Die Pferde hatten wir vorausgeschickt, um dann im Innern der Stadt möglichst wieder neben diesen Mauern nach Hause zurück zu reiten. Auch auf diesem Wege eine Fülle wechselnder Bilder; die engen Gassen im tiefen Schatten, nur wo eine kleine Moschee oder ein zerfallener Brunnen den Platz erweitert, ein paar eindringende Sonnenstrahlen, die die Gipfel der umstehenden Bäume goldig färben. Dort fehlt es auch gewöhnlich nicht an ein paar Menschen, die dem Bilde Leben geben, denn sonst sind diese Gassen leer und stille wie ein ausgegrabenes Pompeji.

Es war schon Nacht und die Lichter glitzerten auf dem etwas bewegten Wasser des Hafens, als wir über die zweite Brücke wieder nach Pera zurückkamen.

Constantinopel, Mittwoch, den 22. Juni.

Man staunt die Katakomben Roms als unterirdische Weltwunder an. Unbegreiflich ist mir, wie man bisher nicht mehr Lärm über etwas Aehnliches, die Cisternen Constantinopels, machen konnte. Es sind das Räume, groß genug zu einer zweiten Stadt, um ihre Häuser und auch ihre Thürme aufzunehmen. Ich selbst besuchte deren schon sieben. Die Stolpe’sche Karte gibt ihrer in jedem Stadtviertel einige an. Wahrscheinlich aber sind derer noch weit mehr, die unentdeckt, manche noch unbenutzt im Boden ruhen; dem Herkommen folgend, mögen die Hausleute ihre Eimer in den Ziehbrunnen hinablassen, ohne zu wissen, woher ihnen das Wasser kömmt. So verborgen vermuthe ich eine in den mächtigen Quaderunterbauten des Hyppodroms, und eine andere ist in den Fundamenten der Aja Sophia; die Stadt ist also nicht blos meerumgeben, sie ruht auch eigentlich auf dem Wasser. Es sind hohe säulengetragene Gewölbe, bis zu drei Stockwerke übereinander, die das Wasser sammeln müssen, das vom Himmel herab und in den Leitungen aus den kühlen Wäldern von Belgrad kommt. Dem übermüthigen Sinne der Kaiser, der sich an den Außerordentlichkeiten Roms gebildet hatte, erschien nichts unmöglich, und so auch nicht diese Riesenbauten, die nicht der Eitelkeit, die dem praktischen Nutzen gewidmet waren. Wir Kinder des 19. Jahrhunderts müssen sie darob ganz besonders anstaunen. Mir übrigens geben sie deutlicher als alle Schilderungen des purpurgeborenen Chronisten von der Pracht, die in den byzantinischen Kaiserpalästen geherrscht haben soll, und die in der Aja Sophia noch übrig ist, eine Vorstellung von dem, was auf der Erde gestanden haben muß, wenn man in sie tausende von Säulen in Nacht und Finsterniß begrub. Dabei sind die Säulen und die kleinen sich darüber wölbenden Kuppeln sorgsam, die Capitäle sogar mit einem Versuche sie zu schmücken gearbeitet. Man nennt diese byzantinische Welt eine verkommene; um wie viel mehr enthielt sie aber noch von der römischen Größe als die heutige, und wie bewundernswerth mußte sie erst dem damaligen übrigen Europa erscheinen.

