VII. Athen. Rückfahrt und Rückblicke.

Mittwoch, den 3. August, Abends 9 Uhr,
an Bord des Dampfers „Sinai“ im Hafen des goldenen Hornes.

Das Verhängniß selbst scheint mich hier festhalten zu wollen, ein Verbündeter meines der Abreise so sehr abgeneigten Willens. Seit 5 Uhr bin ich an Bord des Schiffes, das der Gesellschaft der Messageries Impériales gehört. Ich sah die Sonne untergehen und nahm in meinem Wahne den letzten Abschied von dem Zauberbilde der drei Städte Constantinopels. Noch einmal glänzte die gläserne Fronte der Caserne Selims in Skutari, wie ich sie so oft gesehen, wenn ich von einem Ritte heimkehrend oben in Pera an meinem Fenster stand und dem Sonnenuntergange zusah. Die Pinien der Seraispitze warfen wie in jener Zaubernacht, da ich geistig betrunken hinaus in das Marmorameer ruderte, schwarze Schatten von dem Vorgebirge Stambuls herab auf den vorüberfluthenden Bosporus, und auf den Höhen von Pera flammten die Cypressen der Friedhöfe in einem rothen verklärenden Feuerscheine. Es war ein wunderbares Abschiedsfest, das meine Phantasien feierten, leuchtender als alle Beleuchtungen des Beiram.

Wir warteten die Post des französischen Botschafters ab. Als sie endlich gekommen war und der große Dampfer rückwärts der Spitze von Asien zu dampfte, um die Wendung zur Ausfahrt außerhalb des Schiffsgedränges zu machen, brach das Steuer; die Anker, die uns nun wieder festhalten sollten, erwiesen sich einer um den andern in ihren Ketten zerrissen. Willenlos trieb der Koloß eine Weile auf den Wellen, von der Strömung auf der Breitseite erfaßt und so in die Quere gestellt, in das Marmorameer hinaus. Dort fuhr er ein Segelboot nieder, das offenbar den Grund unserer sonderbaren Bewegungen nicht errathend, sich auf die größere Manövrirbarkeit des Dampfschiffes verlassen und den Cours nicht rechtzeitig aus unserem unberechenbaren Wege genommen hatte. Die Mannschaft rettete sich an unseren Bord, das Schiff sahen wir umgestürzt in der Nacht verschwinden. Ein Remorqueur, welcher kam uns zurückzuschleppen, erwies sich als zu schwach; aber wenigstens half er durch neue Ankerketten und auch durch Schmiede, die er brachte und die nun mit großem Lärm an der Arbeit sind. Das ist die französische Seetüchtigkeit, die schon im Hafen Schiffbruch leidet. Was morgen mit uns geschehen wird, darüber weigert man die Antwort; als das Wahrscheinlichste höre ich die Umladung auf ein anderes Schiff besprechen.

Donnerstag, den 4. August, an Bord des Dampfers „Sinai“.

Dazu kam es nicht; die ganze Nacht über arbeiteten sie an dem Steuer mit solchem Lärm, daß Niemand schlafen konnte. Morgens ist es wieder hergestellt und schon um 6 Uhr höre ich, daß wir auf dem Schiffe die Reise fortsetzen werden. Um 7 Uhr ist Alles fertig, aber erst um 8 Uhr setzen wir uns in Bewegung. Fortwährend haftet mein Auge an den Thürmen der geliebten Stadt; der Abschied wird mir schwerer als irgend einer. Als ich vom Frühstück auf das Deck hinauf komme, ist sie verschwunden. Wir sind um halb 11 Uhr auf der Höhe von Bujuk-Tschekmedje. Um 11 Uhr thut sich rechts in dem europäischen Festlande der Busen von Silivri auf, und links sehe ich die schön und mäßig gezogenen Formen der Insel Kalolimni, dahinter den Busen von Mudania und hinter uns die letzten Mahnungen an Constantinopel, die Prinzen-Inseln. Vor uns allein freie, weite See. Ich schaue nach Asien; die Bergformen sind dem Herzen bekannt, denn Brussa lebt in seiner Erinnerung. Daß damals heute wäre!

Die europäischen Ufer sind flach und kahl; sandiges Gelb deckt sie, dem nur ab und zu ein vorüberziehender Wolkenschatten Wechsel der Farbe und scheinbar auch der Gestalt gibt. Um 2 Uhr sind wir auf der Höhe der Halbinsel Cyzikus. Ueberraschend hoch und wild erhebt sich ihr gewaltiger Kapu Dag, der Berg Artace der Alten.

Um 3 Uhr passiren wir die Insel Marmora, die lange wie hindernd vor uns gelegen. Mächtige Felsmassen, leicht röthlich gefärbt wo der Stein vortritt; Bäume fehlen gänzlich, selbst das Zwerggestrüpp ist selten; Spuren von Menschenleben sehe ich nirgends. Links von der Insel Marmora und zwischen ihr und Cyzikus gelegen erscheinen kleiner und niedriger die Inseln Rabby und Liman Pache; rechts von der Marmora tritt später ganz nahe an uns der zerklüftete Felsen Adaces heran, und zwischen ihm und Marmora, aber weiter zurückgeschoben, mit langgezogenen Linien das Eiland Katali. Eingefaßt hält dieses zerstreute Inselvolk die in wundervoll ebenen Contouren abfallenden Berge der asiatischen Küste. In einem weiten Bogen zieht sie sich hier in das Festland zurück.

Immer noch streben meine Blicke rückwärts, als könnten sie wenigstens für einen Augenblick wieder das verlorene Constantinopel zurückbringen. So muß dem Liebenden und so dem Verbannten zu Muthe sein, den das Schicksal fort von dem Heimathsorte seines Glückes stößt. Trost wäre es mir gewesen, die Stadt nicht blos scheinbar, sondern wirklich und für ewig in den Wellen untergehen zu sehen, damit Keiner genieße, was ich entbehren muß.