Die große Bucht von Bejkos, berühmt als Lagerplatz der französischen und englischen Flotten während des letzten Krimkrieges, liegt hart neben der von Chunkjar Iskelessi. So nahe stehen in dieser sonderbaren Welt des Wechsels die Contraste oft nebeneinander: hier die Russen als Freunde, dort ihre Gegner den Türken verbündet.
Gleich beim Ufer empfangen prachtvolle Platanen-Alleen den auf Chunkjar Iskelessi Landenden. Es sind herrliche, uralte Bäume, und unter ihnen und weit bis zu den Bergen hingezogen grüne saftige Wiesen. Einen der Bäume hat der Blitz getroffen; es steht nur noch der ausgehöhlte Stumpf, kaum viel mehr als Manneshöhe, die Rinde hat sich oben kegelförmig zusammengezogen, und aus ihr wie aus den weitverbreiteten Wurzeln sproßt das immer noch rege Leben mit hundert neuen Zweigen und grünen Trieben. In dieser befiederten Hütte hat ein Kaffeegi seine Werkstätte aufgeschlagen, und vor ihr sitzend trank eine Gruppe Türken den schwarzen Kaffee, rauchte und spielte Lange-Puff. Schon durch seine Seltenheit wäre dieser in ein Zelt umgewandelte Baumstamm eine wirkungsvolle Staffage für ein Bild.
Ein Bach schlängelt sich durch die Wiesen hart an dem Fuße des hier in das Thal abfallenden Riesenberges her. Weiber saßen auf seinen Ufern, bunt in ihren türkischen Kleidern und dicht gereiht, als seien es Weiden, die das Wasser einfassen. Kinder tummelten sich auf den Wiesen und ein paar Zuckerbäcker hatten ihre tragbaren Waarenlager auf den hier üblichen Dreifüßen aufgestellt. Langsam und beschwerlich kamen mir vergoldete Arabats entgegen, von Ochsen gezogen und mit verschleierten Frauen überfüllt. Sie stiegen vom Riesenberge herab, wohin man mit solchen Mitteln die Ausflüge zu machen pflegt. Gerade so müssen die Wagen der Alten ausgesehen haben, die von Aegypten nach Babylon die große Landstraße befuhren.
Ich ging immer dem Bache entlang, tiefer in das Thal hinein, auch an Feldern und Meierhöfen, einer Tenne vorüber, wo das Getreide in antiker Weise gedroschen ward und die Lehre Christi ihre Befolgung fand: denn dem Viehe, welches darauf herumlief, war das Maul nicht verbunden.
Die Hügel zu beiden Seiten des Thales sind dicht und mannigfaltig bewaldet. Der Wald hat in seinem äußeren Ansehen sogar etwas Feuchtes, Undurchdringliches. Je weiter man kömmt, desto enger wird das Thal und desto fruchtbarer sein Wachsthum. In Tokat, einem lieblichen Punkte, sind riesige Bäume über ein Wasserbecken geneigt. Türken und auch ein Neger ruhten in ihrem Schatten. Einer, da die Gebetstunde gekommen war, breitete den Teppich aus und verrichtete sein Gebet, gegen Mekka gewandt sich niederwerfend und den Boden küssend. So stille sind die Vergnügungen dieses Volkes; wie dort am Bache die Frauen, so hier die Männer: Sitzen, Schauen und Schweigen; nirgends ein Streitender und nirgends ein Betrunkener. Es ließe sich nach diesem Eindrücke auch „Ein Tag des Herrn“ dichten und sich zum Gegenstücke des Reinick’schen „Sonntag Morgens am Rheine“ — das Lied „Ein Feiertagsabend am Bosporus“ nennen.
Da ich zurück ging in werdender Nacht, lag die Wiese von Chunkiar Iskelessi schon ganz im Schatten der nachbarlichen Berge; nirgends ein Lichtlein mehr und kein Lebendiges auf der weiten Flur, — da befiel auch mich ein „süßes Grau’n, geheimes Weh’n“, und anbetend das Uhland’sche Sonntagslied murmelnd fuhr ich über den Bosporus.
Bujuk-Dere, den 23. Juli, Samstags.
Seit mehreren Monaten hat der Sultan sieben- bis achttausend Mann seiner Truppen ein Lager bei Maslak beziehen lassen. Es ist das ein Meierhof ziemlich halbwegs auf der Landstraße von Constantinopel nach Bujuk-Dere. Er selbst besucht es wöchentlich mehrere Male, gibt seinen Soldaten dort Feste, und erst neulich sahen wir den Himmel von einem Feuerwerke erleuchtet, das dort abgebrannt wurde, als der Sultan die Nacht in seinem Zelte zubrachte. Er sieht es gerne, wenn Fremde das Lager besuchen, und so fuhren wir heute auf dem Landwege dorthin. Die Straße ist schlecht nach unseren Begriffen, gut nach den hiesigen. Von der Wiese, wo der französische Graf Roul gerastet, steigt sie steil aufwärts, läuft dann oben auf den Höhen der Hügel eben fort; rechts und links eine gelbrothe Sandwüste, die sich scheinbar endlos in das Innere des Landes fortzieht. Es ist wie die Campagna di Roma; das Tageslicht leuchtet erfolglos darauf, aber die Farben des Sonnen-Auf- und -Unterganges erglühen um so lebhafter auf dieser leblosen Unterlage. Dabei ist der Boden nicht unfruchtbar; wo ihm etwas eingepflanzt ist, trägt er Früchte und lohnt reichlich. Es fehlt nur die Hand, die sich darum bemüht. Sonderbar, daß die großen Schicksalsstätten der Geschichte, Rom, Jerusalem und Constantinopel, alle — obwohl noch immer fortlebend — von solchen Friedhöfen der Natur umgeben sind. Will der Mensch dort die Geschichte begraben sein lassen und sollen wir diese Städte als ihre Denkmale achten, oder verliert er dort nur in dem sonst so verzehrenden Leben den Trieb zur Arbeit?
Ab und zu, wenn eine der höchsten Höhen des wellig auf- und niedersteigenden Weges erreicht ist, fällt der Blick zurück auf das schwarze Meer und einmal auch zugleich vorwärts auf die Kuppeln und Minarete von Constantinopel; noch öfters zur Seite hinab links auf eine der Buchten des vielgewundenen Bosporus. Θάλαττα! Θάλαττα! ruft dann das ausgetrocknete Auge, das vom Staube und Widerscheine der Sonne ermüdet ist.