Groß war unser Erstaunen, als wir vom Hafen die steilen Gassen hinauf die Höhe erklommen hatten, Alles ringsherum ein weites Trümmerfeld zu finden. Wo wir noch durch enge Gassen geritten, da war nun rechts und links hinüber die Aussicht frei; nichts als Schutthaufen, rauchende Kohlenfelder und ab und zu ein Baumstamm, der wie Hilfe flehend seine versenkten Arme in die Lüfte streckte. Eine Feuersbrunst hatte diesen Stadttheil niedergelegt und wir davon nichts erfahren. Es gibt auch das einen Begriff von der Größe dieser Stadt. Die Häuser hatten dem Feuer nicht widerstanden, sie erliegen hier gewöhnlich völlig seiner Gluth; nur die Bäume schienen mit ihrem eigenen Safte den Brand wenigstens einigermaßen gelöscht und sich ihre Skelette gewahrt zu haben. Zerlumpte Gestalten krochen über den Schutt, die Geier, die nach der Schlacht nach dem Aase wühlen. Abgeschlossen wird das Bild in seinem Hintergrunde durch die geschwärzten Mauern der Stadt und des Palastes. Das Feuer hat darum und darinnen mit derselben Heftigkeit gewüthet. Ausgebrannt ist die Stätte und wie ein Todtenschädel liegt sie da, die ich neulich noch bewohnt von einer Menge Hütten, bevölkert wie einen Ameisenhaufen gefunden hatte. Spanische Juden hatten sich darin eingenistet mit Hintansetzung jedes Respectes für die Historie. Der Hof und so auch die ebenerdige Palasthalle waren mit Häusern besetzt, und zu dem oberen Stockwerke führte aus dem Hofe an der Frontmauer eine Holzstiege hinauf, um auch ihn bewohnbar zu machen; das Ganze war eine Colonie elender Hütten und ebenso elend waren die Bewohner, die darin hausten. Ich machte damals den Versuch in sie einzutreten, um die Construction des Baues zu studiren, aber die Fülle des Unrathes, die mir entgegenstarrte, war eine solche, daß auch der eifrigste Wille davor erlahmte. Alles das hat nun allerdings die Feuersbrunst ausgefegt, aber die Gluth, die dabei entzündet worden, war eine solche, daß auch der Bau darüber zu Grunde ging; der Mörtel wurde zu Pulver und die nicht mehr verbundenen Ziegel stürzten herunter. Selbst der Granit und der Marmor der Säulen, welche die Gewölbe tragen, konnte dem Feuer nicht widerstehen; wir schälten sie wie Rinde, die man vom Baumstamme löst, und die akantusgeschmückten Capitäle fielen tropfenweise vor unseren Augen in Stücke. Ein einziger Sonnenstrahl drang durch die ausgebrannte Leere der oberen Stockwerke in das rauchige Dunkel des Erdgeschoßes. Er leuchtete uns zu unserer Arbeit, die trotz der stürzenden Blöcke in den Trümmern nach Resten zierlicher Bildhauerei suchte. Ich nahm einige Stücke mit, die fein geschlungene Arabesken und massige Akantusblätter zeigen. Die Hitze des Bodens erschwerte das Suchen; länger als einige Secunden konnten es die Sohlen auf keiner Stelle aushalten. Den Zugang hat die Polizei zumauern lassen; sie befürchtet den Einsturz des ganzen Baues und durch denselben die Beschädigung allenfällig Anwesender. Wir mußten auf weiten Umwegen über Balken, Gewölbe und Mauern uns einen Eingang zu dem Hofe suchen.
