Der Sultan, der die alte Etiquette wieder hergestellt, spricht mit den Vertretern der fremden Mächte nur durch den Mund eines Dolmetsch. Ali Pascha übersetzte ihm die Glückwünsche der Botschafter und Gesandten und ihnen die Antworten des kaiserlichen Herrn; doch erkannte man an dem beifälligen Lächeln, womit er schon in der französischen Auflage die poetische Begrüßung des österreichischen Internuntius aufnahm, daß er diese Sprache verstehe. Dieser Diplomat war auch der einzige, mit dem er sich länger und aus den Formen der Etiquette heraustretend unterhielt.

Es ist ein Irrthum den Sultan für geistig unbedeutend zu halten. Abdul Aziz hat vielleicht gerade durch seine Liebhabereien dem türkischen Volke mehr genützt als irgend ein heute regierender Fürst dem seinigen. Er will die Umkehr zu dem Alten, wenigstens zu dessen Ausgangs- und Zielpunkte: dem Koran und dem Glauben, ohne deswegen zur Fahrbarmachung des zwischenliegenden Weges die neuen Mittel der Civilisation zu verschmähen. In diesem Sinne hat er den türkischen Soldaten ein Nationalkleid wiedergegeben; und hat er den Muth, ihnen in dem Augenblicke der Gefahr auch den alttürkischen Glauben wieder frei zu lassen, dann wird es mit der Eroberung Constantinopels durch moskowitische Ränke doch etwas länger dauern, als die europäische Journalistik prophezeit. In seinem Volke muß er den besten Theil seiner Kraft suchen, und wird sie finden, wenn er dem Volke nur wieder erlaubt das zu sein, wozu es erschaffen ist. Wer seine Anfänge verleugnet, geht zu Grunde, denn jeder Baum lebt nur durch seine eigenen Wurzeln; und wirklich glitten seine Vorgänger abwärts, seitdem sie die Stütze der europäischen Großmächte annahmen. Darum finde ich es ein hoffnunggebendes Zeichen, daß Abdul Aziz den fremden Botschaftern unzugänglicher geworden ist als es Abdul Medschid war.

Den Schluß des Tages verherrlichte Ali Pascha mit einem Balle, den er in seinem Landhause zu Bebek am Bosporus gab. Schon um 8 Uhr führten Dampfer in seinem Dienste die Gäste von der Hafenbrücke aus dorthin. Ich wollte auch die Fahrt in ihrem ganzen Werthe bei völlig herabgesunkener Nacht genießen, langsam und ungestört; darum setzte ich mich um 9 Uhr bei Top-Hane ins Kaïk und ließ mich gemächlich aus dem goldenen Horne in den Bosporus rudern. Und so herrlich das Fest, diese Fahrt war der schönere Theil der Nacht. Die Hügel von Stambul, von Skutari, von Galata und Pera, und bis zum schwarzen Meere hinaus die Ufer des Bosporus waren beleuchtet. Die Moscheen trugen Lampenkränze; die Thürme waren von oben bis unten mit Lichtern überzogen, am schönsten der Leanderthurm, weil er abgetrennt von allen übrigen auf seiner Insel, wie feurig aus dem Meere geboren, vereinsamt schwamm. Um die Quais von Top-Hane waren lichte Bogengänge gewunden, an sie schlossen sich die Paläste an, welche hart am Meere stehen, alle mit Lichtern in mannigfaltigen Formen bedeckt. Ueber ihnen standen beherrschend die großen Linien der Kasernen. Auf dem Wasser schwammen Flöße, von denen Feuerwerke in die Luft stiegen, in weiterer Entfernung leuchteten elektrische Sonnen und das so hell, daß für Augenblicke die entlegenste Ferne näher und deutlicher als selbst in dem Tageslichte erschien. Musik klang von den Ufern aus den Harems der Paschas heraus; über mich weg donnerten die Breitseiten eines Linienschiffes, an dem ich eben vorbei fuhr; dann, als wieder Ruhe und Dunkel sich um mich gelagert hatten, kamen mir die weichen Molltöne eines türkischen Liedes begleitet von den rauhen Schlägen der Tarabuca entgegen. So war Freude und Lust überall, ein Volksfest im wahren Sinne des Wortes, von den unserigen aber merkwürdig dadurch unterschieden, daß sich eine Million Menschen und diese sogar Türken, Griechen, Armenier, Juden, alles untereinander, längs dem Gestade bewegte oder in tausenden von Booten den Bosporus befuhr, ohne die leiseste Unordnung, ohne ein unfreundliches Wort, ohne Haß, Zank und Streit. Kein Besoffener war zu sehen, keine Frau, kein Mädchen hatte Unanständiges zu gewärtigen; nirgends Soldatenrohheit, nirgends Polizei — aber überall angeborene Sitte, und darin liegt es.

