Auf einer dieser Höhen stiegen wir aus. Vor uns ausgebreitet in den Thälern, die sich dort hinabziehen, liegt das Lager; grüne und weiße Zelte, die weißen kleinen um die Gewehre zu bewahren. Je 10 Mann schlafen in einem Zelte. Wir sahen uns das Ganze aus dem Zelte des Sultans an; herbeigerufene Officiere machten artig die Erklärer. Das Meiste der Mannschaft, Cavallerie, Artillerie und Infanterie, hatten wir früher schon auf Uebungsmärschen begegnet und beobachtet. Die Leute sahen gut aus. Bestaubt, beschmutzt und sonnenverbrannt schien ihnen nichts zu fehlen, als der zündende Funke, das kriegerische Spiel in Ernst zu verwandeln. Ich zweifle, daß ohne diesen Funken, der nur der religiöse Fanatismus ist, die türkische Armee je wieder etwas Weltbewegendes wird leisten können. Diesen Funken aber anzufachen halte ich jeden Augenblick möglich, denn der Glaube ist hier reger, als ihn das ungläubige Europa glaubt. Es gilt also, damit die Türkei wieder werde was sie einstens war: eine erobernde und jedenfalls nicht erbebende Macht, nur, daß ihre Machthaber den Muth haben, sich der europäischen Strömung zu widersetzen. Seit Mahmud richten Reformationen und die Beihilfe der Großmächte die Türkei zu Grunde. Es war ein im Wesentlichen richtiger Gedanke, als Mahmud die Vorschläge des Wiener Congresses zurückwies, in das Concert der europäischen Großmächte einzutreten. Die Türkei ist nur groß und mächtig, wenn sie auf ihren eigenen Füßen steht, aber rechts und links wich man von diesem Grundsatze ab und folgte, ohne das Entgegengesetzte ganz zu ergreifen, in den Details fremden Rathschlägen. Das sind die Abwege, auf die man geräth, wenn man die Ursachen seines Anfanges verleugnet. Kein Staat hat sich noch ungestraft von der ihm ursprünglich gesteckten Aufgabe abgewendet, und nicht fraglicher als für die übrigen europäischen Völkerfamilien erscheint es mir für die türkische, ob ihr von dieser Verirrung eine Umkehr zu sich selbst möglich sei.
Der Anblick der vielen tausend Wohnstätten lebender Menschen in dieser dürren, unfruchtbaren Gegend eigens aufgerichtet, mahnte mich an die Zeit, wenn erobernde Schaaren in diesen Gegenden belagernd hausen werden. Auch das wird kommen, wie ja Ilion sank und die ewige Roma.
Ehe wir wieder in den Wagen einstiegen, führte man uns zu unterirdischen Gängen, die man eben jetzt bei den Lagerbauten entdeckt hat. Es sind breite, hochgewölbte Corridore, die in größere Hallen münden und sich dort mit anderen Gängen kreuzen. Es scheint ein ganzes unterirdisches System geheimer Wege oder Canäle zu sein. Späteren Forschern bleibt es vorbehalten, ausfindig zu machen, wozu sie gedient und wohin sie geführt; die Hirten, die einstweilen darinnen nisten, erzählen, bis nach Constantinopel, und sie mögen wohl das richtige errathen. Ist es so, dann dürfen diese unterirdischen Wege des byzantinischen Constantinopel als wirkungsvolles Lösungsmittel in dem Romane nicht fehlen, der einmal den Glanz und den Untergang des oströmischen Reiches schildern wird. Denn byzantinisch ist dieses Gemäuer jedenfalls; es stellt dieselbe sorgsame Ziegelfügung dar, wie an der hohen Pforte des Genueser Schlosses. Der aufgehäufte Unrath der Heerden und die Stickluft, die unsere Fackeln löschte, hinderten weiteres Eindringen. Der Sultan baut gerade darüber ein Landhaus, und die Sage geht, daß dort in alten Zeiten schon ein fürstliches Schloß gestanden habe. Ein paar hochstämmige Pinien, die um den viereckigen Platz stehen, könnten vielleicht als Zeugen von verschwundener Pracht citirt werden. Dann haben die Canäle auch von der kaiserlichen Villa nach der Stadt geführt.
Bujuk-Dere, den 24. Juli, Sonntag.
