Der liebste Punkt aber zum Blicke auf den Bosporus ist mir Kiredsch Burun, das schwarze Vorgebirge, gegenüber von Bujuk-Dere. Es sperrt die Bucht, und um seine Ecke herum beginnt das Gebiet von Therapia. „Schlüssel des Pontus“ hieß ehemals diese Stelle, und dieser Name war schicklicher als ihr heutiger, denn es ist ihr hervorragendster Vorzug, daß, wer von Constantinopel gegen das schwarze Meer zu schifft, von hier aus zum ersten Male die freie See erblickt. Immer, zu welcher Tageszeit man auch komme, am meisten aber Abends, liegen Schiffe in der Mündung; gewöhnlich auch der Rauch einiger Dampfer, der in gewundenen Säulen aufwärts steigt. Rechts und links sperren die Felsen des Bosporus den Strom; wie Coulissen treten sie einer hinter dem andern vor. Rechts, auf der asiatischen Seite, zu vorderst und Kiredsch Burun gerade gegenüber, der Riesenberg mit seinen lichthältigen Kalksteinbrüchen; auf der europäischen Seite die grüne Wand des Kabatasch Dag, Bujuk-Dere mit seinen Villen in einer langen Zeile an dessen Fuße. Das Ganze gleicht einem Theater; die Bucht von Bujuk-Dere stellt die Bühne dar; Riesenberg, Genueser Schloß, Bujuk-Dere selbst und die übrigen Ausläufer der Ufer die Coulissen; das offene Meer die hinterste Courtine und die eilenden Wolken die Souffiten. Für den Beschauer von Kiredsch Burun aus scheint das asiatische Ufer des Bosporus mit dem Vorgebirge des Genueser Schlosses zu endigen. Was weiter draußen liegt von anderen Buchten und Vorgebirgen zieht sich hinter dieses mehr vorgestreckte zurück; dem Bilde, von diesem Standpunkte aus gesehen, erweist es damit einen Dienst. Es läßt sich kein schönerer Abschluß des Bosporus denken, als dieses Cap von Anatoli Kawak. Zu oberst das Schloß mit seinen zwei gewaltigen Thürmen, dann fällt der Hügel in einen Sattel ab, hebt sich zu einem neuen nur niedrigeren Höcker, und steigt von diesem gewellt, zuletzt steil hinab zur See; die Felsen, die überall aus ihm hervorspringen, sehen wie Ruinen aus und sind in dieser Entfernung von den wahrhaftigen nicht zu unterscheiden.

Beinahe den ganzen Tag über erfreute ich mich an diesem Bilde. Links von Kiredsch Burun, in der Bucht, ist ein geheiligter Quell; große, riesige Bäume darüber, Platanen, Terebinthen und Ahorne. Ein Kaffeegi hat seine Wirthschaft dabei aufgeschlagen; dort setzte ich mich nieder, ein Werk Fallmerayer’s mit mir. Neben mir lagerte auf Teppichen und Matrazen, die sie mitgebracht, eine Gesellschaft vornehmer Türken; das Boot, welches sie hergeführt, lag unten auf den schaukelnden Wellen; Rauchen, Kaffeetrinken und Schauen in die freie Natur hinaus war die Vergnügung ihres ganzen Tages. So bereitet man sich hier, was wir einen guten Tag nennen. Nur ab und zu störte die allgemeine Schweigsamkeit ein Reiter, der zu Pferde oder Esel den Landweg von Therapia nach Bujuk-Dere ritt.

Den Sonnenuntergang wollte ich von übersichtlicherem Standpunkte aus schauen, und so stieg ich Abends die Höhe hinter diesen Bäumen auf den Gipfel des „schwarzen Vorgebirges“ hinauf. Das Bild von dort aus gesehen gewinnt noch an Werth. Die Bucht erscheint größer, wie mit offenen Armen der Strömung des schwarzen Meeres aufgeschlossen; die rothen Felsen sind wie Bänder um die blaue Fluth gewunden, und das Meer, das noch die Sonne völlig festhielt, erschien wie ein Spiegel, der all’ dieser Schönheit zum Selbstgefallen vorgehalten wird. Geschwellte Segel, die der Nordwind schon draußen auf der offenen See weiter trieb, fuhren darüber. Kein Meer hat eine malerischere Pforte; wild und zerklüftet ist sie so recht ein Thor des Nordwindes, der hier ewig hereinfällt. Es hat etwas Geheimnißvolles dieses Thor eines so ungeheuren abgeschlossenen Meeres. Immer muß ich meine Phantasie ganz besonders anstrengen, um mir begreiflich zu machen, daß dieser schmale Einschnitt wirklich der Eingang dazu ist.