Der Palast ist zwischen und auf die Stadtmauern gebaut. Sie dienen auf drei Seiten seinen beiden unteren Geschoßen als abschließende Wände und seinen oberen als Lehne, von wo aus herab er die ganze Stadt, den Hafen und das ehemalige Marsfeld vor den Mauern der Stadt überschaut. Die Mauern stehen hier 55 Fuß auseinander, sonst nur 22. In dem Raume zwischen den Mauern liegt auch der Hof, oder das, was ich eben so benenne, und dorthin sieht auch die Hauptfronte des Gebäudes, die seiner Langseite, welche allein eine durchgängige architektonische Gliederung zeigt. Zu unterst steht eine nach dieser Seite zu offene Halle, darüber ein Zwischengeschoß und erst in bedeutender Höhe der eigentliche Saalbau. Ein Pfeiler, von unten bis zum zweiten Stockwerke aufsteigend, theilt die Fronte. Ihm correspondirend, aber in die Stadtmauern verbaut, steigen zu beiden Seiten zwei andere auf; zwischen diese drei ist auf jeder Seite des mittleren Pfeilers je eine aber nur bis zum Mittelgeschoße reichende Säule gestellt. Darüber, wie auch über den Pfeilern, wölben sich Rundbogen, welche die Frontmauer tragen, und in sie wieder sind die Fenster eingeschnitten, ebenfalls runde Bogen, im ersten Stockwerk sechs und im zweiten darüberstehenden sieben ziemlich gleichförmig gestaltete. Die Säulen wiederholen sich in der Tiefe der unteren Halle, um die kleinen Gewölbe zu tragen. Das ist eine reiche und schöne Anordnung und auch in den Einzelheiten findet sich manches Geschmackvolle. Vorspringende Canellirungen, bandförmig gereihte Ziegellagen und zwischen den Bogen der Fenster mosaikartig zusammengefügte bunte Thon- und Glasstücklein geben dem Ganzen etwas sorgsam Ausgedachtes, zierlich Gegliedertes und außerordentlich Heiteres. Die Motive der Verzierung wiederholen sich nur selten und stehen sich nirgends in sclavischer Regelmäßigkeit gegenüber. So sind auch die Capitäle der Säulen nur in ihrer Grundform gleich: dem byzantinischen Würfel, in ihrer sculpturlichen Ausschmückung vollkommen verschieden.
Man hat aus der Verschiedenartigkeit der Capitäle folgern wollen, daß diese aus früheren Bauten hierher übertragen und aus solchen Resten dieser spätere Bau aufgeführt worden sei. Das kann möglich sein, und in so ferne man die Capitäle nicht genau zu den Säulenschäften passend gefunden haben will, auch begründet; aber die Gründe, welche auf die bloße Verschiedenartigkeit basirt sind, verwerfe ich. Die byzantinische Baukunst scheint überhaupt nicht ihr Ideal in einer alles Spiel der Ideen ausschließenden Symmetrie gefunden zu haben; symmetrisch sind kaum die großen Grund- und Umrißlinien der Bauten gezogen, alles übrige dazwischen liegende, der Schmuck der Wände und der Säulen ist mit der ideenvollsten Willkür erfunden und gemacht. Ich erkenne eben darin ein Element, welches die Geburtsstätte des Orients beweist; hier sind die Phantasien viel zu zügellos, viel zu angeregt und viel zu ergiebig, um sich in beengende Regeln zwingen zu lassen. Es ist eben hier in künstlerischer wie in religiöser, staatlicher und in jeder anderen Beziehung die wahre Freiheit allein zu Hause, die Freiheit, welche Jedem möglichst die Bethätigung seines Willens läßt, nicht jene der tyrannisch herrschenden Phrase. So sind auch die Tragsteine an der äußeren Fronte des Palastes, die, welche die Balcone und Erker tragen, ganz ohne jeden Anspruch auf Regelmäßigkeit gestaltet: bald Widder, bald Adler- und Löwenköpfe. Gerade an diesen Steinen wird mir auch wieder offenbar, daß die wilde Zügellosigkeit, die Mannigfaltigkeit der Gothik, welche man als ihr selbsterfundenes Eigenthum bewundern will, ihren Anfang nicht in sich, sondern in den byzantinischen Mustern genommen hat. Was man bei uns die Romanik nennt, diesen Stationspunkt in Italien leugne ich. Italien war in jenen Zeiten viel zu verkommen, um Lehrer zu geben; Fachschule der Kunst und der Mode war Byzanz, das sein Erbrecht der römischen Weltherrschaft in allen Beziehungen geltend machte.
