Uebrigens ist selbst das Schloß, dessen Ruinen heute noch stehen, älter als es sein Name glaublich macht. Es sind überhaupt viele Irrthümer, die dieser Name großgezogen hat, der nur die letzten christlichen Besitzer nennt. Das waren allerdings die Genuesen, aber durchaus nicht von so alter Zeit her, als man gewöhnlich annimmt. Bis tief in das vierzehnte Jahrhundert gehörte es, so gut wie das gegenüberliegende europäische Schloß, den byzantinischen Griechen, die das eine wie das andere auch gebaut hatten. Wenn es nichts bewiese, so zeugte dafür das byzantinische Wappen, das Kreuz in dem Halbmonde, das groß auf zwei Steinen dargestellt in beiden runden Thorthürmen eingemauert ist. In den vier Ecken der beiden Steine sind je zwei Buchstaben ausgemeißelt. Hätte ich mehr archäologisches Talent, so würde ich aus diesen donnés eine vollständige Schloßgeschichte herauslesen. Uebrigens auch das Gemäuer verräth unzweifelhaft byzantinische Zeit: Quadersteine, die mit wohlgeschichteten Ziegellagen bandförmig abwechseln. So auch die Thürpfosten und Thürbalken in byzantinisch antikisirenden Formen, nur fehlt die Neigung der Pfosten nach Innen, oben pyramidal. Ueber der Thüre sind zwei kleine Rundbogen zugemauert. In dem Gemäuer saß eine Eule; ich hielt sie für todt, so regungslos war sie, und griff nach ihr; das nahm sie übel; die Augen gingen weit auf und schoßen zwei giftige Blicke auf mich, mit sträubendem Gefieder verkroch sie sich tiefer in die Steine hinein. Es war dies der einzige Bewohner dieser Stätten, den ich gewahr wurde. „Eulen nach Athen tragen“ ist übrigens ein Sprichwort, das auch am Bosporus das Ueberflüssige bezeichnen könnte; die ganze Gegend hier scheint voll von diesen Vögeln. In Bujuk-Dere höre ich jeden Abend den krächzenden Ruf eines derselben; mir der unangenehmste Laut, den die ganze Natur hat.

Durch ein Seitenthor ließ man mich in das Innere des Schlosses. Es ist ein Unsinn, den ganzen ungeheuren Raum, der von den hohen Ringmauern eingezäunt ist und von der Höhe des Vorgebirges terrassenförmig zum Meere hinabfällt, so zu nennen. Schloß war nur das Oberste, das, was mit den hohen Thorthürmen zum Theile noch erhalten steht; das Uebrige war mit der Stadt angefüllt, die zuerst und darum wohl am dichtesten sich unten auf dem Ufer angesiedelt haben mochte, und von dort aus, als ihre Bevölkerung an diesem wichtigen Verkehrspunkte wuchs, die Ufer hinauf gestiegen sein wird, wo sie von der Akropole gedeckt ward. Deshalb dort die festen Pylone, vielleicht schon um Ueberfälle der Gothen, später der Perser, der Saracenen und Türken abzuwehren. Unten auf dem Ufer mag auch jener Tempel des Jupiter Urios gestanden haben, wie denn heute die Ortschaft sich wieder hart am Meere angesiedelt hat. Viele tausend Einwohner können in dem abgegrenzten, beschützten Raume gewohnt haben und es war eine volkreiche Bergstadt, die lebhaften Handel trieb, die die Durchfuhrzölle des Bosporus für die Griechen des Alterthums, des Mittelalters und später für die eindringlichen Genuesen in Empfang nahm; ein Ort in seiner Lage, Form und Bedeutung Syra ähnlich, wie wir es heute im ägäischen Meere sehen. Heute lebt eine Wildniß von Bäumen und Sträuchern auf der ausgestorbenen Stätte, viele Feigenbäume und ab und zu auch eine Cypresse. Der Boden scheint sehr fruchtbar zu sein; ich habe nie die Artischoke größer und prächtiger violett blühen sehen als auf dem Schutt und Moder der alten und neuen Griechen. Man findet mehrere Cisternen, Säulenschäfte, Kapitäle und Basen vielfältig in die Mauern eingefügt, und wenn man nur weiter suchen und graben dürfte und könnte, würde man gewiß noch Manches entdecken, was unwiderleglich meine Behauptung von der Existenz einer ehemaligen Stadt bewiese. Wie ich oben auf dem linken Thorthurme stand, baute sich mir die ehemalige Stadt wie von selbst wieder auf. Man sieht die Terrassen, die angelegt wurden, um die einzelnen Stadttheile aufzunehmen. Wozu auch ein Schloß, eine Festung von diesem Umfange? Es hätte der Vertheidigung nur Schwierigkeiten geboten. Ich möchte auch behaupten, daß die Thore, welche an anderen Stellen aus diesen Mauern führten, Beweise für die Stadt sind. So prächtig und hoch, so mit der sichtbaren Absicht des Gefallens baute man kaum für eine Festung. Ziemlich nahe dem Strande, auf einem der letzten Absätze des Berges, gleich hinter der heutigen Ortschaft, wo man steil den Berg hinauf zu steigen beginnt, hängt noch die Hälfte einer Thurmkuppel zwischen den hohen Pfeilern; die andere Hälfte liegt gleich einem Felsblocke auf dem Abhange; Bäume und Sträucher nisten in der gestürzten Muschel. So fest ist der Stein mit dem Kalke verschmolzen, daß ich keinen davon losschlagen konnte; daher hielt das Mauerstück auch so unverletzt den hohen Fall aus. Die Kuppel war nur klein; die Pfeiler sind unverhältnißmäßig hoch; das Ganze gleicht unverkennbar dem goldenen Thore in dem Schlosse der sieben Thürme zu Constantinopel, das ich mir nun nach diesem hier auch geöffnet deutlich vorstellen kann. Vielleicht war auch bei diesem des Genueser Schlosses einmal die Innenfläche der Kuppel vergoldet; ich wenigstens kann mir, sei es nun, daß mir das Gesehene die Einbildung verstellt hat, oder daß es wirklich zur Natur dieser Kunst gehört, keine byzantinische Kuppel mehr anders als mit goldener Mosaik ausgeschmückt denken.

