Ich ging weiter zu einem Thurme, der schon drüben von Asien her meine Neugierde erregt hatte, und der auch heute das eigentliche Ziel meines Planes war. Hammer nennt ihn Turris Timaea und behauptet, daß es derselbe sei, welchen Dionysius beschreibt. Die Byzantiner hätten ihn als Leuchte benützt, und von dort aus mit Fackeln den Schiffern Leitung und Warnung gegeben. Hammer muß auch ihn nicht in der Nähe gesehen haben. Der Thurm ist rund, hat 87 Fuße im Umfange, ein niederes Holzdach deckt ihn; sein Mauerwerk ist ein elendes, sogar die Byzantiner können das nicht gebaut haben. Es muß später und wohl türkisches Handwerk sein. Mehr als eine Warte, ein „Lug ins Meer“ wird der Thurm wohl auch nie gewesen sein. Der Stall einer Heerde ist nebenbei; Hirte und Schafe waren nirgends zu sehen, alles herum leer und verlassen.

Hundert Schritte weiter von dem Thurme sah ich die ganze Fläche des schwarzen Meeres zu meinen Füßen ausgebreitet; ein riesiges Bild, wie ich kein Meer je größer gesehen habe, und zugleich der weiteste Blick in den Osten. Das Festland und die Berge ziehen sich gleich Anfangs beim Austritte des Bosporus in die See auf beiden Seiten in gerade Linien zurück, nicht busenförmig, wie sonst die Ufer dem Meere geöffnet sind. Himmel und Meer sind daher gleich das Einzige, was das Auge sieht, und seine Grenze der langgezogene Horizont, wo sich beide vereinigen. Die Sonne hatte viel Dünste auf das Wasser gelagert, es blendete, und der Ueberfluß an Licht löschte die Farben. Alles war goldig und glänzend, seltener Weise nirgends ein Schiff, auch nicht einmal ein Remorqueur, die allenfalls ankommenden zu erwarten. Neben und hinter mir sah ich hinab auf die Windungen und Buchten des Bosporus und über die Berge weg bis nach Stambul.

Ich habe an keiner Stelle mehr als an dieser das Nahen und Sichaufthun einer neuen Welt empfunden, keine hat aber auch eine kleinere und unmerklichere Pforte als diese des Bosporus, und eben darum ist der Blick auf das große Feld des schwarzen Meeres so überraschend, so eindrucksvoll. Man sieht auf den Karten den Pontus Euxinus so eingerahmt, so umschlossen, daß man sich nun diese unbändige Endlosigkeit gar nicht in seine Vorstellungen einpassen kann. Noch immer kostet es mir Mühe, mir zu erklären, daß diese schmale Spalte, die sich das Wasser zwischen Asien und Europa gegraben, wirklich den Eingang zu einem anderen Meere bilde und daß dieses groß und mächtig sei. So steht der Mensch verwirrt und betäubt vor neuen Wahrheiten, so die ganze Menschheit ungläubig vor neuen Lehren, und so der hinübergegangene Geist wohl auch einmal vor den Geheimnissen der Ewigkeit. Es hat eben jede Vorstellung ihr Amerika, das erst entdeckt sein will.

