Hammer behauptet, daß eben so viele Säulen, als heute frei seien, noch in doppelter Ordnung unter der Erde stehen und glaubt, daß der Boden nur festgewordener Schlamm des früheren Wassers sei. Mit den Lichtern, welche ich anzünden ließ, untersuchten wir die Säulen. Wir fanden auf den meisten das KN und daneben
Heute Morgen zog ich schon um 5 Uhr aus, um die umfangreichste aller bisher entdeckten Cisternen aufzusuchen, die auch erwiesenermaßen noch immer die ihr anfänglich aufgetragenen Dienste thut. Jeri batan Serai, „der versunkene Palast,“ nennt sie der poetisirende Türke, und stellt damit vielleicht die Tradition her, welche Hammers Ansicht bestätigen würde, daß darauf einmal das Haus des römischen Senates gestanden. Beinahe erwiesen scheint mir, daß solche Wasserbehälter vorzüglich in den Unterbauten großer öffentlicher Gebäude angelegt wurden. Es verdient einmal versucht zu werden mit diesem Gedanken, auf Grundlage der noch vorhandenen Cisternenreste einen Stadtplan des alten Constantinopel anzufertigen.
Wir brauchten lange, bis wir den versunkenen Palast fanden, und noch länger um uns in den Hof, der den Eingang birgt und zu diesem selbst den Einlaß zu verschaffen. Man hob ein paar Platten auf, die im Pflaster liegen, und durch das Loch hinab, jeder ein Licht in der Hand, wurden wir an Stricken auf den lehmigen Grund eines schmalen Ufers gelassen. Vor uns lag ein weiter See, der in der Täuschung der Finsterniß endlos erschien. Säulenschäfte ragen daraus hervor, die schwere Capitäle mit korinthisirenden Verzierungen und darüber flach gespannte Kuppeln tragen. Ab und zu fällt durch die zerstreuten Oeffnungen der Ziehbrunnen ein Sonnenblick herab, der dann den Strick zeigt, an dem der Schöpfeimer hängt, und um uns glitzerten, durch die feuchte Luft nur etwas matt geworden, unsere Kerzenlichter im Wasser. Es ist ein gespensterhaftes Bild, das mich mit Schrecken und Grausen erfüllte. Wie ohnmächtig fühlte ich mich, und erst am Tageslichte kam mir der rechte freie Lebensathem wieder. So fest ist mir der Eindruck geblieben, daß ich mich noch immer fragen muß, wie es möglich sei, daß Menschen von einem Wasser trinken, das mir so schaurig erschien. Lethe muß so ausgesehen haben, und das Ganze ist ein Bild der acherontischen Fluth.
Ehemals, so erzählen mir meine Führer, soll ein Kahn auf dem Wasser geschwommen sein, und man konnte eine Fahrt darauf thun. Seit einem Unglücke, das dabei geschehen, ist er zerschlagen worden, und der See liegt wieder geheimnißvoll, bis ein anderer Columbus die nächste Entdeckungsfahrt darauf wagt. Seine Geschichte scheint überhaupt eine traurige, denn schon aus dem neunten Jahrhundert kömmt eine Sage, die erzählt, wie dieser See seine Opfer begehrt und sie grausam auch genommen habe. Es war, als der Kaiser Leo V. regierte, ein armenischer Soldat, dem der Phrygier Michael zum Throne verholfen hatte. Was Michael gemacht hatte, das wollte er, als er würdenbedeckt war, bald selbst werden: Kaiser. Seine Verschwörung ward entdeckt, der Verschwörer eingesperrt. Man vermuthete Mitverschworene; Michael weigerte sich sie anzugeben, ließ aber den Genossen seiner Absicht sagen, daß er sie verrathen werde, wenn sie nicht die Mittel fänden ihn zu befreien. Die meisten der Bedrohten hielten sich schon lange seit der Verhaftung des Michael verborgen. Einer, der am schuldigsten erscheinen mußte, weil er immer zwischen der Stadt und dem Lager die aufrührerischen Botschaften des Michael hin- und hergetragen hatte, der Officier Stephanos, ward von seiner Geliebten, einem Freudenmädchen, in den Gewölben dieser Cisterne verborgen. Ihr Vater war der Hüter derselben. Stephanos hatte Zoe in den Tagen seines Glückes kaum einen Wunsch abgeschlagen, wenn er ihm nur irgendwie erfüllbar gewesen; jetzt vergalt sie ihm seine Güte durch eine Treue, die sonst keine Bedingniß ihres Gewerbes ist. Sie schifften sich in dem Kahne ein, womit der Vater die Ueberwachung der Cisterne besorgte, und der Alte ließ ihnen die tägliche Nahrung in dem Eimer eines Ziehbrunnens hinab. So steuerten sie lange auf der Fluth herum, sicherer als irgendwo anders vor der Entdeckung und insbesondere vor der Ergreifung. Am 25. December 820 sollte Michael in dem Feuerofen der kaiserlichen Bäder lebendigen Leibes verbrannt werden. Nur auf Bitten der Kaiserin Theophana wurde das schauerliche Urtheil über die Weihnachtsfeier hinaus vertagt. Da ließ der Verzweifelnde noch einmal die Drohung des Verraths an seine Mitschuldigen ergehen, und wirklich am Morgen des Weihnachtstages, in aller Frühe, als um 3 Uhr die Thore der Schloßcapelle den harrenden Geistlichen geöffnet wurden, stahlen sich die Verschworenen als Mönche verkleidet hinein, und als der Kaiser den ersten Psalm anstimmte, fielen sie mit Dolchen und Schwertern