, Gold- und Silberstickereien verzierten Schnupftücher, das liegt in Thürmen aufgeschichtet, hängt über Stricken und wird den Vorübergehenden mit derselben Beflissenheit wie unten die Sonnenschirme auf der Brücke aufgedrungen. Ein niederer Thorbogen, unter dem man bei weiterer Wanderung durchgeht, ist ganz mit solchen Waaren austapezirt.

In den zweiten Theil des Hofes hängen aus dem abgeschlossenen Garten, dem Friedhofe der Moschee, ein paar prächtige Bäume herüber; ein Feigenbaum lehnt sich weit über die Mauer hinab.

Der dritte Theil des Hofes, der neben der anderen Langseite der Moschee, hat seine eigenen Bäume; Platanen, alt, hoch und breit, geben kühlen Schatten. Zwischen den zackigen Blättern zittern einige Sonnenstrahlen hindurch; um auch sie abzuwehren, sind von einem Stamme zum anderen Zelttücher gespannt. Hier ist das geschäftliche Treiben am lebhaftesten; die Trödler haben noch weit werthloseren Tand ausgebreitet, als man ihn auf den Tandelmärkten von Wien und Graz sieht. Obst- und Gemüsehändler sind in großen Mengen vorhanden, auch bewegliche Garküchen. Eine ganze Gasse von Zeltbuden verkauft gefälschte Tabaksorten. Quacksalber tragen in offenen Kistchen ihre Heilmittel herum; zu ganz unglaublich hohen Preisen finden sie willige Käufer. Scheerenschleifer, aber auch Barbiere treiben offen unter freiem Himmel ihr Geschäft; Rasirmesser und Seife sind die einzigen Erfordernisse ihres Gewerbes. Als Sitz für seine Kunden benutzte der eine, den ich heute beobachtete, die Wurzeln einer Platane. Er rasirte einem sonnenverbrannten Perser das Kinn und den Schädel; der Perser fuhr, als die Operation vollendet, wohlgefällig prüfend über die Kopfhaut, dann setzte er die gestickte Mütze darauf und wickelte sie sich mit einem weißen Turban fest. Der Mann sah mehr als ärmlich aus, seine Kleider waren nur Lumpen, aber sein Körper erschien reinlich. Ich beobachte ihn nun seit drei Montagen; jedesmal sitzt er auf demselben Platze, hat dieselben Eisenreste, verbogene Nägel und zerbrochene Messerklingen vor sich liegen, spricht aber mit keinem Nachbar ein Wort, als gälte es Juwelen zu bewachen.

Zog ich mich dann aus dem Gedränge nach dem Harem, dem inneren Vorhofe der Moschee zurück, so fand ich dort im erquicklichen Gegensatze geachtete Ruhe, die abgelegenste Einsamkeit. Hohe Säulenhallen umfassen ihn auf allen Seiten und in Mitte seines Viereckes den nie fehlenden Brunnen. Eine Tscherkessenfamilie hatte in dem Winkel des Säulenganges, wo sie zusammengedrängt saß, mehr als ich, nicht blos die Ruhe und Erholung, geradezu die Unterkunft gesucht. Was ihr der habgierige Czar genommen, verlangten sie von dem lieben Herrgott. Die Männer allein gingen ab und zu, wieder Gestalten von jenem wunderbar leichten elastischen Schritte, den Kopf mit dem schönen Profil, der freien Stirne und den offenen Augen stolz tragend, und herabschauend als hätten sie keine Sorge, keine Kümmerniß. Es ist ein eigenthümlicher Typus, der mich an Menschen mahnt, wie sie sonst nur die Phantasie sieht. Die Weiber dagegen erschienen gedrückt und getroffen von der Schwere ihres Schicksals. Eine Alte saß da, den Kopf und den Körper in ihre Schleier gehüllt, den Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in die hohle Hand gestützt und den Blick stumpf vom erlittenen Kummer wie die Hekuba, die gleichgiltig ist für Troja’s Fall und den Mord der Ihrigen, auf dem erschütternden Bilde des Cornelius, dieses einzigen Riesen der Gegenwart, in den Marmorsälen der Münchener Glyptothek. Ich habe unter den tscherkessischen Frauen, die russische Barbarei von ihrem Herde vertrieben hat, noch nicht ein sorgloses Gesicht gesehen. Alle scheinen karg an Worten aber erfüllt von trauernden Gedanken zu sein. Wie sie da saßen, alt und jung, neben jener Aeltermutter an die Mauer des prächtigen Säulenganges gelehnt, in elende abgeblaßte Fetzen gehüllt, konnte ich nur an die Juden denken, die von den Ufern des Euphrat Seufzer an die Heimath sandten. Zwei Kinder, ein Bube und ein Mädchen, spielten dabei, heiter und zufrieden mit der Gegenwart, durch die Vergangenheit nicht bedrückt und unbesorgt um die Zukunft. Mit einem alten Fetzen verfolgten sie sich, schlugen sich, wenn das Eine das Andere erreicht hatte, und unterhielten sich als sei es das kostbarste Spielzeug. Daß ihnen dabei die weiten Pumphosen fortwährend herabfielen, sie zum Stillestehen zwangen, machte mich lachen; den Alten blieb es gleichgiltig, die Väter verwiesen sie wohl auch noch zur Ruhe.

Als ich mich einigermaßen erholt hatte, trat ich wieder hinaus vor den Harem. Eine Marmortreppe führt auf den Platz hinab. Auf ihren Stufen stehend überschaute ich das ganze Bild. Neben mir, an die Mauer der Moschee gelehnt, lag eine wilde, sonnenverbrannte Gestalt; sie war beinahe nackt. Der Mann schlief. In den äußeren Arcaden der Djami saßen Gelehrte, die studirten. Wie deutsche Professoren schienen sie in der Gesellschaft ihrer Gedanken das Augenmerk für die Außenwelt verloren zu haben. An den Brunnen, die aus dem Sockel der Moschee herausfließen, wuschen sich Soldaten und andere Bursche der unteren Stände die Füße; Scheerenschleifer drehten emsig die Räder, und auf den Wurzeln der Platane wurde eben ein Derwisch barbiert.