Auf dem Rückwege legte ich mich unter einem Feigenbaume nieder. Meine Wanderung hatte Stunden, beinahe den ganzen Tag gedauert. Ich war müde und schlief ein. Als ich erwachte, fand ich neben mir unter anderen Büschen zwei Soldaten der türkischen Marine gelagert. Man hatte mich in letzter Zeit gewarnt, meine Spaziergänge nicht allein, und wenn ich das durchaus nicht anders wolle, wenigstens nicht unbewaffnet zu machen. Gerade diese Burschen der Flotte hatte man mir als die gefährlichsten, als die raub- und mordlustigsten geschildert. Natürlich fielen mir bei dem Anblicke meiner Lagergenossen diese Warnungen ein; ich entdeckte auch gleich in ihren Blicken und in ihren Gesten einiges Verdächtige, das sich sichtlich mit mir beschäftigte. Mein Schicksal hielt ich für entschieden; die wenigen Piaster in meiner Tasche, die Uhr und die goldene Kette, vielleicht mein Leben selbst für verloren. Schon machte ich mir Vorwürfe, daß ich nicht mehr an Geldeswerth zu mir gesteckt, das Leben mir damit zu erkaufen, als der eine aufstand, in die Büsche hinter mir ging und dort verschwand. Ha! dachte ich, der Plan ist vorsichtig, ich soll in dem Rücken gefaßt und mir zugleich die Flucht abgeschnitten werden. Den Widerstand hielt ich für nutzlos; einer gegen zwei, und die einzige Waffe dieses Hilflosen, ein weißer Sonnenschirm, mußten erliegen. Die Kerle hatten weiße Leinwandhosen an, die roth eingefaßt waren, und eben solche Jacken; auf dem Kopfe trugen sie das Fezz.

Da kam der eine der Mörder, der, welcher aufgestanden und in die Büsche verschwunden war, von rechts herüber und auf mich zu. Er ging vorsichtig und langsam, in den Händen trug er etwas, das er mir darreichte; es war ein Lederbecher, gefüllt mit Wasser. Meinem Gesichte hatten sie die Ermattung angesehen, und da sie von früheren Wanderungen eine versteckte Quelle kannten, was im Oriente immer als der besondere Schatz einer Gegend gilt, so dachten sie, damit mich aufzurichten. Das war das einzige Attentat, das sie auf mich machten, und als ich das Wasser getrunken und es mit einem Trinkgelde vergelten wollte, wiesen sie die Münze mit dem Bedeuten zurück, daß man des Herrgottes freie Gaben sich nicht bezahlen lassen dürfe. Um etwas Anderes baten sie: daß ich ihnen erlaube, mein Skizzenbuch anzuschauen.

Und so sind alle Erfahrungen, die ich hier mache: eine um die andere entgegen den Behauptungen, welche gewöhnlich erzählt werden.

Bujuk-Dere, 17. Juli.

Ein Engländer, der die ganze Erde bereist hatte, nannte, da er vom schwarzen Meere gegen Constantinopel kam, den Bosporus die schönste Straße der Welt und siedelte, weil er behauptete, der nähere Augenschein müsse diesen aus der Ferne geschöpften Eindruck zerstören, von einem auf den andern Dampfer über, um auf- und abgehend Constantinopel zu sehen.

Der Mann hatte Unrecht. Wer nur die Schönheit in etwas anderem versteht, als in seinen vorgefaßten Meinungen, der wird auch hier in der Nähe noch manches Reizende sehen. So ist neben der Natur, die verschwenderisch ihre Gaben ausgeschüttet, auch die Kunst nicht unthätig geblieben. In den Gartenanlagen hat sie Wunderwerke geschaffen, die von keinen andern auf irgend einem Ufer übertroffen werden. Beinahe ununterbrochen von Constantinopel bis zu den rauhen Vorgebirgen des schwarzen Meeres ziehen sie sich zu beiden Seiten des Bosporus. Landhäuser, Köschke sind dazwischen gepflanzt, zuweilen einzeln, meistens aber in dichten Gruppen gesammelt, so daß sie ein ganzes Dorf (Köi) bilden. Es ist, als ob sich die Stadt ins Endlose fortsetze.

Diese Gärten sind nach zwei Arten angelegt; entweder unten am Saume des Meeres nur als eine schmale Terrasse, oder in weiterer Ausdehnung parkartig die Hügel hinauf; immer aber steht das Landhaus (Jalli) hart am Wasser, die ganze Ausschau den Bosporus hinauf und hinunter und den ersten Anprall der Kühle zu genießen. Der Werth solcher Besitzungen, besonders der der letzteren Art, welche so viel Terrain einschließen, steigt bis auf einige Millionen Piaster. Ali Pascha hat z. B. die seinige bei Bebek, wo er kürzlich das prächtige Sultansfest gab, zu diesem ungeheueren Preise angekauft.