Die andere Seite des Kabatasch Dag, die Bujuk-Dere entgegengesetzte, dem schwarzen Meere zu liegende, fällt in das Thal von Kastanjesu (Kastanienquelle) ab. Durch die Gärten des russischen Palais und des Baron Hübsch stieg ich von Bujuk-Dere die Höhe des Berges hinauf und auf der anderen Seite von oben in das Thal hinab, so daß ich es zuerst in seiner ganzen Ausdehnung übersah. Schlucht müßte man es nennen, wenn man es mit Worten deutlich zeichnen wollte, so nahe stehen sich seine Wände und so schmal ist sein Bett. Ein paar Bauern bestellten unten das Feld. Die rothe Erde war von dem Lichte des Sonnenunterganges noch blutiger gefärbt. Die einzelnen Aecker sind durch Hecken von Feigen- und Granatbäumen geschieden. Was aber das charakteristische Zeichen und wohl auch der Hauptreiz dieses Thales ist, das ist der Contrast seiner Wände, die auf der einen Seite, wo der Kabatasch Dag sich hinabsenkt, überaus bewachsen; auf der anderen so kahl und dürre sind, daß dort nicht einmal Moos die Farbe der Steine verkleidet. Es sind das die Kupferbergwerke von Ssaryjeri, die einstmals stark ausgebeutet, heute kaum mehr benutzt werden. Die Hügel sind auch von außen von dem Schwefel gelb, von dem Eisen roth, und von dem Kupfer jenes wunderschönen Himmelblau’s gefärbt, das den Türkis so sehr auszeichnet. Das Ganze gleicht einer jener sonderbaren Landschaften, die aus Email geformt, in Schmuckcabineten gezeigt werden. Sonderbar wie die Farbe ist auch die Formation des Bodens, es sind lauter Blasen, die neben einander aufgestiegen sind, dazwischen fließt ein langer gelblicher Streifen Erde hinab, die aus dem Bergwerke herausgeschafft wurde.
Dieser Wand gegenüber steht der Kabatasch Dag, grün und bewachsen, als sei er einer der schönsten Gärten des Bosporus. Arbutus und Lorbeer sind bis zu Bäumen emporgeschossen. Am üppigsten ist auch hier die Fruchtbarkeit in den Gräben, die das Wasser von oben herab in die Bergwände gezogen hat. An einzelnen Stellen ragen große Kalksteinblöcke aus dem Erdreiche hervor, die das Wasser rein gewaschen hat; sie gleichen jenen Burgenresten, die wie Vogelnester an den Bergen des Rheins und des Neckars kleben. Das Grün hängt in dichten Schleiern über sie und stürzt in breiten Fällen zu Thale. Durch diese Schluchten stieg ich abwärts, die Burgen und die Wasserfälle neben und über mir. Ziemlich unten im Thale ist der Quell, den sie das Kastanienwasser heißen. Versteckt und geborgen durch allerlei dichte Bäume, ist der schönste und der edelste darunter ein mächtiger Kirschlorbeer (prunus laurocerasus). Das Blatt ist dick und fest wie Leder, länglich, groß und von einem prächtigen Dunkelgrün, wie es kein anderer Baum hat; der Zweige sind nur wenige, aber diese sind groß und hoch, und auch wie die des gewöhnlichen Lorbeers hilfeflehend nach aufwärts gestreckt. Das Wasser ist milde, so recht wie es der Orientale liebt, aber für meinen rauhen Geschmack zu weich. Ein Türke reichte mir mit artiger Sitte den Kaffee, und ein Gespräch, das sich darauf mit ihm entspann, zeigte mir wieder, wie diesem Volke die Unwissenheit kein Hinderniß zu verständigem Urtheilen ist.
Auf dem Rückwege passirte ich das Dorf Ssaryjeri; es ist das Thor in dieses Thal. Ein Friedhof mit hohen Cypressen liegt schon dahinter und in dem Thalbette. In den Gärten, durch die ich schritt, blüht eben die Myrthe (myrtus communis) und ein wunderschöner Acazienbaum (acacia julibrissin), was sie hier mit Festhaltung der Wortlaute Gülbersüm übersetzen. Seine Blüthen sind rosenfarbene Staubbüschel, die die Zweige über und über bedecken. Der Baum ist so schön, daß er eigentlich nur dem Paradiesvogel zur Herberge dienen sollte.
Den 14. Juli.
Um fünf Uhr Morgens im Kaïk nach Rumili Kawak. Es ist das Schloß der Türken, welches sie im Anfange des 17. Jahrhunderts unten auf dem europäischen Gestade, dem Schlosse von Asien gegenüber, bauten. Ein Dorf, Casernen und Batterien haben sich seitdem darum gesammelt. Prächtige Platanen keimen dazwischen, beschatten einen kleinen Platz, einen kühlen Brunnen und die Schankstätte eines Kaffeegi. Ich ruhte auf dem Rückwege eine Weile dort, erschöpft und ermüdet von dem weiten Gange, und daß ich ein Glas um das andere von dem köstlichen Wasser begehrte, ließ die Leute noch freundlicher als gewöhnlich sein. Die Mauern und Thürme des Schlosses, obgleich verhältnißmäßig jung, sehen altersgrau und gebleicht aus. Schlechte Bauart scheint das Meiste zu diesem raschen Verfalle gethan zu haben.
