Es gibt Orte, die wie aus einer Naturnothwendigkeit ihre Namen führen, und die wie miterschaffen ihnen anhaften. Solch’ ein bezeichnungsvoll genannter Winkel ist hier „das Paradies“, eine Thalschlucht, die hinter Bujuk-Dere den Kabatasch Dag hinaufsteigt. Alles, was der Mohammedaner sich von jenem seligen Aufenthaltsorte verspricht, erfüllt sie. Kühle Wasser, die von der Höhe darin zum Meere fließen, schattiges Dunkel und blumige Gärten; die Hänge sind mit zahmen Kastanien, mit Feigen, mit Gülbersümen (Acacia julibrissin) bedeckt. Mächtige Lorbeerbüsche streben dazwischen auf, blaue Hortensien bekränzen das Plateau vor der dürftigen Holzhütte des Kaffeegi, und nur aus der Entfernung von einem der benachbarten Hügel herüber mahnen Cypressen an den traurigen Ernst des Lebens. Es hatte die ganze Nacht über geregnet. Ein Gewitter war dem anderen gefolgt, und Morgens noch ließ ich, in jenem Paradiese geborgen, eines der schlimmsten über mein Haupt und über die See, die antwortlos für solche empörte Sprache ruhig in dem Busen des Festlandes lag, dahinziehen. Es ist etwas unendlich Förderndes, sich solcher beschaulicher Trägheit des Orientalen hinzugeben. Bei der Eile unserer Länder ist sie vielleicht nur auf der Höhe unserer Berge möglich, wo man entrückt dem civilisirten Leben ist. Angeregter und begabter als bei uns nach tagelangen Studien stehe ich hier von solchen Stunden der Faulheit auf. Von meiner heutigen Ruhe aus stieg ich den Berg hinauf, die weitere Aussicht auf die beiden Meere, das schwarze und das von Marmora, zu gewinnen. In einem Hohlwege begegnete mir ein Esel, und in welchem Aufputze das verrufene Bild der Dummheit! Lorbeerzweige zu den beiden Seiten seines Kopfes in das Saumzeug gesteckt, und der Führer einen dritten in der Hand, womit er sich und dem Thiere barmherzig die Fliegen abwehrte. So spielt der Zufall mit den Bedeutsamkeiten des Lebens; es war der passendste Gegenstand für einen Genremaler, der die Contraste nahe bei einander haben will.
Die Gewitter währten den ganzen Tag. Abends, nach dem Essen, da wir auf die Terrasse heraustraten, sahen wir die See immer noch in geisterhafter, beinahe beängstigender Ruhe liegen. Oben am Himmel jagten schwere schwarze Wolken; erst der Mond scheuchte sie und gab der See und den Schiffen, die zahlreich in der Bucht geborgen liegen, das Licht wieder. Mondlandschaften gleichen den Bildern unserer Erinnerung; beide mahnen mehr die Einbildungskraft zum Selbstschaffen, als daß sie Erschaffenes geben.
21. Juli.
In dem Thale von Bujuk-Dere, das sich als Fortsetzung der Bucht zwischen den Hügeln bis zur darüber gespannten Wasserleitung des Sultan Mahmud zurückzieht, stehen hart am Meere ein paar mächtige Terebinthenbäume und etwas weiter zurück im Lande eine riesige Platane, von der heute die Sage erzählt, daß Gottfried von Bouillon mit einem Theile seines kreuzfahrenden Heeres unter ihrem Schatten geruht. Anna Comnena, die verläßliche Chronistin, dementirt dies zwar und läßt hier nur den weniger bekannten französischen Grafen Roul lagern, aber warum dem Baume die poetische Weihe nehmen? Was gewinnt die Wahrheit dadurch und wieviel verliert nicht das Gefühl?! Mir kömmt solche historische Wahrheitsliebe wie das barbarische Abschlagen der Hände und Füße an antiken Statuen vor, das auch Alterthumsfreunde und Forscher üben. Das Werden der Sage ist auch ein gottgewordenes und gottgewolltes Werk, und wie vor allen Werken göttlichen Ursprungs soll man auch vor diesem mit einer gewissen Zurückhaltung der Achtung stehen.
