V. Die Prinzen-Inseln.

Prinkipo, den 30. Juni.

Es zog mich neuerdings nach den Inseln. Die Fahrt machte ich diesesmal in einem Boote, einem sechsruderigen Kaïk; der Reis steuerte quer durch die zwischenliegende See auf Proti zu und dann Antigone, Pytys und Chalki entlängs direct zur Landungsbrücke des Hôtel Giacomo auf Prinkipo hin. Um 8 Uhr Abends stiegen wir dort aus, nicht mehr als zwei Stunden auf der See. Weich und schwer wie Oel legte sie sich in dicken, runden Wellen unter den Kiel und troff in langen Tropfen von den Rudern; die Luft war warm und doch frisch, lau und lind, wie sie die Dichter von diesen Küsten rühmen. Schiffe überall und Farben, dunkelroth an den nahen, violett an den fernen Inseln, so Oxia und Plati. Die Berge des Festlandes aber lagen in weichen blauen Schatten, die sie gerundeter erscheinen ließen, als ihre Körper es an und für sich schon sind; der Boden, die Luft und die Sonne dulden hier nichts Scharfes, Eckiges, Alles soll ausgeglichen, versöhnt sein, nichts verletzen. Der Blick fällt nicht, er gleitet die Berge herab, und auf halber Höhe, wo sie sich wie zu einem Schooße abstufen, sind hell schimmernde Ortschaften geborgen, die Ueberbleibsel kriegerischer Zeiten, als der Bauer sich vor den landenden Arabern von dem Ufer die Berge hinauf flüchten mußte. Für das Auge sind es Länder des Friedens, des Segens; man genießt, ohne zu arbeiten. Solch’ ein müheloser Genuß war diese ganze Kahnfahrt, belebender, erfrischender und poesievoller, als ich jemals eine gemacht. Man empfindet den Orient und saugt die Luft des Seelenfriedens ein, daß man sich zuletzt ein eingeborenes Kind dieses Landes glaubt.

Prinkipo, den 1. Juli.

Schon um fünf Uhr Morgens frühstücken wir im Freien auf der Terrasse vor dem Gasthofe, eine Platane über uns, die See goldig im frischen Frühkleide des Morgens vor uns. Alles noch klar, daß wir Fener-Bagdsche, die Leuchtthürme, die Minarete und die Kuppeln der kaiserlichen Stadt erkennen, gesammelt und gehäuft wie die Blüthen in einem großen Blumenkorbe. Zur Rechten sind die Berge des Festlandes in reinen Linien vom blauen Himmel abgehoben, unmittelbar vor uns Chalki, dessen Felsen und Cypressen noch näher erscheinen als sie wirklich sind. Zwischen dem Sattel, den seine Berge bilden, und links durch die Straße, welche die beiden Inseln, die unsere und Chalki, trennt, schaut das freie Meer mit Farben, frisch und geröthet wie die Wangen eines Kindes, das eben erwacht ist, herein. Prinkipo ist mir die liebste dieser Inseln, weil sie diesen Aussichtspunkt hat, und dieser Punkt mir auf Prinkipo der liebste, weil er nahe dem Anspülen des Wassers, dem ich so gerne lausche, zugleich die anderen Inseln, Asien und Europa, die weite See und das geliebte Constantinopel sehen läßt. Europa, das alte, gewohnte, erscheint nur noch wie eine entfernte Erinnerung, die man liebt und hätschelt, weil das Herz eigentlich ohne Sorge doch nicht sein kann, und das Uebelste, wenn es gewesen ist, uns den Stolz läßt, es überstanden zu haben. So hilft auch hier die Eitelkeit zu guten Zwecken. Gegenwart, wie sie uns im gewöhnlichen Leben wird, unangenehme und von kleinen Nadelstichen zerrissene, haben diese Inseln keine, wenigstens für mich nicht. Man lebt wie auf einem Schiffe, das sich ruhig auf hoher See vor Anker gelegt hat und dem nichts Irdisches beikommen kann. Es ist ein Paradies, in das von der Erde nur die Sehnsucht mit eingewandert ist.

Wie verabredet rudern wir um 7 Uhr nach Chalki hinüber. Durch den Ort und dann rechts um den Berg stiegen wir nach dem Kloster St. Nikolaus hinauf. Pinien wölben ihre Schatten über uns; Pytys und Antigone, zwei andere Inseln, scheinen hart unter unseren Füßen zu liegen. Links hinab thut sich eine reizende kleine Bucht auf, einsam, still und friedlich wie ein Hafen, an dem Odysseus gestrandet, und sich aus bekannter in eine fremde zauberische Welt versetzt fand. Ich selbst glaubte mich so, da ich dort hinabstieg. Oliven und Pinien, aus den Mastixsträuchern emporstrebend, decken die Hänge der Thalschlucht; unten liegt weit hinein bunter Kiesel auf dem flachen Ufer. Ein paar Fischerhütten künden dort das einzige Menschenleben, und zwei vereinzelte Pinien, so nahe dem Meere, daß ihre Schatten die Brandung kühlen, stehen wie Zeugen da, als stelle auch die Natur nach durchdachten Schönheitsgesetzen ihre Werke auf. Wie um den Frieden vor einem plötzlichen Ueberfalle zu schützen, streckt sich das Land mit zwei felsigen Armen weit in das Meer hinaus. Mich hielt’s in diesem Thale unwiderstehlich fest, länger als an irgend einem anderen Orte. Geschieden und losgelöst von der übrigen Welt lagerten wir den ganzen Tag unter einer Pinie, uns, einer mit dem andern abwechselnd, Schopenhauer’s Farbenlehre vorlesend. Es ist sonderbar, daß man was er und Göthe lehren so wenig glaublich findet. Nicht die Dinge sollen die Farben haben, sondern erst dadurch, daß sie gesehen werden, sollen sie ihnen kommen. Und ist es denn überhaupt mit irgend einer Sache in der Welt anders bestellt? Jedes Object wird erst durch sein Subject, und das Urtheil wieder wechselt mit jedem Standpunkte und jeder Minute. Das Subjective ist das allein Entscheidende in der Welt.

Auf dem Rückwege, den wir erst Abends nahmen, hatten wir immer die See zur Rechten unter den Felsen, auf denen wir weiter stiegen. Das Wasser tief blau, die Felsen braunroth und die Cypressen dunkelgrün, die auf dieser Seite der Insel in langen, himmelhohen Reihen stehen, mahnten mich an Bilder, die ich von Poussin gesehen.

In später Nacht und da es stockfinster war, ging ich noch auf Prinkipo spazieren. Eine Melodie, die eine einfache Harmonika spielte, grub sich mir unauslöschlich in’s Gedächtniß ein und wird mir immer den Tag und seine Glückseligkeit wieder lebendig machen. Es ist überhaupt wunderbar, wie unvergeßlich uns Töne werden, die wir in einem bedeutungsvollen Augenblicke gehört haben und wie ein Laut davon angeschlagen uns die ganze Erinnerung aufweckt.