Ich besuchte heute zwei Gärten, je einen nach diesen verschiedenen Anlagearten; das Landhaus eines griechischen Großen, des Logotheten Aristarchi in Jeni Köi, und das Jalli des türkischen Großveziers Fuad Pascha in Kandlische. An beiden Orten wurde ich mit außerordentlicher Artigkeit empfangen. Bei dem Griechen waren nur Frauen zu Hause; sie geleiteten mich durch den Garten, der zu beiden Seiten des Hauses mit blühenden Büschen, mit Blumen und seltenen Bäumen gefüllt ist. Das Schönste darin sind riesige Magnolienbäume mit Blumen bedeckt. Bei uns erhebt sich diese Pflanze, die Villa Carlotta am Comersee ausgenommen, nicht über die Höhe eines Strauches, und blüht im Frühjahre, wenn die Zweige noch kahl sind; hier schimmern jetzt schon und von haushohen Stämmen die großen weißen Tulpen aus dem Dickicht der großen lederartigen Blätter hervor, und ihre langen gelben Staubfäden verbreiten einen Duft bis weit auf das Meer hinaus. Das ist das Verdienstliche der Vegetation des Bosporus, daß sie immer noch das uns Bekannte, aber vergrößert in’s Zwei- und Dreifache sehen läßt. Mit Leitern mußten hier die Blumensträuße gebrochen werden, die mir die Frauen zum Abschiede gaben.
Gegenüber, auf der Küste von Asien, liegt das Jalli des Großveziers. Das hat eine der Gartenanlagen, die sich in weiter Ausdehnung den Berg, der dahinter liegt, hinaufzieht. Das Haus ist prächtig eingerichtet und geräumig. In dem Garten fiel mir das Bemühen auf, Pflanzen zu erziehen, die im Grunde diesen Klimaten fremd sind; die Fichte ist neben die Palme und die Tanne neben die Cypresse gestellt. Sie wollen auch hier also wieder, was sie nicht haben und weiter schweifen in die Ferne. Ueberhaupt hat die ganze Gartenanlage viel Europäisches. Verschlungene Wege, Rasenplätze, die trotz allen Begießens nicht gedeihen, versteckte Seen und andere Liebhabereien der englischen Parkanlagen. Was sie Eigenthümliches hat und was jene englischen Phantasien mit allem Nachahmen der Natur nicht erschaffen, das ist dieser Blick in die reizendste Ferne der Welt. Wo man auch steht, auf welcher Terrasse oder in welchem Dickicht, überall fällt das Auge, gezogen durch den glitzernden Sonnenschein, auf den blauen Spiegel des Bosporus, auf die bunten Berge und die breite Bucht von Bejkos.
In Tschibukly, einem lauschigen Dickicht der Ufer dieser Bucht, brachte ich den Rest des Abends zu. Aus den grünen Wäldern des Alem Dag kömmt dort ein süßes Wasser dem Bosporus zu. Wie gewöhnlich decken seine Mündung große schattige Bäume, riesige Platanen darunter. Unter ihnen sammelt sich das Wasser in einem viereckigen, in Steinen gefaßten Becken. Griechen, Türken, Armenier saßen darum und, was dem Bilde am meisten Farbe gab, eine Menge türkischer Frauen mit ihren Kindern; die bunten Trachten leuchteten in dem Dunkel der Bäume gar auffällig. Obst-Zuckerwerkverkäufer boten auf ihren dreifüßigen Tischen ihre süßen Waaren aus; Andere trugen Wasser, Malebi, Gefrorenes herum; ein Kaffeegi war auch dort, und eine armenische Musikbande im Dienste eines Vornehmen erheiterte ihren Herrn und die Menge. Ganz anders war die Art, wie diese ihr Vergnügen kund gab, still und zuhorchend, nicht schreiend, lärmend und streitend, wie es bei uns geschieht, wenn die Fiedel streicht. Die Instrumente waren zwei einsaitige Geigen, eine Flöte, die Tarabuka und als wichtigste Klangwirkung ein ganz eigenthümlich gestaltetes ziemlich großes Hackbret. Die Melodie, die sie spielten, erinnerte mich wieder an die Weisen der Ungarn, und ich behaupte, daß Musik und Poesie mehr als alles Andere den Zusammenhang der Völker verrathen.
Unter die Kinder vertheilte ich Zuckerwerk. Zuerst erstaunt und verlegen, holten sie sich erst die Erlaubniß ihrer Mütter, es anzunehmen. Als diese mit zuwinkenden Blicken ihnen ward, drängten sie sich zu, und die freundlichen, dicken, runden Gesichter waren nun die Vertraulichkeit selbst. Es gibt nichts lieblicheres, als türkische Kindergesichter; wie die Modelle der musicirenden Engelsknaben auf den heiligen Conversationen des Bellini sehen alle aus.
Zwischen all’ dem fiel das Auge immer wieder auf die glitzernde Fläche des Bosporus, wo ein Segel um das andere leise vorbeizog und große und kleine Dampfer rauschend das Wasser aufwühlten. Zuletzt ging die Sonne unter und ließ die weißen Felsen von Chunkiar Iskelessi und das Schloß der ägyptischen Prinzessin, das dort steht, wie in einem Brande auflodern.
So erquicklich und so friedlich vergeht hier ein Sonntag; nichts von Berauschten, von Wein und Bier, und von Rohheit wie daheim in der gebildeten Heimath.
Bujuk-Dere, den 19. Juli.