Wie auch Ssaryjeri, steht dieser Ort auf der Mündung eines engen Thales an dem Saume des Bosporus. Die übrige Küste ist hier so steil, die Berge fallen so plötzlich in die See ab, daß sich nicht mehr, wie weiter südwärts gegen Constantinopel zu, die Menschen in fortwährender Reihenfolge darauf ansiedeln konnten.
Ich ging von Rumili Kawak in das Thal hinein, das, wie alle diese Schluchten, ein kleines Bächlein zum Meere leitet. Auf seinem linken Ufer schreitend, hatte ich es bald tief unter mir. Felder ziehen sich die Abhänge hinauf; einzelne Bauern arbeiteten darauf. Dann aber verlor ich den Weg; Arbutus und anderes Gestrüppe, darunter auch dorniges, umgaben mich. Ich wollte auf der kürzesten Linie aufwärts, vergebens; ich sah zwar mein Ziel vor mir, aber der Durchgang war undurchdringlich. Es sind nicht die Riesen, die kleinen Geister stellen sich uns meistens am hinderndsten in den Weg. Tannen hätten mich durchgelassen, diese Zwerge zwangen mich, den ganzen Weg, den ich gekommen, zwei Stunden lang, wieder zurück zu machen. Erst von Rumili Kawak fand ich den richtigen, gleich rechts von dem Dorfe, unmittelbar aufwärts zu dem älteren Schlosse der Byzantiner, welches ich suchte. Duftige Hecken säumen den Steig ein; die Sonne brannte glühend. Oben fand ich gestürzte Mauern und nur drei Gewölbebogen, die der Sturm der Zeit aufrecht ließ. Die Mauern, meistens nur mehr wenige Fuße hoch, sind schön gefügt und so sorgsam gebaut, daß die herabgestürzten Blöcke fest zusammengehalten, nicht als seien sie mit Mörtel von Menschenhand zusammengeleimt, sondern durch die Triebkraft der Natur zusammengewachsen. Weithin über das ganze Plateau und den Berg hinab sind die Ruinen zerstreut. Lorbeer wächst dazwischen und darum in hohen versteckenden Büschen. Einer hat sich in die Wölbung einer herabgestürzten Kuppel eingenistet. Er sitzt darin wie in einem Blumentopfe: der Ruhm, der aus dem Moder der Vergangenheit sein Leben nimmt. Sonderbar immerhin ist dieses wie bedachtsame Schaffen der Natur, das um Ruinen und um Gräber den meisten Lorbeer wachsen läßt. Ich fand keine andere Stelle dieser Küsten reicher mit diesem Strauche gesegnet, als die der alten Byzantiner Schlösser drüben in Asien und hier in Europa. Solche Erscheinungen machen es erklärlich, warum gerade dieser Baum der Liebling des Dichtergottes Apollo ward. Gräber und Ruinen waren es ja zu allen Zeiten, die die Dichter besonders liebten und durch ihre Gesänge ehrten.
Die Akropole dieser Befestigung stand auch einmal, wie drüben in Anatolien, hier oben auf der Höhe der Küste. Von ihr zog sich die Ansiedlung zum Ufer hinab. Die Umfassungsmauer steht heute noch fortlaufend bis zum untersten Rande in ihren emportauchenden Fundamenten. In die Burg flüchteten sich dann die Bewohner der Ortschaft, wenn Ueberfälle von der See aus sie bedrohten. In ähnlicher Weise wird damals der ganze Bosporus bewohnt gewesen sein; freie offene Dörfer, oder gar abgetrennte Villen wie heute können in einer Zeit nicht möglich gewesen sein, als auch der stärkste Arm nicht die Waffe hatte, rohen ungezähmten Völkern, wie sie die Ufer des schwarzen Meeres beherbergten, den Einfall zu wehren. Denn die Kette, die bereit gehalten wurde, von hier aus nach Asien hinüber den Eingang zu sperren, konnte nicht immer so rasch gespannt werden, als es die Ruderschiffe der scythischen Russen waren. Manches Synope der byzantinischen Kräfte ist hier schon erlitten worden. Erst die gewechselte Kriegskunst, die durch immer bereite, rasch abgefeuerte und weittragende Geschosse die Städte und Länder vertheidigt, gestattete auch hier eine freiere Lebens- und Bauweise. Die Batterien, die heute unten auf dem Strande stehen, sprechen freilich noch immer dieselbe Sprache der orientalischen Frage wie die Ruinen oben auf dem Berge, die mir in dichterischen Lauten von einem Ueberfalle des noch unbekehrten Ruriksohnes Igor lispelten, der mit 2000 Booten den purpurgebornen Constantin aus seinen Studien weckte und ihm die Hauptstadt und die Umgebung in Blut taufte.
Nahe dem Schlosse fand ich einen riesigen Quarzblock mit eingesprengtem Eisen zu Tage liegen; das Eisen so geschmolzen, daß es wie Schlacken einer Fabrik aussah. Das können nur Ueberbleibsel einer verhältnißmäßig jungen vulkanischen Thätigkeit sein. Auch Jaspis, Schwefel, die ich später fand, machen dieses Phänomen wahrscheinlich. Das Land ringsherum ist öde und unbewachsen; es liegt 600 Fuße hoch über dem Meere, eine nur leicht gewellte Ebene. Wege nach Kilia, nach Fanaraki (dem Leuchtthurm von Europa) und ein näherer nach Karybsche Kalessi, einer Batterie auf dem letzten Vorgebirge, ehe sich der Bosporus in das Meer weitet, führen darüber.