über ihn her. Ein wüthender Kampf entbrannte; der Altar, wohin Leo sich geflüchtet hatte, war der Hauptschauplatz. Auf seinen Stufen stand der Kaiser und vertheidigt sich mit einem großen Crucifixe, das er von dem Tische des Herrn genommen hatte. Ein Hieb zerschmetterte ihm zuletzt, nachdem er schon eine Menge Wunden empfangen hatte, die rechte Schulter und auch einen Arm des Kreuzes. Er fiel nieder und ein anderes Schwert spaltete ihm den Schädel. Michael der Aufrührer stieg aus dem Feuerofen auf den Thron; noch hingen die Fesseln an seinen Füßen, da er schon die Krone auf dem Haupte trug. Die aufgehende Weihnachtssonne sah ihn als Michael II., dem die Geschichte auch den Beinamen des Stammlers gegeben. Als man Stephanos, den man nicht mehr die Zeit gehabt hatte, von dem letzten Plane zu unterrichten, suchte, fand man in der Cisterne kein Boot mehr. Der Eimer des Ziehbrunnens kam unberührt mit den Speisen, wie sie hinab gelassen worden waren, wieder hinauf. Zoe und Stephanos waren nicht mehr, und alles Rufen und Forschen des unglücklichen Vaters blieb unbeantwortet. Tage lang, Wochen lang, zuletzt den ganzen Rest seines Lebens saß der Alte an der Stelle, wo sonst der Kahn gelandet war, starrte auf die schwarze regungslose Fluth, immer noch hoffend, daß sie, die doch hoffnungslos ist, ihm das Verlorene wieder zurückgeben werde. So harrend fand man ihn eines Tages todt auf dem Ufer dieses acherontischen Sees, er selbst nun ein Pilger für diese Schattenwelt seiner Lieben. Es scheint, daß das Boot mit Zoe und Stephanos an einer der Säulen scheiterte. Vielleicht überließen sich beide zugleich dem Schlafe, und der Kahn, so ohne Führung, stieß an eine Säule, schlug um, füllte sich mit Wasser und mag so gesunken sein; oder es stieg auch das Wasser durch rasche Zuflüsse plötzlich und die zusammengepreßte Luft kann die Unglücklichen erstickt haben.
Pera, den 23. Juni.
Ich rudere dem Lloyd-Dampfer „Neptun“, der aus Triest kommt, entgegen, umkreise ihn und fahre dann mit ihm zurück in das goldene Horn ein. Bei dieser Gelegenheit nehme ich das ganze ungeheure Bild des hiesigen Hafenverkehres wieder in mein Auge auf. Größer aber noch als durch diesen Anblick wird es durch eine Prüfung der Zahlen. Es zeigt sich dann, daß sich z. B. Frankreich nur mit dem Gesammtverkehre aller seiner Häfen mit dem hiesigen messen darf, und daß selbst England nur mit sechs Millionen den Tonnengehalt der hier ein- und ausgelaufenen Schiffe übertrifft. 48.938 Schiffe mit 7,432.362 Tonnen Gehalt liefen im Jahre 1864 in Constantinopel ein. Ich habe diese Zahlen seitdem für die damals eingestellten des Jahres 1863 aufgenommen. In allen englischen Hafen 54.723 Schiffe mit 13,515.011 Tonnen Gehalt, in den französischen 47.619 Schiffe mit 7,550.972 Tonnen Gehalt. In dem Verkehre des goldenen Hornes ist Oesterreich mit 3220 aus- und eingegangenen Schiffen von 1,131.850 Tonnen Gehalt betheiligt. 504 darunter waren Dampfer von 297.006 Tonnen Gehalt. Und auch als ein fortwährend und rasch steigender Verkehr zeigt sich der des goldenen Hornes. 1841 gingen hier nur 8251 Schiffe mit 1,093.466 Tonnen ein und aus; 1846 schon 15.770 mit 2,637.994 Tonnen und 1861: 29.141 mit 6,101.401 Tonnen. Es sind diese Zahlen auch Illustrationen zur orientalischen Frage und erklären, warum so begehrlich einerseits, warum so eifersüchtig andererseits die Blicke der Großmächte hierher gerichtet sind.
Eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.
24. Juni.
Schon vor drei Wochen besuchte ich in dem Winkel Constantinopels, der aus der ursprünglichen Richtung der theodosianischen Mauer hinausgedrängt sich am meisten der innersten Bucht des goldenen Hornes nähert, die Ruinen eines Palastes, der auf der Höhe gelegen von dem Namen des Ortes auch den seinigen erhielt. In alter Zeit hieß dieser Hügel Hebdomon; damals lag er vor der Stadt und die Mauer ging hinter ihm den Berg zum Hafen hinab. Das Stadtviertel, das hier entstand, anfangs wohl nur als Vorstadt, die später erst Kaiser Heraklius 635 durch seine erweiterte Mauer mit in die eigentliche Stadt einbezog, hieß das der Blachernen und der kaiserliche Palast darinnen bald der der Blachernen, bald einfacher nach dem Hügel: das Hebdomon. Die Türken nennen ihn heute Tekfur Serai (das Schloß des Gouverneurs), und die Griechen behaupten, daß er, so wie er da stehe, das Magnaurum des Kaisers Constantin sei; den Fremdenführern, denen das Alles nicht interessant genug ist, gilt er als das Haus des Belisars. Die Erinnerung, die mir von dem ersten Besuche geblieben, war nur ein fortwährender Stachel der Neugierde, die Ruinen noch einmal und dann sorgfältiger zu besichtigen. Darum nahm ich einen gelehrten Freund mit, der sollte mir das Alter, die Bedeutung, womöglich die ganze Geschichte des Baues erzählen.