Der Koran selbst spricht ganze Seiten hindurch in dieser einsilbigen Sprache. Es ist dieses offenbar eine alte Formel des Orients, und der Katholicismus setzt nur eine Tradition fort, die vor Jahrtausenden begonnen hat. Nicht anders ist es mit den Waschungen vor den Kirchen, die bei den Mohammedanern sich noch erhalten, im kalten Abendlande aber sich in das weniger erkältende Bespritzen mit dem Weihwasser modificirt haben. Ich finde in diesem gleichmäßigen Benutzen derselben Gebräuche durch so verschieden gedachte Religionen ein Zeugniß dafür, daß die Welt ärmer an äußerlichen Zeichen denn an Gedanken ist, und in der That selten gleichen sich zwei Menschen durch ihre geistigen Fähigkeiten, aber alle arbeiten mit den Händen und Füßen.

Wir ritten zurück durch Gassen, durch die wir gekommen waren, gefüllt mit solchem Schmutze, daß er selbst in Constantinopel überraschen durfte. Die Pferde gingen in Mitte zweier ungefähr vier Fuß erhöhter Trottoire in dem Kothe der Gasse, der an einzelnen Stellen flüssig, an anderen zu festem Brei getrocknet war. Mich unterhielt es mehr, als daß es mich verdroß; nur die allwärts gleiche Geschminktheit unserer Gassen ist mir zuwider.

Constantinopel, Montag, den 13. Juni.

Mehr aber als alles Uebrige interessirt mich immer wieder das Straßenleben. Wenn man von Pera an der französischen und österreichischen Gesandtschaft vorüber zur ersten Hafenbrücke hinabsteigt, kommt man unten am Hügel, wo rechts die Ecke nach der großen Galatagasse hinüberbiegt, an ein tscherkessisches Kaffeehaus. Ein ebenerdiges Häuschen, die rauchige Stube nach der Gasse zu offen, daneben ein kleiner Garten, die Umzäunungs-Mauer von Bäumen überragt: das ist der Sammelpunkt all der Unglücklichen, welche russisches Culturträgeramt aus der angestammten Heimath vertrieben hat. So oft ich hier vorbeikomme, immer finde ich neue Gruppen dieser elenden edlen Gestalten, Reiche und Arme, — wenn bei Heimathslosen von solchem Unterschiede die Rede sein kann — Vornehme und Geringe, unterschiedslos zusammengemischt. Es scheint, daß ein alter Brauch, vielleicht durch eine Kunde begonnen, die den Ruf dieses Kaffeehauses über das schwarze Meer in die kaukasischen Berge getragen, jeden neuen Ankömmling dieses Stammes zunächst hierherführt, um durch den Rath seiner Landsleute Leitung durch die verwirrende Fremdartigkeit dieser großen Stadt zu gewinnen. Freunde und Verwandte, die sich in der Heimath verloren hatten, mögen sich da wiederfinden; die Fremde und der Zufall gibt oft wieder, was schon aufgegeben war. Es sind große stolze Männer, die dort hinter ihren Wasserpfeifen auf den Strohschemeln sitzen, ausgestreckt auf dem Boden liegen, oder mit gekreuzten Armen an der Gartenmauer lehnen. So ruhig ihre Blicke, keiner ist geistlos; Alle, der ärmlichst wie der reich Gekleidete, haben, wie sie schmächtig und in die Höhe gezogen sind, auch etwas Aufrechtes und Gerades in ihrer Haltung und in ihrem Gange, wie das bei uns nur den Männern eigenthümlich ist, welche gewohnt sind, auf den Höhen des Lebens zu stehen. Keinen sah ich, der den Kopf mit dem adelig langen Oval des Gesichtes anders als hoch erhoben mit frei in die Welt hinausschauendem Blicke auf dem länglichen Halse getragen hätte. Die Schultern fallen stark abwärts, ganz das, was man in Frankreich une belle chute d’epaule nennt. Stierköpfig und breitschulterig habe ich keinen Tscherkessen gesehen. Es wird ihre Körperbildung überhaupt von einem das Kolossale Liebenden getadelt werden. Svelte ist das einzige Wort, das ihre Erscheinung und ihre Bewegung wiedergibt; ihre Knöchel sind es und ihr Gang ist es. Es ist ein Volk, als ob es von Göttern abstamme; vielleicht weil ihre Berge so hoch in den Himmel hinaufragen. Bekleidet sind sie gewöhnlich auf dem Kopfe mit einer hohen spitzen Pelzmütze, auf dem Leibe mit einem langen engen Rocke, von einem Stoffe, den wir hären nennen würden, und der schmutziggrau aussieht. In den beiden Brustseiten des Rockes sind fünf bis sechs Röhren für die Patronen gesteppt, ähnlich den Cigarrentaschen, die man vor Kurzem bei uns trug. Ein Gürtel hält den Rock zusammen, zwei Dolche stecken darin; die weiten Hosen unter dem Rocke, die aber kaum sichtbar werden, sind in die hohen Stiefel gesteckt. Der größere Reichthum macht wenig Unterschied in dieser Kleidung, wenigstens erscheint er nicht. Ich sah die ärmlichsten Fetzen mit solcher Hoheit getragen, daß das Kleid geadelt war, und das Sprichwort im umgekehrten Sinne galt. Man versuche einmal bei uns für diese Behauptung ein Beispiel zu finden.

