Bujuk-Dere, den 7. Juli.
Schon vor 5 Uhr Morgens stieg ich in das Boot, heute vom Riesenberge aus auch das nördliche Ende des Bosporus zu überblicken. Es ist ein Irrthum, den Berg, wie das oft geschieht, ob seines Namens für den höchsten unter seinen hiesigen Kameraden zu halten. Er ist nur 540 Fuß hoch und der auf europäischem Lande ihm gegenüberliegende Kabatasch Dag 770 Fuß. Den Namen gab ihm eine andere Ursache, das Grab, welches oben auf seinem Plateau erhalten wird. Dieses soll nach dem altgriechischen und so auch wieder nach dem heutigen türkischen Volksglauben einen Riesen beherbergen, wie Hammer behauptet den jüdischen Josua, der auch damit den türkischen Namen des Berges, Juscha Dag, erklärt. Die Griechen ließen in dem ungewöhnlich großen Grabe den Herakles begraben sein. Das Wahrscheinliche ist, daß es mit der Geschichte des Berbycer Königs Amycus zusammenhängt, der in dem benachbarten Bejkos ansässig war und als ein riesiger Faustkämpfer der Urzeit von der Sage gefeiert wurde.
Der Riesenberg springt mit einem weiten Vorsprunge aus dem asiatischen Uferlande dem europäischen entgegen, so daß es aussieht, als wolle er diesem die große Bucht von Bujuk-Dere ausfüllen. Auch bin ich überzeugt, daß beide Ufer gerade an dieser Stelle ehemals vereinigt und der heutige asiatische Juscha Dag damals nur ein Ausläufer des europäischen Kabatasch Dag gewesen ist. Erst der spätere Ausbruch des Pontus Euxinus mag sie, wie er denn auch die beiden Welttheile hier schied, getrennt haben.
An dem Fuße des Riesenberges liegen jetzt schöne Kalksteinbrüche zu Tage; da sie mit Eisenkrystallen durchzogen sind, so wirkt das Roth auf dem Weiß, wenn nur ein irgendwie günstiger Sonnenschimmer darauf fällt, auf das prächtigste; am schönsten im Abendlichte, wenn der Purpur mit dem noch tieferen Blau des Bosporus contrastirt. In der Bucht neben dem Riesenberge südwärts gegen Constantinopel zu leben die Bewohner des kleinen Ortes Ümürjeri von dem Brennen dieser Kalksteine.
Ich landete an einsam abgelegener Stelle unter ein paar großen Terebinthen, einen wenig gebrauchten Weg kerzengerade den Berg hinauf zu steigen. Die Aussicht ist eigentlich bei diesem Aufsteigen schöner als oben angelangt dort selbst. Man hat bei dem Hinaufsteigen eine fortwährende Entwicklung der besonders hier recht deutlichen Windungen des Bosporus, ohne dann von oben hinab, wie man es erwartet, das ganze Bild zu sehen.
Das Grab des Josua maß ich 50 Fuße lang und 7 Fuße breit, also jedenfalls ein Riese, wer auch darinnen ruhen mag. Es ist sorgsam gepflegt, Buchsbaum, Cypressen und Rosen keimen aus seinem Hügel; eine grün angestrichene Mauer faßt es ein; zu Füßen steht die Säule, am Kopfende der Marmorstein mit der Inschrift, wie sie der Türke auf jedes Grab setzt. Und so auch seinem Gebrauche getreu liegt davor eine kleine Moschee. In den drei Häusern, die dabei stehen, leben die Derwische, denen die Hut des Grabes anvertraut ist. Um den Hügel hingen an den Staketen kleine Fetzchen abgerissener Kleiderstücke, die der Aberglaube hierher gestiftet hat, um den Körper von einer Krankheit, von irgend einem Uebel zu befreien; das sind die wächsernen Füße und die kranken Herzen, die die fromme Einfalt nach Kevlaar am Rheine trägt, und die Kerzleins, die früher das griechische und römische Heidenthum auch hilfesuchend auf den Altären seiner Götter ansteckte.