Oftmals wandere ich zu diesen Bäumen und setzte mich mit einem Buche Fallmerayer’s oder Finlay’s unter die Platane Gottfrieds von Bouillon: die Schatten der Geschichte über mir und ihr Licht in meiner Seele.
Heute hatte ich Finlay’s Chronik des mittelalterlichen Griechenlands mitgebracht. Es ist ein verzehrender Boden, dieses schöne, reiche Land am Bosporus. Salz scheint darein gestreut, daß das Leben der Menschen aussterbe; kürzer, als es anderswo bemessen ist, dauert es hier für die beherrschenden Völker. Wüste und öde, sowie es die Umgebungen dieser sonst so farbenprächtig umgebenen Stadt in das Festland hinein sind, ist die Geschichte der Nationen, die hier ihren Sitz aufgeschlagen haben; kein Gedeihen, immer nur rascher Untergang nach einem Leben, das seine Blüthe schon anderswo gehabt hatte. Volk um Volk kömmt mit frischen Kräften gezogen, unterwirft sich das Bestehende und geht wie dieses nach kurzer Zeit zu Grunde. Es ist als sauge ihnen der wollüstige Boden die Kraft aus. Die Menschen verlieren hier den Sporn der Thätigkeit; nicht der Ueberfluß an Sonne wie im äußersten Süden, der alles verdorrt, und nicht der Mangel an Wärme wie im Norden, der die Reife hindert, zwingen sie, das Zuviel und Zuwenig der Natur durch ein Einsetzen ihrer Kräfte auszugleichen. So recht in der glücklichen Mitte gelegen gibt der Boden Alles von selbst, und was ihm fehlt, führen die von allen Seiten hier zusammenlaufenden Wasserstraßen auf das müheloseste und wohlfeilste zu. Frisch und rege hat sich kein Volk lange auf diesen Küsten erhalten; wie Schichten der Erdbildung liegen sie übereinander, die Griechen, die Römer, die Gothen, Slaven, Bulgaren, Albanesen, die kreuzfahrenden Lateiner, die Byzantiner und heute auch schon beinahe die Türken. Die Griechen erhielten sich am längsten, eigentlich die Byzantiner, denn sie sind anders als die alten Hellenen. Wie eingewurzelt und fertig in seiner Weise der Culturzustand dieses Volkes war, sein Rechts-, Moral- und Religionswesen, beweist am besten, daß es trotz seiner Verkommenheit und Schwäche ihn gegen die Mischung der hereinströmenden Elemente zu bewahren wußte. Nichts vom Feudalsystem der lateinischen Ritter nahmen die Byzantiner an; fremd wie am ersten Tage konnte diese Pflanze, auch nachdem sie zweihundert Jahre in dem eroberten Lande gewuchert hatte, keine Wurzel greifen. Das Feudalsystem zeigt sich überall als das am meisten exclusive. Es weiß sich nirgends Fremdes zu assimiliren oder sich dem Fremden zu verbinden; es ist eine vorzüglich französische Institution und schon als solche nicht zur Colonisirung tauglich. Wie heute in Algier, so im 13. Jahrhundert in Byzanz, Attika und dem Pelopones zeigen sich gerade die Franzosen, welche die Anmaßung haben, die Culturträger der Welt zu sein, als die am wenigsten zur Colonisationsarbeit Befähigten. Sie bilden sich die anderen Völker nicht zu und bilden sich nicht nach ihnen. So kömmt es, daß diese Länder, die sie eroberten, heute wieder sind, was sie schon so oft waren, Uebungslager der Colonisation, die jedem Abenteurer offen stehen, ihm Glück verheißen. Es kommt nur darauf an, daß er die Seefahrt wage, Widerstand der Regierung findet er keinen und der Einwohner nur geringen. Die Länder des ägeischen Meeres, der Propontis waren der mittelalterlichen Welt, was der Neuzeit Ostindien, Amerika und Australien sind; nur daß die Lockung damals noch größer war, weil das oströmische Kaiserthum die Reste der alten Kunstwelt und die Reichthümer eines schon lange bestehenden Handels besaß. Der Vorwand ward, wie er es schon den alten Hellenen gewesen und heute den Beutegierigen wieder ist, das Culturträgeramt von dem Westen nach dem Osten hin. So wiederholen sich selbst in der Geschichte der Einzelländer die Dinge, und das „Ist Alles schon da gewesen“ des Rabbi Ben Akiba findet nicht blos in dem Weltgang, auch in dem engeren Kreise der Specialgeschichte seine Bestätigung. Man begreift oft kaum, warum der dazwischen liegende Tod und neue Geburten erfolgen mußten, so ähnlich sieht eine Fortsetzung der anderen. Nur ein mikroskopisches Auge erkennt die kleinen Unterschiede, welche wir dann selbstgefällig Fortschritte nennen, und um deren Willen all’ der Brand und Untergang erfolgt sein soll.