Vor dem Kaffeehause ist ein kleiner Platz. Mehr als irgendwo sonst liegen auf ihm wilde Hunde herum; gehe ich Nachts diesen Weg, so stolpere ich gewiß immer hier über eine dieser unangenehmen Bestien. Die Abfälle einiger Fleischerbuden mögen sie hierher locken. Der Geruch, den diese Gewerbe jetzt in der Hitze verbreiten, ist empfindlich und treibt mich über diesen Platz immer mit größerer Eile. Zu Pferde gelingt mir das auch; bin ich aber zu Fuße, dann halten mich die Surugis auf, die hier ihren Standpunkt haben und ihre Pferde an den Mann bringen möchten.

Auf dem Ufer zwischen dem goldenen Horne und der langen Galatagasse, der einzigen, welche eine so weite Strecke gerade fort läuft, steht der Stadttheil, welcher alle ärgste Liederlichkeit und Verworfenheit Constantinopels an sich gezogen hat. Auch wer an das Schlimmste unserer europäischen Hauptstädte gewöhnt ist, wird hier noch überrascht werden. Man hat mich gewarnt, dieses Stadtviertel zu betreten, und zur Nachtzeit mag es allerdings ein Wagniß sein. Ich will auch diesen Theil des hiesigen Lebens kennen lernen, und treibe mich dort öfters beobachtend und betrachtend herum. Hart an dem Wasser, so nahe daran, daß kein verbindender Kai davor herführt, stehen die Häuser der verschiedenen Dampfschifffahrts-Compagnien. Der anständige Zugang zu ihnen ist zu Wasser, zwischen den in dichten Reihen davor liegenden Schiffen durch, der rückwärtige führt durch die Höfe, Thorwege, Gäßchen und Winkel eben jenes verrufenen Viertels. Einen Wirrwarr der Wege wie dort habe ich nirgends sonst gefunden, und ebenso nicht anderswo einen ähnlichen Schmutz. Von den Kohlen der verschiedenen Dampfschifffahrts-Depôts ist der Boden seit langem ein schwarz gefärbter; darauf werden aus allen Häusern die Abfälle geworfen, und die Gossen, die darüber zusammenrieseln, haben das Ganze in eine dunkle nachgiebige Masse verwandelt. Die Häuser selbst zu beiden Seiten sehen nicht viel appetitlicher aus. Ihre Wände sind auch geschwärzt vom Kohlenstaube, hängen nach vorne oder auch der Seite über, Thüren und Fenster sind zum Theile eingeschlagen, mit Papier verklebt, wenn nicht gar ihre Fassung aus der Mauer theilweise herausgebrochen. Beinahe bei allen sieht man offen und frei in das Innere des Hauses und dort in rauchigen hölzernen Stuben die Inwohner mit den scheußlichsten Lastern beschäftigt. Spiel, Trunksucht, alle Gattungen von schlechten Ausartungen, auch Raub, Mord und Todtschlag sind hier die gewöhnlichen und Allen sichtbaren Beschäftigungen. Schreitet die türkische Polizei in diesem Sodoma nach irgend einem gar zu grellen Falle ein, so sind gleich die europäischen Gesandtschaften zur Hand, sich vertheidigend vor ihre verleumdeten Schützlinge zu stellen, und die gesammte europäische Presse trommelt hinter ihnen den Sturm gegen türkische Unduldsamkeit, gegen muhammedanischen Christenhaß und barbarische Civilisations-Feindseligkeit. Der italienische und französische Gesandte sind hierbei gewöhnlich die bereitwilligsten. Die meisten der ständigen Bewohner dieses Quartieres sind Italiener, Griechen, Malteser, die Fremden meistens englische und italienische Matrosen und Flüchtlinge aller Nationen.

Ich beobachtete heute eine solche Scene, die mit ihrer Schilderung andere vertreten mag. Aus einem Freudenhause führte ein jüngerer Matrose seinen älteren Genossen. Beide waren Engländer, der ältere mit beinahe weißem Haare so besoffen, daß er keinen Schritt ohne die Unterstützung des jüngern vorwärts thun konnte. Der war ein hübscher Bursche, nicht älter als 22 Jahre; das Haar stand ihm wirr zu Berge, die Mütze hatte er vergessen. Sein Gesicht, stark geröthet, lachte fortwährend, wenn er zurückblickte. Dort sahen aus jedem Fenster, eine über die andere gelehnt, geschminkte Dirnen heraus; unten in die Thüre trat eine, die hatte nichts an als ein blendend weißes mit Stickerei eingesäumtes Hemd, falsche Rosen in dem schwarzen Haare und ebenso falsches Roth krustendick auf den Backen. Ihr, als sie erschien, winkte der junge Matrose zu, indeß er mit der rechten Hand, die er über die Schulter des älteren gelegt hatte, hinter dessen Rücken diesem drohend eine Faust ballte. Das schien als Scherz gemeint, der auch den lohnenden Beifall des ganzen Mädchen-Chores erntete. Ich zweifle nicht, daß auch bei den Türken das Laster in mannigfaltigen Arten heimisch ist, aber in so schamloser und öffentlicher Gestalt sah ich es bei ihnen nie auftreten.