In der Nähe des Landhauses wurde die Fahrt weniger bequem, durch die vielen ab- und zugehenden Dampfer sogar gefährlich. Masten und Taue trugen sie zwar mit Lichtern umwunden, aber das Licht selbst hinderte durch die Blendung am Sehen. Wohl eine halbe Stunde brauchte es, bis wir uns durch die Menge der vorliegenden Boote den Weg zu der Landungsbrücke durchgebohrt hatten; zuletzt gelang es uns nur durch die commandirende Beihilfe eines türkischen Officiers.

Das Haus und die dahinter liegenden Hügel glänzten mit tausenden von Lichtern. Das Innere, Vorplätze, Treppen und Salons, klein und einfach eingerichtet, war nur die Folie zu dem Eindrucke, welchen der Garten machte, wenn man auf die Brücke trat, die vom ersten Stocke zu ihm hinüber reicht. Ausgebreitet lag ein weites Parterre von Lampen, die bunt in allen Farben zur Nachahmung von Blumen in Beeten gesammelt und geordnet waren. Aus dieser Fläche stieg Terrasse über Terrasse die Höhe hinauf, bis zum höchsten Punkte reichlich beleuchtet. Auf Gerüsten zu architektonischen Verzierungen vereinigt, in den Cypressen und Pinien, Lorbeer- und Granatbüschen vertheilt hingen die Lichter, Dunkel und Helle auf das glücklichste wechselnd; dazwischen in Transparentschrift der Namenszug des Sultans und das übliche: „Er lebe tausend Jahre!“ — Auf der zweiten Terrasse empfing ein prächtiges Zelt die Gäste. Zwölf Säulen, aus Gold gewunden, trugen die Decke aus blauem Atlas mit Edelsteinen und Gold gestickt; in breiten Falten fiel sie auf drei Seiten herab. Suleiman der Große soll schon vor Szigeth unter diesem Juwelendache gehaust und getafelt haben. Ueber das Zelt herab neigte sich von der oberen Terrasse eine Reihe machtvoller Pinien. Das grelle Licht, das von unten hinauf in ihre Kuppeln stieg, ließ sie wie in rosige Schleier gehüllt erscheinen. Diese Pinien zogen mich am meisten an; bei ihnen war Ruhe und Einsamkeit und doch zugleich auch der Anblick der ganzen Herrlichkeit. Von Asien herüber leuchteten die Landhäuser, und rechts und links auf europäischem Boden die beiden Arme der Bucht entlang bis nach Rumili Hißar und dem anderen Vorgebirge, und in ihrem Becken selbst war Alles licht und glänzend. Nur der Bosporus weiter draußen blieb dunkel und nächtig; seine Breite bezwang kein Licht. Ab und zu trat aus dem Schatten der Laubgänge eine der prachtvollen Gestalten der hundert Garden in weiße Brussa-Stoffe oder rothe Sammt-Mäntel gehüllt; langsam, abgemessenen Schrittes und ohne mich zu beachten, gingen sie vorüber. Einmal so auch der Sultan, vermummt in die Kapuze seines Militär-Mantels mit einem einzigen Begleiter. Man hatte mir früher gesagt, daß er so anwesend sei, um das Fest seines Ministers mitzugenießen, weil ihm die Etiquette den öffentlichen Besuch eines Hauses seiner Unterthanen verbietet. Ich habe nie eine Situation erfahren, die mehr als diese gestimmt zu einem Abenteuer gewesen wäre, und so sehr ging ich selbst in dieser Stimmung auf, daß ich mit jeder schwindenden Minute nur um so fester an dessen Kommen glaubte. Aber das, was dazu nothwendig ist, schöne Frauen, die fehlten beinahe gänzlich. Es war von der Gesellschaft Pera’s nur ein geringer Theil erschienen, die meisten waren Fremde und diese nicht eben des jugendlichsten Alters. In jedem anderen Punkte übertraf dieses Fest unendlich das, was Europa bei solchen Gelegenheiten bietet. Manches Widerspruchsvolle lief freilich mit unter. So standen die Diener, welche in dem gold- und juwelengestickten Zelte Suleiman des Großen das Gefrorene servirten, ganz gemächlich in den Hemdärmeln, die Aermel sogar hinaufgerollt, daß der bloße Arm zum Vorschein kam und mit weißen vorgebundenen Schürzen da. Hier störte dieses Niemanden; Jeder fand dieses Costüme wohl dem Geschäfte angemessen, mich aber — ich will es nur gestehen — verletzte es, und das Gefrorene wollte mir nicht schmecken, welches von diesen entkleideten Lakaien dargeboten wurde. So bringen wir es eben gerade in Kleinigkeiten nicht über unsere Gewohnheiten hinaus.

