Den schwersten Trumpf, die Anklage ob der Verdrehung unserer Religion, hatte ich zum Schlusse unserer Unterredung gegen das römische Recht geschleudert. Vielleicht wollten sich dafür Justinian und Tribonian, die Väter dieses Rechtes nach unseren Vorstellungen, an mir rächen und erschienen darum in meinen Träumen. Ich sah die ganze Gesellschaft, die 17 Männer, Tribonian an ihrer Spitze, die vier gelehrten Professoren, Theophilus und Cratinus von der Universität zu Constantinopel, Dorotheus und Anatalius von der zu Berytus unter ihnen, mit ernsten, bedächtigen Köpfen um einen großen Marmortisch sitzen; hörte wie Jeder sein bestimmtes Quantum an Excerpten, die er aus dem Ueberflusse der römischen Quellen ausgesogen hatte, näselnd vorlas; hörte dann wie Tribonian verwarf oder approbirte, wie endlich Justinian mit mächtiger Stentorstimme eine vertheidigende Lobrede gegen mich gewendet hielt, die zuletzt in Drohungen ausartete, den Gegner bestrafen und züchtigen zu wollen und sah, wie sie darauf Alle aufstanden, sich gegen mich kehrten, die Fäuste ballten — dann wie Alles in der Bewegung über und unter ihnen zusammenfiel, die Mauern und die Säulen, daß mich das Geräusch aufweckte und ich wenige Schritte vor mir einen gewaltigen Quaderblock, der aus der obersten Giebelmauer herabkam, in den unten schon gehäuften Schutt einschlagen sah. Grauer dämmernder Morgen war um mich. Verscheucht durch die Träume und noch mehr durch das letzte Ereigniß war jeder Schlaf unmöglich. Ich stieg auf die Stadtmauer hinauf und von dort aus, die baumlosen Friedhöfe der Armenier und die cypressenbewaldeten der Türken unter mir, sah ich den Tag kommen, der rosig und sonnig hinter den bythinischen Hügeln des Bosporus aufstieg und bald mit seiner Wärme alle Schrecken und alles Grauen der letzten Nacht verscheuchte. — So habe ich eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes zugebracht.

Constantinopel, den 25. Juni.

Schon mehrfach sind mir Aehnlichkeiten zwischen den heutigen türkischen und den früheren byzantinischen Landessitten aufgefallen. Vielleicht hat sie nur die natürliche Nachahmungssucht des weniger gebildeten Nachfolgers, vielleicht aber auch der allgemein giltige Einfluß des Klimas veranlaßt. Pflanzen und Thiere modeln sich nach den Bedingungen ihres jeweiligen Bodens, warum sollte der Mensch allein von diesem Gesetze ausgenommen sein? So ist die Menge der sultanlichen Lustschlösser wie eine Erbschaft aus byzantinischer Zeit und daß sie immer noch wie damals gebaut werden, wohl ein Beweis für jene allgemein giltige Wirkungskraft des Klimas. Es sind keine großen, massigen Palastanlagen mit himmelhohen Stockwerken und endlosen Fronten wie unsere Herrschersitze, sondern kleine, niedere Pavillons, die in den Gärten zerstreut liegen, nur ab und zu durch Gallerien verbunden; selten sind oder waren sie höher als ein Stockwerk. Ihr Material ist vielfältig Holz und war, wenn auch gerade nicht dieses vergängliche der Türken, so doch gewiß nicht der unverwüstliche Stein, der in Rom und Athen so viele Reste gelassen hat. Die Verwüstungen, welche dort über den Boden gegangen sind, waren nicht weniger versengend als hier, und doch ist in Constantinopel nichts übrig geblieben von all den prächtigen Palastanlagen, die Constantin Porphyrogenetus in seinem Lehrbuche der byzantinischen Hofceremonien schilderte, als die einzige des Hebdomon, und auch diese sah ich gestern erst, berührt von einem einzigen Gluthauche, vor meinen eigenen Augen „stürzen über Nacht“. Ihre Mauern sind eben die lebendigen Zeugen für die lockere Bauweise auch der Byzantiner; Ziegel und nur ab und zu Steine beigemischt, war der hauptsächliche Stoff ihrer Gebäude. Und wie durch den Styl und die Bauweise, so gleichen sich auch durch die Lage die heutigen und die früheren Kaiserpaläste; Türken und Byzantiner beweisen dadurch wie sehr ihr Auge empfänglich für die Schönheit der Natur ist. Denn die meisten dieser Paläste zeichnen sich dadurch vor den Häusern anderer Sterblicher aus, daß sie den weitschauendsten und den begünstigsten Ausblick auf das Marmora-Meer, das goldene Horn, die süßen Wässer von Europa und Asien, den Bosporus oder das schwarze Meer haben. Dieser Ueberfluß an Wohnhäusern erscheint übrigens um so befremdlicher als alle, oder doch die meisten derselben, zugleich dem Bedürfnisse des Stadt- und des Landlebens genügen. So insbesondere Dolma-Bagdsche, das dem Einfahrenden vom Marmora-Meere her gerade gegenüber auf der Küste von Europa erscheint und dem der jetzige Sultan doch einen Rivalen auf dem jenseitigen Ufer von Asien in dem insbesondere bunten Marmorpalaste von Beylerbey erbauen läßt.

