Prinkipo, den 2. Juli.
Nachmittags zogen wir, eine heitere Gesellschaft, die Männer zu Fuße und die Frauen auf Eseln, die Höhen hinauf, zuerst über kahles Erdreich, dann unter Pinien hin, den Sonnenuntergang von einem übersichtlichen Standpunkte aus zu genießen. Thüren und Fenster der vielen Landhäuser, an denen man vorüberkömmt, stehen vertrauensvoll offen; es gibt das einen erfreulichen Eindruck, als gehöre dies Alles communistisch einer Gemeinde und halte hier doch Jeder das Eigenthum des Andern wirklich heilig. Gewöhnlich liegt zu unterst und in der Mitte des Hauses der Speisesaal. Kehrt man dann nach Sonnenuntergang zurück, so sieht man durch die offene Thüre, wie dort der Tisch zu der Hauptmahlzeit gedeckt ist und die Lampe eben darauf gestellt wird. Das weckt eine hungerige Sehnsucht möglichst bald dieselbe Bequemlichkeit zu genießen, besonders wenn man sich müde gegangen hat durch einen stundenlangen Spaziergang und aus dem Naturgenusse — dem Schauen in die Landschaft und dem Athmen der frischen stärkenden Seeluft — einen fröhlichen Sinn mitbringt. Man kehrt nie lieber in die Stube zurück, als wenn die Nerven gesund sind. Die Essensstunde der Orientalen wechselt mit dem Tagesende; je nachdem die Sonne früher oder später untergeht, speisen sie um 5 oder auch erst um 9 Uhr Abends. Sie fassen das Essen in der That als den Lohn für die gethane Arbeit. Mir fiel ein, wie sich Christus, als es Abend geworden war, mit den „Zwölfen“ zu Tische setzte und wie uns der Ausdruck Abendmahl geblieben ist. Der conservative Sinn des Orientalen hat sich auch diese Sitte erhalten.
Wir lagerten uns oben, seitab von dem Georgskloster, in einem Pinienwäldchen. Sechs der neun Prinzen-Inseln, darunter Chalki mit der Seite, die es uns zukehrte, im vollen Schatten, hatten wir unmittelbar vor uns. Das Wasser zwischen den Inseln war goldig, sie selbst wie in Purpur getaucht; der Türke nennt sie ihrer Natur getreuer „die rothen Inseln“ (Kisil Adalar), denn es ist nicht blos das ihnen erst gegebene Sonnenlicht, das sie so färbt, der röthliche Farbenschimmer geht von ihnen selbst aus durch das viele Eisen, das ihrer Erde beigemischt ist. Einmal wurden hier auf Prinkipo bedeutende Erzbergwerke betrieben, und auf Chalki fand ich gestern förmliche Blöcke grünen Kupfers. Die ganze Gruppe dieser Inseln ist im Zusammenhange mit dem Festlande das Product einer vulkanischen Hebung. In feurigen Wolken versank die Sonne und wie entzündet blieb der Himmel noch lange.
Während wir schauend dort ruhten, gesellte sich ein Fremder, ein Grieche, der anständig gekleidet war und sich durch seine Reden bald als einen Seemann kund gab, zu uns. Der Mann überraschte durch das Verständige seiner Bemerkungen und durch die Poesie, womit er sie gab. Auf einmal aber und ohne jeden Zusammenhang mit dem Vorausgegangenen begann er zu behaupten, und dabei schnell hintereinander mit stierem Blicke dieselben Worte wiederholend, es drohe uns ein Gewitter. Zuerst lachten wir ihn aus; der Himmel über uns war klar, die Luft nicht schwer und die Temperatur eher gekühlt; woher sollte uns diese Störung kommen? Als wir aber merkten, daß der Mann ein Narr sei und dieses seine fixe Idee, stimmten wir ihr bei. Er beruhigte sich, sobald er uns überzeugt sah und seine Höflichkeit kehrte zurück; er empfahl sich nach einer Weile und verschwand in dem Kloster. Später erfuhren wir, daß er einer der zahmen Narren sei, die dort verpflegt werden und denen das Ausgehen gestattet ist. Der Unglückliche sah in einem Sturme an den kyaneeischen Inseln, draußen vor dem Eingange des Bosporus aus dem Schwarzen Meere, sein Schiff scheitern und sein junges Weib mit dem erst einige Monate alten Kinde vor seinen Augen ertrinken. Er selbst klammerte sich an den Mastbaum und fristete so durch anderthalb Tage in tobender See das Leben. Man fand ihn, da man ihn auffischte, körperlich gesund und geistig sogar heiter, so daß zuerst die Erklärung und Entschuldigung dafür fehlte. Erst nach und nach erkannte man, daß dem Armen gleich in den ersten Augenblicken seines Unglücks der Verstand verloren gegangen sein mußte; schon als ein Wahnsinniger scheint er sich durch den bloßen lebenswilligen Instinkt das Dasein gerettet zu haben. Dieser unschädliche Wahnsinn blieb ihm; sein Bestreben geht sogar dahin, mit den kargen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, Gutes zu thun. Wo er einen Armen sieht, da gibt er ihm. Nur ab und zu brechen seine fixen Ideen gewaltsam hervor, die dann immer von Sturm und Gewitter phantasiren. Was uns heute wie mit Grauen erfüllte, war, daß wir kaum getrennt von dem Narren auf halbem Heimwege von einem furchtbaren Orkane überfallen wurden. Zuerst rabenschwarze Wolken, die sich gerade über uns sammelten; ein tosender Wirbelwind, der sich successive in einzelnen Riesentropfen, dann in strömenden Güßen und in zuckenden Blitzen löste. So schnell folgten die Donnerschläge auf die Blitzesstrahlen, daß wir oft nicht drei dazwischen zählen konnten, ein Zeichen, wie nahe uns das Unwetter auf den Fersen saß. Die Frauen mußten von den Eseln absteigen, weil die Thiere zu unsicher wurden und die Kinder mußten getragen werden. Triefend und bis auf die Haut naß kamen wir nach dem Gasthofe zurück. Bei dem Essen, das uns später servirt wurde, gab es nun ein allgemeines Fragen, wer eben der Genarrte gewesen sei? wir, die Ungläubigen, oder unser Prophet? Offenbar hatten seine sensitiver gewordenen Nerven das Gewitter geahnt.