Diese Fronten nach der Stadt und die letzte, die vierte, auf das Marsfeld hinaus, sind ohne jeden Anspruch auf äußerliche Schönheit gestaltet. Es ist das schon dadurch veranlaßt, daß bis zum dritten Stockwerke hinauf die rohe kahle Wand der Stadtmauer reicht. Ein viereckiger Thurm schneidet die eine Ecke ab, und Salzenberg meint in seinem schönen Werke über die altchristlichen Bauten Constantinopels, daß in demselben einmal eine Stiege und daß der Balcon, der darauf gelegen, von einem zeltartigen Baldachin überdeckt gewesen sei. Solche Stiegen, die in den Mauern versteckt waren, scheinen überhaupt eine Liebhaberei der byzantinischen Häuslichkeit gewesen zu sein. Auch in dem weitläufigen Kaiserpalaste an den Ufern des Marmora-Meeres gab es deren eine Menge. Vom achtseitigen Thronsaale führten deren allein zwei hinauf zu der Gallerie der Kuppel. Es wird damit zugleich auch ein Theilstück der byzantinischen Geschichte verrathen, welche die Heimlichkeit für ihre so oft schauerlichen Thaten brauchte. Venedig, das in seinen Palästen gleichfalls diese Vorliebe für die escaliers dérobés zeigt, hat vielleicht auch diesen Gebrauch wie so manches andere seiner Gewohnheit von hier sich geholt. — Zur Idee des Baldachin überdeckten Balcons fügt mein Begleiter die Erklärung, daß sich dort herab der neugewählte Kaiser das erste Mal dem in der Stadt versammelten Volke zu zeigen pflegte, und dann von einer an der anderen Palastecke gelegenen Altane auf das Marsfeld hinaus dem dort aufmarschirten Heere. In diesem Stadttheile soll nämlich, wie heute noch in dem nahen Ejub, der erste Theil der Kaiserkrönung vollzogen worden sein.
Der Erker, der weiter in der Mitte der gegen die Stadt zu gekehrten Langseite liegt, kann nur inneren, nicht nach Außen gerichteten Zwecken gedient haben. Er wird wohl, wie der purpurgeborene Chronist die Apsiden des goldenen Saales im „heiligen Palaste“ am Marmora-Meere schildert, dem abgesonderten Bedürfnisse des Gebetes oder der Toilette gedient haben. Durch eine Thüre oder einen Vorhang waren solche Cabinette von dem größeren Raume geschieden. Ihren Anfang haben sie gewiß in den Apsiden der Basiliken genommen, und wurden von dort als ein bequemes Mittel der jeden Augenblick zur Verfügung stehenden Abgeschiedenheit zuerst an die ebenerdigen Häuser und dann, als man höher baute, an die darüber liegenden Stockwerke angeflickt. Ihre weitere Fortsetzung haben sie dann in den Erkern der Gothik gefunden. So ist auch dieses Mittel der häuslichen Bequemlichkeit, welches man ganz speciell als ein durch die deutsche Sitte und das deutsche Klima in Deutschland erfundenes bezeichnet, von Constantinopel zu uns gewandert; nur daß wir den Zweck verändert, ihn unserer Liebhaberei gemäß mehr in das Sehen nach Außen, als das Zurückziehen nach einem noch intimeren Innern gelegt haben. Die Gedanken erlaubten sich eben auch ohne die Telegraphen und die Eisenbahnen des 19. Jahrhunderts ihre Reisen um die Welt zu machen. Noch vollkommen erhaltene Beispiele solcher byzantinischer Erkerbauten, die also auch für deren Verpflanzung von dort nach Deutschland zeugen, finden sich in der Burg Carlstein bei Prag. Sie ist zweifellos von byzantinischen Künstlern gebaut, wie sie denn auch mit byzantinischen Mosaiken und mit in die Wand eingelassenen Gemälden der byzantinischen Malerschule geschmückt ist. Ganz Böhmen zeigt in den Anfängen seiner Kunst die Abstammung von der griechischen Mutter am Bosporus.
Die Giebel des Gebäudes sind auch heute noch nach dem Brande erhalten, die Zwischengeschoße aber seitdem eingestürzt, oder stürzen doch fortwährend ein. Der oberste Saal, der offenbar das Hauptstück des Gebäudes war, erinnerte mich lebhaft an einen anderen nicht weniger bedeutungsvollen, den im festen Schlosse zu Eger, welchen Barbarossa gebaut, und die todtgeweihten Wallenstein’schen Generale zu ihrem Henkersmahle benutzt haben. Auch jener Saal ist im selben Style des Rundbogens gebaut und scheint mir überhaupt, so wie er mir in der Erinnerung blieb, diesem hier in gar Vielem ähnlich. Solche Vergleiche werden durch Gegenstände der entlegensten Länder geweckt. Ganz von dem Menschen hervorgerufen können sie nicht sein; es muß den Dingen etwas Gemeinsames zu Grunde liegen. Es ist als ob dieselbe Seele von dem einen Orte zu dem anderen nur hinüber gewandert wäre und als ob der ahnende Geist sie dort wieder erkenne. Luft, Geruch, Töne und alle übrigen Reizungsmittel der Sinne tragen dazu bei, diese Erkenntniß zu wecken. Es wäre zu bedenken, ob dieses häufige Finden von Aehnlichkeiten nicht auch als ein Unterstützungsmittel für die Lehre von der Seelenwanderung zu verwenden wäre.