Die Paläste bei Ejub im Hintergrunde des goldenen Hornes, bei den süßen Wässern von Europa, das Serai und auch die beiden reizenden Köschke auf dem europäischen Ufer hinter Pera in einer Schlucht versteckt, die sie den großen und kleinen Flamur nennen, habe ich schon früher besehen; heute ward mir gelegentlich des Sultansfestes dasselbe mit Dolma-Bagdsche zu Theil. Der Sultan feiert nämlich heute und mit ihm das ganze Reich seinen Geburtstag. Zur Verherrlichung dieses einzigen officiellen Festes der Türkei empfängt er in den Vormittagsstunden das gesammte diplomatische Corps.

Die erste Ceremonie, die wir durchzumachen hatten, war an dem äußersten Palastthore, die Begrüßung durch einen jungen Officier; groß und schlank gewachsen, im türkischen Kleide, blau und roth, reich mit Gold gestickt, stellte er sich ganz passend in die Phantasiebilder von orientalischer Pracht, welche wohl Jeder mit hieher in dieses Sultansschloß bringt. Auch die Wache hinter ihm ließ sich in diese Erwartung einfügen, lauter schön gebildete und reich gekleidete Bursche. Der Officier sprach vortrefflich Französisch. Mit verbindlichen Geberden geleitete er uns durch die Gärten des Palastes zu den Marmorstufen, welche in das Erdgeschoß hinaufführen. Chiamil Bey, der Ceremonienmeister, eine kleine, lächerliche Figur, nahm uns dort in Empfang. Ein großer Salon, rechts daneben ein kleiner und endlich ein drittes größeres Zimmer waren die zur Versammlung des diplomatischen Corps geöffneten Räume. Wir waren die ersten; die Preußen, die Franzosen die nächsten; dann eine endlose Folge der Vertreter der anderen Mächte, Bulwer mit den Engländern die letzten.

Der Blick von Dolma-Bagdsche aus dem Fenster des dritten Salons, an dem ich mich aufgestellt hatte, dringt zwischen Asien und Europa durch auf das Marmora-Meer, reicht bis zu den Prinzen-Inseln und dem Olympe, schließt links Skutari, rechts die Seraispitze und die Mündung des goldenen Hornes ein und hat unmittelbar vor sich den Strom des Bosporus mit den Dampfjachtflottillen des Sultans, den Stationsdampfern der fremden Gesandten und den Handelsschiffen aller Nationen. Er ist so schön, daß man die Köschke des Serais beinahe ohne Bedauern verwaist liegen sieht. Es war gewiß, wie auch die Uebertragung des russischen Herrschersitzes vom Kreml nach dem Petersburger Winterpalaste, ein Act der Reformationspolitik, welcher Mahmud die Schauerstätten der Seraispitzen mit diesem noch unbefleckten Boden des Bosporus vertauschen ließ. Das Serai in seiner Verlassenheit ist ein Stück der abgespielten türkischen Geschichte, wie es für Frankreich Versailles ist, und St. Cloud und Compiegne — wer weiß wie bald schon — sein werden. Die Menschen prägen eben auch der Erde wie ihren Gesichtszügen den Stempel ihrer Leidenschaften auf; mehr oder weniger deutlich trägt Jeder, der Einzelne wie der Ort, das travaux forcés seiner Schicksale in seinem Fleische eingebrannt.

