Erst da wir wieder in eine Straße, die zwischen Prinkipo und der Insel Niandro, eingelaufen waren, wurde die Fahrt etwas ruhiger, und so blieb sie es auch, als wir die Südspitze von Prinkipo umschifft hatten und der Insel auf ihrer Ostseite entlang ruderten, wo diese nach dem Innern des nikomedischen Meerbusens zugekehrt ist und ihr die Kaninchen-Insel Antirobidus vorliegt, weil der Sturm aus Süden kam und wir nach dieser Seite gedeckt waren. Gerade dort, wo uns die See am ärgsten angefallen hatte, ist die Insel am felsigsten. Oben auf den Bergen, die beinahe senkrecht zum Meere hinabfallen, steht das St. Georgskloster; unten herum liegen weit in die See hinaus Klippen, die einmal wohl von diesem höheren Stocke abgebrochen sein mögen. Der Stein ist gelb und zerwaschen, kein Lebenszeichen der Menschen weit umher. An der anderen Küste, die in den Busen hinein und der Kaninchen-Insel gegenüber, ist sie wirthlicher, und auch Menschen leben dort. In einer Thalschlucht, wo sie auf das Ufer mündet, liegt das Kloster des heil. Nikolaus. Wir landeten in der Nähe, um selbst etwas zu ruhen und der Mannschaft des Bootes Erholung zu gewähren. Die Mönche des Klosters nahmen uns freundlich auf; ein Tisch ward schnell im Freien gedeckt, uns vor Allem Cliquot servirt, und indeß man Fische und Salat bereitete — es war heute einer der vielen griechischen Fasttage — wurden wir in die Kirche geführt, ein häßlicher, außen nackter, innen überladener Bau. Gräberplatten sind um ihn in die Erde eingelassen, und manchen Namen zeigte man uns darauf, den man als einen berühmten der griechischen Kirche rühmte, der sich aber hierher zurückgezogen, um Ruhe und Frieden und zuletzt das Grab zu finden. Hohes, verwildertes Gras wächst darum, und der Wind blies in die langen Halme, daß sie sich wie Wellen darüber legten. Einmal stand hier ein großes Dorf; diese Gräber sind die letzten Spuren davon. Das ganze Thal war finster; der Abend hatte schon begonnen; die Sonne, die hier hinter den Bergen untergeht, kann um diese Tageszeit hierher kein Licht mehr geben und war heute auch noch umwölkt. Die dunkeln Hügelwände mit ihren Pinien und Oelbäumen darauf machten die Landschaft noch düsterer; unsere Stimmung aber war heiter; das Ueberstandene freute uns; der Appetit war groß und daß wir tüchtig zugriffen, erfreute die Wirthe. Nur weil die Nacht schon kam, schieden wir. Wir setzten die Fahrt um die Insel weiter fort, an dem Orte Prinkipo vorüber und landeten gegen 10 Uhr an der Treppe des Hôtel Giacomo. Das Klösterchen von San Nikolo steht mir in der Erinnerung wie die fröhlichen, welche Walter Scott so anschaulich gezeichnet hat.
Die sämmtlichen Prinzen-Inseln werden nur von Griechen bewohnt und sind von den Türken diesen wie zum ausschließlichen Eigenthume überlassen. Es ist kein Gesetz, welches das so regelte, es ist die Gewohnheit, die seit Alters her das so ließ.
Bujuk-Dere, den 4. Juli.
Auf Prinkipo sah ich von meinem Bette die Sonne aufgehen. Wunderbare Ruhe. Weiße Segel zogen durch die blaue Fluth. So müssen die Gottesgedanken über die Welt hingleiten, und so auch sind unsere Erinnerungen, leidenschaftlos und friedlich. Daß einstens Jammer und Gram sie bewegten, merkt man ihnen so wenig an, als jenen Segeln, daß dort Menschen arbeiten, mühsam und qualvoll vielleicht arbeiten, und daß ein Herrenwort sie zu solchem Dienste befiehlt. Die Entfernung ist die eigentliche Schöpferin des Trostes und der Poesie; in der Nähe besehen sind die Dinge reiz- und poesielos und der Schmerz wird unerträglich.
Die Inseln strahlten in allen Farben; roth, blau und goldig schillernd wie Chamäleons. Die See war noch bewegt von dem gestrigen Sturme und die Sonne hatte vom Himmel noch einige Wolken zu vertreiben. Um 8 Uhr fuhren wir fort. Die Luft war frisch, beinahe kühl, der Wind gegen uns; das Boot flog auf und ab. Wir hatten einen Band der Gedichte Lermontoff’s bei uns, die wir uns abwechselnd vorlasen, so daß wir gar bald in eine andere Welt entrückt waren. Die Fahrt bis Top-Hane dauerte vier Stunden, den Bootsleuten viel zu lang, mir vergingen sie wie ein Augenblick. So eingeschifft auf ruhig wogender See sollte das ganze Leben vergehen. Es gibt eine Melodie, die in Weber’s Oberon, wenn Hüon mit seiner Geliebten im Kahne liegend an der Wandeldecoration vorüberziehen, die wie naturgeschaffen dazu erklingen müßte.