Solche fortschrittfeindliche Gedanken entstanden und begleiteten mich auf meinem Spaziergange in das Innere des Thales. Glühende Sonnenhitze trieb mich von dem offenen Wege in die Felder hinein, wo ein Wäldchen, Kühlung versprechend, steht. Ich vermuthete Wasser als die Ursache des dort vereinzelten und so reich blühenden Wachsthums, und hinter Bäumen und Büschen fand ich in der That einen mäßig großen Teich versteckt. So dicht steht das Grün, daß man kaum dem braunen Wasser zudringen kann, und auch aus dessen Mitte ragen silbergraue Weiden auf, die Stämme tief in das Wasser versenkt, die Aeste oben in die benachbarten Wipfel verflochten, die wie eine Laube über den ganzen Tümpel gebreitet sind. Lebendes und Abgestorbenes: Lianen, die dürr vom vorigen Winter sind, und andere, die im Reichthume des heutigen Sommers prangen, Alles steht und hängt wild und ungebunden, wie es die freie Hand der Natur geordnet hat. Prächtige Kastanienbüsche mit ihrem frischen Goldgrün drängen sich vor, überhängend in den Teich, dazwischen Feigenbäume mit der humorvollen Krümmung ihrer Aeste, und Alles umschlungen, verbunden, vermählt durch hochaufstrebende wilde Reben, durch blasse Nachtschatten und anderes Schlinggewächs, das betäubend duftet und in allen Farben blüht. Und damit kein Mensch die Einsamkeit entweihe, steht Schilf in Manneshöhe abschließend an den Ufern. Schildkröten, klein wie eine Hand und andere mäßig groß, schwammen im freien Wasserspiegel, die Füße aus der Schale herausgestreckt und den Kopf luftschnappend in die Höhe gereckt. Sobald sie mich gewahr wurden, tauchten sie unter, zuerst den Kopf hinabsenkend und dann, wie mit einem Purzelbaume, den übrigen Körper ihm nach. Es ist ein Winkel, so still, regungslos, lauschig und kühl, als hätten ihn die Götter der altgriechischen Mythologie sich eigens erschaffen, um dort eines ihrer verliebten Abenteuer zu feiern.
Bujuk-Dere, den 22. Juli, Freitag.
Ich fuhr Nachmittags nach Asien hinüber, bei Chunkjar Iskelessi (der Landungstreppe des Sultans) anlegend. Es ist dort jene Bucht, auf deren einem Vorgebirge das Schloß der Aegyptierin steht, mit seinen weißen und rothen Marmorwänden das Abendsonnenlicht haltend, und auf deren anderem Vorsprunge jener Obelisk die Erinnerungen bewahrt an die Hilfe, welche 1833 russische Truppen dem Sultan gegen einen Glaubensgenossen, den aufständischen Vicekönig von Aegypten, geleistet haben. Timeo Danaos dona ferentes, so sollten die Türken diesen Warnungsfinger lesen. Ich sehe ihn seinen Schatten auf die Uhr der Zukunft werfen.