Dolma-Bagdsche ist ein weitläufiges Gebäude; ein höherer Mittelbau steht zwischen zwei Seitenflügeln, die durch ebenerdige Gallerien mit ihm verbunden sind. Wohlgepflegte Gartenanlagen und blendend weiße Kieswege umziehen das Ganze. Auf drei Seiten führen freistehende, hohe Thore, prächtig als sollten sie Triumphpforten vorstellen, zu ihm; auf der vierten, gegen Süden gekehrt, hat er das Meer, feste Marmorquais und ein vergoldetes Gitter, das ihn dort abschließt, vor sich. Nur der rechte Flügel dient dem Privatgebrauche des Sultans, der linke gehört den Frauen und der Mittelbau den Zwecken der staatlichen Repräsentation. Dieser erhebt sich zu der Höhe venetianischer Paläste. An Venedig überhaupt mahnt der ganze Palast durch seine Lage, aber auch durch seinen Baustyl, den eines geschmackvoll ausgebildeten Rococo. Noch ähnlicher finde ich ihn dem Dresdner Zwinger und so insbesondere seine drei Thore. Es scheint, daß dieser Styl, verbannt aus den Geschmacksregistern des heutigen Europa’s, nunmehr der Liebling der türkischen Sultane geworden ist. Die meisten ihrer neueren Bauten sind darin gebaut. So jene beiden Flamure, der große und der kleine, welche ich eben ob ihrer Zierlichkeit belobte; so der kaiserliche Köschk bei den süßen Wässern von Asien; so der Köschk in Top-Hane, die Moschee daneben, die Moschee Abdul Medschid’s neben Dolma-Bagdsche, und so wird eben der prachtvollste aller neueren Paläste, der in Beylerbey, gebaut. Und das ist wahr, besser als hierher paßt dieser wollüstige Styl nirgends hin und ihm wieder dienen der hiesige Sonnenglanz, die Farbenpracht der Blumen und das Meer, das spiegelnd vor seinen Mauern ausgebreitet liegt. Es ist als habe der Orient in endlicher Entwicklung seiner Kunst die ihm vom Anfange an bestimmte Form endlich gefunden und Europa im vorigen Jahrhundert nur entlehnt, was eigentlich hierher gehört.

Im Inneren des Palastes sind die prachtvollsten Theile das Bad, die Treppe zu den Privatgemächern des Sultans und der große Ceremoniensaal, welcher allein für sich den ganzen Mittelbau füllt. An der Treppe kamen wir vorüber, als man uns zur Audienz nach jenem Saale führte. Weiße Krystallgeländer fassen sie ein und rothes Glas deckt ihre Kuppel, so daß die Stiege wie aus Rubinsteinen gehauen erscheint. Sie überrascht wie der erste Anblick einer besonders schönen Balletdecoration. Es ist der glückliche Gedanke, den man hier vorzüglich loben muß, denn das Weitere in der Ausführung ist dann ziemlich einfach. Und am glücklichsten ist dabei die Beschränkung, welche das Treppengeländer und die Stufen weiß ließ; dadurch wechselt das Roth in ihm, je nachdem das Sonnenlicht heller oder gedämpfter durch die gefärbte Kuppel einfällt, scheint wie mit eigener Kraft aufzuflammen und jetzt wieder auszulöschen. Das ist etwas von „Tausend und eine Nacht“, und ebenso ist es auch der Thronsaal. Divansaal müßte man eigentlich sagen, denn auf der Stufe, wo bei uns der Fürstenstuhl steht, ist hier ein breiter Divan aufgestellt, mit rosenfarbener Seide überzogen und in purem Golde gefaßt. Der Saal ist eigentlich viereckig, erscheint aber länglich, weil auf den zwei Langseiten vorspringende Säulenstellungen die Breite für das Auge vermindern. Auf allen vier Seiten sind Fenster; durch die, welche sich auf den Breitseiten gegenüber liegen, schaut man auf der einen Seite die blaue Fluth des Bosporus und die rothen Hügel Asiens, auf der anderen Seite das Grün der sorgsam gepflegten Gartenanlagen. Eine mächtige Kuppel deckt den Saal; vier Bogen, die aus ihr herabfallen, tragen sie; absteigend niedriger gereiht schließen sich Halbkuppeln und zuletzt Nischen daran, in welchen die 12 Fenster angebracht sind. Auf den Langseiten sind je zwei Säulen tragend zwischen die Fenster gestellt, auf den Breitseiten nur je eine. Von der Kuppel hängt ein Krystall-Luster für 10.000 Kerzen herab, und in den vier Ecken stehen auf bunten Marmorsockeln riesige Kandelaber, die beinahe bis zur Höhe eines Stockwerkes aufwachsen. Vier andere aus Silber mit Lilienkelchen, um das Licht zu bergen, stehen neben dem Divan und ihm gegenüber am anderen Ende des Saales. Das ist die einzige Möblirung. Der Kronleuchter ist derselbe, welchen ein Windstoß auslöschte, als der Sultan hier in diesem Saale zur Feier des Friedensschlusses nach dem Krimkriege den Vertretern der Großmächte ein großes Bankett gab. Ein ominöses Zeichen, welches auch damals unheilvoll gedeutet ward.