Prinkipo, den 3. Juli.
Die ganze Nacht hindurch dauerte das Gewitter und heute den Vormittag über löst eines das andere ab. Die See wechselt die Färbung mit jeder Minute. Ihrem Grollen und Branden lauschte ich mit Wohlbehagen; zuweilen in den ärgsten Güßen eilte ich auf die Terrasse und von dort die Treppen zu dem Felsenufer hinab. Die übrige Zeit saß ich an dem offenen Fenster, abwechselnd beschäftigt hinaus auf das wogende Schauspiel zu sehen, mit der eigentlichen Absicht aber, in einem Geschichtswerke, das ich mitgenommen habe, die Schicksale dieser Inseln zu lesen. Sie gleichen außerordentlich denen, welche die Klippen im Tyrener Meere gehabt haben. Auch jene liegen im Angesichte des verlorenen Glückes und waren, wie die Prinzen-Inseln, Verbannungsorte für die gestürzte Herrrschergröße: wahre tantalische Felsen, die die Qual der Entbehrung um so unerträglicher machten, als die begehrte Frucht schon einmal gekostet worden war. Unbegreiflich bleibt es, wenn man einmal von diesen Inseln aus Constantinopel gesehen, wie sich die byzantinischen Usurpatoren einbilden konnten, daß ihre Opfer mit diesem Bilde vor Augen sich zur Ruhe geben würden; Eva im Paradiese wurde durch den Apfel nicht mehr versucht. Und so brach denn auch einer nach dem andern der vielen entthronten Fürsten, die hierher verwiesen worden waren, aus seinem lieblichen Gefängnisse wieder hervor, um sich die herrliche Stadt noch einmal zu erobern. Dann kamen sie mit ausgestochenen Augen, mit abgeschnittener Zunge, ohne Nase und Ohren, mit abgehackten Händen wieder zurück, oder sie schickten, wenn sie glücklicher wurden, den, der sie zuerst vertrieben, in solch’ verstümmeltem Zustande hierher, in einem der Klöster seine Usurpation abzubüßen. Keine der Inseln außer Chalki, die selbst diesen Wütherichen zu schön für solche Henkerdienste zu sein schien, blieb von diesem traurigen Amte verschont. Es gab Epochen in der byzantinischen Geschichte, wo ganze Reihen von Kaisern einer um den andern in dieser unnatürlichen Weise den Thron quittirten. Alles Spätere, was die Türken auf diesem Boden an Blutthaten in der Herrscherfamilie begingen, reicht nicht hinauf zu dem, was ihre Vorgänger verbrochen. Das Verbrechen war zur Gewohnheit geworden und hatte seine Scham und seine Schrecken verloren. Keine andere Geschichte ist so mit Mord und Blut gefüllt als die der oströmischen Kaiser, und wenn man bisher die der italienischen Fürsten als unübertrefflich in dieser Beziehung citirte, so war das nur ein Irrthum der Unwissenheit. Hätte Macchiavelli die Chronik des kurz vor seiner Geburt erst verstorbenen byzantinischen Hofes so gekannt, wie sie uns seitdem Gibbon und Lebeau beschrieben haben, das Urbild seines Prinzen wäre gewiß ein noch gräßlicheres als das des Cäsar Borgia geworden.