Einen ähnlichen Gegensatz zu dem Gewohnten bot die Rückfahrt, die ich auf einem Dampfer wählte, um schneller heimzukommen. Die Damen kamen auf das Schiff, die Röcke hoch hinaufgehoben, einige die sie über die Schultern gezogen hatten, andere sogar über den Kopf, weil sie in der Garderobe ihre Mäntel und ihre Kapuzen nicht gefunden hatten; die Herren saßen in den goldgestickten Uniformen, die Cigarren im Munde, hart an sie angedrängt, ungenirt schlafend, den Kopf auf die Schulter ihres Nachbarn gelehnt, bis ein unfreundlicher Stoß, oder der Fuß des Caffegi, der sich, schwarzen Kaffee anbietend, durchdrängte, sie aufweckte. Wer diesen retour d’un bal nicht mitgemacht, der kann sich keinen Begriff von der Groteskheit, der Buntheit und der Ungenirtheit dieser Bilder machen.

Im Harem Ali Pascha’s hatte Lady Bulwer vorgetanzt. Sie konnte mir nicht genug die Grazie und den Anstand rühmen, womit die Frauen die Lanciers tanzten. Der Eingang zum Harem war neben dem Rauchzimmer auf dem Gange, nur durch ein paar spanische Wände und Eunuchen verstellt, so daß die europäischen Damen immer frei ab- und zugehen konnten. Im Herrenhause machte die Fürstin von Samos die Honneurs.

Ali Pascha ist ein kleiner, langsam und bescheiden sich vorbei schiebender Mann, die unansehnlichste Figur seines ganzen Festes, in Allem das gerade Gegentheil seines Collegen und Vorgesetzten im Amte, Fuad Pascha’s. Der Großvezier ist eine hohe, breitschulterige, beinahe athletische Gestalt, heftig im Gange und in der Bewegung, und so auch im Worte, in seiner Denk- und Handlungsweise. Ali Pascha ist milde und versöhnlich, ein verkörperter Gedanke des Korans; Beide ergänzen sich und ihr Wirken. Der Orientale hat eine Selbstverläugnung der Eitelkeit, deren ich kein europäisches Volk fähig glaube; ihm ist mehr um das Wesen, als um den Schein zu thun. Man sehe sein Haus an, außen verfallene, ungehobelte Dielen, drinnen — wenigstens im Frauengemache, das kein Fremder betritt — kostbare Divane und Teppiche, und nun vergleiche man das mit unseren anmaßungsvollen Bauten! Das Haus ist der Mann, und so sich zu bescheiden in seinem Aeußern wie jenes weiß der Türke. Der Sultan hatte unmittelbar nach seiner Thronbesteigung, veranlaßt durch französische Umtriebe, Fuad Pascha entfernt. Nach kurzer Zeit sah er die Nothwendigkeit ein, ihn wieder in das Amt zu berufen. Fuad erklärte, daß der Sultan in den Augen seines Volkes nicht Unrecht haben und es auch nicht eingestehen dürfe; er trat also in das Ministerium ein unter einer Puppe von Großvezier, bis genug Zeit seit dem letzten Ministerwechsel vergangen war, daß der Sultan anständigerweise ihn auch wieder mit dem Range der obersten Würde bekleiden durfte.

