Bujuk-Dere, den 27 Juli.

Der heutige Abend war noch schöner als sie hier alle sind. Ich ging, um ihn völlig zu genießen, nach dem russischen Gesandtschaftsgarten. Dort tritt man zuerst durch ein Blumenparterre ein, in dem der Orangenduft betäubend die Luft versüßt, dann unter acht Pinien hin, den hochstämmigsten und breitkuppligsten die ich je gesehen. Sie stehen im Kreise, und fügen sich zusammen wie das Gewölbesystem einer der sultanischen Moscheen auf den sieben Hügeln Stambuls. Auf ihren Kronen leuchtete noch das Sonnenlicht; unter ihnen lagen schon abendliche Schatten. Und so auch in den Eichen- und Kastaniengängen, die ich jetzt hinaufstieg über moosige Marmorstufen und feuchtes Erdreich zu der Allée des roses, einer herrlichen Terrasse, die schon den Bosporus überschaut. Ich aber drängte höher hinauf, um auch nach dem schwarzen Meere den Blick frei zu haben. Ich kam durch eine Pinien-Allee; der Boden ist von jenem eisenhältigen Erdreiche, das hier so oft verrätherisch für die ursprüngliche Bildung dieser Gegenden zu Tage tritt, und in den Wipfeln lag auch nicht mehr das Gold des Sonnenglanzes, sondern das Roth des geschiedenen Tageslichtes. Es war als sei Alles, Boden und Himmel, von jenem Purpur übergossen, dessen Farbe die Alten so sehr rühmten und dessen Fabrication uns verloren gegangen ist.

Eine feierliche Stimmung übermannte mich. Noch einige Schritte aufwärts und bis zum schwarzen Meere hinaus lag der Strom des Bosporus vor mir. Schiffe über Schiffe, die hinaus und herein wollten, der Abendwind trieb sie und blähte ihre Segel; dazwischen mächtige Dampfer, Schraubenschiffe, die weit ihre Rauchwolken nach sich zogen. Ein großer russischer fuhr hart unter mir her.

Ich dachte, was Alles diese Straße gegangen und welche Schicksale noch darüber hinwandeln würden. Meine Rückschau stieß auf Jason, den ersten, der der Menschheit diesen Weg gebahnt hat. Ein sonderbarer Einfall kam mir dabei, den ich meine Phantasie fortspinnen ließ, bis es tiefe Nacht geworden war, daß ich dann mühsam und vielfältig verirrt zwischen gespenstigen Lorbeerbüschen hindurch den Rückweg nach Hause suchen mußte.

Jason ist das Kind eines Königsgeschlechtes der Minyer, die lange über Thessalien herrschten; das ist die verbürgte Ueberlieferung der ältesten Sage. Die Thessalier galten von allem Anfange an als eine seegeübte, meerliebende Nation. Der Handel hatte sie reich gemacht und darum nannte man sie „von Poseidon gesegnet“ und ihre Landschaft von ihm besonders beschützt. Das benachbarte Lemnos hatten sie frühzeitig besetzt und durch das ägäische Meer nach dem asiatischen Troja ihre Fahrten ausgedehnt, wahrscheinlich aber auch in das mittelländische bis zur phönicischen Küste und dem reichen Sidon sich gewagt.

In jener allerersten Zeit, als die Welt der griechischen Vorstellungen noch gar klein war, muß ihnen schon das schwarze Meer als ein außerordentlich lohnendes Gebiet ihrer Gewinnsucht, zugleich aber auch ihrer Ungeübtheit durch seine Ungeberdigkeit als ein unfreundliches Feld (axenos) ihrer Schifffahrt erschienen sein. Dorthin zu dringen mag ein sehnsüchtiger Wunsch aller Abenteurer gewesen sein, so wie im 15. Jahrhundert die längst geahnte, immer aber noch nicht erreichte Fahrt um das Cap der guten Hoffnung und die noch sehnsüchtiger begehrte Entdeckung der fabelhaften Insel Atlantis. Ganze Jahrhunderte werden von solchen Wünschen bewegt und von den Versuchen sie zu realisiren erfüllt. Das Vorahnen ihrer Erfüllung liegt in der Luft, wie das Kommen des neuen Frühlings schon in einem warmen Februartage. Man lasse diese Entdeckungen in einer uns ferner liegenden Zeit geschehen und nicht gleichzeitig damit die alles feststellende Buchdruckerkunst erfunden worden sein, und wir würden sie wohl heute in Fabeln nicht weniger kraus und bunt als die des Phrixos und des Jason verkleidet sehen.

Phrixos ist einer der vielen Abenteurer, die vor dem glücklichen Jason diese Entdeckung gesucht, die Anknüpfung von Handelsverbindungen zwischen dem Mutterlande und dem reichen Kolchis angestrebt haben. Da er nicht zurückkam, mag sich die Phantasie, die sich nun einmal von ihren Plänen nicht abbringen lassen wollte, über sein Schicksal mit den Bildern von dem glücklichen Wohlleben getröstet haben, das er in Kolchis fand. Vielleicht brachten auch wirklich Abkömmlinge von ihm die Kunde von der behäbigen Existenz des Vaters nach der Heimath zurück.

Danach scheint der Wunsch, neue und regelmäßige Verbindungen nach jenen Küsten anzuknüpfen, ein immer regerer, ein unwiderstehlicher geworden zu sein; ganz Griechenland wurde davon erfaßt und betheiligte sich an der Expedition, die das thessalische Königsgeschlecht ausrüstete. Thessalien, das nach jenen Himmelsgegenden hin jedenfalls die geübteste Schifffahrt hatte, behielt nur die Führung. Und daß diese Argofahrt wirklich als ein weltumgestaltendes Ereigniß betrachtet ward, beweist der Name, der ihrem Führer entweder vor- oder nachher beigelegt ward: Jason, der nichts geringeres als unser Jesus, der „Helfer und Erlöser“ bedeutet. Also erlöst vom bisherigen Zwange und eingeführt in eine neue Welt hat er sein Volk und darum diese Auszeichnung und die Glorification in der Sage.

Daß sein Wagniß wirklich bleibende Verbindungen anknüpfte, das schwarze Meer für alle Zeiten erschloß, beweist der Euxinos, in welchen sich der Axenos, der ungastliche Pontos mit seiner Fahrt verwandelte.