Eine der kraftvollsten Gestalten, aus dieser Reihe mörderischer Regenten hervorragend durch Macht des Willens und durch Grausamkeit des Herzens, war ein Weib, die Kaiserin Irene. Daß sie von der griechischen Kirche als Heilige verehrt wird, blos weil sie den Bilderdienst unterstützte, könnte den Glauben an alle Kirchensatzungen erschüttern. Dieses furchtbare Weib ließ ihrem Sohne, Constantin VI., beide Augen ausstechen, nur aus dem Grunde, weil er, ihrer Vormundschaft müde, Versuche gemacht hatte, selbst die Leitung des Reiches in die Hand zu nehmen. Der Sohn siechte vergessen und verachtet dahin; die Mutter regierte noch eine Weile weiter, neben dem deutschen Kaiser Karl und Harun al Raschid die größte Erscheinung des Jahrhunderts. Die zeitgenössische Geschichte erzählt sogar von einem Plane, der bestanden, den Osten und den Westen Europa’s wieder zu einem Weltreiche durch die Heirath Irene’s und Karl des Großen zu verbinden. Eben als die deutschen Gesandten in Constantinopel waren, brach eine Palastrevolution aus, welche die Kaiserin Irene ihres Thrones entsetzte. Vielleicht glückte sie gerade darum dem Großschatzmeister Nicephorus, weil an dem Hofe Manche waren, die eine solche Vereinigung mit dem Westen ihren persönlichen Interessen wenig günstig erachteten. Dieser Plan ist mir immer als einer der großartigsten in der Geschichte erschienen, von dessen Bedeutung weitaus nicht genug gesprochen wird. Er zeigt, wie lebendig noch immer in den Leuten der Gedanke von der Zusammengehörigkeit des Westens und des Ostens des römischen Reiches war, wie sehr der Begriff dieses Reiches noch immer den Glauben der Menschheit für sich hatte, und wie Karl der Große, trotz der Salbung durch den Papst, sein Kaiserthum doch wenig begründet und der Ergänzung durch den byzantinischen Kaiserreif bedürftig hielt. Es kann sich eben Keiner von dem Ueberkommenen ganz loslösen, so daß auch unwillkürlich schon von den Vätern über einen Theil der Zukunft ihrer Kinder verfügt wird. Tabula rasa in den Begriffen hatte nicht einmal die Völkerwanderung zu Stande gebracht, und in Amerika, wo zuerst die Einwanderer sie herstellten, ist heute schon wieder Alles durch Burgen und Erinnerungen gebunden.
Daß die Kaiserin Irene im Stande war einen solchen Gedanken zu fassen, und bereit war ihm einen Theil ihrer Unabhängigkeit zu opfern, an die sie doch den Mord des eigenen Kindes gewagt hatte, nöthigt uns einen gewissen Grad von Achtung für dieses sonst so verächtliche Weib ab. Die Größe besticht eben selbst im Gewande des Verbrechens.
Eben hierher nach Prinkipo wurde sie von dem neuen Kaiser in die Verbannung geschickt. Nicephorus I. meinte, sie solle das Kloster bevölkern helfen, das sie hier erbaut. Später verwies er sie von diesem Elba auf ein entlegeneres St. Helena, die Insel Lesbos im ägäischen Meere. Wahrscheinlich war ein Landungsversuch nach der früheren Herrschaft die Veranlassung zu dieser Strafverschärfung. Glücklicher als der Prometheus des 19. Jahrhunderts überlebte sie ihren Sturz nur um ein Jahr; sie hatte sich das tägliche Brod während dessen durch Spinnen verdienen müssen, so wenigstens will es die Sage; 803 starb sie. Das Grab gönnte ihr Nicephorus auf Prinkipo, und ich war heute Vormittags auf der Stelle, die man mit dieser Erinnerung geschmückt hat. Auch diese Geschichte ist schon Fabel, so zerbröckelnd ist alles Byzantinische.
Nachmittags hörte der Regen zwar auf, der Sturm aber tobte fort und jagte graue, drohende Wolken über den Himmel. Am meisten begehrte ich, seitdem wir hier sind, nach einer Umfahrung der Insel. Wir wagen sie mit raschem Entschlusse. Die See ging hoch; die Wellen brandeten weit hinauf an den gelben Uferwänden, sie leckten sich dort in die ausgewaschenen Höhlen hinein, daß die Fluth erst nach einer Weile wie mit Wasserfällen in die See zurückstürzte. Die Bootsleute konnten nur mühsam einen bestimmten Cours und die nothwendige Entfernung von den Felsen behaupten. Außerhalb der Straße, die zwischen Prinkipo und Chalki liegt, wurde der Wogendrang noch ärger; die freie See stürmte mit vollen Breitseiten auf uns ein. Ruhig und unbeängstigt blieb nur der Steuermann; in seinem rothen Prachtkleide, mit Gold gestickt, einen bunten Turban auf dem Haupte, saß er hinten beim Steuer auf einem Teppiche, mit seinem befehlenden Auge gleichmüthig ernst, als sei kein Unterschied zwischen der heutigen Sturm- und der neulichen ruhigen Abendfahrt. Ich fand zuletzt ein außerordentliches Behagen selbst an der Gefahr der Situation. Sie weckte aus der Trägheit, von der sich sonst auch die sogenannten bewegten Augenblicke unseres gewöhnlichen Lebens nicht ganz loswinden; Schläge sind nothwendig, der einen oder der anderen Art, damit die Menschheit vorwärts komme; statt zu erniedrigen heben sie vielmehr das menschliche Gefühl.