Constantinopel, den 28. Juni.

Keine Stadt der Welt, Rom und Athen nicht ausgenommen, war reicher an öffentlichen Denkmalen, als das alte Constantinopel; alle hatte es bestohlen, um sich damit zu schmücken. Keine ist ärmer, als das heutige; so wird erniedrigt, wer sich selbst erhöht. Außer den drei Resten auf dem Hippodrome und dem Stumpfe der verbrannten Säule in der Gasse von dem At-Meidan nach dem Platze der Sultan Bajasid Moschee sind nur noch drei Säulenschäfte und der Sockel übrig, den man für den Unterbau der Reiterstatue des Justinian hält. Man gibt gewöhnlich diese Verwüstung dem Einfalle der Türken schuld; das aber ist ein Irrthum. Das Constantinopel, welches sie eroberten, war schon ein zerstörtes, halb niedergebranntes, seit der Plünderung durch die Kreuzfahrer nie wieder ganz erholtes. Nicht als ob nach dem Jahre 1261 die Bewohner der Stadt nicht wieder an Reichthümern zugenommen hätten; der Boden ist ein so günstig gelegener und so fruchtbarer, daß hier schneller als an jeder anderen Stelle der Welt Vermögen, die verloren waren, wieder gewonnen werden. Die Natur selbst hilft dazu; mit unwiderstehlichen Strömungen zwingt sie von beiden Meeren die Schiffe zum Einlaufen in den Hafen, so daß er mit gutem Grunde das goldene Horn heißt. Aber der Kunstsinn, oder wenn man das zu schmeichelhaft für die Byzantiner glaubt, wenigstens die Kunstliebe war nicht wiedergekommen. Nichts trieb die Paläologen an, die umgestürzten Säulen und Statuen wieder aufzurichten. Auch hatten die Lateiner das Meiste so zerstört, das Metall eingeschmolzen, um Waffen daraus zu schmieden, die Vergoldungen abgekratzt, den Stein zerschlagen und verbaut, daß nicht einmal das Rohmaterial mehr übrig war. An tugendhaften Vorwänden zu diesen Grausamkeiten fehlte es ihnen nicht; bald war es ein Theodosius, den sie fällten, weil er einem Bellerophon ähnlich an das Heidenthum mahnte, bald wieder die Schuld des griechischen Glaubensbekenntnisses, die der Marmor oder das Erz verantworten sollte. Nie ist eine Stadt furchtbarer verwüstet worden als Constantinopel durch die christlichen Glaubensbrüder seiner Bewohner; vielleicht hat erst unser Jahrhundert das Gegenstück dazu geliefert, die Franzosen in Pecking. Was die Türken später thaten, war unbedeutend im Vergleiche zu diesem Vorhergeschehenen. Sie richteten sich schon den Tag nach der Eroberung häuslich ein, und da man in seinem Hause in Ordnung zu leben wünscht, bestätigten sie den Fremden ihre Vorrechte und verliehen den Griechen diejenigen, die sie bis heute als festgegliederte Körperschaft in Religion und Nationalität ungeschmälert bestehen ließen. Die Türken eroberten eben mit dem Gedanken und mit dem Willen an dauernden Besitz; die Lateiner hatten im Grunde ihres Herzens nie etwas Anderes gewünscht, als sich zu bereichern und mit dem Raube, jeder Einzelne für sich, in die Heimath zurückzukehren. Darum dieses unverständige Belasten des Volkes mit den Institutionen eines Fremdlandes; sie zeigten sich als unfähige Colonisatoren, wie sie sich auch später wieder in Amerika und Afrika bewährt haben. Wer gegen die Unduldsamkeit der Türken schreit, soll nur diese beiden Eroberungen derselben Stadt mit einander vergleichen und dann zusehen, auf welche Seite hin die Gerechtigkeit den Stein des Vorwurfes schleudern muß. Der einzige Fehler der Türken ist, daß sie von den ihnen übrig gelassenen Denkmälern nichts erhalten, wenn es nicht ihrem Cultus dienstbar ist; was verfällt, das lassen sie fallen. Aber wie lange ist es denn her, daß wir es anders machen?!