Heute Nachmittags 4 Uhr schiffte ich hinaus in das schwarze Meer, um auch die bläulichen Eilande der Fabel — wie ich die rothen der Propontis schon gesehen hatte — in der Nähe zu besehen. Nach 1½stündiger Fahrt legte das Kaïk an ihren Felsen an; das europäische Ufer, dem wir uns besonders nahe hielten, hat schon lange vorher solche wilde basaltische Formen. Einzelne Felsen ragen daraus hervor, spitz und thurmartig, als sollten sie Denksäulen vorstellen, welche der Fahrt und den Sagen der Argonauten errichtet worden sind. Die Steine liegen schichtenweise übereinander, sichtbar gehoben, dunkelblauer Basalt und rothes Eisen wie in geschmolzenen Massen, graugrüne Ockererde als verbindender Mörtel dazwischen. An einer Stelle sieht es aus, als rinne die flüssige Lava eben erst aus dem Felsen über den Strand in die Fluth. Allerlei Vögel, mit denen der Bosporus reichlich bevölkert ist, nisten in den Höhlen. Es ist ein absonderlicher, mit nichts zu vergleichender Anblick dieser Küsten, den man so bald gewiß nicht vergessen wird.

Die Cyaneen sind weit höher als ich sie mir vorgestellt. Hammer behauptet sie nur eine Klafter über dem Meere erhaben. Das zeigt, daß er sie nicht einmal von den umliegenden Höhen gesehen, viel weniger an Ort und Stelle gemessen haben kann. Sie sind wenigstens 150 Fuß hoch.

Ich sehe nur zwei, nicht fünf inselartige Felsen, wie sie Andere beschreiben. Was sonst herumgestreut liegt, erscheint mir als nicht zu zählender Abfall von den beiden Hauptstämmen, und diese wieder halte ich nur für Ueberbleibsel der ehemaligen Küste. Einmal trat diese mit einem Vorgebirge bis hierher und vielleicht auch noch weiter in den Pontus vor. Seitdem hat dessen ewig stürmende Wellenmasse sich zwischen ihnen und dem Festlande, und sodann auch wieder zwischen den einzelnen Felsen selbst durchgewaschen. Man muß, selbst an ruhigen Tagen, gesehen haben, welchen Sturm und Drang das Wasser hier fortwährend übt, und welche Mühe es macht, an diesen Ufern zu landen, um an solche Zerstörung glauben zu können.

Die beiden Felsen sind immer noch, wie sehr auch das Unwetter daran genagt, ziemlich gleich hoch mit der Küste des Festlandes. Das Wasser löst und bröckelt an den großen wie an den kleinen, die herumgestreut liegen; das Erdreich kömmt ihm hierbei außerordentlich zu statten. Es sind, wie ich schon vorher bei der Vorüberfahrt an der Küste bemerkt, schwarzblaue Basalte von metallischem Glanze, zusammengeknetet durch lehmige Erde; nirgends ein größerer Block von widerstandsfähiger Kraft.

Ich stieg auf den obersten Gipfel; die Hände müssen den Füßen helfen, aber schwierig, wie sie in vielen Reisebeschreibungen geschildert, finde ich die Besteigung doch nicht. Oben steht ein Altar aus weißem Marmor; Kränze, die von Stierköpfen gehalten werden, sind der Schmuck, der darum gemeißelt. Oben auf der Fläche sind vier faustgroße Löcher eingehauen, offenbar um die Füße des metallenen Opfergefäßes festzuhalten. Unter dem Altar ist der Boden ungleich, so daß ich mit der Hand darunter durchgreifen kann. Ueberhaupt ist er wenig mit dem Boden verwachsen; das gibt mir doch Zweifel an dem Alter der Aufstellung, das behauptet wird. Der Fels ist mit rothgelbem verbrannten Moose überzogen; einiges Schilf, Arundo donax, wurzelt in den Spalten.

Der Blick umfaßt weithin Meer und Land. Gerade gegenüber, auf der europäischen Küste, steht der Leuchtthurm und eine ansehnliche Ortschaft. Die asiatische Küste tritt gleich hinter ihrem Vorgebirge in eine Bucht zurück; der Leuchtthurm dort, die Batterien und Häuser von Poiras sind das letzte, was man sieht. Der Bosporus erscheint diesem Standpunkte wie geschlossen. Wer seinen Eingang nicht kennt, kann zweifeln, daß er überhaupt vorhanden, so schieben sich, wie sie ehemals zusammengeheftet waren, das europäische und asiatische Ufer ineinander.

Bei dem Eintritte in dieses Meer, von seinen immer bewegten Wellen lange hin- und hergeworfen, hielten die Argonauten diese Felsen für die Bewegten, indeß sie selbst es waren. Für den nahe der Küste Schiffenden, wie es die damalige Unerfahrenheit wohl mußte, scheinen diese Klippen wie abwehrende Wächter entgegengestellt zu sein. Oder sollte das ganze Märchen von den zusammenschlagenden Inseln nur ein Restchen jener Tradition sein, welche von der vulcanischen Veränderlichkeit jener Küsten erzählt, wie Deukalion von der großen Fluth?

Auf der Rückfahrt ward der Himmel plötzlich ganz verändert; eben noch blau und sonnenklar, lagerten sich hinter uns auf dem Pontus und vor uns auf dem Bosporus dichte verdunkelnde Wolkenschleier; der Süd hatte sie zusammengetrieben. Vor der Stunde ward der Tag nächtig, und der Mond, der wie eine blaßrothe Scheibe in Blut getaucht hinter dem Riesenberge heraufstieg, gab ein beinahe schon nothwendiges Licht. Groß wie heute habe ich ihn nur in Venedig gesehen, und darum begrüßte ich ihn auch wie einen lange entbehrten Freund.

Bujuk-Dere, den 20. Juli.