Kiredsch Burun und die Hügel rings herum sind wie abgekehrt vom Nordwinde; nur langes Gras und vereinzelte Sträucher wachsen darauf. Fuad Pascha versuchte den Punkt zu civilisiren. Er wollte ein Dorf dort anlegen und ein paar Häuser sind noch übrig. Umsonst aber der Versuch; Niemand hielt die Unbilden des Nordwindes aus, der an warmen Tagen sehr angenehm, an aber nur etwas rauhen hier gleich den Charakter des verzehrenden Sturmes annimmt.

12. Juli.

Aus dem Thale von Bujuk-Dere stieg ich heute den Kabatasch Dag hinauf. Er ist der höchste unter den Bergen, welche unmittelbar aus dem Bosporus aufragen und der einzige, welcher einen vollkommenen Ueberblick zugleich über die beiden Meere, das von Marmora und das schwarze, gewährt. Die Höhenrücken von Constantinopel, die Kuppeln und Minarete darauf, die weiße Linie der Caserne von Daud Pascha hinter den Mauern treten sehr bezeichnend in das Bild. Daneben, gegen Osten, sind sämmtliche Prinzeninseln, die ganze Kette der argantonischen Berge und sogar der bithynische Olymp sichtbar. Das schwarze Meer läßt nur Luft und Wasser sehen und die einförmige Horizontslinie, wo sich die beiden Elemente vereinigen. Die Windungen des Bosporus sind übersichtlich sichtbar; immer ein Vorgebirge, das in eine gegenüberliegende Bucht einspringt, so daß man deutlich die Weise erkennt, wie sich das Wasser den Weg durch das widerspänstige Element gebahnt hat.

Es ist ein stolzer Blick, so die beiden Meere verbunden zu sehen, wie eine Illustration zu der Handelsgeschichte, die von der fortwährenden und von der Jahrtausende alten Bedeutung dieser Meere für das Werden und Gedeihen der Menschheit erzählt. Keine andere Stelle der Welt, wie hoch und umschauend auch ihre Höhe sein mag, bietet einen herrlicheren und erhebenderen Ausblick. Kiepert gibt auf seiner Karte des Bosporus die Höhe des Kabatasch Dag mit 770 Pariser Fuß, was mit dem Maße von 250 Meter übereinstimmt, das ich an anderen Orten verzeichnet fand.

Der Stein, der zu Tage tritt, ist meistens ein weißer Kalkstein, an einzelnen Stellen von Eisen roth gefärbt, ähnlich dem gegenüber an den Steinbrüchen des Riesenberges, eine Höhe, die eben von dieser nur durch den Durchbruch des Bosporus getrennt worden ist. Doch ist auch Thonschiefer sichtbar, dunkelgrau wie der von Kiredsch Burun.

Die Vegetation ist außer an dem Saume, wo die Gärten von Bujuk-Dere liegen, auf der Seite, wo ich heute hinaufstieg, meistens eine dürftige, niedrige, oben sogar beinahe alles nackt lassende. Es ist, als habe auch dort wie drüben in Kiredsch Burun der Wind alles ausgerottet. Das größte, was ich auf dem Abhange fand, waren Sträuche von Steineiche (quercus ilex); viel Arbutus; an Blumen auch hier das Johanniskraut (Hypercium calycinum) in überreichlicher und in prachtvoller Blüthe. Aus der Kuppe blühten nur ganz kleine Kräuter, Stachys lanala, eine wollige Gattung Roßmünze, centaureum calcitrapa, Tausendguldenkraut und filago arvensis. Alles andere war kahler Fels. Heftiger Sturm wehte oben, so daß ich Mühe hatte, mich aufrecht zu erhalten, und mich an einzelnen Stellen hinter die Felsen drücken mußte, um nicht den Abhang hinabgeschleudert zu werden. Nach beiden Seiten geht es steil in den Abgrund. Dieser heftige und fortwährende Wind, der erkältet aus den Steppen Rußlands kömmt und auf dem schwarzen Meere noch mehr abgekühlt wird, läßt es auch allein zu, daß ich solche Promenaden wie die heutige in den Mittagsstunden eines Julitages machen kann, und das unter dem Breitegrade von Rom. In Deutschland wäre es mit bedeutendem Ungemache verbunden, und hier thue ich es zu meinem Vergnügen. Die Luft ist hier niemals trocken heiß, niemals lastend, immer, auch in ihren wärmsten Stunden, leicht bewegt, wie angefächelt und selbst wieder kühlend. Zwischen Constantinopel und hier ist immer ein Unterschied von einigen Graden Réaumur, um die das Thermometer dort höher steht. Der Südwind, der die Athmung so sehr belästigt, reicht in seiner Wirkung in den Bosporus nicht weiter als bis Jeni-Köi; dort kann man oft das sonderbare Schauspiel beobachten, nebeneinander nordwärts und südwärts geblähte Segel zu sehen, bis sie sich auf einer Demarcationslinie begegnen, wo dann die Leinwand schlaff zusammenfällt und von den Schiffern zu dem ursprünglich angestrebten Ziele nicht mehr benutzt werden kann.

13. Juli.