Nun gehe ich vom Riesenberge auf gut Glück ungebahnte und ungekannte Wege hinüber nach dem Genueser Schlosse. Wo ich oben auf der Höhe bin, da erschließt sich der Blick immer freier und schöner; das schwarze Meer tritt immer größer in den Gesichtskreis und einmal auch, was man mir im Voraus abgestritten hatte, das Marmora-Meer, Kadi-Köi, die Nikomedischen Berge, die Kuppen der Prinzen-Inseln und von dort bis zu dem andern Endpunkte das blaue Band des Bosporus zwischen den grünen und rothen Hügeln von Europa und Asien. Es war der schönste Moment meiner heutigen Wanderung, weil er überraschend kam, vielleicht auch, weil er etwas Schmeichlerisches hatte, wie der jeder Entdeckung. Eine Wildniß von Blumen bedeckt den Boden, am auffälligsten darunter die gelbe fünfblätterige Blüthe des Johanniskrautes (hypericum calycinum). Ich pflückte die Blume, die mir gleich ganz außerordentlich gefiel und trug sie in großen Büschen mit mir. Um und unter ihren hochschossigen Sträuchern keimte und blühte eine große Menge der Lavendel (lavendula stoechas), des Tausendguldenkraut (Erythraea centaurum), und eine kleinblätterige Gattung der Narde (micropus erectus). Bäume, meistens Granat- und Feigenbäume, und größere Büsche, Arbutus insbesondere, fand ich nur in den Schluchten, wo gewöhnlich ein kleines Bächlein abwärts rinnt. Dort aber hat sich dann auch um dieses spärliche Wasser ein festes Dickicht urwäldlichen Wachsthums zusammen gesponnen. Es ist dort kühl, sumpfig, oft beinahe fieberig schattig, daß ich jeden Augenblick eine geheimnißvolle Schlange oder sonst irgend ein giftiges Ungethüm aus den Büschen heraus auf mich zuschießen zu sehen erwartete.
Stundenlang ging so meine Wanderung fort, verlängert durch mannigfaltige Verirrungen. Dem Schlosse kam ich auf seiner Rückseite zu über das Plateau, das sich dort sanft ansteigend in das Innere des Landes hineinzieht. Sein verlassener Begräbnißplatz liegt unmittelbar vor dem Thore, von Cypressen und Platanen beschattet, eine Wildniß, die nur noch von der Natur gehütet wird. Ruinen überall; Gräber, die den Menschen beherbergen, und Thürme, die ausgestorben sind, und das hart und unvermittelt neben einander, nur die Natur, die sich versöhnend und fortwährend verjüngt dazwischen und darüber hinschlingt: Epheuranken auf den Mauerthürmen, die sie wie mit Pelzwerk gegen das Unwetter überziehen, und Rosenbüsche auf den Gräbern. Der Wind glättete die Epheublätter, daß sie sich alle wie Haare schmiegsam nach einer Seite hin legten. Rechts und links neben dem Schlosse vorbei sieht man auf die blaue Fluth des Bosporus hinab. Das Schloß steht auf dem Rücken eines Vorgebirges und steigt mit ihm zur See hinab. Gegenüber sind die finstern, beinahe schwarzen Felsen der europäischen Küste und über diesen das Hochland, das sich dort viele Stunden weit wüste und unbebaut hinzieht; das sind Küsten, wie sie dem einstmals ungastlichen (Axinos) Pontus gebühren. Neben mir, gegen das schwarze Meer zu, wo ich lagerte, geht es schauerlich steil in eine Bucht hinab. An den Felsen, die unten zerstreut liegen, brandete die blaue Fluth heftig an und warf weißen Schaum. Schiffe, von Remorqueurs gezogen, trieben dort unter mir so nahe der Küste vorbei, daß ich den Blick auf ihr Verdeck frei hatte, wie ihn sonst nur der Vogel sieht. Fil Burun, das Elephanten-Vorgebirge, schließt für den Blick von hier aus wie diese nächste Bucht, so auch den Bosporus. Europa mit seiner Küste thut dieses — für diesen Standpunkt wenigstens — mit Karybsche Burun, denn die bläulichen Cyaneen, diese fabelhaften Eilande, die kamen und dann wieder gingen, und die ich auf meiner Wanderung mehrere Male erblickt hatte, sah ich von hier aus nicht mehr. Die Mündung, die dazwischen beinahe dunkelblau zum scharf contrastirenden goldenen Spiegel des schwarzen Meeres hinausfließt, hieß den Alten die Heilige (Hieron). Das wohl von den vielen Götterbildern, die den Schutz- und Hilfeflehenden zur Darbringung der Bitt- und Dankopfer für glückliche Fahrt auf den beiden Ufern aufgestellt waren. Aus der Rede des Cicero gegen den Verres wissen wir, daß darunter eine der drei berühmtesten Statuen des Jupiter Urios (des Gottes der Winde) war, und der Name, der dem nur von den Franken so genannten Genueser Schlosse im hiesigen Volksmunde geblieben ist, Jaros Kalessi, ist vielleicht ein Beweis, daß der Tempel und das Bild dieses Gottes wirklich auf dieser Stelle gestanden haben.
Aus ältester Zeit hat man hier kürzlich ein Basrelief von edler und entschieden griechischer Arbeit gefunden, das durch seine Inschrift von diesem Götterdienste und dem Alter der Niederlassung Kunde gibt: „Die Schiffer, die Jupiter Urios um eine glückliche Fahrt durch die steilen Cyaneen und in die ägäische See bitten, die gefüllt ist mit einer ausgestreuten Schaar von Riffen, werden sie haben, wenn sie vorher dem Gotte, dessen Standbild Philo Antipater hier aufgestellt hat, damit es den Schiffern Hilfe und gutes Vorzeichen gebe, ein Opfer darbrachten.“