Das Tekke, wo er uns hinwies, liegt nicht so poetisch, ist zwischen den anderen Häusern eingeklemmt, selbst eine Hütte und in nichts von diesen verschieden. Unten eine kleine Eintrittshalle; in sie einmündend die Vorzimmer, wo wir Stöcke und Schuhe ablegten; aus ihr hinaufsteigend eine schmale hölzerne Stiege und oben im ersten Stocke ein mäßig großer Saal, bedeutend länger als breit, die eine Langseite von kleinen nach dem Saale zu offenen Stuben eingefaßt, die eine Schmalseite durch Fenster nach dem goldenen Horne zu geöffnet, die schöne Aussicht hereinzulassen, die andere durch das Gitter der dahinter liegenden Frauentribüne geschlossen. In der Ecke, die gegen Osten zu gekehrt ist, ist aus Teppichen und Fahnen der Mihrab aufgebaut. Das ist die ganze Herrlichkeit, und sie ist nur aus ungedielten rohen Brettern fabricirt. Aber ausgezeichnet ist die Aermlichkeit durch außerordentliche Reinlichkeit. Daß man sich auf die Vließe von Schafen niederläßt, geschieht nur, weil es die Ordensregel so gebietet, denn der Zustand des Bodens bedingt nicht diesen Schutz. Ein Diener breitet gleich jedem Ankömmlinge das seinige aus. Man sitzt natürlich mit untergeschlagenen Beinen darauf.
Die Zuschauer waren zahlreich und aus allen Ständen gemischt; mir fielen die vielen Soldaten auf. Alle beobachteten jenen Anstand, der dem Türken angeboren ist und ihn dem ersten Eindrucke als ein Wesen höherer Ordnung erscheinen läßt. Uebrigens folgten auch ihre Mienen andächtig dem Cultus. So sitzt ungefähr eine Menge bei uns in einem Trauerspiele, nicht in einer Kirche, denn dort ist leider selten so viel Aufmerksamkeit zu Hause. Nur den Kindern war es gestattet, ungebunden und sich um nichts bekümmernd mitten durch die Reihen der Sitzenden und auch durch den ehrfurchtsvoll der Ceremonie leer gelassenen Mittelraum des Saales zu laufen. Diese Rücksichtnahme der Türken auf die Natur der Jugend hat etwas Rührendes; sie steht ihnen offenbar über jedem Menschengesetze. Es liegt etwas von dem evangelischen „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich“ darinnen.
Der Orden muß eigentlich der der Rifa’yjah-Derwische genannt werden, da der neuerliche Gebrauch die Derwische nicht mehr wie früher nach ihren Statuten und Glaubensregeln, sondern nach ihrem Stifter bezeichnet und dieser Ahmed Rifa’y hieß. Er stammte, wie alle die wesentlichsten Ordensgründer, aus Persien, der Provinz Ghilân, und starb 1182 in den Buschwäldern zwischen Bagdad und Bassora. Im ganzen Orient gilt er als ein besonders heiliger Heiliger, der sagen durfte, „sein Fuß stehe auf den Nacken aller Heiligen Allah’s.“
Die Derwische, die sich zu den Uebungen versammelt hatten, standen an der anderen Schmalseite des Saales, den Fenstern gegenüber, in einer Linie nebeneinander gereiht. Die Meisten warfen im Verlaufe der Ceremonie ihre Oberkleider weg und legten weiße Kaftans an, so wie ihn Der getragen, den wir vor dem ersten Tekke in der Rosenlaube sitzend gefunden hatten. Der Vorbeter allein, der vor ihnen stand, trug einen Kaftan aus grünem Stoffe, die auszeichnende Farbe des Propheten und der Mantel selbst ein Symbol dessen, den Mohammed getragen hatte. Sie sprachen dem Scheich nach und sangen dann eine Weile selbständig fort. Der Körper folgte in gleichmäßigen Schwingungen von rückwärts nach vorwärts der Stimme, anfangs langsam, nachher aber mit dem Gesange so an Schnelligkeit zunehmend, daß das Auge ihnen kaum mehr folgen konnte. Dabei ward der Tact der Bewegung wie der des Gesanges keinen Augenblick gestört. Sie glauben und wollen durch diese Beweglichkeit den Körper so ermüden, daß sich die Seele von ihm loslösen und mit dem einzigen fortwährend wiederholten Begriffe „Gott“ verschmelzen könne. Einige behaupten, dieses Mittel begeisternder Absorbirung so erfolgreich erprobt zu haben, daß sie in ihrem Herzen sogar die freilich nur dem geistigen Auge sichtbaren Buchstaben des Wortes Allah durch die vielmalige Wiederholung eingeprägt tragen.
