Um 4 Uhr sind wir auf der Höhe des Cap Karabua; seit 2 Uhr der asiatischen Küste näher als der europäischen, an die sich zuerst das Schiff gehalten. Jetzt aber tritt auch diese wieder zu uns heran und plötzlich mit mächtigen hohen Gebirgsmassen, darunter Kuru Dag, der Mons Sacer der Alten, und später wie sich diese Umtaufe bei geheiligten Bergen gleichlautend so oft vollzog, der des heiligen Elias. Sollte die ursprüngliche Bezeichnung nicht mit dem Grabmale der Helle zusammenhängen, das ja, wie Herodot (7. Buch 58. Cap.) erzählt, hier errichtet worden war? Wo der Gebirgszug die See berührt, sind auch die oberen Linien wie zerhackt und steile Wände, vielfältig eingeschnitten, fallen ab, als habe sie die eben durchgebrochene Fluth ausgewaschen.

Um 5 Uhr begegnete uns der Schnelldampfer des Lloyd. Ich glaubte den „Neptun“ zu erkennen.

Die Sonne sinkt aus einem wolkenlosen Himmel hinter die Landenge des thrakischen Chersoneß in ein anderes Meer, den saronischen Busen. Ihr Licht und ihre Farben läßt sie uns noch lange.

Um 8 Uhr fahren wir beim Leuchtthurme von Gallipoli vorüber. Ihm gegenüber, auf asiatischer Küste, leuchtet ein anderes schützendes und warnendes Feuer, und eine Stunde später, in der Straße der Dardanellen, ein vernichtendes, das weithin Meer und Land erhellt; ein Wald brennt in Asien, und Hügel und Thäler wogen in Flammen. Wie zur Abschiedsfeier mir eigens angezündet erscheint dieser Brand. So muß Rom ausgesehen haben, das Nero in Flammen setzte, und so Moskau, als die Russen die Brandfackel ihrer Freiheit hineingeworfen hatten.

Um 10 Uhr ankern wir bei den Dardanellenschlössern und um 11 Uhr fahren wir weiter.

Freitag, den 5. August, an Bord des „Sinai“.

Morgens 8 Uhr. Uns zur Linken liegt Chios, vor uns Ipsara, und weit hinter uns, mehr zu ahnen als noch zu sehen, Mytilene, eine langgestreckte niedere Linie. Aber Chios steigt hoch auf zu zackigen Massen, Ipsara mehr klotzig in eine nur stumpf zulaufende Spitze. Der Cours des Schiffes ist auf den Paß zwischen Andros und Euböa gerichtet; der Himmel ist wolkenlos, die See tiefblau aber nicht ohne Bewegung; die gestrige Ruhe fehlt ihr. Mir sind Luftstimmungen mächtige Wecker der Erinnerung. Ein schöner duftquellender Frühlingstag ruft mir Eindrücke meiner Studienzeit zurück, die eben dadurch ausgezeichnet war; und ein kalter schneegedeckter Wintertag, an dem aber die Sonne scheint, solche, die zu den traurigsten meines Lebens gehören. Vielleicht wirkt diese selbe Macht der Wiederanklänge auch noch in Perioden, die länger als unser Leben dauern, und besonders empfängliche Gemüther werden dann von einem Tone der Erinnerung berührt, der ihnen — ohne daß sie die Ursache bemerken — Bilder, Eindrücke, Stimmungen weckt, die verwandt sind mit Ereignissen einer weit hinter ihnen liegenden Vergangenheit. So erkläre ich mir, daß mir manche historische Momente, die mir sonst unbegreifliche gewesen waren, an dem Orte ihrer Geburt ganz greifbar gegenständlich geworden sind, und daß ich heute fühle, als sei ich mit demselben jugendkräftigen Windzuge in Gesellschaft der Homeriden schon einmal über dieses bewegte Meer unter dem wolkenlos reinen tiefblauen Himmel einhergefahren.

Um 2 Uhr passiren wir Capo d’oro und treten in den Canal, den Euböa mit Andros bildet; rechts und links die Küsten wüst und steinig, ohne Spur, daß die Natur oder Menschen dort schaffen. Euböa lag schon seit 11 Uhr mit ungeheuren Bergen vor uns, die obersten Gipfel hoch, scheinbar wie die Alpen, zerklüftet und eingesägt. Der höchste gegen Nordost ist wohl der Delphi-Berg. Der Nordwind hat die See höher erregt; die Wellen treffen die rechte Seite des Schiffes und machen es gewaltig rollen; allmälig steigen sie bis zum Verdecke hinauf, und jetzt kehrt eine um die andere es ab. Zu dem Dampfe haben wir auch noch alle Segel vorgespannt und so geht die Fahrt ungewöhnlich rasch.

Vor 3 Uhr umfahren wir die Insel Inglese (Myrtos der Alten); ein ganz nackt gewaschener Felsen, der sich in zwei Spitzen hebt. Hinter ihm steigt die Küste Euböa’s zum hohen Gipfel des Elias-Berges auf. Der Hafen Karysto öffnet sich im schönen, leicht geschwungenen Bogen, geschlossen durch das Cap Karysto. In weiter, unbestimmter Ferne liegt Isola Macronisi und dahinter hoch und mächtig attisches Festland. Links hinüber im weiten Halbkreise scheint Alles vor uns geschlossen. Zea wohl unter dem Inselvolke.