Niemand wird auf dem Bosporus fahren, ohne zu fragen, wie dieser Strom entstanden, was im Laufe der Zeit die Verbindung zwischen dem schwarzen Meere, dem von Marmora und dem Mittelländischen hergestellt habe. So sonderbar ist diese Bildung, daß diese Frage beinahe eine unausweichliche genannt werden kann. Auch das Auge des ungeübtesten Laien in der Geologie sieht, daß hier etwas Ungewöhnliches zu Tage liegt, und begreift, daß es so nicht von allem Uranfange an gewesen sein könne. Zu vergleichen ist es nur den Erscheinungen, die in den Alpen vorkommen, wenn sich ein tüchtiges Bächlein oder ein schon Fluß gewordenes Wasser in zwei, drei Thalniederungen plötzlich für einige Zeit heimisch niederläßt; wie z. B. die Aar in dem Brienzer- und Thunersee, die Traun in den drei Grundelseen, dem von Hallstadt und später dem von Gmunden. Die drei Meere liegen hier ähnlich nebeneinander und ähnlich wie dort durch Flußbetten verbunden. Und wer heute die Bildung eines Flußbettes beobachtet, der wird im Werden dieselben Formationen sehen, die hier gehärtet und gealtert in festen Formen vor ihm stehen. Wenn an einem Meere mit weithin ausgestreckten sandigen Ufern die Fluth schwillt und das Wasser von einer Sandgrube zur andern strömt, oder wenn Kinder an einem Bächlein mit reißendem Gefälle ein Loch in die Ufer bohren, um das Wasser in irgend eine neben liegende Pfütze zu leiten, dann sehen wir es dahin nicht auf gradem Wege, sondern im Zickzack mit den sonderbarsten Biegungen und Willkürlichkeiten schweifen; wie in dem Thun des Menschen wird das kleinste Hinderniß die Ursache für das Abweichen von dem erstgemeinten Ziele. Eine solche Bahn der Willkür hat auch das schwarze Meer bei seinem Ausbruche in die Tiefenthäler des weißen verfolgt. Die Erfahrung hat auch ihm gelehrt, daß es besser sei, ausweichend an den Vorgebirgen vorüber und in die ruhigen Buchten hinein zu gleiten, als auf den geraden Wegen der Schulmeisterweisheit den Kopf an dem allzuharten Gestein sich zu zerstoßen.
Unter allen Vermuthungen, die über die Bildung des Bosporus aufgestellt worden sind, erscheint mir als die wahrscheinlichste diejenige, welche ehemals das schwarze Meer an dieser Stelle durch einen Vulkan geschlossen und diesen Vulkan durch eine Eruption zertrümmert, das Meer dadurch geöffnet sein läßt. Noch zeigt das ganze Dreieck der europäischen Küste, das Vorgebirge von Ssaryjeri bis nach Kilia hin die Spuren feuriger Thätigkeit; die Erdoberfläche ist dürr und nackt, kaum von niederem Gestrüpp und Grase überwachsen; meistens liegen Basalte, Eisensteine und Schlacken von so junger Bildung offen zu Tage, daß man an ehemalige Fabriken glauben könnte. Jung nenne ich diese Producte im Verhältnisse zu dem großen Maßstabe der Natur, denn unser Alter ist ja weniger als eine Secunde in dem Leben der Welt.
Will man diese Hypothese mit dem Allzuwenig der Spuren widerlegen, die von jenem ehemaligen Thorschlusse des schwarzen Meeres nur noch übrig sind, so verweise ich auf die außerordentliche Demolirungskunst der Natur. Nicht nur das Erschaffen, auch das Zerstören ist ihre berufsmäßige Aufgabe; aus dem Einen geht das Andere hervor, und so nicht blos bei den Wesen die wir lebendige nennen, bei den Thieren und bei den Menschen, auch bei den unbelebten Pflanzen und noch mehr vielleicht, nur weniger beobachtet und verstanden, bei den Steinen und Felsen, bei den Bergen und bei der ganzen morschen Erdkruste. Die ganze Natur ist in einem fortwährenden Zerstörungsprocesse begriffen; die Berge kommen zu Thale und die Ebene baut sich wieder zu Bergen auf. Wer daran zweifelt, der soll sich im Thale von Chamouny davon überzeugen; die Aiguilles, die Nadeln, die den Hauptreiz jener Gegend ausmachen, sind nichts als zertrümmerte Montblancs. Ursprünglich waren sie Dome, wie der des Gouté und der des Hauptstockes heute noch; zuerst schmolz ihnen der Gletscher ab und dann zerbröckelte sie der Zahn der Zeit, der Regen und das Unwetter. Aehnliche Gebilde, nur nicht so himmelstürmerisch wie jene der Alpen, zeigen hier die Küsten des Bosporus bei seinen Mündungen in die beiden größeren vorliegenden Meere: die Prinzen-Inseln und die Cyaneen, die beiden Inselgruppen, die wie durch bedachtes Schaffen der Natur symmetrisch vor die Eingänge dieses Länder und Meere verbindenden Stromes gesetzt sind; die einen, die Prinzen-Inseln, mehr zur Rechten vor das Vorgebirge von Asien, die anderen, die Cyaneen, mehr links vor das Ufer von Europa geschoben. Man kann die einzelnen Felsengipfel, wie sie dem Wanderer auf der weiten Fläche des Meeres als Vorläufer des Festlandes erscheinen, den Obelisken vergleichen, die die Aegyptier als stimmungsvoll vorbereitende Herolde vor die Pylonen ihrer Tempel stellten.