Den Nachmittag rasteten wir in Pera und des Abends setzten wir die Fahrt hierher durch den Bosporus fort. Alles schien bewegt uns zu erfreuen, während wir im Boote kaum der eigenen Bewegung gewahr wurden. Die Bucht von Bujuk-Dere erinnert mich an die Schweizer Landseen, am meisten an den von Zürich, nur daß hier die Farben etwas glühender und doch nicht so scharf contrastirend sind. Die Luft ist köstlich frisch, Abends 10 Uhr nach dem Essen im Gegensatze zu der perotischen Hitze so angenehm kühl, daß ich einen Ueberrock umnehmen muß.
VI. Der Bosporus.
Den 5. Juli, Dienstags.
Bujuk = groß, Dere = Thal, Großthal heißt das Dorf, dem der Name von der Gegend her geworden ist. Er ist ein altgebräuchlicher und von den Türken nur übersetzt worden, denn schon die Griechen nannten Dorf und Thal megas agros. Das Thal erstreckt sich weit in das Land hinein, wie eine Fortsetzung der Bucht, die nur emporgehoben aus dem Meere ist. Wiesen liegen darin, Felder hinter diesen und Büsche zwischen sie gemischt. Ein Bach kömmt durch das Thal zur See herab, und vorne, wo er mündet, beschattet ihn die große Platane; die Wasserleitung des Sultans Mahmud sperrt den letzten Hintergrund. Die hohen riesigen Bogen dienen der Wirkung des Bildes, von wo aus man es auch sehen mag, auf das vortheilhafteste. Gestern Abend, da ich sie zum ersten Male sah, verschwanden sie halb in dem glühenden Golddunste der gerade dahinter untergehenden Sonne. Die Bucht vor dem Thale ist nächst der des Goldenen Hornes die größte des Bosporus. Da sie nahe seiner Mündung in das schwarze Meer ist, dient sie immer einer Menge von Schiffen als Hafen, die hier vor dem Auslaufen in die See die letzte Rast oder nach dem Einlaufen die erste erquickliche Erholung suchen. Besonders Abends finde ich sie voll gefüllt; gestern und heute zählte ich nicht weniger als 90 Segelschiffe, die hier vor unsern Fenstern die Anker geworfen hatten. Da die See gleich am Strande eine bedeutende Tiefe erreicht, so liegen die Schiffe bis nahe an das Land; das gibt besonders Nachts, wenn die Körper sich gespenstig ausdehnen, die leeren Maste sich hin- und herwiegen, ein schwerer Ruderschlag in’s Wasser fällt und der Schiffshund dem abstoßenden Boote nachbellt, poetische Effecte. Die größten Seedampfer können, wenn sie im weiten Bogen in die Bucht eingefahren kommen, um die Posten der Gesandtschaften mitzunehmen, hart vor den Botschaftspalästen anlegen. Das Dorf liegt nicht, wie man es erwarten sollte, im Schooße dieser Bucht; es hat sich den engsten, aber wenn man erst einen Tag hier gewesen begreift man das, trotzdem den bequemsten Platz der Bucht ausgesucht. Vom schwarzen Meere fallen fortwährende Nordwinde in den Bosporus herein; die hat das Dorf von Bujuk-Dere in seinen Rücken genommen und diesen deckt ihm der Kabatasch Dag, ein steiler Berg von 770 Fuß Höhe, der höchste auf den Ufern des Bosporus. Gar oft sieht man von Bujuk-Dere aus die Wasser des Bosporus in wilder Bewegung und wie die gegenüberliegenden Hügel vom Sturme förmlich abgekehrt werden, während man bei sich daheim und in dem Meere unmittelbar davor auch nicht einen Luftzug empfindet. Dabei entbehrt man doch nicht der Kühle, die dadurch in die Luft gebracht wird. Heute Abends z. B. mußte ich nach dem Essen, das war um 10 Uhr, den Ueberrock umnehmen; in Pera auf der Terrasse würden wir nur nach Luft, mehr Luft geschnappt haben. So hat das Dorf von Bujuk-Dere alle Vortheile des Bosporus, ohne einen seiner Nachtheile zu haben. Nur eines fehlt ihm, der Blick auf’s freie Meer, auf die Oeffnung in den Pontus Euxinus, der Therapia und Kiredsch Burun so reizend macht.