Heute standen im Kreis an den Wänden herum die hundert Garden: Kurden, Tripolitaner, Araber, Albanesen, Griechen, Türken u. s. w., junge Leute aus den besten Familien, die in dem reichsten Schmucke ihrer Trachten dem Sultan die Unterthänigkeit ihrer Heimathländer repräsentiren sollen. Die meisten sind von edler Gesichts-, alle von großer, starker Körperbildung. Durch Glanz der Gewänder, der Gaze-, Sammt- und Seidenstoffe, der Juwelen und Goldstickereien gefielen mir die Fürstensöhne von Tripolis am besten. Wer diese Garden nicht in ihren Galakleidern gesehen hat, hat keinen Begriff, bis zu welchem Klimax die Verschwendung der Toilette hinaufsteigen kann. Auch das kann so nur einmal im Alterthume gewesen sein, und ist wohl aus jener Zeit bei diesen weniger vergänglichen Völkern ein Ueberbleibsel der Mode. In Byzanz muß dieser Luxus fortgedauert haben; bei uns gestattet die Sitte heute auch der schönsten Frau eine solche Gold- und Farbenpracht nicht, man würde sie geschmacklos schelten und doch verlangt das Auge eigentlich Farben.

Die Kanonen der türkischen Flotte, der Landbatterien, der fremden Stationsschiffe donnerten. Der Himmel, der bis dahin umwölkt gewesen, klärte sich, voller Sonnenschein fiel hell und leuchtend in den Saal. Der Sultan, so vom Himmel und der Erde zugleich begrüßt, trat neben dem kaiserlichen Divan durch eine Seitenthüre ein, rasch, mit festem Schritte. Klein, breitschulterig, von gedrungenem, starkem Körperbaue, in dunklem, militärischem Ueberrocke, stach er auffallend von dem Glanze ab, der um ihn gelagert war; ein Orientale würde sich ausgedrückt haben: wie der Erdball, dem das Sonnenlicht huldigen muß. Sein schwarzes Auge blickt heftig. Leidenschaftlicher als dieses ist vielleicht nur noch der Schluß seiner Lippen. Die Mundbildung überhaupt ist verrätherisch für die Geheimnisse des Charakters. „Ein angenehmer Mund“ ist darum eine Bemerkung, womit ich Männer oft bezeichne, und „ein gemeiner“ eine, die ich von mancher berühmten Schauspielerin schon behauptet habe. Dem Sultan wagt sich in den Augenblicken seiner Erregtheit nur seine Mutter in die Nähe. Ihr Einfluß ist ein großer und hinwiederum der aller Frauen, welche Zutritt zu ihr haben. Man muß alle diese Fäden kennen, um die Politik der türkischen Minister, aber auch um die oft winkelziehende Diplomatik der fremden Gesandten zu verstehen. Wer hieher kömmt mit unseren landläufigen Ideen vom Nichtsgelten der türkischen Frauen, wird die feingesponnenen Fäden nicht zerreißen, aber gar bald darin sich gefangen sehen.