Nicht lächerlich, aber doch wie eine Verirrung des menschlichen Geistes erschien mir dieser Gottesdienst; daß er religiös und daß er wahrhaftig gemeint sei, verkannte ich nicht. Darum, so sehr mich die Raserei, denn das wurde er zuletzt, entsetzte, ich mußte doch immer dem Wahne Achtung zollen. Das Geheul verlor den Ton der Menschlichkeit, und die Bewegung der Kette beinahe den Grad des denkbar Möglichen. Einzelne schwangen im Wahnsinne nicht mehr den Oberkörper, nur noch den Kopf, so waren sie erschöpft; zwei fielen nieder, denen der Schaum auf den Lippen stand; man trug sie ohnmächtig hinaus. Andere arbeiteten aber gleich rüstig weiter, als habe die Uebung eben erst begonnen. Die Turbans, die sie verloren, wurden von Vorbetern unter dem Schutze des Mihrab’s aufgehäuft. Die Greise, welche betend dort standen, durch grüne Kaftane ausgezeichnet, legten zum Zeichen heiliger Waschungen, die das vorstellen soll, die Hände vor das Gesicht, banden sich dann wechselseitig mit Gebetsprüchen rothe Schürzen um, und die, welche sich so bedient hatten, reichten sich grüßend die Hände. Es war etwas außerordentlich Würdevolles in der Ruhe dieser alten Männer, das durch den Gegensatz des Lärmens und der Unruhe der Heuler noch erhöht wurde.
Ein Kopf unter den Heulern mit wegstehenden Haaren und roth gewordenem Gesichte haftet unvergeßlich in meiner Erinnerung. Ein junger Matrose ebenfalls; dieser war ganz Ruhe, trotz der Hast seiner Bewegungen, jener sichtbar auch innerlich ein förmlich Rasender. Zuletzt übermannte mich das Gefühl, daß das Alles über mich herstürzen und mich, den einzig Ungläubigen der zugegen, erschlagen werde. Ich floh, wie von einem Traumgespenste gejagt, und auch unten noch in der freien Luft dauerte es eine Weile, bis ich meine Sinne wieder in das Gleichgewicht gebracht hatte.
Unwillkürlich versuchte ich es auf dem Heimwege, mit den empfangenen Eindrücken die Würdigkeit des Mohammedanismus zu messen. Ich wollte ihn eben verurtheilen, als mir noch rechtzeitig die Springprocession von Echternach bei Luxemburg am St. Veitstage einfiel, die von den vorwärts gethanen Schritten immer wieder einige zurückspringt. Mit dieser Erinnerung kamen mir eine Menge anderer in den Sinn an die ascetischen Gebräuche meiner Religion. Ich ließ also von der hochmüthigen Verurtheilung ab und suchte lieber die Gründe zu finden, welche die Menschheit in solch’ wenig angenehme Sitten verführt haben mögen. Da war wohl am mächtigsten jenes ewig uralte Naturgesetz von dem Kampfe zwischen dem Geiste und der Materie, der Seele und dem Fleische, das sich als ungelöstes Problem durch die ganze Geschichte der Menschheit von ihrem adamitischen Anfange bis zu ihrem einmaligen seligen Ende hinzieht. Warum sollten davon die Kirchen und ihre Gebräuche unberührt bleiben? Alle haben die Spuren davon aufgenommen; die orientalischen, weil die Phantasie dort am lebendigsten ist, sind mit den erniedrigendsten Büßungen und den strengsten Kasteiungen ausgerüstet.
Sonderbar ist es, wie die Religionen, obwohl sie sich oft mit ihren Grundsätzen so feindlich entgegenstehen, ihre Gebräuche geliehen haben. Solche Gebetsübungen, wie die der Rifa’yjah-Derwische, die sich nur in der völligen körperlichen Erschöpfung genügen, finden sich bei uns Katholiken wie bei den Mohammedanern, und auch das endlose La ilâha illâ-llâh (es ist kein Gott außer Gott), welches diese Beter heulen, ist unsere Gebetsform der Litanei. Der ganze mohammedanische Kirchengesang hat diese Formen; es sind Exclamationen, welche zum Lobe des Allerhöchsten in die Luft ausgestoßen werden:
„O Fürsprecher! o Geliebter! o Seelenarzt! o Auserwählter! o Fürsprecher am Tage des Gerichtes, wo die Menschen rufen werden: O meine Seele! o meine Seele! und wo Du sagen wirst: O mein Volk! mein Volk!“