Wohl zur Bewachung dieser Räuberhöhle ist in der Galata-Gasse das Wachthaus so stark mit Polizeimannschaft besetzt. Die Seite dieser Gasse, welche mit der Rückwand ihrer Häuser in dieses eben beschriebene Stadtviertel sieht, ist beinahe durchgehends von offenen Schreinerwerkstätten eingefaßt. Dort arbeiten sie jene Truhen, in welchen der Türke seine Schätze in der Moschee hinterlegt oder auf Reisen mitnimmt. Aus Cypressenholz gezimmert, duftet die ganze Gasse danach. Dann werden sie gewöhnlich grün angestrichen und zuletzt mit goldenen Nägelköpfen beschlagen. Die andere Seite der Gasse ist in ihren unteren Geschossen ebenso beinahe ausschließlich von einem Gewerbe besetzt; es sind Schusterbuden, nur daß sie ihr Handwerk nicht so offen zu Jedermanns Schau ausstellen. Civilisirter als die Schreiner haben sie Auslagekästen, und zeigen darin Producte, die wirklich den Wettstreit mit den besten französischen, italienischen und wiener Waaren nicht zu scheuen brauchen. Die Kaufläden weiter unten in der Gasse, wo man der Brücke näher kömmt, und in denen weiße Sonnenschirme, fertige Sommeranzüge, Handschuhe und andere Kleidungsstücke verkauft werden, gleichen ganz unseren hölzernen Meßbuden, nur daß hier über der offenen Auslage noch ein oder zwei Stockwerke eines Hauses stehen.

Ist das Gedränge schon weiter zurück in der Galata-Gasse dicht, so wird es hier oft beinahe stockend und einige Schritte vorwärts, wo die Gasse um ein scharfes Eck zu dem Brückenkopfe umbiegt, undurchdringlich. Sieben Gassen münden dort in die eine schmale zusammen, alle aus den belebtesten Stadttheilen herauskommend. Den Berg herab über vielfältige Absätze und Stufen steigen zwei, darunter eine an dem Feuerthurme von Galata vorüber, der Hauptverbindungsweg nach Pera hinauf. Die bedeutendsten englischen Waarenmagazine liegen in oder an derselben, wo man Alles und zuweilen, nach dem Eintreffen großer Sendungen, Manches recht gut und sogar wohlfeiler als bei uns kauft. Die anderen Gassen münden links aus dem liederlichen Stadtviertel und rechts aus jenem Theile Galata’s ein, in welchem die größten Waaren-Depots der europäischen Produktion und auch das ist, was hier die Börse vorstellt. Das Aergste, was man von dem Gedränge unserer europäischen Hauptstädte in der Erinnerung hat, verschwindet neben dem Knäuel, der hier zusammenläuft. Dort sind es doch immer Wagen, welche die Mitte der Straße besetzt und diese dadurch wenigstens scheinbar frei halten; hier ist Alles, die Seitenwege an den Häusern wie die Mitte der Gasse mit Menschen gefüllt. Ob Reiter oder Fußgänger, das ist gleichgiltig und unterschiedslos zusammengemischt. Wagen kommen selten, beinahe nie vor, dazwischen aber die um Platz schreienden Hamale mit ihren ungeheuren Lasten, Pferde und Esel mit Thürmen von Ziegeln oder mit Balken auf dem Rücken, deren eines Ende ihnen dort aufliegt, das andere weit abstehend auf dem Boden nachschleppt. Sie passiren die Menge wie Mauerbrecher oder Schneepflüge. Wer die Vorstellungsgabe hat, der stelle sich das nun Alles zusammen; hat er es jemals gesehen, so wird ihm durch das wieder erschienene Bild auch das Geschrei und der Lärm lebendig werden, welche die Ohren betäuben, und die Buntheit der Farben, welche die Augen verwirren. Wie oft ist es mir nicht schon geschehen hier auf dieser Seite der Brücke oder drüben auf dem Stambuler Brückenkopfe, daß, wenn ich zu Fuße war, mir eine Pferdsnase plötzlich über die Schulter weg ins Ohr pustete, oder wenn ich zu Pferde ritt, eine fremde Hand in die Zügel griff, um das Thier gemächlich aufzuhalten, bis sich der Fußgänger daran vorüber gequetscht.