Der Ort zerfällt in zwei Hälften, in das eigentliche Dorf, das wohl auch der erste und älteste Theil desselben ist, und in die Häuserreihe der Fremden und Reichen. Das Dorf steht näher dem Mittelpuncte der Bucht, ist klein und winklicht, ärmlich und schmutzig, voller Hunde und schreiender Verkäufer, die Gassen von offenen Verkaufsbuden eingefaßt, von Leinwandfetzen überspannt; Reben, die sich wild emporschlingen, und die ruhigeren Häuser, zwei und auch drei Stockwerke hoch, um die Aussicht zu gewinnen, hinter diesem Gedränge schon den steilen Berg hinauf. Nur wenige Villen der Vornehmen liegen in diesem Ortstheile, und diese alle so, daß die Hausthüre unmittelbar auf die See hinaus geht, darunter die, welche der österreichische Internuntius gewöhnlich bewohnt. Die anderen Landhäuser der Reichen stehen in weiterer Fortsetzung von dem Dorfe auf dem Quai, der sich der Bucht entlang bis zu ihrem Vorgebirge hinzieht, wo sich Bujuk-Dere an Ssaryjeri, eine andere Ortschaft des Bosporus, anschließt. Diese Landhäuser haben ein freundliches, wenn auch für unsere Begriffe kein prächtiges Aussehen, denn auch sie sind aus Holz gebaut, die meisten weiß angestrichen. Das Schöne daran sind die Gärten; die ziehen sich hinter den Villen mit Cypressen- und Pinien-Alleen, mit Lorbeer- und Rosenhecken, mit Terrassen und Fontainen hoch den Kabatasch Dag hinauf. Eines der schönsten Landhäuser gehört der russischen Regierung; außer ihr und Oesterreich wohnt keine europäische Großmacht in Bujuk-Dere. England und Frankreich sind in dem gegenüberliegenden Therapia angesiedelt und Preußen wohnt dort zur Miethe in den wenigen Stuben eines Gasthofes.

Von dem Quai aus hat man die Aussicht auf den anderen Arm der Bucht, wo die Hügel von Kiredsch Burun und das Vorgebirge von Therapia sich erheben, auf das Ufer von Asien mit seinem Riesenberge und dem Vorgebirge von Chunkiar Iskelessi, wo das verlassene Schloß einer ägyptischen Prinzessin immer am längsten mit seinen Fensterscheiben das rothglühende Licht der untergegangenen Sonne festhält, und auf den Bosporus, der dazwischen liegt, an keiner Stelle breiter als hier, und dessen Wasser an diesem Punkte selten anders als in wogender Bewegung sind. Stündlich gehen und kommen Dampfer nach und von Constantinopel. Abends, wenn die Leute ihre Geschäfte in der Stadt abgethan haben, ist dieser Verkehr besonders lebhaft; dann kommt jede Viertelstunde ein Dampfer und auch wohl auf einmal zwei und drei Schiffe, die letzten tragen beleuchtete Lampen auf ihren Masten und gewöhnlich auch ein paar Musikanten, das wirkt dann — laue linde Luft, Licht und Musik um uns — südländisch poetisch.

Den 6. Juli.

Um 7 Uhr Morgens landen wir in dem Hafen von Skutari, um von dort aus den Bulgurlu-Berg zu besteigen. Meine Absicht geht dahin, wie ich das sonst bei Städten von einem Thurme aus thue, bevor ich in Detailzügen den Bosporus durchforsche, von einem überschauenden Standpunkte die Geographie seines Laufes zu studiren. Wir ritten; der Weg, der außer der Stadt eine breite, neu angelegte Straße ist, ward schattenlos. Die Aussicht links hinunter ist immer frei nach der Enge des Bosporus, und, wenn man sich umwendet, nach den weit ausgedehnten Feldern von Constantinopel. Das Marmora-Meer und die Prinzen-Inseln sieht man erst von Dschamlidscha aus, einem reizenden Oertchen, das schon nahe dem Bergesgipfel unter hochsäuligen Pinien liegt, die ihm auch ihren Namen (Pinienwäldchen) gegeben haben. Seitab von den Häusern entdeckte ich den Punkt, wo man gerade unter dem kuppeligen Schatten einer der größten Pinien den Blick frei hat zugleich auf die buntbelebten Ufer und den Strom des Bosporus, auf dem eben mehrere große Dampfer hinter einander dem schwarzen Meere zu steuerten; auf Pera, Galata, Skutari und das dazwischen liegende, schiffegefüllte Goldene Horn; auf das weite Feld der ehemaligen Goldstadt Skutari, wo am 10. September 323 der große Constantin dem mitregierenden, christenverfolgenden Licinius die Alleinherrschaft über die römische Welt abgewann; auf das blaue Meer in endloser Ferne sich verlierend, und auf die rothen Inseln, die wie Juwelen daraus hervorleuchteten. Näher aber noch, unmittelbar zu meinen Füßen, sah ich ein stilles grünes Thal zwischen den abschließenden Höhen eingesargt; Pinien, Cypressen, Feigen-, auch blühende Granatbäume ragen daraus empor, und auf den Feldern arbeiteten die Bauersleute. So liegen der Norden, Westen und Süden entfaltet, nur der Osten ist durch die höhere Kuppe des Bulgurlu-Berges verdeckt. Von jener Höhe herab ist darum der Ausblick noch reicher; Asien wird dort eigentlich erst recht gesehen. Aber es fehlt der Vordergrund, das freundliche Thal und auch die Bäume, die sich unmittelbar über dem Beschauer wölben. Der Ausblick vom Bulgurlu ist belehrender, aber der aus dem Pinienwäldchen von Dschamlidscha malerischer. Daher bauten sich denn auch nach dem letzteren die byzantinischen Kaiser ihre Lustschlösser und Jagdhäuser. In der ganzen Zeit ihrer Herrschaft, so lange dieser Boden der ihrige war, pflegten sie hier einen Palast zu erhalten. Kaiser Arkadius übernachtete gewöhnlich in demselben, wenn er seine Reise zum Sommeraufenthalte nach den Bergen von Ancyra machte. Und die heutigen Herren der Gegend folgen diesem alten Beispiele. Die ganze Umgebung, auch die Hohlwege weit in das Gebirge hinein sind mit Landhäusern besetzt. Eines der sorgsamst gepflegten, das mir eben dadurch auffiel, besitzt im Augenblicke Omer Pascha.