Nirgends sah ich den Lorbeer in größeren, in schöneren und in duftenderen Büschen grünen als hier um diese Ruinen. Es ist als fühle er sich der Aufgabe bewußt, die Erinnerung einer ganzen Stadt zu bewahren. In dichten Hecken, in Laubgängen zieht er sich, daß man gedeckt und beschattet von ihm weite Strecken des Berges hinauf steigt; die Luft ist von dem balsamischen Wohlgeruche seines Blattes erfüllt. Die dichterische Bedeutung dieses Strauches hält man hoch, aber seine äußere Gestalt schätzt man nicht nach Gebühr. Mir ist er, was die Pinie unter den Bäumen, der liebste unter den Sträuchern. Mit seinen aufwärts gekehrten Zweigen, denen wiederum jedes einzelne Blatt insbesondere nachstrebt, hat er etwas Hilfeflehendes, etwas Bittendes, versinnbildlicht den Moment seiner Erschaffung und erinnert mich an das Bild einer mythologischen Gallerie, das meiner Jugendzeit vorgelegen hatte. Es war nur ein schlechtes Kupferwerk, und jeder einzelne Stich entstellt durch Zeichenfehler und durch jene Geschmackslosigkeit der Unwahrheit, welche zu Anfange dieses Jahrhunderts bei der Auffassung der Antike üblich war. Aber die spröde Daphne, welche, ermüdet von der langen Flucht, dem Himmel die Arme entgegenstreckt, flehend, daß er sie erlöse von dem zudringlichen Liebhaber oder ihre schöne Gestalt vernichte, und deren Finger Zweige wurden und Blätter zu treiben begannen, indessen die Füße wurzelten in dem Boden neben dem Flusse, aus dessen Wasser das Haupt des Vaters Penäus auftauchte: dieses Bild hatte so vieles von dem unverwüstlichen Grundelemente der Sage behalten, daß die Phantasie des Kindes dadurch für die ganze Lebenszeit bestochen wurde. Das Bild steht wie in meinem zehnten Jahre vor mir, und wie man mir nun auch künftig die Geschichte der Daphne erzählen mag, für mich wird sie immer in der Weise geschehen sein, wie ich sie in meiner Jugend gesehen, und der Lorbeer bekränzt mir, wie er es soll, die Vergangenheit. Wunder nimmt es mich übrigens, daß nicht auch der Meißel die Darstellung der Fabel versucht hat. Die hilfeflehende, ganz nach Aufwärts gerichtete Daphne: Blick, Hände und Mund den Gott suchend, wäre eine herrliche Aufgabe für den Bildhauer, und der Baum selbst hat schon etwas Statuarisches, das die Wege hätte weisen können.