Der Palast, wie er heute steht, ist offenbar nur ein Theilrest von dem früheren, größeren Ganzen. Er wird durch Gänge, die vielleicht auf und in den Stadtmauern fortliefen, mit den übrigen Pavillons verbunden gewesen sein; denn entsprechend dem orientalischen Geschmacke war gewiß auch diese Palastanlage keine massig zusammengeballte, sondern eine über weite Räume mit zwischenliegenden Höfen und Gärten zerstreute. Die Fenster und Thüren, welche man heute noch in der äußeren Ansicht der Stadtmauer eingemauert sieht, mögen Reste aus jener Anlage sein. Daß sie aber derjenige Palast sei, welchen Constantin fouri le mure angelegt und den zu schützen Kaiser Heraklius 635 die erste Stadtmauer um das Viertel der Blachernen gezogen habe, ist wenig wahrscheinlich. Dann wäre wohl die Mauer etwas weiter um den Palast und jedenfalls nicht unter ihn gebaut worden. Ich glaube vielmehr, daß dieser Palast ein viel späteres Product ist, daß er nicht die Restauration der Stadtmauern unter Leo dem Armenier (813–820) gesehen, daß er frühestens seinen Ursprung dem neunten Jahrhundert verdankt. Das ganze festungsartige Aussehen deutet darauf hin; auf eine Zeit, welche sich auch gegen das Innere der Stadt zu schützen hatte. Man irrt eben, wenn man annimmt, daß die spätere Kunst der Byzantiner nicht mehr im Stande gewesen sei, ein Bauwerk wie das hier stehende aufzustellen und herzurichten. Ich behaupte gerade dagegen, daß sie noch im 12. und auch im 13. Jahrhundert die geschickteste und auch die mustergiltigste gewesen; wie ich denn auch behaupte, daß das Reich der byzantinischen Mode weit mehr in die neuere Zeit hinüber gedauert habe, als man gewöhnlich annimmt, und daß sie den Verfall der oströmischen Macht weitaus überlebt habe. Wir selbst leben heute noch im byzantinischen Zeitalter, und eine spätere Zeit, die mit größeren Zahlen rechnet, wird dieses anerkennen.
Das Wahrscheinlichste ist sogar, daß diese Reste eines byzantinischen Kaiserpalastes, wie sie uns überliefert worden, von der Restauration herrühren, welche der große Komnene Manuel (1143 bis 1180) documentarisch erwiesen an dem Palaste auf dem Hebdomon vornehmen ließ. Von da an ward dieser Palast auch die Hauptresidenz der byzantinischen Kaiser, und all die grausen Schicksale der Komnenen wie der Paläologen, die Einnahme der Stadt durch die Lateiner wie die durch die Türken spielten hier ihre traurigen Epiloge ab. Die Räume, die ich durchwanderte, sind so geweiht genug von dem Geiste der Geschichte. Meinem Begleiter aber erschien dieses nicht so. Er suchte ihren Stammbaum bis auf die Römer zurückzuführen, und erklärte mir: daß in diesen Mauern der erste Constantin schon gehaust, und in jenem dach- und bodenlosen Saale die Gesetzgebungscommission des Justinian getagt habe.
Lange währte unser Streit über diesen Fragepunkt, und da wir früher viele Zeit an die Besichtigung, nicht weniger lange an die Abconterfeiung der Ruine gewendet hatten, so kam die Nacht mit so später Stunde über unsere unvollendeten Arbeiten herein, daß wir beschlossen, gar nicht nach Pera zurück zu kehren, sondern in diesem Stadttheile den nächsten Tag zur Vollendung unserer Projecte abzuwarten. Aus einem benachbarten Caffeehause ließen wir uns Kaffee bringen, Brod und einige Früchte fanden sich ebenfalls, Plaids hatten wir mitgebracht, und so genährt und versorgt bereiteten wir uns das Lager in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.