Nachmittags, da noch die Sonne warm am Himmel stand, fuhr ich im Schatten der europäischen Küste hinaus nach dem schwarzen Meere. Dort wendeten wir und ruderten zur roth beglänzten asiatischen Küste hinüber. In einer kleinen Bucht legten wir an. Ein schmales Thal mündet dort; Monastir Deressi heißt es von den Klosterruinen, die versteckt darin hinter Büschen und Schlinggewächsen liegen. Ich hatte sie schon öfters bei der Fahrt nach dem schwarzen Meere bemerkt und mir einen Besuch hier vorgenommen. Es sind nur ärmliche Ruinen aus spät byzantinischer Zeit; aber das Ganze ist durch die Umgebung, durch das Grün, das darüber wuchert, und durch die Einsamkeit eine Idylle geworden, wie sie poetischer und malerischer keine rheinische Ritterburg und keine altdeutsche Sage darstellt. Wer mag in der Kirche gebetet, wer in dem Kloster gelebt, gefühlt und vielleicht geliebt und dann auch gelitten haben? Es brauchte nur eines kühnen Sinnes, der das erfände, um diesen Ort zu einem Wallfahrtsort der Romantiker zu machen.
Was von dem Baue heute noch steht, wird wohl die Kirche mit einer Kuppel und der Apsis gewesen sein; das Kloster lag dort, wo an der linken Thalwand die Mauerreste aus dem Boden hervorquellen. Auch diese Ruinen der Vergangenheit kränzt der Lorbeer. Vor dem Eingange der Kirche wölbt sich ein Hügel von Schlinggewächsen; ich vermuthe einen Haufen Mauertrümmer darunter, wie sie einzeln weitum zerstreut liegen. Der Arbutus steht in hohen Sträuchen und bedeckt mit runden Früchten; daneben blühende Erika in weit über Manneshöhe ragenden Stauden, und Sparti, der seine gelben Sporen aus dem Grün herausstreckt. Das Schlinggewächs ist an einigen Stellen undurchdringlich und wehrt mit stacheligen Dornen ab, als lägen dort besondere Schätze begraben, die ihm ein Zauber zu hüten aufgetragen.
In goldig wolkenlosem Abende rudern wir zurück, mein Sinnen vollgefüllt mit Phantasiebildern der Vergangenheit.
Dienstag, den 26. Juli.
Es ist ein altes Beiwort, das den Bosporus fischreich nennt. Ein ähnliches sollte seinen Ufern von der Menge der Vögel geworden sein. Wo ein schattiger Busch und ein kühler Quell, dort schlägt auch die Nachtigall, und das Käuzchen wartet hier nicht einmal den Verfall und die Einsamkeit ab, in die belebtesten Ortschaften wagt es sich und stört die Nacht durch seinen prophetischen Ruf. Aber nicht blos das Land, auch das Wasser des Bosporus ist in solcher Weise befiedert und bevölkert. Ein sonderbarer Vogel, den ich nirgends sonst sah aber der Schwalbe verwandt glaube, wenigstens gleicht er am meisten durch die Flugart dieser, belebt den Tag über in großen und dichten Schaaren den Strom. Nie sah ich ihn einzeln, nie auch bei Nacht, und gewöhnlich so dicht über dem Wasser schwebend, daß es den Anschein hat, als streife er es und tauche von Zeit zu Zeit darin ein. Sein Flug hat etwas elektrisch zitterndes, die Flügel hastig auf- und abschlagendes, bis er plötzlich wieder regungslos gespannt eine Strecke weit wie ein abgeschossener Pfeil dahin gleitet; immer ist er so schnell, daß kein menschliches Auge im Stande ist, dem Körper die Form und Farbe abzumerken. Man sieht ihn nie auf den bewohnten Ufern des Bosporus einkehren und es ist mir auch nur eine unerwiesene Sage, die die Kaïkgi’s erzählen, daß er in den schwarzen, rauhen Felsen, an der Mündung des Stromes in den Pontus Euxinus, niste. Endlos und ruhelos, wie zur ewigen Bewegung auf dieser kurzen Straße verurtheilt, erscheint sein Flug und seine Existenz, daß der Name, den man hier diesen Vögeln gibt, gar wohl als ihnen angeboren gelten kann. Ames damnées, arme Seelen, nennt man sie und läßt damit vielleicht nur den uralten Wahn wieder aufleben, der die Vögel als Bewahrer der Geister der Verstorbenen verehrte. Die Aegyptier setzten jeder Mumie einen kleinen thönernen Vogel auf die Brust, die sich heute noch so in ihren Särgen wiederfinden, und die Mohammedaner, die es den heidnischen Arabern zuerst wehren wollten, das Käuzchen für einen Todtenvogel zu halten, der auf dem Grabe des Erschlagenen schreiend die Blutrache fordert, lassen heute die Seelen frommer Moslims in den Kehlen grüner Vögel aufbewahrt den Tag des jüngsten Gerichtes erwarten. Der Aberglaube participirt eben auch an dem allgemeinen Gute der Unsterblichkeit, und wie oft ihn die sogenannte Aufklärung ausgerottet zu haben behauptet, es taucht immer derselbe wieder auf.