Durch Granatbäume, Feigen und Cypressen an einem Friedhofe vorüber, durch ein äußerst malerisches Dickicht stieg ich nach Anatoli Kawak, der heutigen Ortschaft, hinab. Im kühlen Schatten riesiger Platanen sind Hütten und allerlei Verkäufer geborgen. Sie haben sich hier um und zu dem Zwecke der Verköstigung der militärischen Besetzung gesammelt, welche die Batterien und die Befestigungen zu bedienen hat. Die ganze „heilige“ Mündung des Bosporus ist mit diesen Göttern des neunzehnten Jahrhunderts besetzt. Ich habe kein Urtheil, um zu behaupten, ob sie so, wie sie sind, im Stande sein werden, das Einlaufen ungebetenen Gästen zu wehren.

Mit dem Boote, das ich mir hierher bestellt hatte, fuhr ich nach Bujuk-Dere zurück.

Bujuk-Dere, den 8. Juli, Freitag.

Von 5 Uhr bis 8 Uhr Abends ging ich auf den Felsen der europäischen Küste neben dem Bosporus dem schwarzen Meere entgegen. Wo das Meer, dort ist auch das Ziel meiner Sehnsucht. Ihm zu wandere ich leichter und frischer, und das nicht nur, wenn es weite Reisen gilt, auch bei jedem Spaziergange. Wolken umzogen den Himmel und trübten zugleich auch den Spiegel der hier am engsten eingeengten See. Den Pfad deckten mir schon die Schatten der Nacht; so war die Beleuchtung. Von unten herauf scholl das gleichmäßige, mir so verständliche Sprechen des Meeres. So wurde durch Licht und Töne meine Einbildungskraft mit Vorstellungen der Schaurigkeit und Düsterniß gefüllt. Nur in weiter Ferne spiegelte die Fluth einen Sonnenblick, und das war der einzige Lichtblick in meinen Phantasien voll Mord und Gewaltthaten. Es lag übrigens nicht blos in der Beleuchtung, der Ort an und für sich ist wie geschaffen zu Gräuelthaten, und wenn ich jemals einen Roman schriebe, der in diesen Gegenden spielte, auf diesem Küstenwege nach dem schwarzen Meere zu müßte die blutige Katastrophe geschehen.

Ich kam an eine Stelle, weiter als die Ruinen des europäischen Schlosses der Byzantiner, das hier von der Höhe herab mit den Resten einer Mauer mündet, wo prächtige Cypressen stehen, eine darunter eine weibliche. In der sonst völligen Nacktheit der Gegend keimen sie wie Gottessegen einigen Gräbern zum Denkmale, die verfallen mit umgestürzten Grabsteinen darunter liegen. Ein paar türkische Frauen saßen darauf wort- und beinahe regungslos, auf ihre besondere Weise den türkischen Sonntag zu feiern. Ich setzte mich etwas seitab, um auch von hier aus meine gestrige Vermuthung an dem gegenüber liegenden Genueser Schlosse zu prüfen. Es ist klar, daß dort eine Stadt zu Grunde gegangen ist, und daß die weitgezogenen Mauern, die heute noch stehen, einmal viele tausende von Bürgern einschlossen.

Auch in Ssaryjeri und Jeni Mahalla, den beiden nächsten Orten neben Bujuk-Dere, feierten die Leute den Abend. Vor ihren Häusern, auf den Gassen und Plätzen saßen sie rauchend und Kaffee trinkend, den Blick auf den Bosporus gewendet. Die beiden Dörfer sind beinahe ausschließlich von Armeniern bewohnt. Noch aus älterer Zeit der Eroberung sondert sich hier alles nach Nationalitäten ab, recht im Geiste des neuen Kampfprincipes der Gegenwart.

Bujuk-Dere, 9. Juli.