Wohl eine Stunde lagerten wir unter meiner Pinie, mein, weil ich ihre Verdienste entdeckt zu haben behauptete. Wie die Sonne ihren Schatten wandern machte, wechselten auch wir den Platz, aber immer blieben wir unter ihr. Das Bild wollte uns gar nicht mehr loslassen; mit syrenischen Reizen hielt es uns, die uns nur um so besser gefielen, je länger wir sie genossen; und was mich dabei am meisten entzückte, ja wie gewöhnlich förmlich von der übrigen Welt entrückte, das war der Eindruck der völligen Ruhe, die Lautlosigkeit alles menschlich Geborenen — nur das Leben der Natur, der Vögel, der ziehenden Wolken, des Lichtes und der leise schwankenden Bäume. Und diese Stille trotz des Blickes auf die ungeheure, beinahe grenzenlose Weite! Der Blick, den ich hinabwarf, gab mir einen Begriff von der Anschauungsweise, die Gott für unsere Welt haben muß. Klein und unbedeutend muß sie ihm erscheinen, und nichtig und gleichgiltig das einzelne Menschenleben. Der Mensch kann sich nur so lange für werthvoll und bedeutend halten, als er mitten unter Seinesgleichen steht; erhoben über sie, muß er sich gedemüthigt fühlen.

Schon Anfangs Juni, bei einem früheren Besuche des Bulgurlu, hatten wir die Cistusrose (cistus salvifolium) in Blüthe gefunden; jetzt trafen wir mit der bescheiden schönen Blume, deren blaßviolette Rose mit dem gelben Staubbüschel darinnen, wenn einmal gebrochen, nur mehr Minuten sich frisch und aufrecht erhält, den ganzen Boden, besonders die Kuppe des Berges bedeckt. Dazwischen blühte der Sternklee (trifolium stellatum), auch der einblumige (trifolium uniflorum) und in höheren Sträuchern ragt die stachlige Steineiche (quercus ilex), daß zu Fuße an einzelnen Stellen kaum durchzudringen war; tiefer, wo einzelne Bäume stehen, ist es der wilde Oelbaum (oleaster), auch Mandelbäume (phyllirea) und in den Hecken mancher Lorbeerbusch. Die ganze Vegetation des Bulgurlu und seiner Umgebung ist eine vollkommen südliche, und das mit der der Prinzen-Inseln in weit vorgeschrittnerem Grade, als auf irgend einem anderen Puncte dieser Ufer. Ich möchte die Gelehrten fragen, ob dieser Unterschied nicht auch neben der Begünstigung der gedeckten Lage dem Gehalte des Bodens zuzuschreiben sei?

Hinunter ritten wir gegen Kadi-Köi zu, bald durch eine Fülle von Gärten und Landhäusern, dann in den Cypressenwald von Skutari hinein. Was sind alle Wunder der Baukunst gegen diesen Waldfriedhof! Doch hat auch an ihm die Kunst mitgearbeitet, denn die erste Anlage gab ihm die Hand des Menschen, die Natur pflanzte dann später ihre Setzlinge dazu, wie sie auf die Ebene Sand streut und daraus einen Hügel formt. Nur den Pyramiden ist diese Grabstätte zu vergleichen, die eine wie die andere ein Tempel der Ruhe und des Friedens, und die Ebene von Haider Pascha darum ausgebreitet, nackt und sandig, wie in Aegypten die Wüste um jene Fragezeichen der Geschichte.

Bei einer Quelle unter Bäumen in der Bucht von Kadi-Köi stiegen wir von den Pferden und ruhten. In jener Gegend muß das prächtige Landhaus des Rufin, des ersten Ministers des Arkadius, gestanden haben, das die Vorstadt der Eiche von Chalcedon so einschloß, daß sie gemeinhin nur Rufinopolis hieß. Mit porphyrnen Säulengängen und ihrem goldenen Dache beherrschte sie weithinstrahlend die Meerenge, und galt bis zu dem tragischen Tode ihres Besitzers, der drüben auf dem Marsfelde vor dem Hebdomon fiel, als das Wunder des Jahrhunderts.

Gedanken an diese untergegangene Größe begleiteten mich auf der Rückfahrt, die durch den Bosporus bis Bujuk-Dere ging. Wir hatten die untergehende Sonne zu unserer Linken, Asien allein war noch von ihrem freundlich vergoldendem Lichte erleuchtet. Dort glänzten die Fenster wie Diamanten, hier regten sich schon einige Lichter, die man zur Abendmahlzeit auf die Tafel stellte.