Die verschiedenen Landungen, die die Sage den Jason an den Küsten der Propontis und des Bosporus vornehmen und wo sie ihn regelmäßig einen seiner Gefährten verlieren läßt, mögen die Colonien bedeuten, die dann in späterer Zeit durch diesen Handelszug auf diesen Küsten von den gewinnsüchtigen, weltdurchstreifenden Griechen errichtet wurden. Bekannt ist, daß dort nirgends ein Ort, wo nicht heute noch Spuren ihres Seins zu finden wären. Erst kürzlich die Münze wieder, die, auf dem Sigäischen Cap gefunden, unter dem eingeborenen ΣΙΓΕ (Sige) die Eule von Athen und — was die Verbindung nach der anderen Seite hin notirt — daneben den Halbmond, auf der Rückseite den Kopf der kolchischen Artemis zeigt.
Das goldene Vließ, das Jason holte und heimbrachte, ist nur das Sinnbild jenes Wollhandels, der für die damalige Industriewelt dieselbe Bedeutung hatte, wie für die heutige der Baumwollhandel mit Südamerika; das Palladium der Macht und der Stärke Griechenlands war nur der angeborenen Natur des Volkes gemäß ein etwas poetischeres Symbol als der Wollsack des englischen Lord Oberkanzlers, der auch das bedeutet, was England war, ist und sein wird. Die Wolle hatte damals schon wie heute noch ihre berühmtesten Züchter im Innern von Asien, in seinen bergigen Theilen. Von dort ging sie ursprünglich auf der alten Karavanenstraße über Babylon und Ninive nach dem industriereichen Phönicien und Aegypten. Tyrus und Sidon hatten die berühmtesten Tuch- und Teppichfabriken. Für die Griechen mußte es von unberechenbarem Vortheile sein, diesen Landhandel abzuschneiden und zur See auf kürzeren Wegen den Phöniciern ihr Rohmaterial wohlfeiler und rascher zuzuführen. Im Zwischenhandel waren sie immer groß und wußten dabei ihre besten Gewinne herauszuschlagen.
Daß Kolchis aber ein reiches Culturland gewesen, beweist schon die Abstammung seiner Völker, welche die griechische Sage von den Assyriern und Herodot gar von den Aegyptiern herrühren läßt, also von den Völkern, welche der heutigen Wissenschaft, unzweifelbar Griechenland alle seine Bildung und Erziehung gegeben haben. Kolchis lag, wie Trapezus später und Trapezunt heute noch, geborgen in seinen dichten Wäldern auf dem Endpunkte der Handelsstraße, die dort, vom Inneren Asiens kommend, nordwärts ausläuft.
Es ist dieses Motiv, welches ich der Argofahrt unterschiebe, kein Grund, daß nicht zugleich mit der Wolle von Kolchis aus auch jener religiöse Cultus nach Griechenland gekommen sei, wegen dessen Jason nach der bisher gewöhnlichen Anschauung allein das Wagniß unternommen haben soll. Im Gegentheil, das gemeinsame Kommen der beiden Culturelemente ist das Wahrscheinlichste; materielle und geistige Früchte bringt der Handel gewöhnlich zugleich von seinen Entdeckungsfahrten heim.
Kolchis war ein berühmter Sitz des Artemis-Cultus; dorthin war er wohl mit den übrigen Culturelementen aus dem Inneren von Asien eingewandert. Der Mond- wie der Sonnendienst stammt aus jenen alten Ursprungsstätten der Menschheit, wo die Astrologie ihre eifrigsten Verehrer hat und immer hatte. Dem Alterthume galt das Gebiet des Pontos als die Heimath der jungfräulichen Artemis, der mondsüchtigen Hekate, der Diana phosphora, und von dort soll ihr Dienst nach dem lichten Griechenlande gekommen sein. Der ganze Bosporus, die Bahn dieser Wanderung, war mit den Standbildern der geheimnißvollen Göttin besetzt. Gleich das erste seiner asiatischen Vorgebirge, das noch in das schwarze Meer hinaussieht, trug eines; ein anderes das „heilige“ Cap, das zu Füßen des heutigen Genueser Schlosses liegt; ein drittes die stille, bewaldete Bucht von Bebeck, und auf der Landzunge des goldenen Hornes selbst stationirte dieser Cultus lange. Der mächtige Halbmond auf der Aja Sophia ist heute noch ein Ueberbleibsel jener uralten Vergangenheit; er wurde von der Stadt her das Wappen des Reiches und die Türken haben nur den aufgehenden Morgenstern darein gesetzt.
Medea, die Gattin, das gelehrte, in geheimen Künsten vielerfahrene Weib, das Jason mitbringt, vertritt in der Sage das wissenschaftliche Element, wie die andere Frucht der Reise, der volkswirthschaftliche Erfolg, in dem goldenen Vließe vertreten ist.
Ein späterer Theil der Sage greift durch das Kind der Medea mit dem attischen Aegeus wieder nach dem Oriente zurück. Jener Knabe hieß Medes und soll der Stammvater des medischen Königsgeschlechtes geworden sein, sowie Perseus mit dem Perses seiner Andromeda das persische Fürstenhaus gezeugt haben soll. Orient und Occident erscheinen so in fortwährender Wechselbeziehung. Die Befreiung der Andromeda, kann sie nicht die Erlösung irgend eines asiatischen Reiches aus einer großen Gefahr gewesen sein?
Man wird mich steinigen, weil ich solch’ handelspolitische Auslegung einem bisher so poetisch verehrten Mährchen zu geben wage. Aber ich frage: ist die eine Deutung nicht die andere werth? Worin liegt der Grund, daß die, welche Alles auf einen Naturdienst, auf eine Personification der Naturkräfte zurückführen will, mehr Wahrscheinlichkeit für sich habe, als diese, welche einen Hauptcharakterzug der Griechen zu Hilfe nimmt, ihre Handelsliebe, ihre Weitschweifigkeit, die zu allen Zeiten ihr materielles und ihr geschichtliches Leben zumeist geregelt haben? Man hat überhaupt in der bisherigen Weise des Vortrages der alten Geschichte den Handel nicht hoch genug gewerthet. Daß er mit Allem was darum und daran hing nicht verachtet war, beweist der Glaube der Phönicier, der sich den Herakles als den Erfinder des Purpurs vorstellte. Ueberhaupt kein orientalisches Volk wird den Handel und die übrigen Industriezweige geringe achten; sie sind durch die Natur ihres Himmelsstriches viel zu sehr auf die praktische Richtung des Lebens angewiesen. Ganz unpraktische Leute gibt es nur im Norden.
Bujuk-Dere, den 28. Juli.