Mir wurde die Nacht eine gräßliche. Lange konnte ich nicht schlafen; die Hunde bellten, und meiner Phantasie klang es wie Schakal- und Hyänengeheul. Der Mond ging auf und die Sterne verdüsterten sich; dann als die Luft kühler wurde, zog sie mit leise bewegten Tönen durch die leeren Hallen des Palastes. Seine Fenster ließen das Mondlicht, das nun auch vom Winde getrieben wurde, flackernd in das regungslose Dunkel der Schatten einfallen: es war als sei Alles darin lebendig geworden und Geister wieder auferstanden, die in Blut und Mord zu Grunde gegangen. Es muß in diesem Stadium gewesen sein daß ich einschlief. Ein Traum befiel mich, — denn anders kann ich es doch nicht glauben, was mir heute Morgens in der Erinnerung ist, — der wohl an die Gespräche anknüpfte, die ich mit meinem Begleiter so lebhaft über den Werth oder den Unwerth des justinianeischen Rechtes für die europäische Welt geführt hatte. Ich leitete von dem römischen Rechte alles Unheil ab, welches uns seitdem betroffen hat: die Dogmatisirung unseres Glaubens und die Verbureaukratisirung unseres Staatswesens. Der römische Geist war seit jeher ein mit Vorliebe in die spanischen Stiefel der Rechtsgelehrsamkeit eingeschnürter; er zersplitterte und zerspaltete, secirte und theilte jeden nur irgend möglichen Gedanken, daß zuletzt von dem Ganzen, von dem natürlich Gegebenen, nur Worte übrig blieben, die er dann in Paragraphe zusammenstellte und denen er einen beliebigen Begriff beilegte. So ist das römische Recht oder so erscheint es mir wenigstens. Von der Natur der Dinge, vom Rechte, das mit uns geboren ist, ist nur gar selten ein Körnchen übrig geblieben, und seitdem bei uns diese fremde Pflanze eingepflanzt worden ist, ist auch in Deutschland der gesunde Menschenverstand und seine Berechtigung zu den Todten gegangen. Durch das Studium grauser Fictionen wird er in den jungen Köpfen erstickt, und wo er sich noch in einigen ungebildeten Seelen erheben will, da wird er als revolutionär und ungesetzlich niedergeschlagen. Unser ganzes irdisches Leben ist von diesem Geiste der Wortspalterei und der Unnatur zu Grunde gerichtet. Das Gefühl gilt nichts; damit aber das Wort Alles entscheide und ein solches System der Bevormundung geübt werden könne, brauchten die Fürsten, die durch das römische Recht erst Alleinherrscher wurden und es darum herüber nahmen, ihre Helfershelfer, und diese sind die Beamten. So haben wir diese Drachensaat erhalten, die zuerst Kaiser Maximilian in den deutschen Boden säete. Wohl heißt er mit Recht der letzte Ritter, aber er selbst war es, der das Ritterthum und alles das, was die juristenfreundliche Welt der Neuzeit dem Geiste der heutigen Cultur feindselig glaubt, zu Grabe getragen. Und nicht nur auf dieses Gebiet beschränkt, auch auf dem religiösen zeigte das römische Recht seine übeln Folgen. Sobald sein Geist die Köpfe unserer Religionslehrer erfaßte, galt das formlos gegebene Wort Christi weniger seiner Meinung als seinem Buchstaben nach. In den Schulen römischer und griechischer Rhetoren wurden unsere Kirchenväter gebildet, und wenn sie ihr Glaube auch rein von der Beimischung heidnischer Philosophemen bewahrte, so konnte er es doch nicht vor der Ansteckung schönrednerischer Dialektik. Die griechischen Kirchenlehrer insbesondere sind diesem Geiste der Wortgiltigkeit völlig erlegen. Sonderbar, daß man im Oriente selbst die eigentliche Sprache des Orientalen, welche eine mehr durch Bilder und Zeichen als durch Begriffe redende ist, so verkennen konnte, und daß gerade in Constantinopel das römische Recht, diese Justiz der bloßen Förmlichkeit, seinen äußersten Triumph, seine Alles beherrschende Constituirung feiern konnte. So abseits von der ursprünglichen Heerstraße des Bildungsganges eines Volkes gehen zuweilen seine Wege und so nahe stehen sich dann die Gegensätze gegenüber. Erst der Mohammedanismus kam wieder auf die alte Sprache zurück; darum aber auch seine so raschen und so weitgehenden Erfolge in diesen Ländern des griechischen Christenthums. Er brachte, was eigentlich in dem Sinne der Leute lag, die Freiheit des Denkens und des Glaubens und die Ungebundenheit der Sprache. „Es ist nur ein Gott und Mohammed sein Prophet,“ die einzige Grenze seines Gesetzes, gestattet jede Philosophie und weitere Abartung. Die vielen Secten des Mohammedanismus sind nur deshalb weniger auffällig als die des Christenthums, weil sie geduldet und nicht mit Feuer und Schwert verfolgt werden.