Neulich, bei einem wiederholten Besuche der Kilisse Djami, der zerstörten Grabstätte der Komnenen, suchte ich eine Cisterne, die dort in der Nähe liegt, und der Stolpe den Namen des ehemaligen Klosters „zum Allherrscher“ (Pantokrator) vindicirt. Der Muesin der Djami erbot sich zum Führer; aber auch mit seiner Hilfe hielt es schwer den Eingang zu finden. Er liegt versteckt; kleine, enge Gassen, den Berg hinauf und endlich in einem Garten, wo wir uns den Eintritt erbetteln mußten. Es waren türkische Weiber, die uns aufsperrten und mein Trinkgeld in Empfang nahmen. Der Garten steht auf einer Terrasse und steigt eine zweite und dritte höher hinauf. Einzelne Rosenbüsche, ein paar Granat- und Feigenbäume waren das einzig Gepflegte in einer sonst gräulichen Verwilderung. Aber über das Unkraut, die Hecken und eingestürzten Mauerzinnen weg hat man einen entzückenden Blick auf die Stadt und den unten liegenden Hafen. Der Ort in seinem Verfalle und mit der geheimnißvoll dahinter versteckten Cisterne wäre recht geeignet, ein Märchen aus der romantischen Zeit Constantinopels dort spielen zu lassen: vielleicht wie dort eine türkische Frau ihren griechischen Liebling empfängt, und ihn dann in der Zeit der gegenseitigen Verfolgung, als die Griechen auf den Inseln die Türken niedermetzelten, und in Constantinopel der Patriarch an jenem blutigen Ostertage in seinem Prachtgewande an seiner Kirchenthüre aufgehängt und dann von dem jüdischen Pöbel durch die Gassen geschleift ward, vor der Eifersucht des Gatten und der Glaubenswuth ihrer Stammgenossen in der Cisterne verbirgt.

Die Mauern, welche den Garten gegen die aufsteigende Hügelseite zu abschließen, sind mächtig als wären sie ehemalige Bastionen eines Befestigungswerkes. Möglich, daß ihnen Reste beigemischt sind aus der Zeit, als die Lateiner in dem Kloster Pantokrator ihren Sitz über dem eroberten Constantinopel aufgeschlagen hatten. Ein Theil diente unzweifelhaft dem Kloster als Unterbau, und in ihm wird auch schon von allem Anfange an die Cisterne geborgen gewesen sein. Wir fanden den Zugang in einem Mauerwinkel hinter einem Misthaufen. Ein paar verfallene Stufen hinauf und dann durch einen kurzen Gang traten wir vor die Wasserfläche. Fledermäuse flogen auf und störten das schauerliche Dunkel; es brauchte eine Weile, bis sich das Auge daran gewöhnte und auch nur die nächste Umgebung unterscheiden konnte. Ich zählte nicht mehr als sechs Säulen, wenigstens reichte der Blick nicht weiter. Uebrigens glaubte ich mir gegenüber eine abschließende Wand zu erkennen; indessen will ich das nicht behaupten, es kann eine Täuschung oder auch nur eine vorspringende Mauerecke gewesen sein.

Die Cisterne, welche gewöhnlich besucht wird, und von der die Opfer der Lohndiener allein zu erzählen wissen, ist Bin bir direk — Tausend und eine Säule — in der Nähe des At-Meidan. Der türkische Name kömmt ihr von der Menge ihrer Säulen. „Tausend und eins“ ist ein Mehrheitsbegriff, welchen der Orientale braucht wie wir unser leichtsinniges „zahllos“ und „unendlich“. Hammer erzählt, daß die Cisterne im Auftrage des ersten Constantin von einem Senator Philoxenos gebaut worden sei, der mit dem Kaiser von Rom hieher zur Stadtgründung übersiedelt war. Mir fehlt die Zeit, seine Beweise zu prüfen.

„Tausend und eine Säule“ ist inzwischen ausgetrocknet; wie ein ausgewundener Schwamm liegt es da. Seine Zellen füllt die Luft, und Sonnenstrahlen fallen durch die zerbröckelnden Gewölbe in das unterirdische Dunkel; das veranlaßt glückliche Lichteffecte, wenn durch die Finsterniß solch ein Lichtstrahl herabzüngelt, hier eine Säule und dort gar eine Menschengruppe streift, denn in dem weiten Raume ist eine Seilerwerkstätte eingerichtet. Anfangs unterscheidet man gar nichts; ich trat in die aufgespannten Fäden, stolperte gegen die Spinner, hörte nur das betäubende und in solcher Umgebung wahrhaft spukhafte Geräusch der Räder. Erst später, da ich lange darin blieb, wurde mir Alles deutlich, und ich wanderte zuletzt zuversichtlich wie im Sonnenlichte der Oberwelt herum.